kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG)

Politiken des Raumes - Strategien und künstlerisches Handeln

Hannah Arendts Konzept des politischen Handelns [2], also eigenverantwortlicher, auf die Gesellschaft gerichteter Aktivitäten, könnte im Kultur- und Kunstbereich eine tragende Rolle spielen, indem dieses Handeln in andere gesellschaftliche Bereiche hineinwirkt und zu ihrer Entwicklung beiträgt. Versteht man den Begriff einer integrierten Kunstpraxis als Möglichkeitsform des interdisziplinären Zusammenwirkens unterschiedlicher Kulturen, kann daraus auch ein neues Politikverständnis entstehen. Dabei geht es darum, Wechselwirkungen und Abhängigkeiten in der Gesellschaft, die zu einer zunehmenden Abgrenzung führen, als Integrationschance zu sehen. Dafür ist eine Lösung von existierenden Begriffsdefinitionen notwendig, um sie in einem vernetzten und integrierten Sinn neu zu konstruieren.

Um einen oberflächlichen Begriff, wie "angewandte Gesellschaftskunst" zu vermeiden, prägte RG den Begriff (Re)Sozialisierung der Kunst. [3] Dieses Konzept schließt die gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen Kunst und Gesellschaft ein. Re-Sozialisierung steht auch für die Forderung nach Freiräumen jenseits politischer Instrumentalisierung und etablierter Strukturen und Institutionen.

Mit dem Übergang von einem materiellen Kunstbegriff hin zu einem prozessorientierten Ansatz eröffnet sich die Möglichkeit für direkte Wirkungen der Kunst ins alltägliche Leben, verbunden mit der Chance, soziale Defizite zu vermindern. Integrierende Formen der Kooperation und Partizipation können die Formulierung von kulturellen und sozialen Werten unterstützen und bewusst machen, oder wie der in Großbritannien ansässige Forscher und Autor François Matarasso sagt: ... raise questions, imagine alternatives, communicate experiences and share ideas. [4]

Playing with realities

Umbenennung von Straßenschildern, © REINIGUNGSGESELLSCHAFTUmbenennung von Straßenschildern, © REINIGUNGSGESELLSCHAFT
In unseren Umbenennungsprojekten [5] vergeben wir vorübergehend neue Straßennamen, um gesellschaftliche Übergangsprozesse zu veranschaulichen. Jacques Ranciere spricht davon, das Territorium des Gemeinsamen neu zu gestalten. [6] Aus diesem Grund ist es wichtig, die politischen Möglichkeiten des Raumes zu analysieren und zu bestimmen. Wenn die etablierten Zweckbestimmungen z.B. des urbanen Raumes in Frage gestellt werden, kann sich ein kritisches Potenzial entfalten.

Ein neuer Name verändert die Perspektive und spielt mit verschiedenen und mehrdeutigen Wirklichkeiten, so werden Widersprüche sichtbar. RG versucht, einen neuen utopischen Raum jenseits von vorbestimmten Definitionen zu schaffen. Durch eine Wahrnehmungsverschiebung, hervorgerufen durch eine öffentliche Intervention oder Aktion kann ein öffentlicher Dialog entstehen, der verschiedene Personengruppen erreicht.

Ausgangspunkt des Projektes ist die Tatsache, dass Straßennamen eine bestimmte Lesart, wie Geschichte oder Realität interpretiert werden, zum Ausdruck gebracht haben. Das wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Umbenennungen in Zeiten politischen Wandels vorgenommen wurden.

Die Straßenumbenennungen der RG sind flexible Interventionen, die bestimmte soziale Lebenswelten analysieren, lokale Aktivisten vernetzen und das Bewusstsein für Gegenwarts- und Zukunftsfragen anregen. Das Konzept beschäftigt sich mit der Erforschung von Schnittstellen und Übergängen zwischen physischen und sozialpsychologischen Abläufen. Wir interessieren uns für individuelle und gruppendynamische, kulturell geprägte Beziehungen zwischen Personen und ihrem Umfeld.

Das Ziel der Aktivitäten ist die Schaffung einer neuen Aufmerksamkeit für lokale Identitäten, die Anregung eines öffentlichen Dialogs, die Ausbildung eines Bewusstseins für Funktionen des öffentlichen Raumes, die Erforschung der Beziehungen zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Interessen und die Entwicklung einer künstlerischen Praxis, welche gleichzeitig Forschung und Interaktion ist.

Die Aufgabe als Künstler ist es, Prozesse zu initiieren, zu moderieren und abzubilden. Frederic Jameson spricht von der Entwicklung einer Ästhetik, Theorie und Politik der kognitiven Kartographie. [7] Sie impliziert, dass Künstler und Theoretiker Orientierungen im globalen gesellschaftlichen Raum vermitteln.

Diese Methode bewegt sich zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse und ästhetischer Umsetzung mit dem Ziel, kritisches Nachdenken über strukturelle Veränderungen anzuregen. Kernthemen sind Migration und Stadtentwicklung, Umweltbewusstsein, Sicherheit und die Rolle von Kunst in der Gesellschaft. Es geht um die Stärkung der öffentlichen Aufmerksamkeit für sozialpolitische Themen, die Vernetzung der Teilnehmer und Institutionen und die Rolle der Stadt als Ort für sozialen Dialog.

Fußnoten

2.
Arendt, Hannah, The Human Condition, Chicago: University of Chicago Press, 1998.
3.
Reinigungsgesellschaft, "The (Re)Socialisation of Art", available at www.reinigungsgesellschaft.de/projekte/_2009/resoc/theses%20and%20questions_en.pdf, accessed 20 August 2011.
4.
Matarasso, François, "Re-thinking Cultural Policy", background paper to the conference Culture and the Policies of Change, Brussels, 6-7 September 2010.
5.
für weitere Informationen, siehe www.reinigungsgesellschaft.de/projekte/_2005/westend_de.htm, abgerufen am 20. August 2011.
6.
Rancière, Jacques, Das Unbehagen in der Ästhetik, Wien: Passagen Verlag, 2008, S. 32.
7.
Jameson, Fredric, Postmodernism & Cultural Theories, Shaanxi: Shaanxi Normal University Press, 1987.
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