HERAUSFORDERUNG ISLAMISMUS Infodienst Radikalisierungsprävention

3.12.2018 | Von:
Nora Fritzsche

Mädchen und Frauen im Salafismus

Gender-Perspektive auf Rollenverhältnisse, Anwerbung und Hinwendungsmotive

Fazit: Handlungsempfehlungen für eine geschlechtersensible Prävention

Zum Thema Frauen im Salafismus besteht, das ist unumstritten, weiterhin großer Forschungsbedarf. Insbesondere was die spezifischen Motive von Mädchen und Frauen in der Hinwendung zu salafistischen Szenen angeht, kann die Radikalisierungsforschung die Präventionspraxis weiter unterstützen. Dabei sollte der bisherige Wissensstand zu Frauen in rechtsextremistischen oder völkischen Szenen sowie Erkenntnisse aus dem Bereich der sogenannten "Sekten" genutzt werden. Hier gibt es jahrzehntelange Erfahrung, Forschung und Fachkompetenz, die sich in vielen Punkten übertragen lässt. [13] Des Weiteren lohnt sich der Blick in die Frauen- und Geschlechterforschung. In den letzten Jahren insbesondere von rechtspopulistischer Seite unter Beschuss stehend und in Ungarn im Oktober 2018 per Dekret verboten, kann dieser Zweig der sozialwissenschaftlichen Forschung mit seiner Querschnittskompetenz viel beitragen zum Verständnis von Geschlechterstrukturen im Salafismus.

Aus dem bisherigen Wissen lassen sich für die Erarbeitung von Präventionskonzepten oder Projekten jedoch bereits einige Handlungsempfehlungen ableiten:

1. Emanzipatorische und inklusive Mädchen- und Jungenarbeit stärken
Die offene Kinder- und Jugendarbeit im Allgemeinen spielt im Umgang mit Radikalisierungstendenzen eine große Rolle. [14] Vielen Motiven, wie dem Wunsch nach Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit, Halt und Orientierung, kann eine entsprechend aufgestellte und finanzierte Jugendarbeit begegnen. Angebote der Mädchen- und Jungenarbeit im Speziellen sind nochmal von besonderer Bedeutung, wenn sie emanzipatorisch und inklusiv wirken. Emanzipatorisch, weil sie Eigenständigkeit fördern, Selbstwertgefühl stärken, Geschlechterrollen hinterfragen, andere Rollenverständnisse sichtbar und wählbar machen – gerade für Mädchen, denen diese Diversität zuhause fehlt. Inklusiv, weil dabei kein überfordernder Loyalitätskonflikt entstehen darf. Mädchen dürfen nicht das Gefühl vermittelt bekommen, für die Teilnahme an solchen Angeboten eine Wahl treffen zu müssen.

Ein "mit-Kopftuch-kannst-du-hier-aber-nicht-mitmachen" beispielsweise darf es in feministischer Mädchenarbeit nicht geben. Hier entstehen sonst genau die Diskriminierungserlebnisse, die diese Mädchen oft von Regelangeboten fernhalten. Anregungen für eine intersektionale Pädagogik bieten beispielsweise das Berliner Projekt i-Päd, die Fachstelle Gender und Diversität NRW sowie entsprechend orientierte Frauenbegegnungsstätten vor Ort.

Mädchenarbeit kann nicht nur primärpräventiv wirken. Selbst Mädchen, die beispielsweise in salafistischen Elternhäusern aufwachsen und häufig nicht an gemischtgeschlechtlichen Angeboten teilnehmen (dürfen), bietet ein solches Angebot die Chance, Alternativen kennenzulernen und sich auszuprobieren.

