kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Anja Besand
Marie-Luise Lange
Sara Burkhardt

"Aber natürlich ergreife ich Partei" Über die Eigentümlichkeiten von Kunst und Politik in Bildungskontexten.

Ein Gespräch zwischen Anja Besand, Sara Burkhardt und Marie-Luise Lange

Schule als Interventionsraum

Anja Besand: Sara, du hast doch gesagt: Du verstehst Schule als Interventionsraum. Vielleicht kannst du nochmal sagen, was du damit meinst. Weil ich glaube, das ist genau der Punkt. Also wenn wir Schule als Interventionsraum begreifen, dann wäre ja alles willkommen, was interveniert.

Sara Burkhardt: Also ich begreife die Institution Schule zunächst als ein sehr geschlossenes System in dem unterschiedliche Dinge passieren, die aber alle den Regeln dieser Institution unterworfen sind. Dazu gehört sicherlich auch das System "Klassensprecher", oder die ganze Form von "demokratischer Mitbestimmung" in diesem System. Dass die Schüler zumindest den Eindruck haben, sie können Dinge innerhalb dieses Systems verändern, solange sie eben da nicht herausbrechen und nicht etwas von draußen hereinholen. Deswegen gibt es ja häufig geschlossenes Internet an Schulen bzw. durchaus eine Vorsicht, was solche Dinge angeht. Das ist ja auch berechtigt, klar! Man kann das aber auch als ein System betrachten, das durchaus Lücken hat bzw. die Möglichkeit dort kleine Aus- und Eingänge, kleine Wurmlöcher zu inszenieren. Durch die eben auch Dinge aus der Schule herauskommen und andere Dinge wieder in die Schule hineinkommen, dann wird es interessant. Dann muss man eben sehen, wie klein und wie groß diese Löcher sind bzw. an welchen Stellen solche Interventionen möglich sind, und was sie bewirken. Da sind wir wieder bei der "Hacking"-Geschichte bzw. beim Cultural Hacking. Also ein System zu untersuchen bzw. auch zu verstehen, wie es funktioniert. Um dann an bestimmten Stellen künstlerisch und durchaus auch politisch einzugreifen und zu sagen: Jetzt stell ich es an einer Stelle auf den Kopf und lass eben den Pausengong mal anders abspielen oder lass eben auch Unterricht vielleicht mal anders ablaufen. Oder lasse eben eine Störung auch mal zu in dieser Institution oder in diesem System um auf bestimmte Dinge hinzuweisen, die vielleicht falsch laufen oder eingefahren sind.

Anja Besand: Man könnte Intervention ja auch ganz anders verstehen. Also man könnte ja auch sagen: Schule ist ein Interventionsraum, in dem wir gesellschaftlich in die Biographien der Schülerinnen und Schüler eingreifen oder intervenieren. Also zum Beispiel: Ausgleich schaffen zwischen unterschiedlichen Herkünften. Wir intervenieren gesellschaftlich, damit z.B. auch Kinder mit Migrationshintergrund gute Bildungschancen haben oder auch Kinder die durch ihre Eltern nicht optimal gefördert werden, eine gewisse Grundförderung erfahren.

Sara Burkhardt: Das könntest du aber auch genau umdrehen. Denn dann findet ja das "Gleichmachen" statt. Und gerade das Nicht-weiter-entwickeln-lassen. Aber natürlich stimmt es gleichzeitig auch, dass wir sagen: Alle sollen die gleichen Chancen haben.

Anja Besand: Ja, denn wir wollen es nicht nur dem Zufall überlassen, ob in einem Elternhaus über Politik geredet wird oder nicht. Sondern wir wollen da ein systematisches Angebot und das ist ja auch eine Intervention - nur in eine andere Richtung gedacht. In deinem Beitrag drehst du das aber um und sagst, die Schüler dürfen intervenieren, und das finde ich einen spannenden Gedanken. Also ob man Schule tatsächlich als einen Ort der Intervention von unterschiedlichen Seiten begreifen kann.

