Herausforderung Salafismus

3.12.2018 | Von:
Nora Fritzsche

Mädchen und Frauen im Salafismus

Gender-Perspektive auf Rollenverhältnisse, Anwerbung und Hinwendungsmotive

Salafismus ist im öffentlichen Bewusstsein vor allem eins: männlich. Erst seit kurzem richtet sich in Praxis und Forschung ein besonderer Blick auf die Rolle von Mädchen und Frauen für die Szene. Dieser Beitrag plädiert dafür, stärker als bisher die Erkenntnisse der Frauen- und Geschlechterforschung einzubeziehen.

Muslimische Frauen bei der Kundgebung "1. Islamischer Friedenskongress" der Salafistenbewegung des Predigers Pierre Vogel.Muslimische Frauen bei der Kundgebung "1. Islamischer Friedenskongress" der Salafistenbewegung des Predigers Pierre Vogel. (© picture-alliance, imageBROKER)

Auch zwei Jahre nach ihrem Verbot prägen Bilder von Koranverteilungen in deutschen Innenstädten und mit ihnen ihre männlichen Akteure die öffentliche Wahrnehmung vom "Salafismus". Die Szene bleibt, ähnlich wie im Falle des Rechtsextremismus, im öffentlichen Bewusstsein ein sehr männliches Phänomen.
Dabei übernehmen Frauen in beiden Szenen schon immer zentrale Rollen in der Anwerbung und Weitergabe der Ideologie, die entscheidend sind für die Szenebildung und -bindung.

Dieser Beitrag plädiert für eine gendersensiblere Perspektive und gibt dafür zunächst einen Einblick in Geschlechterverhältnisse, männliche und weibliche Rollenverständnisse und Aktivitäten von Frauen in der Szene und für die Szene.
Der zweite Teil widmet sich Hinwendungsmotiven von jungen Frauen und leitet aus ihnen Empfehlungen für eine gendersensible Prävention ab. Dies beinhaltet eine Auseinandersetzung mit Genderdynamiken insgesamt. Nicht nur Frauen haben ein Geschlecht – auch bei Jungen und jungen Männern in der Szene wirken Rollenbilder und Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Geschlechterforschung bietet hier viele Ansatzpunkte, die in Forschung und Praxis stärker nutzbar gemacht werden sollten.

Geschlechterverhältnisse im Salafismus

Salafistische Milieus praktizieren eine umfassende Geschlechtertrennung im Alltag. Spätestens mit Beginn der Pubertät unterscheiden sich die Lebenswelten von Jungen und Mädchen beträchtlich und finden überwiegend getrennt voneinander statt. Voreheliche und außereheliche Beziehungen sind verboten. Um ihnen vorzubeugen, ist ein Kontakt zwischen Männern und Frauen außerhalb der Kernfamilie nach Lehrmeinung nicht ohne Aufsichtsperson erlaubt (wobei das je nach Familie und Umfeld unterschiedlich streng umgesetzt wird). Denn der Kontakt zwischen Nicht-Verwandten unterschiedlichen Geschlechts, so die Begründung vieler salafistischer Akteure, birgt immer die Gefahr der "Unzucht" (zinā). Auch Kleidungsgebote für Männer und Frauen leiten sich hieraus ab; sie sollen vor den Blicken des anderen Geschlechts schützen. Eine häufige Folge einer solch strikt praktizierten Geschlechtertrennung sind arrangierte Ehen, entweder durch das Umfeld, die Familie oder spezialisierte Partnerbörsen – mit entsprechenden Risiken für die Beteiligten.

Im Verhältnis zueinander gelten Frauen und Männer dabei der Mehrheit der salafistischen Milieus als gleichwertig und in religiöser Hinsicht gleichgestellt. Gleichberechtigung, verstanden als die rechtliche Gleichbehandlung und den freien und gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Rollen, ist damit allerdings nicht verbunden. Frauen und Männern werden aufgrund angenommener biologischer Unterschiede unterschiedliche Rollen zuteil, die als gottgewollt und unveränderlich verstanden werden. Männer sind für die finanzielle Versorgung der Familie, deren Wohl und Schutz verantwortlich. Ihnen wird eine aktive Rolle in der Öffentlichkeit und somit mehr Bewegungsfreiheit zugestanden. Die Rolle von Frauen konzentriert sich hingegen auf die häusliche Sphäre, sie sind für die Erziehung der Kinder, den Haushalt und die Unterstützung des Ehemannes zuständig und haben sich dessen Willen zu beugen (außer sie verstoßen damit gegen religiöse Gebote). Von einigen salafistischen Akteuren wird in diesem Zusammenhang auch körperliche Gewalt gegen die Partnerin religiös legitimiert.

Letztlich handelt es sich um eine klassisch patriarchale Rollenverteilung, die auch aus anderen Kontexten bekannt ist. Vergleichbare Regelungen waren auch in Deutschland bis in die späten 1970er Jahre geltendes Gesetz. [1] Die negativen Folgen sind bekannt: Starre Geschlechterrollen und das Wirken im häuslichen Raum schränken die Bewegungs- und Wahlfreiheit vor allem von Mädchen und Frauen ein und behindern sie in ihrer freien Entfaltung. Durch finanzielle Abhängigkeit vom Ehepartner entsteht für Frauen zudem ein erhebliches Armuts- und Gewaltrisiko. Selbst in salafistischen Familien, in denen Gewalt gegen die Ehefrau nicht religiös legitimiert wird, steigt also allein durch die Rahmenbedingungen das Risiko von Partnerschaftsgewalt beträchtlich. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat über diese Zusammenhänge für unterschiedliche zeitliche und räumliche Kontexte eine umfassende Literatur hervorgebracht. [2] Trotz der Einschränkungen, die diese Geschlechterverhältnisse mit sich bringen, engagieren sich schon immer auch Frauen in salafistischen Szenen – entscheiden sich (mehr oder weniger reflektiert) für die Annahme dieser restriktiven Rolle. Sie nur als passive Opfer zu sehen, greift zu kurz. Auch Frauen handeln als ideologisch überzeugte Personen, vertreten extremistische Positionen, sind Täterinnen – und sollten als solche gesehen werden. Ohne zu vergessen, dass, hat eine Frau sich erst einmal für eine restriktive Geschlechterordnung entschieden, eine Umkehr für sie aufgrund der abgegebenen Rechte ungleich schwieriger ist. Täterin oder Opfer? – Diese Kategorien können gerade bei Frauen nahtlos ineinander übergehen.

Fußnoten

1.
Bis 1977 waren Frauen mit der Eheschließung zur Führung des Haushalts verpflichtet. Eine Berufstätigkeit war nur bei gleichzeitiger Erfüllung dieser familiären Pflichten erlaubt und konnte vom Ehemann ohne die Einwilligung der Frau beendet werden. Erst umfassende Reformen schufen den gesetzlichen Rahmen für eine partnerschaftliche Familie, in der beide Partner/Eltern Entscheidungen gemeinsam treffen.
2.
Für einen Überblick: Cyba, Eva 2010: Patriarchat. Wandel und Aktualität, in Becker, Ruth/Kortendiek, Ruth (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden.
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