kulturelle Bildung

20.12.2011 | Von:
Manfred Rüsel

"Filmanalyse ist Arbeit"

Interview mit Manfred Rüsel

Seit mehreren Jahren ist Filmbildung zum akzeptierten Bestandteil des Schulunterrichts geworden. Einen Einblick in den praktischen Lehralltag sowie Möglichkeiten und Chancen, Filme in den Unterricht einzubinden, gibt der Lehrer und Filmpädagoge Manfred Rüsel in diesem Interview.

Licht aus, Beamer an: Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer binden Filme in ihren Unterricht ein.
© catk/photocase.comLicht aus, Beamer an: Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer binden Filme in ihren Unterricht ein. (© catk / Photocase)

Warum arbeiten Sie im Unterricht gerne mit Filmen?

Ich komme aus einer Generation, die mit Film und Fernsehen sozialisiert wurde. Während meiner Schulzeit habe ich gemerkt, dass irgendetwas fehlt und meine Lebenswelt sich in der Schule nicht wiederfindet. Als während meines Studiums dann im Sinne des erweiterten Textbegriffs immer wieder die Bedeutung der audiovisuellen Medien betont wurde, war das mein Zugang. Ich habe sehr lange in der universitären Filmbildung gearbeitet, für Schulen Modelle entwickelt und den Lehrkräften in Fortbildungen immer wieder gesagt, wie wichtig es ist, auch mit Filmen – mit Literaturverfilmungen im Speziellen und mit Film im Allgemeinen – sehr gut umgehen zu können. Als Lehrer arbeite ich selbst gerne mit Filmen, weil das den Schülerinnen und Schülern Spaß macht. Wenn es in die Tiefe geht und sie sich nicht nur einfach so einen Film ansehen, dann merken sie, dass Filmanalyse Arbeit ist. Sie erkennen, wie Film funktioniert, wie vielfältig die Filmsprache ist, welche Gestaltungsmittel es gibt und wie viel Film damit zu tun hat, was wir in anderen Fächern wie etwa dem Deutschunterricht machen. Mein Ziel ist auch, ein bisschen zu desillusionieren und den Schülerinnen und Schülern eine Distanz zu vermitteln zu dem Gegenstand, den sie so lieben, zu dieser schönen bunten Fernseh- und Filmwelt.


In welchen Fächern setzen Sie Filme ein – und welche Themengebiete greifen Sie auf?

Das ist sehr vielfältig. Im Fach Deutsch setze ich den Film ganz traditionell ein, um beispielsweise die Visualisierung von Literatur deutlich zu machen. Jüngeren Schülerinnen und Schülern kann man das etwa anhand von Filmen wie "Krabat" oder "Ein Fall für Hodder" zeigen, älteren mit "Effi Briest". Ein solcher Vergleich zwischen Text und Film ist der klassische Zugang, um auch für die unterschiedlichen Sprachsysteme zu sensibilisieren. Dass man also nicht nur darauf achtet, ob irgendwelche Seiten oder Charaktere aus der literarischen Vorlage genau abgebildet sind, sondern auch, wie diese umgesetzt wurde und welche gestalterischen Mittel es im Film gibt, die bestimmte Motive oder Symbole der Literatur umsetzen. In der Mittel- und Oberstufe setze ich Film auch als genuines Medium ein. Ob es sich um eine Literaturverfilmung handelt, einen Spielfilm, der auf einem Drehbuch basiert, oder um einen Zeichentrickfilm, ist für die Filmanalyse egal. Filmsprache nehme ich in der 9., 10. und in der 11. Jahrgangsstufe durch. In Gesellschaftslehre, also den Fächern Erdkunde, Geschichte und Politik, setze ich Filme auch als Informationsmedium ein, um bestimmte Zusammenhänge über die visuelle Schiene zu verdeutlichen, sei es beim Thema Zweiter Weltkrieg oder beim Thema RAF. Wenn es um Nationalsozialismus geht, zeige ich gerne den Film "Napola", weil dieser die Schülerinnen und Schüler in der 9. und 10. Klasse sehr stark packt. Es ist also unterschiedlich: Entweder arbeite ich mit Blick auf die Analyse und das Medium selbst oder nutze Filme als Unterstützung und Visualisierung unterrichtlicher Zusammenhänge, die sowohl über den Text als auch über Filmbeispiele vertieft werden.

Welche filmpädagogischen Methoden setzen Sie ein?

Da gibt es eine große Spannbreite. Das beginnt mit der Analyse von Standbildern und endet mit Fragen, die ich vor der Filmvorführung gestellt habe, die schon beim Sehen von den Schülern und Schülerinnen reflektiert werden müssen und im Anschluss dann beantwortet werden. Wenn ich Filmanalyse behandle, setze ich gerne Gruppenarbeit ein. Drei oder vier Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich dabei in einer Gruppe mit unterschiedlichen Aspekten der Machart des Films. Ich nenne das vernetzte Filmanalyse. Eine andere Herangehensweise ist die "Sandwich-Methode". In kleinen Schritten vergleichen die Schülerinnen und Schüler dabei zum Beispiel einen Absatz eines Textes und die dazu gehörende verfilmte Szene.

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