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3.12.2018 | Von:
Nora Fritzsche

Mädchen und Frauen im Salafismus

Gender-Perspektive auf Rollenverhältnisse, Anwerbung und Hinwendungsmotive

Hinwendungsmotive von Mädchen

Warum schließen sich Mädchen salafistischen Gruppen an? Keine Frage wird in Fortbildungen mit pädagogischen Fachkräften so regelmäßig gestellt und so leidenschaftlich diskutiert. Warum begeben sie sich (mehr oder weniger freiwillig und reflektiert) in eine Szene, die sie in ihrer Wahl- und Bewegungsfreiheit beschränkt? Die Frage bewegt. Und lässt viele ratlos zurück.

Aus der Praxis lässt sich sagen, dass Motive von Mädchen und Frauen genauso vielfältig sind wie die der männlichen Radikalisierten; sie auf den Wunsch nach Heirat ("Dschihad-Bräute") zu reduzieren, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht. Bei beiden kann die Suche nach religiösem Wissen, vermeintlicher Wahrheit und Werteorientierung an die Szene heranführen. Der Wunsch nach Halt, Gemeinschaft und Zuneigung kann ebenso eine Rolle spielen wie jugendliche Suchbewegungen oder Themen wie Identität, Diskriminierung und Gerechtigkeit.

Jugendtypische Protesthaltung kann sich mischen mit dem Wunsch nach einer Mission und Selbstwirksamkeit. Auch das Thema Geschlecht kann für Mädchen und Jungen gleichermaßen interessant sein. Denn die salafistische Geschlechterordnung bietet beiden Orientierung in einer Gesellschaft, in der sich Geschlechterrollen zunehmend aufweichen. Junge Männer finden hier klare Rollenvorbilder: ein eher macht- und autoritätsorientiertes Männlichkeitsbild im Dschihadismus sowie eine stärker auf Pflichtbewusstsein, Frömmigkeit und (patriarchale) Verantwortung fokussierte Männlichkeit in weiten Teilen des salafistischen Milieus. Bei jungen Frauen geht man aus der Praxis heraus von mehreren Faktoren aus, die eine Hinwendung zu salafistischen Inhalten fördern können. Weitere Forschung ist hier im Sinne einer wissensbasierten Prävention [7] unbedingt notwendig.

Argument "Fairness"
Zum einen kann der Salafismus als Emanzipationsangebot verstanden werden – gerade von Mädchen, die in sehr strengen Elternhäusern aufwachsen und Ungerechtigkeit in der Erziehung erleben. Gelten für sie stets andere Regeln als für ihre Brüder, können die strengen Vorschriften im Salafismus attraktiv sein. Denn diese gelten für alle gleichermaßen.

Argument "Doppelbelastung"
Für andere kann die Szene ein Rückzugsort vor Rollenkonflikten sein. Hier können sie den vielen, teils widersprüchlichen, Anforderungen entfliehen, die die Gesellschaft an junge Frauen stellt. In den Klassikern der Frauen- und Geschlechterforschung wird dies als "doppelte Vergesellschaftung" von Frauen zwischen Privat- und Erwerbsarbeit beschrieben. [8] Eine junge Salafistin formuliert es in einem Interview so:

"Und ich sag auch, wenn diese…diese Frauen…Emanzipation, da haben sie jetzt den Salat davon. Sie müssen trotzdem…jetzt können sie arbeiten, aber müssen trotzdem Kinder kriegen und hübsch aussehen. Und noch am besten kochen. Ja…Danke schön, für eure Emanzipation! […] Weil, wie viel sollen wir uns auflasten? […] Und heute wird auch so gesagt, so geringschätzig: "Ach, die ist Hausfrau! Ja…" Ich finde, das ist so eine ehrwürdige Aufgabe. Das ist die Gesellschaft, die du erziehst." [9]

Der Salafismus löst diesen Rollenkonflikt zugunsten eines traditionellen Frauenbildes auf und verbindet dies mit einer ausdrücklichen und in der Propaganda allgegenwärtigen Wertschätzung dieser Rolle. Eine solche Argumentation ist allerdings weder neu, noch exklusiv für den Salafismus.

Argument "Teilhabe"
Für manche junge Frauen kann das Erleben eine Rolle spielen, dass Versprechen von Emanzipation nicht eingelöst werden oder für sie nur bedingt gelten – insbesondere, wenn sie ein Kopftuch tragen. Zahlreiche Studien belegen solche Diskriminierungsmechanismen im Bildungssektor und auf dem Arbeitsmarkt: Die fiktive Bewerberin Sandra Bauer wird in 19 Prozent der Fälle zum Bewerbungsgespräch eingeladen, die kopftuchtragende Bewerberin Meryem Öztürk mit identischer Bewerbung nur in vier Prozent der Fälle. Die Differenz zwischen den beiden steigt mit zunehmender Qualifikation, höherem Status und Gehalt weiter an. [10]

Die besondere Diskriminierung muslimischer Frauen am Arbeitsmarkt beschreibt auch die Hamburger OSI-Studie von 2010. Hier wurden rund 200 muslimische und nichtmuslimische Personen zu Diskriminierungserfahrungen befragt. Muslimische Frauen berichteten dabei von den meisten Diskriminierungsfällen, sowohl aufgrund der Herkunft, der Religion als auch des Geschlechts – und häufig in Kombination. In der Frauen- und Geschlechterforschung spricht man in diesem Zusammenhang von Intersektionalität, also der Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen. [11] Diese addieren sich nicht nur auf sondern führen zu ganz eigenständigen Diskriminierungserfahrungen – hier von muslimischen Frauen. Ihren Erfahrungen mehr Gehör zu verschaffen, ist (nicht nur im Kontext der Radikalisierungsprävention) dringend notwendig.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Hinwendung zu salafistischen Inhalten und Gruppierungen bei jungen Männern und Frauen zahlreiche Gründe hat. Sie ist immer individuell und multifaktoriell. Geschlechterdynamiken können dabei ein Baustein sein. Bei beiden findet in diesem Fall eine erhebliche Einschränkung der Wahlmöglichkeiten statt, die selbst gewählt ist. Für Mädchen und Frauen fällt diese letztlich umfassender aus. Aber auch für junge Männer ist ein Ausbruch aus den vorgegebenen Geschlechterrollen nicht vorgesehen. Ihre Männlichkeit geht stets mit dem Imperativ einher, andere Männlichkeiten und insbesondere Homosexualität abzuwerten. Hier kann wiederum die Männlichkeitsforschung innerhalb der Gender Studies interessante Erkenntnisse liefern. [12]

Fußnoten

7.
Vgl. Kiefer 2015
8.
Vgl. Becker-Schmidt 2010
9.
Käsehage 2016
10.
Weichselbaumer 2016
11.
Vgl. dazu Lutz/Herrera Vivar/Supik 2013
12.
Für einen Überblick: Wedgewood/Connell 2010; zum Zusammenhang zwischen Männlichkeitsvorstellungen und u. a. terroristischer Gewalt insb. Kimmel 2018
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