kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Dagmar Richter

Politische Bildung durch ästhetische Bildung?

Zur Auswahl von Kunstwerken für politische Bildungsprozesse

Im Rahmen politischer Bildung sollten Kunstwerke themenbezogen ausgewählt werden. Für alle Teilnehmenden von Bildungsveranstaltungen bzw. für alle Schulstufen und alle Themen lassen sich Kunstwerke finden, deren kulturelle, soziale und politische Bedeutungen politische Themen im obigen Sinne bereichern können:

Zum einen sind zeitgenössische Kunstwerke interessant, wenn sie auf aktuelle Ereignisse und Erscheinungen reagieren und/oder durch den Ort ihrer Präsentation in ein politisches Umfeld eingeordnet werden, wie z.B. die Kunst im Deutschen Bundestag. Politische Themen tauchen in der Kunst immer wieder als Kritik am Politischen auf, als Hinweise auf Gefahren und Risiken (von Beyme 1998, S. 173). In der Kunst finden sich meist keine direkten politischen Aussagen. Allerdings gibt es Ausnahmen in der sog. Auftragskunst, wie z.B. in sozialistischen Staaten, und es gibt Phasen mit konkretem Widerstand gegen gesellschaftliche Vorgänge (z.B. in der Aktionskunst und in Happenings des 20.Jhds.).

Zum anderen können Kunstwerke themenorientiert in den Unterricht im Sinne von Quellenmaterial eingebunden werden. Die politische Geschichte vieler Staaten ist bildlich tradiert. Zahlreiche Fotografien gehören zum kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft (Paul 2008 u. 2009). Zunehmend gibt es in den Medien auch Bilder, die "um die Welt gehen", wie z.B. die Fotografien vom G8-Gipfel von Genua.

Ein weiterer Bezugspunkt für politisch-ästhetische Bildungsprozesse kann die Alltagsästhetik bzw. die Ästhetisierung des Alltags sein. Hierzu gehören Inszenierungen von Global Players, wie z.B. die provozierende Foto-Werbung von Benetton in den 1990er Jahren oder Lifestyle-Entwürfe von Starbucks, die auf die Selbstgestaltung ihrer Konsumenten zielen. Die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz verschwimmen hier sichtbar. Der Beitrag der Bildungsprozesse zielt dann ebenfalls auf Bereiche der Persönlichkeit der Teilnehmenden bzw. Schüler/-innen, insbesondere auf ihre Selbstkonzepte. Eine positive Überzeugung von der eigenen Selbstwirksamkeit ist für Handlungsdispositionen wichtig, also für das politische oder ästhetische Handeln.

Kunst kann einen Zugang zum Politischen eröffnen, insbesondere wenn interessierte Lehrende die politisch-ästhetischen Bildungsprozesse anleiten. Garantiert ist die Wirkung nicht, aber das gilt für viele Bildungsprozesse.

Literatur/Quellen

AdB (Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten) (Hrsg.) : Außerschulische Bildung. Materialien zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung: Ästhetische und künstlerische Dimensionen politischer Bildung. Heft 3 2009.

Beyme, Klaus von: Die Kunst der Macht und die Gegenmacht der Kunst. Studien zum Spannungsverhältnis von Kunst und Politik, Frankfurt am Main 1998.

Dorment, Richard: Ai Weiwei, Sunflower Seeds, Tate Modern, Review. In The Telegraph, Ausgabe 11.Okt.2010.

Paul, Gerhard (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. Band I und II, Bonn 2008 u. 2009.

Richter, Dagmar: Kunstwerk. In: Anja Besand & Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch Medien in der politischen Bildung, Bonn 2010, S. 274-282.

Seel, Martin: Zur ästhetischen Praxis der Kunst. In: Welsch, Wolfgang (Hrsg.): Die Aktualität des Ästhetischen, München 1993, S. 398-416.

Vortrag der Künstlerin Taryn Simon (2009), http://www.ted.com/talks/taryn_simon_photographs_secret_
sites.html

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