Geschlechtergetrennte Angebote (gegebenenfalls kombiniert mit Bildungsangeboten wie Hausaufgabenbetreuung) eröffnen hier zumindest die Möglichkeit, das Vertrauen salafistischer Eltern zu gewinnen und/oder sie zur Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung (HZE) nach SGB VIII zu motivieren – in Fällen, in denen eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist. Anders als beim Rechtsextremismus, bei denen Mädchen beziehungsweise ihr Umfeld geschlechtsspezifische Angebote eher ablehnen. Im Sinne des Kindes ist auch hier entscheidend, nicht in die offene Konfrontation mit den Eltern zu gehen oder ein Entscheidungsdilemma aufzubauen. Wichtig ist ein beständiges alternatives Angebot für das Kind. [15]

2. Weibliche muslimische Vorbilder sichtbar machen und Teilhabechancen stärken
Diversität ist das beste Mittel gegen die verengte Weltsicht des Salafismus – an Schulen, in Jugendeinrichtungen, in der Öffentlichkeit, im Arbeitsleben. Mit und ohne Kopftuch, streng praktizierend oder nicht praktizierend; unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe und Meinungen müssen für Mädchen sichtbar sein. Diese Vorbilder gibt es in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens noch viel zu wenig. Warum das so ist und wie die Teilhabechancen für muslimische Frauen in der Realität aussehen, müssen sich alle ehrlich fragen, die primärpräventiv wirken wollen. [16]

3. Angebote der Elternarbeit ausbauen – insbesondere mit Vätern
Im Falle einer Radikalisierung melden sich bei Beratungsstellen sehr häufig Eltern – meistens Mütter. Sie in ihrer Rolle zu stärken und über Radikalisierungsverläufe aufzuklären, kann helfen, früher Hilfe zu organisieren. Einige Projekte sind in diesem Bereich schon aktiv, klären auf, sensibilisieren und stärken engagierte Frauen und Mütter beispielsweise in religiösen Gemeinden. [17] Das Angebot ist aber ausbaufähig. Auch eine stärkere Einbindung von Vätern wäre sinnvoll. Die Biografien ausgereister oder anders militant in Erscheinung getretener junger Menschen legen bisher nahe, dass eine fehlende oder dysfunktionale Beziehung zum Vater als Push-Faktor von Radikalisierung eine Rolle spielt.

Ein besonderer Blick lohnt sich auch auf das Phänomen der Partnerschaftsgewalt bzw. Gewalt gegen die Mutter. Sind Kinder Zeug/-innen häuslicher Gewalt, hat diese weitreichende Konsequenzen für ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihren geschlechtsbezogenen Selbstwert. [18] Kinder nehmen (in der überwiegenden Zahl der Fälle von Partnerschaftsgewalt) den Vater als Mann und Täter und die Mutter als Frau und Opfer war – häusliche Gewalt verstärkt und verschärft also Geschlechterhierarchien. [19] Ein Teil der Kinder überträgt diese Erfahrung im späteren Leben in eigenes Verhalten. Insbesondere Söhne, die in ihrer Kindheit Zeuge von Partnerschaftsgewalt gegen die Mutter werden und sich mit dem Täter identifizieren, erlernen Gewalt als legitimes Mittel und Möglichkeit der Selbstwertstabilisierung. [20] Für Mädchen gilt häufig die andere Seite der Medaille: Töchter, die ihre Mütter stets in Abhängigkeits- oder Gewaltsituationen erleben, sind im späteren Leben selbst verletzlicher für Abhängigkeitsverhältnisse. [21] Auch auf der familiären Ebene wirken in diesem Kontext also Geschlechterdynamiken; eine geschlechtersensible Arbeit auch mit Eltern wäre sinnvoll. Insbesondere mit Vätern wären Formate nötig, die gezielt in die Haltungsarbeit zu Elternrollen, Vaterfiguren und Männlichkeitsvorstellungen gehen – dabei aber niedrigschwellig und attraktiv bleiben.

Dieser Artikel ist in gekürzter Form im AJS FORUM 04/18 erschienen.

Literatur

Baer, Silke 2017: Mädchen im Blick. Gender-reflektierte Präventionsarbeit, in: Sie haben keinen Plan B. Radikalisierung, Ausreise, Rückkehr – zwischen Prävention und Intervention, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 10151.

