kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG)

Politiken des Raumes - Strategien und künstlerisches Handeln

Grasen für die Freiheit

Gesellschaftliche Teilhabe, vor allem in den westlichen Post-Industriegesellschaften, findet vordergründig durch Konsum statt. Der beispielsweise an sinkenden Wahlbeteiligungen zu beobachtende Vertrauensverlust in gesellschaftliche und politische Institutionen führt in der Verbrauchergesellschaft zu einer Glaubwürdigkeitskrise demokratischer Prozesse und zur Entstehung von Parallelwelten. Vorkodierte Wertsysteme, wie z.B. die wachsende Gefährdung des öffentlichen Raumes durch private oder kommerzielle Interessen, bestimmen weiterhin das soziale, politische, mediale und ökonomische Geschehen. In einer entsolidarisierten Gesellschaft, welche sich der Grenzen der ökonomischen Verwertbarkeit ihrer Ressourcen bewusst wird, bieten sich für Künstler und Kulturschaffende Handlungsfelder, in denen sie sich mit Ausgeschlossenen solidarisieren und ein kritisches Bewusstsein vermitteln können.

Kuhdemonstration, © REINIGUNGSGESELLSCHAFTKuhdemonstration, © REINIGUNGSGESELLSCHAFT
Eine diskursive kulturelle Praxis kann dazu beitragen, gesellschaftliche Wertvorstellungen neu zu denken und weiterzuentwickeln. Dabei ist es wichtig, ästhetische Grundsätze mit ethischen, sozialen und ökologischen zu synchronisieren. Eine emanzipatorische Aufgabe liegt darin, bestehende Macht- und Institutionsstrukturen zu hinterfragen. Durch Partizipation und Vernetzung unterschiedlicher Akteure entsteht Identifikation.
Gemeinsam mit Stadt- und Umweltaktivisten organisierte REINIGUNGSGESELLSCHAFT im Jahr 2009 eine Kuhdemonstration [8] in Zagreb/Kroatien. Die künstlerische Intervention lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die gefährdeten Uferwiesen des Flusses Sava, ein unerschlossenes Territorium innerhalb der Stadt. Die Ausgangsfrage war, ob sich dieses grüne Gebiet als öffentlicher oder kommerziell erschlossener Ort weiter entwickeln wird. Die Kuhdemonstration war eine friedliche Demonstration am Flussufer, bei der eine Kuhherde speziell angefertigte Kuhdecken mit Losungen trug. In Zusammenarbeit mit der lokalen Umweltschutzorganisation "Green Action", wurden gemeinsame Protestslogans entwickelt. Die Kuhherde graste gegen die Interessen von Privatinvestoren und für die einzigartige Möglichkeit, die unbebauten Flussufer für die Zukunft als Grünfläche zu erhalten. Die Aktion wurde von den Medien, u.a. dem Fernsehen aufgegriffen um die Gefährdung des öffentlichen Raumes zum Thema zu machen.

Ein kognitiver Kunstbegriff

Kunst ist weder ein Feigenblatt der Gesellschaft, noch eine Beilage, wie z.B. Ketchup zu Pommes. Vielmehr betrachten wir Kunst als ein Feld mit einer genauen Funktion, die auch kognitiv ist, also der Erkenntnis dient und ein Element des Lernens enthält. In diesem Sinne spielt Kunst eine tragende Rolle, wenn es darum geht, den Herausforderungen der zeitgenössischen Gesellschaft zu begegnen. Wir sehen Verbindungslinien in die Bereiche Bildung, Sport, Umwelt und sozialer Dialog. Eine integrierte Kunstpraxis kann auch dazu beitragen, den Bereich Bildung zu transformieren und neue Wege des Lernens im Dialog mit anderen Disziplinen zu beschreiten. Der Schwerpunkt liegt auf prozessorientierten, dialogischen Formen, die Teilhabe und die Ausbildung sozialer Werte ermöglichen.

Im Bereich Kunst kann man deshalb von einem kognitiven Kunstbegriff sprechen, der empirische Methoden anwendet und Untersuchungsfelder mit dem Ziel der Erkenntnisgewinnung vereint. Soziologen sprechen beispielsweise von einer Kunst, welche die künstlerische Sozial- und Bewusstseinsforschung antreibt. Der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg betont den anregenden Wert ihres kritischen Potenzials:

"Was soziologische Künstler liefern, ist eine kühle, sozusagen entideologisierte Ideologiekritik, ein Durchschauen der Verdeckungsformeln und Machtinteressen durch das bloße Zeigen, eine Dekodierung von Selbstverständlichkeiten, deren Hintergründe wir zumeist nicht mehr bemerken. Das ist die Aufgabe jeder kritischen Analyse. Und Kunstprojekte wie diese, tragen dazu bei, sie in einen neuen Diskursraum zu übersetzen und als "Wissensressource" fruchtbar zu machen." [9]

Kunst und Kultur können die strukturellen gesellschaftlichen Aufgaben, die stets im globalen Kontext zu betrachten sind, nicht lösen. Sie können aber zu einem öffentlichen Problembewusstsein und durch individuelle und lokale Umsetzungen zu Lösungen beitragen. Durch eine integrative Arbeitsweise werden auch kritische Inhalte kommuniziert. Die Akteure müssen allerdings wachsam bleiben, ihre Unabhängigkeit wahren, um nicht instrumentalisiert zu werden.

Daraus leiten sich Handlungsstrategien ab, die zur Entwicklung neuer Kultur- und Regierungstechniken anwendbar sind. Dabei geht es auch darum, durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zu neuen Formen eines vernetzten Lernens und Wissensproduktion jenseits der definierten Bereiche zu gelangen. Subversion entsteht durch die Anwendungen von Kulturtechniken als Formen neuer Politik.

Fußnoten

8.
für weitere Informationen, siehe www.reinigungsgesellschaft.de/projekte/_2009/urban_de.htm, abgerufen am 20. August 2011.
9.
Rehberg, Karl-Siegbert, "Arbeit und Konsum: Virtualität als Schicksal", 2008, verfügbar auf http://www.reinigungsgesellschaft.de/texte/RG-Konsum.pdf, abgerufen am 20. August 2011.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen