HERAUSFORDERUNG ISLAMISMUS Infodienst Radikalisierungsprävention

3.12.2018 | Von:
Nora Fritzsche

Mädchen und Frauen im Salafismus

Gender-Perspektive auf Rollenverhältnisse, Anwerbung und Hinwendungsmotive

Rollen von Frauen in salafistischen Szenen

Ähnlich wie im Rechtsextremismus ist die Bedeutung von Frauen lange unterschätzt worden. Das liegt zum einen an ihrer tatsächlich geringeren Sichtbarkeit. Aufgrund der praktizierten Geschlechtertrennung beteiligen sie sich seltener an öffentlichkeitswirksamen Aktionen oder Gewalthandlungen. Hinzu kommt allerdings auch die stereotype Wahrnehmung von Frauen als grundsätzlich weniger aggressiv, die den Blick auf Täterinnenschaft strukturell verstellt. Begriffe wie das zeitweise inflationär verwendete "Dschihad-Bräute" tragen genau dazu bei, weibliche Komplizenschaft zu unterschätzen, indem sie Frauen sprachlich zu Objekten und passiven Anhängseln machen. Eine Fehleinschätzung, die aus dem Kontext des Rechtsextremismus eigentlich hinlänglich bekannt ist. Die Frauen- und Geschlechterforschung, insbesondere das 1983 durch Christina Thürmer-Rohr entwickelte Konzept der "Mittäterschaft" kann hier wiederum aufschlussreich sein. [3] Dort heißt es:

"Mittäterschaft geht von der These aus, dass Frauen in der patriarchalen Kultur Werkzeuge entwickeln und sich zu Werkzeugen machen lassen, mit denen sie das System stützen und zu dessen unentbehrlichen Bestandteil werden können (…). Frauen werden nicht nur unterdrückt, missbraucht und in ein schädigendes System verstrickt, sondern steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung und profitieren von ihren Rollen, sofern sie sie erfüllen."
(Thürmer-Rohr 2010: 90f.).


So übernehmen Frauen auch im Salafismus wichtige Rollen:
  • In der niedrigschwelligen Beziehungsarbeit: Sie wirken beispielsweise als Akteurinnen in halböffentlichen Räumen wie Schulen, Kitas und Moscheen. Hier wird darauf gesetzt, dass Frauen weniger verdächtig erscheinen und so subtiler Anwerbe- und Rekrutierungsprozesse anstoßen können. Bekannt ist diese Strategie aus dem Rechtsextremismus, wo vor allem Mütter in Kitas agieren um dort Veränderungen im Sinne ihrer Ideologie herbeizuführen oder andere Eltern zu beeinflussen.
  • In der Kindererziehung: Ebenfalls in Parallelität zum Rechtsextremismus wirken Frauen auch im Salafismus in hohem Maße szenestabilisierend – unter anderem weil sie die nachfolgenden Generationen ideologisch erziehen. [4] Auch in der rein häuslichen Sphäre tragen Frauen so aktiv zum Fortbestand der Ideologie bei; können dabei im familiären Kontext Täterinnen sein und Gewalt beispielsweise gegen die eigenen Kinder ausüben.
  • In der Anwerbung und Missionierungsarbeit: Frauen sind in der Vermittlung religiöser Lehrinhalte tätig, unterstützen salafistische Hilfsorganisationen beim Sammeln und Verwalten von Spendengeldern.

Geschlechterspezifische Ansprachen

Neben den genannten Punkten sind Frauen schon immer stark in der Online-Anwerbung aktiv. Von abnehmender Bedeutung sind dabei, aufgrund der kriegerischen und territorialen Verluste der Terrororganisation "Islamischen Staat", Inhalte, die das Leben in den kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak idealisieren. Hier waren Frauen aktiv, die in Blogs, sozialen Medien oder Messengerdiensten von ihrer Ausreise und dem Leben im "Kalifat" berichteten. Der Alltag in den Kriegsgebieten wurde dort zum Teil sehr positiv beschrieben, um andere ausreisebereite junge Frauen zu motivieren.

Von größerer Bedeutung sind heute subtilere Online-Ansprachen in sozialen Medien, deren extremistischer Hintergrund (nicht nur für junge Mädchen) nicht immer direkt erkennbar ist: Leicht teilbare Medieninhalte wie Bilder mit religiösen Zitaten oder "Poesiealbensprüchen". Gerne in rosa und lila gehalten, greifen sie Alltagsthemen der Adoleszenz wie Freundschaft, Familie, Beziehung und Sexualität auf. [5] Auch Fragen rund um Körperbilder spielen eine auffällig große Rolle – stets mit der Auflösung: Innere Werte zählen.

In diesem Lebensweltbezug liegt aus primärpräventiver Perspektive eine größere Gefahr als in offen dschihadistischen Inhalten. Letztere erreichen stets nur eine kleine Minderheit. Die Botschaft "Du bist schön wie du bist" hingegen erreicht potentiell jedes Mädchen, das schon einmal Germany‘s Next Topmodel geguckt hat. Tatsächlich empfindet sich mehr als jedes zweite 15-jährige (und normalgewichtige) Mädchen in Deutschland als zu dick, wie eine internationale Vergleichsstudie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergab. [6] Mädchen haben damit ein deutlich negativeres Körperbild als Jungen, sind mit steigendem Alter zudem noch zunehmend unzufrieden (bei Jungen pendelt sich das im mittleren Jugendalter ein) und praktizieren früher, häufiger und in größerer Intensität Diäten. Salafistische Narrative treffen hier also einen besonderen Nerv bei jungen Frauen und spiegeln bestehende gesellschaftliche Missverhältnisse.

Sind solche Inhalte einmal geteilt oder geliked, durchdringen sie die digitale Alltagskommunikation junger Mädchen und führen zur weiteren Konfrontation mit ähnlichen beziehungsweise sich inhaltlich zuspitzenden Angeboten (Stichwort: Filterblase). Politische Inhalte, die zum Kontakt mit der Szene führen, werden von den Betreiberinnen zwischengestreut. Dabei handelt es sich vor allem um Berichte aus Kriegs- und Krisengebieten; häufig mit Bildern von Kindern und zivilen Toten wird hier um Spenden geworben, die dann zum Kontakt mit salafistischen Hilfsorganisationen führen. Bisweilen nehmen die Betreiberinnen solcher Seiten auch direkt Kontakt mit den jungen Frauen auf, die solche Bilder geliked oder geteilt haben. Plötzliche große Aufmerksamkeit und Zuneigung, eine offenes Ohr und eine schnell hergestellte Vertrauensbasis im Erstkontakt – ein Mechanismus, den man aus dem Bereich der sogenannten Sekten kennt und "Love Bombing" nennt – kann verletzliche junge Mädchen ansprechen und in privatere Kommunikationsräume wie E-Mail, Telefon, Telegram oder persönliche Treffen ziehen.

Fußnoten

3.
Vgl. Thürmer-Rohr 2010
4.
Vgl. dazu Fritzsche/Puneßen 2017 “Aufwachsen in salafistischen Familien” im Infodienst Radikalisierungsprävention
5.
Für Beispiele und ausführliche Beschreibungen vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport 2018
6.
Vgl. “Health Behaviour in School-aged Children”
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