Sara Burkhardt: Also ich war eben durcheinander. Weil für mich Intervention nicht von einer Institution oder einem System ausgehen kann, sondern, was immer in und gegen eine Institution passiert, was also von einem Einzelnen oder einer Gruppe ausgeht. Deshalb ist Schule für mich etwas, was nicht intervenieren kann, sondern in das nur interveniert werden kann. Weil es immer so ein "Reinstechen" ist und nicht etwas, wo die Schule kommt und die interveniert jetzt in die Entwicklung der Kinder oder der Familien. Das kann Schule glaub ich nicht.

Anja Besand: Tatsächlich? Da bist du aber ganz klar die Kunstpädagogin und ich die Politikdidaktikerin. Für mich ist es ganz normal, Intervention im gesellschaftlichen Kontext zu denken.

Mündigkeit + Handlungsfähigkeit

Marie-Luise Lange: Naja, das ist vielleicht wirklich eine Definitionsfrage. Also ich würde es ebenso sehen. Aber das ist jetzt eine kunstpädagogische Position, dass wir die Schüler stärken sollten, zu schauen: Wo sie in ihrem Leben, ob das jetzt familiär, in der Schule oder später im Beruf ist, intervenieren möchten? Wo möchte ich mich selber mündig machen und mein Leben selbst in die Hand nehmen und Dinge, die mir nicht passen, verändern? Also da unterscheiden wir uns auch von deinem Fach, von der politischen Bildung. Dass wir das so machen - ich glaub nicht, dass das viele machen. Aber wir dürfen das.

Anja Besand: Naja, wir sind vielleicht weniger therapeutisch, aber mündig machen, das wollen wir auch. Das ist ja auch unser zentraler Begriff.

Marie-Luise Lange: Ja, aber bei euch heißt das mündig machen: Sie sollen sich eine eigene Position aus den vielen Möglichkeiten bilden. Sollen sie bei uns auch. Aber bei uns werden sie auch handlungsfähig in einem ganz sichtbaren, visuell sichtbaren Sinne, in einem gestalteten Sinne. Dass sie Strategien entwickeln - ob handlungsorientiert oder ob visuell oder medial -, mit denen sie hinein wirken in die Gesellschaft. Dass sie lernen, wie sie etwas verändern oder aufzeigen können.

Anja Besand: Ich verstehe schon, aber den Anspruch haben wir in aller Deutlichkeit auch.

Marie-Luise Lange: Nein, aber vielleicht kommen wir hier zu einem Schnittpunkt, den du am Anfang angesprochen hast. Als du gesagt hast: Aber immer wieder merken wir auch deutlich unsere Unterschiede. Ich glaube, das ist es eben. Wir können das so frei sagen, indem wir sagen: Wir transformieren Meinungen, Positionen, Nachdenken aber auch sinnliches Fühlen in Gestalt. Ihr müsst immer denken, und ihr müsst aus verschiedenen Begrifflichkeiten und einer Meinung zu Begrifflichkeiten das herausfiltern, was einen dann selber in dieser Gesellschaft politisch handeln lässt.

Anja Besand: Ich finde das schwierig in der Formulierung, aber ich gebe schon zu: Wenn mehr Lehrerinnen und Lehrer auf die Idee kämen, diese Chance zu nutzen, die sich gerade zwischen diesen beiden Fächern ergibt, dann glaube ich schon, dass die politische Bildung in gewisser Weise gefangen ist, was das Handeln angeht. Sie möchte das Handeln gern, sie möchte die Aktion gerne haben, und trotzdem verstrickt sie sich da sofort in Selbstwidersprüche. Im Kontext der kulturellen oder kunstpädagogischen Arbeit sind diese Widersprüche zwar nicht vollkommen aufgehoben, aber stellen sich doch sehr viel leichter dar. Ich kann mich als Kunstpädagogin in die Schule stellen und kann sagen, "Macht das doch mal. Macht doch mal das ..." So wie unsere Kunstpädagogik-Professorin uns früher in den Wald gejagt hat und wir mit einem alten Motorblock wieder raus gekommen sind. Das geht, weil es erst mal um etwas Formales geht. Dadurch habe ich viel Abstand zu der Aktion. Wenn ich als Politiklehrerin meine Schüler in den Wald jage und einen Motorblock mit denen da heraustrage, dann gibt's relativ wenig Lesarten, wie diese Aktion zu lesen ist. Eigentlich gibt es nur eine: Wir engagieren uns gegen die Verschmutzung unserer Wälder. Sonst ist da nicht viel (Lachen im Hintergrund), zumindest wenn ich der Politiklehrer bin.

