In der Geschichte des modernen Staatensystems hat es immer wieder tiefe Krisen und Umbrüche gegeben, die das Ende der bestehenden internationalen Ordnung ankündigten. Die meist viele Jahre währende Übergangszeit führte sowohl auf der globalen Ebene als auch innerhalb der Staaten und Regionen zu gesellschaftlichen Verwerfungen und gewaltsamen Konflikten sowie zu tiefgreifenden politischen Veränderungen. Besonders prägende Beispiele waren die Amerikanische und Französische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts sowie der Erste Weltkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts.
Der italienische marxistische Theoretiker Antonio Gramsci (1891-1937) hat in den Jahren seiner Gefängnishaft unter Mussolini die Bedingungen und die Muster dieses Wandels untersucht und in seinen berühmten Gefängnisheften dokumentiert (Gramsci 2012). Seine theoretischen Erkenntnisse sind seither zu einer wichtigen Grundlage und Referenz für die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen globalen Umbrüchen und innerstaatlichen Verwerfungen und Konflikten geworden.
Gramsci und die an ihn anschließende Forschung unterscheidet zwischen konjunkturellen und systemischen („organischen“) Krisen. Im Unterschied zu konjunkturellen Krisen können systemische Krisen nicht innerhalb der Logik und Grenzen des bestehenden Ordnungsrahmens gelöst werden. Sie entwickeln sich zudem meist über einen längeren Zeitraum. Dieses „Interregnum“ zwischen der Hegemonie der alten und einer neuen Ordnung ist nach Gramsci durch verschiedene „Krankheitssymptome“ gekennzeichnet.
Gegenwärtig befindet sich die Welt erneut in einem solchen Interregnum, also in einer Übergangsphase (vgl. z.B. Babic 2020; Ó Rálaigh 2025). Der Zerfall der liberalen multilateralen Weltordnung scheint besiegelt, doch welche neue Ordnung auf sie folgen soll, ist heftig umkämpft. Der US-amerikanische Ökonom Eswar Prasad sieht die Weltpolitik in einem „doom loop“, also einer Abwärtsspirale, in der sich die Krise der Globalisierung, innenpolitische Polarisierung und geopolitische Spannungen gegenseitig verstärken und eine destabilisierende Rückkoppelungsdynamik befeuern, was zu einer Katastrophe führen könnte (Prasad 2026).
Die multilaterale Weltordnung
Das Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre und der Zusammenbruch des Sowjetimperiums beendete die von den USA und der Sowjetunion dominierten bipolaren Weltordnung. Diese war gefährlich und widersprüchlich. Die Hauptgefahr lag in einem Sicherheitssystem, das auf atomarer Abschreckung beruhte. Dessen zentrale Akteure, die von den USA und der Sowjetunion geführten Militärbündnisse, standen sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüber und bedrohten sich und die Welt mit atomarer Vernichtung.
Die Bemühungen beider Seiten, diese Gefahr zu kontrollieren, führte nach der Beinahe-Katastrophe der Kuba-Krise 1962, als die Welt kurz vor einem Atomkrieg stand, zu einer Phase der Entspannung. Diese wiederum ermöglichte, trotz des weiterhin bestehenden ideologischen und machtpolitischen Systemkonflikts, neue bilaterale und multilaterale Regeln als auch Reformprozesse innerhalb der Gesellschaften, die schließlich dazu beitrugen, den Ost-West-Konflikt zu überwinden (Bartel 2025).
In der darauffolgenden „goldenen Ära“ des Multilateralismus (1989-2014) beruhte das Agieren einer Mehrzahl staatlicher Akteure zur Lösung von Problemen überwiegend auf den Prinzipien der Gleichberechtigung, Kooperation und der Rechtsgebundenheit. Bestehende internationale Institutionen, wie die UNO, gewannen an Bedeutung, andere, wie das GATT/WTO, wurden reformiert oder, wie die KSZE/OSZE, in eine neue Form überführt. Vielfach war vom Aufbau einer neuen Weltordnung die Rede, die demokratisch und inklusiv sein sollte. Francis Fukujamas These vom „Ende der Geschichte“ und dem angeblich weltweiten Sieg des Liberalismus beherrschte lange Zeit die politische Debatte und war Ausdruck des überhöhten Selbstverständnisses westlicher Demokratien (Fukujama 1992).
Die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges waren insgesamt friedlicher als die Jahrzehnte zuvor (Human Security Centre 2005). Die UNO und andere internationale Organisationen übernahmen eine führende Rolle in der Konfliktbearbeitung (Boutros Ghali 1992). Dieses Zeitalter war gekennzeichnet durch Bemühungen um einen normativen Wandel im internationalen System und eine größere Bereitschaft, auf der Grundlage des Völkerrechts zu handeln. Regelbasiertes Vorgehen wurde grosso modo zur Norm und zum Standard internationalen Handelns und zumindest rhetorisch von den meisten Akteuren hochgehalten.