Baer, Silke/ufuq.de 2015: WomEx: Frauen und Mädchen als Schlichterinnen im Extremismus? Ein Interview von Aylin Yavaş, 11.11.2015.

Becker-Schmidt, Regina 2010: Doppelte Vergesellschaftung von Frauen: Divergenzen und Brückenschläge zwischen Privat- und Erwerbsleben, in: Becker, Ruth/Kortendiek, Ruth (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter 2018: Radikalisierungstendenzen bei Kindern und Jugendlichen im Arbeitsbereich der Jugendarbeit.

Cultures interactive e.V. 2015: Women and Gender in Extremism. Genderaspekte im Rechtsextremismus und religiösen Fundamentalismus.

Cyba, Eva 2010: Patriarchat. Wandel und Aktualität, in Becker, Ruth/Kortendiek, Ruth (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden.

Fritzsche, Nora/Puneßen, Anja 2017: Aufwachsen in salafistischen Familien – Herausforderung für die Jugendhilfe zwischen Religionsfreiheit und möglicher Kindeswohlgefährdung, erschienen u. a. im Infodienst Radikalisierungsprävention.

Käsehage, Nina 2016: Konversion zum Islam innerhalb Deutschlands. Unter besonderer Berücksichtigung verfassungsrechtlicher Fragen, Hamburg.

Kiefer, Michael 2015: Auf dem Weg zur wissensbasierten Radikalisierungsprävention? Neosalafistische Mobilisierung und die Antworten von Staat und Zivilgesellschaft, in: forum kriminalprävention 1/2015. Kimmel, Michael 2018: Healing from Hate: How Young Men Get Into – and Out of – Violent Extremism, University of California Press.

Kindler, H. 2002: Partnerschaftsgewalt und Kindeswohl. Eine meta-analytisch orientierte Zusammenschau und Diskussion der Effekte von Partnerschaftsgewalt auf die Entwicklung von Kindern: Folgerungen für die Praxis, Deutsches Jugendinstitut, München.

Krahé, B./Scheinberger-Olwig 2002: Sexuelle Aggression, Göttingen.

Lutz, Helma/Herrera Vivar, María Teresa/Supik, Linda 2013: Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzepts, 2. überarbeitete Auflage, Wiesbaden.

Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz 2018: Frauen im Salafismus, Broschüre 1. Auflage.

Thürmer-Rohr, Christina 2010: Mittäterschaft von Frauen: Die Komplizenschaft mit der Unterdrückung, in Becker, Ruth/Kortendiek, Ruth (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden.

Wedgewood, Nikki/Connell, R. W. 2010: Männlichkeitsforschung und Männlichkeiten im internationalen Forschungskontext, in: Becker, Ruth/Kortendiek, Ruth (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden.

Weichselbaumer, Doris 2016: Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, IZA DP No. 10217.

Wetzels, P. 1997: Gewalterfahrungen in der Kindheit: Sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren langfristige Konsequenz, Baden-Baden.

Fußnoten

13.
Vgl. dazu insbesondere Cultures interactive 2015; Baer/ufuq.de 2015
14.
Vergleiche dazu das Positionspapier der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter “Radikalisierungstendenzen bei Kindern und Jugendlichen im Arbeitsbereich der Jugendarbeit”, Mai 2018.
15.
Vgl. Fritzsche/Puneßen 2017
16.
Vgl. ausführlich dazu: Baer 2017, 289f.
17.
Ein Beispiel wäre hier das über Demokratie Leben! geförderte Modellprojekt “Frauen stärken Demokratie” der Frauenbegegnungsstätte UTAMARA e. V., das in Zusammenarbeit mit religiösen Gemeinden Frauen und Mütter der Gemeinde zu Ansprechpartnerinnen und Multiplikatorinnen ausbildet und in ihrem demokratischen Engagement unterstützt, sowie das bayrische Pilotprojekt der “Mother Schools”.
18.
Vgl. Kindler 2002
19.
Wetzels 1997
20.
Vgl. Wetzels 1997
21.
Vgl. Krahé/Scheinberg-Olwig 2002
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