Sara Burkhardt: Aber wo fängt es denn an, politisch zu sein? Also, wie niedrigschwellig kann etwas sein, oder wie klein kann eine Handlung sein, und ist sie dann schon politisch? Oder müssen es immer die großen Gesten, wie Motorblöcke aus dem Wald tragen, sein? Ich glaube, das wäre interessant fürs Bewusstsein, also auch bei Lernenden zu sehen, dass auch schon ganz kleine Handlungen oder Überlegungen auch im näheren Umfeld schon politisch sein können. Dass es eben nicht immer die große Politik ist, die die Welt bewegt, sondern dass auch das, was ich hier in meiner Umgebung mache, wenn ich die Straße beschreibe oder, oder wenn ich Street Art mache oder so, dass das ja auch schon politische Handlungen in gewisser Weise sind. Und das finde ich von der Haltung her interessant, also auch für etwas Lehrbares oder etwas Erlernenswertes, was ich ganz gut finde.

Anja Besand: Letztlich sind wir ja bei der Frage der Provokation. Ich kann natürlich Unterricht schon so inszenieren, dass bestimmte Konflikte systematisch erscheinen. Also ich kann mich zum Vertreter der Institution machen. Ich kann z.B. eine Stunde mit dem Inhalt "Demokratie" extrem autoritär inszenieren, um am Ende der Stunde dazu zu kommen ...

Sara Burkhardt: ... das kennen wir ja aus der Literatur, wie "Die Welle" oder so.

Anja Besand: Ja, aber das würden wir sagen, geht ethisch nicht.

Sara Burkhardt: Wegen des Tricksens? Wegen dieses Hineintricksens?

Anja Besand: Ja, weil, das schwarze Pädagogik ist. Also ... das sind auch Formen der Überwältigung. Also ihnen klar zu machen, was sie wollen sollen.

Marie-Luise Lange: Na gut, aber das eine ist die Methode, und das andere ist sozusagen das, was dahinter steht. Es geht dann, das wäre ja jetzt so Vordenken, was fehlt euch? Das wären ja wieder so diese alten Erziehungsmethoden. Und jetzt, "Kommt mal selber drauf", und jetzt nehme ich eben die Methode ...

Sara Burkhardt: ... und zwinge ich euch da hinein.

Marie-Luise Lange: Nein, ich meine das schon prinzipieller.

Anja Besand: Aber die spannende Frage ist doch, wie man das macht - pädagogisch/didaktisch. Also, man könnte sagen, okay, man macht das durch Provokation. Das ist, glaube ich, bis zu einem bestimmten Punkt etwas, an was wir gut zusammen arbeiten könnten. Weil wir dann Unterricht als Inszenierung begreifen müssen. Aber, so schrecklich viele Sachen fallen mir da gar nicht ein. Wie macht man das denn? Leute in die Lage versetzen, darüber nachzudenken, was sie wollen könnten?

Marie-Luise Lange: Ohne sie zu lenken. Da merkt man nämlich, dass wir dann zahnlose Tiger werden, wenn wir uns in dieser schönen neutralen Haltung ...

Anja Besand: Da haben wir es doch. "Aber natürlich ergreife ich Partei." Ich glaube auch, dass ihr das tut. Ich weiß auch gar nicht, ob ich es euch ausreden soll. Aber trotzdem ist für uns an dieser Stelle nicht so einfach.

Sara Burkhardt: Na, ich ergreife ja schon Partei, indem ich auswähle, was für Werke im Unterricht vorkommen oder was für Künstler. Das ist ja schon Partei ergreifen.

Anja Besand: Aber wir haben da Prinzipien. Also die Auswahl von Materialien für den politischen Unterricht beispielsweise ist an Prinzipien orientiert, die lauten: Es muss die kontroverse Struktur des Gegenstands sichtbar werden. Also, wenn ich Texte gegen Kernenergie benutze, muss ich Texte für Kernenergie daneben setzen. Und das ist eines der didaktischen Grundprinzipien unseres Fachs. Und für euch ist das nicht so wichtig.

Marie-Luise Lange: Nein.

Sara Burkhardt: Nein, da unterscheiden wir uns, das stimmt schon. Ja.

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