kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Annika Niemann

"Kulturtransfers" – Methoden einer Praxis im Zwischenraum

Gegenstände aus einem Kontext in einen anderen versetzen, sich darüber austauschen, selbst recherchieren, praktisch tätig werden und das "Gemachte" von Ausstellungen erkennen, sind zentrale Punkte im "Kulturtransfers"-Projekt. Dabei werden gewohnte Sichtweisen und bekannte Handlungsmuster verlassen, und neue Zwischenräume entstehen.

Link zum Praxisbeispiel "Kulturtransfers"

Kulturtransfers: Sprache; Barbara P., Heidi Z., 2010; Foto: ifa-Galerie BerlinKulturtransfers: Sprache; Barbara P., Heidi Z., 2010 (© ifa-Galerie Berlin)

Kunstvermittlung beschreibt das Feld der Arbeit mit Dritten im Kontext von Kunst und ihren Institutionen. Ausstellungen werden dabei als ein produktives Experimentierfeld für Bildungsprozesse begriffen, das dem Publikum Räume des Sprechens und Handelns eröffnet. Dabei versteht sie sich vielfach als eine "Fortsetzung von Kunst" [1]: als ein Prozess mit offenem Ausgang, der selbst künstlerische Arbeitsweisen beinhaltet.


Die Frage nach einer Methode (von griech. metá "zwischen, hinter" und hodós "Weg") der Kunstvermittlung richtet die Aufmerksamkeit weniger auf das Was als auf die Art und Weise, wie man etwas tut, um ein Ziel zu erreichen. Dieses Ziel ist in der Kunstvermittlung häufig schwer zu greifen – es entzieht sich, wenn man es anstrebt, es verändert sich unterwegs, versteckt sich hinter der nächsten Ecke, stellt sich einem in den Weg oder überfällt einen hinterrücks. Diese Schwierigkeit des Zugriffs hat zum einen mit dem Gegenstand zu tun, der den Impuls für die Vermittlungssituation liefert: Kunst wird erst durch die aktive, gestaltende Teilhabe der Rezipientinnen und Rezipienten zur Erfahrung, durch ihr Wahrnehmen, Mitdenken und Mithandeln. Was sich dabei zeigt – oder auch nicht zeigt –, ist subjektiv und je nachdem, wer da wahrnimmt/denkt/handelt, unterschiedlich. Zum anderen ist die Kunstvermittlung durch eine zwischenmenschliche Beziehung gekennzeichnet, in der unterschiedliche Begehren und Erwartungen aufeinandertreffen: jene der Besucherinnen und Besucher, jene der Kunstvermittlerin bzw. des Kunstvermittlers und jene der Institution. Gerade in diesem Verhältnis aber, so die Kunstvermittlerin Nora Sternfeld [2], liegt das Risiko (und das Potenzial) eines Kontrollverlusts, der Spalten, Brüche und Zwischenräume für eine Neuverhandlung und -erfindung der Verhältnisse öffnen kann.

Methodensteckbrief

Kurzbeschreibung Vor dem Hintergrund der Ausstellung "Kulturtransfers #1: Another Country – Eine andere Welt" in der ifa-Galerie Berlin lud das begleitende Kunstvermittlungsprojekt junge Migrantinnen und Migranten ein, verschiedene Formen und Richtungen kultureller Transfers in ihrem Berliner Lebensumfeld zu untersuchen und den Blick auf Kulturtransfers mit eigenen ästhetischen Positionierungen zu erweitern.
Zieleästhetische Auseinandersetzung mit kultureller Aneignung und Differenz; Sensibilisierung für Allgegenwärtigkeit kultureller Übersetzungen im lokalen Kontext; Wahrnehmungsübung; Entwickeln eigener künstlerischer Ausdrucksformen und Versprachlichung ästhetischer Erfahrung.
Teilnehmerzahl10
Altersstufe16-26
Zeitbedarf ca. 6 Wochen, 3-4 Workshoptermine
RaumGalerie/Atelier/Seminarraum, Stadtraum
Benötigte Ausstattung / Materialien Fotoapparat, Drucker, einfaches Zeichenmaterial, diverse Materialien für Collagearbeit (Papier, Scheren, Klebstoff, Stempel, etc.)
Sparte / Bereich / Feld Bildende Kunst

Kunstvermittlungsprozesse lassen sich also nur bedingt planen. Die Art und Weise, wie ein Zwischenraum geöffnet und gestaltet werden kann, muss jeweils neu gefunden und ausgehandelt werden. Denkt man diesen Prozess jedoch "von Kunst aus" [3], lassen sich methodische Zugänge der Vermittlung als eine ästhetische Praxis beschreiben. Einige von ihnen sollen im Folgenden am Beispiel des Projekts Kulturtransfers in der ifa-Galerie Berlin skizziert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Pierangelo Maset (2006): Fortsetzung Kunstvermittlung. In: Maset, Pierangelo/ Reuter, Rebekka/ Steffel, Hagen (Hg.): Corporate Difference. Formate der Kunstvermittlung. Lüneburg: edition HYDE. S. 11–24 sowie Eva Sturm (2011): Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze. Wien, Berlin: Turia + Kant.
2.
Sternfeld, Nora (2009): Das pädagogische Unverhältnis. Lehren und Lernen bei Rancière, Gramsci und Foucault. Wien: Turia + Kant. S. 12.
3.
"Von Kunst aus" ist eine Formulierung, die von Eva Sturm geprägt wurde; unter dem selben Titel erschien 2011 ihr Buch: "Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze", Wien, Berlin: Turia + Kant.
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