In diese Phase des liberalen Interventionismus – Klaus Schlichte spricht vom „humanitären Zeitalter“ (Schlichte 2026: 87) – fielen aber auch tief in Konfliktgesellschaften eingreifende militärisch gestützte „humanitäre Interventionen“ und der „Krieg gegen den Terror“. Die multilaterale Ordnung war also alles andere als konfliktfrei, fielen in diese Zeit doch zahlreiche Kriege und internationalisierte innere Konflikte mit vielen Toten.
Krise und Scheitern der multilateralen Weltordnung
Die Krise der multilateralen Weltordnung begann mit dem von US-Präsident George W. Bush gestarteten weltweiten Antiterrorkrieg nach den Terroranschlägen von 9/11. Der Misserfolg der Afghanistan-Intervention (2001-2021) steht emblematisch für eine regressive Entwicklung, die mit hochtrabenden Zielen der Staatsbildung und Friedensförderung begann und in einem „forever war“ der Aufstandsbekämpfung und mit einem überstürzten Abzug ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung endete (Ehrhart/Gareis/Pentland 2012).
Als ein weiterer Tiefpunkt kann die
Die Terrorismus- und Aufstandsbekämpfung wurde völkerrechtlichen Normen sowie menschenrechtlichen und demokratischen Standards übergeordnet. Insbesondere die USA, aber auch andere westliche Staaten, taten sich durch Doppelstandards und machtpolitischen Eigennutz hervor. Dadurch beschädigten sie nicht nur die normativen Ansprüche des liberalen Internationalismus, sondern trugen zu einer Verschärfung interner und regionaler Gewaltkonflikte und einem zunehmend militarisierten Machtstaatsdenken bei.
Renaissance des Autoritarismus und der Geopolitik
Die auf einen demokratischen Regimewechsel in
Die Mehrzahl der UN-Friedensmissionen in Post-Konfliktländern, die unter maßgeblicher Beteiligung westlicher Staaten konzipiert und implementiert wurden, trug zwar am Anfang dazu bei, das Risiko eines erneuten Kriegsausbruchs um bis zu 70 % zu senken. Sobald die UN-Truppen abzogen, verblieben die Länder jedoch meist in einem Zustand „hybrider Regime“ und drifteten zunehmend in Richtung autokratischer Machtverhältnisse ab (vgl. z.B. Hegre et al. 2019). Der autoritäre und repressive Umgang mit Konflikten, der in hohem Maße durch Polarisierung, Ausgrenzung, Hass und Gewalt geprägt ist, negiert tieferliegende Ursachen und bewirkt tendenziell eher eine Verschärfung von Krisen und Konflikten (vgl. z.B. Lewis et al. 2025).
Zudem durchläuft die weltwirtschaftliche Ordnung nach dem Ende der neoliberalen Globalisierung einen krisenhaften Transformationsprozess, der vor allem durch die Herausforderungen der sozioökonomischen Spaltung, des Klimawandels, der Migration und der Künstlichen Intelligenz (KI) befeuert wird. Das Edelman Trust Barometer 2025 konstatiert, dass sich globale wirtschaftliche Ängste zu einer weit verbreiteten „grievance society“
Die schwindende Attraktivität und Glaubwürdigkeit der westlichen liberalen Staaten, Zusammenschlüsse und Bündnisse hat weltweit zu einer Renaissance autokratischer Herrschaftsformen beigetragen. Lebten 2004 51 % der Weltbevölkerung in einer Demokratie, waren es 2024 nur noch 28 %. 2024 gab es nach über 20 Jahren weltweit wieder mehr autokratische (91) als demokratische Staaten (88) (V-Dem Institute 2025; V-Dem Institute 2026).
Mit Blick auf die internationale Ebene spricht Schlichte von einer „Zeit der neuen Souveränität“, in der Großmachtdenken und Großmachtstreben vorherrschen (Schlichte 2026: 117). An die Stelle eines regelbasierten Multilateralismus tritt verstärkt eine fragile multipolare Ordnung. Internationale Institutionen, wie die UNO, die Welthandelsorganisation WTO oder der Internationale Währungsfonds IWF, geraten unter Legitimationsdruck, konkurrierende internationale Organisationen entstehen, wie etwa die Shanghai Cooperation Organisation (SCO), die BRICS und der Gaza Friedensrat (Board of Peace), die weitgehend von autokratischen Mächten kontrolliert werden.
Diese komplexe globale Gemengelage begünstigt die Entstehung und das Wiederaufbrechen gewaltsamer Konflikte.
