kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Carmen Mörsch

Kunstvermittlung in der kulturellen Bildung: Akteure, Geschichte, Potentiale und Konfliktlinien

Freie Kunstschulen

Mit dem Ausrufen der "Deutschen Bildungskatastrophe" [5] in den 1960er-Jahren kam das Feld der Kunstvermittlung wieder stärker in Bewegung. Lehrerinnen und Lehrer , die mit dem Kunstunterricht an den Regelschulen unzufrieden waren, gründeten in dieser Zeit die ersten freien Kunstschulen und knüpften an die Ansätze der Reformpädagogik an. Interdisziplinarität, Selbsttätigkeit und projektbezogenes Arbeiten prägten das Vorgehen an diesen anfangs fast ausschließlich ehrenamtlich betriebenen Einrichtungen. Die freien Kunstschulen boomten in den 1980er-Jahren und nach der Wiedervereinigung auch in den neuen Bundesländern. Sie wurden und werden zumindest teilweise finanziell durch die Kommunen gefördert. Gegenwärtig kämpfen sie mit dem demografischen und auf die Freizeitgestaltung bezogenen gesellschaftlichen Wandel. Im Rahmen von Modellprojekten zu ihrer Weiterentwicklung erprobten die Freien Kunstschulen in den letzten Jahren unter anderem die Relevanz der Gegenwartskünste für ihre Arbeit [6] oder die Potentiale und Herausforderungen der Migrationsgesellschaft [7]. Da ihre wirtschaftliche Existenz von wechselnden politischen Konjunkturen stärker abhängig ist als die der Regelschulen, bewegen sie sich besonders stark zwischen dem Bestehen auf künstlerischer Bildung als Eigenwert einerseits und dem Vorbringen der verschiedenen außerfachlichen Legitimationsstrategien andererseits. Das Bilden mit Kunst wird hier einmal mehr mit dem Versprechen verbunden, neben den fachbezogenen Gestaltungskompetenzen, der Lust am Umgang mit Farbe und Form und der Steigerung der visuellen Lesefähigkeit auch für einen zunehmend flexibilisierten Arbeitsmarkt und für den Umgang mit daraus resultierenden sozialen Spannungen notwendiges Wissen und Können zu vermitteln: Selbstbewusstsein und Artikulationsfähigkeit, die Fähigkeit zum verknüpfenden Denken, zum selbstgesteuerten Handeln und zum Problemlösen. Künstlerinnen und Kulturarbeiter in der kulturellen Bildung befinden sich daher in dem Dilemma, mit ihrer Tätigkeit einerseits viel Positives zu bewirken, andererseits Erfüllungsgehilfinnen des Neoliberalismus zu sein. Dabei arbeiten sie meist selbst unter mehr als prekären Bedingungen und bilden so ironischerweise perfekte Rollenmodelle für die selbstmotivierte und selbstgesteuerte "Ich-AG".

Richtungsstreit an den Regelschulen

An den Regelschulen entsteht seit den 1970er-Jahren ein kunstpädagogischer Richtungsstreit: Die von Gunther Otto vorgeschlagene Ästhetische Rationalität versucht die Lerninhalte, - verläufe und – ergebnisse des Kunstunterrichtes klar zu definieren und zu strukturieren, nicht zuletzt um die Kunstpädagogik den so genannten Kernfächern in ihrer Bedeutung gleichzustellen. Demgegenüber betont Gert Selle die Wichtigkeit der ästhetischen Erfahrung und der Deutungsoffenheit von Kunstwerken für den Unterricht. Eine dritte Strömung ist die Visuelle Kommunikation. Beeinflusst von der marxistischen Kulturkritik der Frankfurter Schule, grenzt sie sich von dem bürgerlichen Kunstbegriff der anderen Ansätze ab. Sie legt den Schwerpunkt auf eine herrschaftskritische Analyse visueller Kultur, die nur am Rande die Hochkunst, viel mehr aber Medienbilder und Alltagskultur anvisiert. Ein späteres, einflussreiches Konzept ist die von Helga Kämpf Jansen in den 1990er-Jahren entwickelte "Ästhetische Forschung". Sie betont den explorativen und interdisziplinären Charakter künstlerischen Arbeitens in der Postmoderne und dessen Relevanz für Bildungsprozesse. Mit der Verknüpfung der Felder "Alltag", "Kunst" und "Wissenschaft" bietet ihr Ansatz die Möglichkeit der Integration der verschiedenen kunstpädagogischen Zielsetzungen: Den Erwerb von Gestaltungskompetenzen, die erfahrungsbasierte, explorierende Auseinandersetzung mit Kunst und Gegenwartskunst sowie die Entwicklung einer kritisch informierten Lesefähigkeit in Bezug auf Bilder.

In der Folge entstehen zahlreiche Entwürfe, die sich an Verfahren aus der Gegenwartskunst orientieren und Kunstunterricht "von Kunst aus" (Eva Sturm, Karl Joseph Pazzini), im Zeichen der Performativität (Maria Peters), der Kartographie (Christine Heil) oder der Interventionskunst (Pierangelo Maset) denken. Dabei konkurrieren die genannten Lernziele auch im Kunstunterricht des 21. Jahrhunderts - nicht zuletzt angesichts der schwindenden Menge der zur Verfügung stehenden Zeit auf der Stundentafel.

Fußnoten

5.
Picht, Georg: Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Freiburg i. Br. 1964
6.
Modellprojekt Schnittstelle Kunst – Vermittlung, Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen, 2005 - 2006
7.
Modellprojekt "Der Kunstcode", Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen, 2005 - 2008
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