Zunahme gewaltsamer Konflikte und Kriege
Die Anzahl der Toten durch organisierte Gewalt ist in den letzten fünfzehn Jahren um das Siebenfache gestiegen (Davies/Pettersson/Öberg 2026). Das gilt sowohl für staatliche und nicht-staatliche Konflikte als auch für einseitige Gewaltanwendung gegen Zivilisten.
Die Stärkung populistischer und autoritärer Kräfte hat auch Folgen für den Umgang mit Konflikten. Forscher sprechen vom „end of peacemaking“ und von einem neuen, revisionistischen Konfliktmanagement (Hynek/Richmond/Senk 2025). Danach wird die liberale Friedensagenda von autoritären Groß- und Regionalmächten, wie Russland, China und die Türkei, neu gerahmt und ihrer liberal-demokratischen Werte und Ziele zugunsten einer einseitigen und gewaltgestützten oligarchischen Interessenpolitik beraubt, die mit nationalistischen und souveränistischen Narrativen gerechtfertigt wird.
Auch die USA, die einst als Träger der liberalen internationalen Ordnung galten, sind heute ein Beispiel für gewaltgestütztes unilaterales Vorgehen und die Missachtung des Völkerrechts durch rücksichtslose Großmachpolitik. Rechtspopulistische und autoritäre Regierungen missbrauchen den Friedensbegriff für „peacewashing“, um ihre in Kriegen und in der geopolitischen Konfrontation verfolgten wahren Ziele und Interessen zu kaschieren. Es wird nicht mehr in innere Konflikte interveniert, um sie nachhaltig zu befrieden, sondern um transaktionale „Deals“
Handlungsbedarf für Europa und die Bundesrepublik
Die Welt befindet sich in einem turbulenten „Interregnum“, das durch eine überwiegend konfrontative Multipolarität gekennzeichnet ist. Dazu müssen sich Europa und die Bundesrepublik verhalten (Heiduk/Müller/Kluge et al. 2026). Sie haben drei Optionen:
Sie können versuchen, die liberale regelbasierte Ordnung wieder zu stärken, wie das deren Befürworter vorschlagen (vgl. z.B. Ikenberry 2018).
Sie können dem machtpolitischen Denken vieler Realisten folgen, die das Völkerrecht und die daraus abgeleiteten Normen als nettes Beiwerk oder bloße Ideologie abtun (vgl. z.B. Mearsheimer 2018).
Oder aber sie bemühen sich, einen neuen globalen Konsens zu finden, der die Realität der multipolaren Welt akzeptiert, die Weltwirtschaftsordnung reformiert und sich auf das zentrale Ziel der Kriegsvermeidung konzentriert (vgl. z.B. Bali/Moyn 2026).
Weil die Rückkehr zu einer liberalen Ordnung nicht realistisch ist und eine rein machtpolitische Orientierung die Gefahr einer globalen Konfrontation massiv vergrößern würde, sollten sich Deutschland und Europa auf die dritte Option fokussieren. Ein wichtiger erster Schritt für einen neuen globalen Konsens wäre die inklusivere Gestaltung des UN-Sicherheitsrats und anderer internationaler Institutionen. Damit könnte Vertrauen geschaffen und die multilaterale Zusammenarbeit zur Bewältigung dringlicher globaler Herausforderungen in den Bereichen Klimawandel, Seuchenbekämpfung, internationaler Handel und Friedenssicherung auf eine neue Grundlage gestellt werden (Gurol-Haller/Plagemann 2025).
Mit Blick auf das Ziel einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung steht die EU in der Verantwortung, gemeinsam mit anderen Staaten, unabhängig von deren gesellschaftspolitischer Ausrichtung, ihren Ansatz internationaler Partnerschaften konsequent mit Leben zu füllen. Dazu gehören verlässliche Investitionen in Schwellenländern, wie Brasilien, Indien oder Südafrika, sowie neue Rohstoffpartnerschaften, die die lokale Wertschöpfung stärken und Umwelt- und Menschenrechte garantieren (vgl. z.B. ebd.; Korn 2025).
Was schließlich das Ziel der Kriegsvermeidung und Friedenssicherung angeht, bleibt die EU bei aller Kritik ein gutes Beispiel für gelingende Problemlösung bei gleichberechtigter Mitwirkung von kleinen und Mittelmächten (Prasad 2026). Sie verkörpert noch immer die weltweit erfolgreichste regionale Friedensordnung. Die Herausforderung besteht darin, ihr Selbstverständnis als Friedensmacht (Ehrhart 2025) wieder aktiver zur Richtschnur ihres globalen Handelns zu machen. An erste Stelle steht die Durchsetzung einer Anti-Kriegsagenda mit folgenden Eckpunkten: keine als Selbstverteidigung getarnten Präventivkriege, keine gewaltsamen Annexionen, keine Stellvertreterkriege und keine Waffenlieferungen, die Aggressionen oder Gräueltaten begünstigen (Bali/Moyn 2026).