Soziale Medien sind längst fester Bestandteil im Alltag vieler Menschen, vor allem bei Jugendlichen. Nicht zuletzt deshalb haben auch islamistische Akteur:innen Soziale Medien bereits früh als Kommunikationsmedium für sich entdeckt. Als ‚Early Adopter‘, das heißt Akteur:innen, die neue digitale Möglichkeiten sehr früh nutzen (Lehmann/Schröder 2021), sind sie auf nahezu jeder Plattform anzutreffen, verbreiten ihre Narrative und versuchen neue Anhänger:innen zu gewinnen. In den letzten 15 Jahren entwickelte sich das Phänomen äußerst dynamisch und stellte Praktiker:innen in der Präventionsarbeit und in den Sicherheitsbehörden damit immer wieder vor neue Herausforderungen.
Die Corona-Pandemie hat die Relevanz Sozialer Medien für islamistische Akteur:innen und junge Nutzer:innen sozialer Netzwerke nochmals erhöht. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram erreichen diese Akteur:innen zehntausende, in manchen Fällen sogar hunderttausende junge Nutzer:innen. Ihre Inhalte passen sie den Formaten der Plattformen an und greifen aktuelle Themen aus der Lebenswelt der Nutzer:innen – von Kontroversen um Influencer:innen aus dem „Mainstream“ bis zum vermeintlich religionskonformen Umgang mit dem anderen Geschlecht – auf, um so mit ihren Narrativen gezielt daran anknüpfen zu können und sie emotional aufzuladen (Tinç 2023). Die plattformspezifischen Algorithmen können dabei zusätzlich als Verstärker wirken, indem sie die Vielfalt der Inhalte immer weiter einengen und extremistische Narrative reproduzieren und dadurch fördern.
Islamistische Prediger:innen, die sich als Influencer:innen inszenieren und daher nach Tinç auch als „Predigencer“ bezeichnet werden (Deutschlandfunk 2024), verzeichnen eine wachsende Reichweite ihrer Auftritte. Diese Reichweiten sind keine abstrakten Zahlen, sondern digitale Phänomene mit analogen Reaktionen: Die Gruppe inzwischen vom Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) verbotene Gruppierung „Muslim Interaktiv“
Inhalte islamistischer Akteur:innen in den Sozialen Medien unterscheiden sich teilweise sehr stark in ihrem Auftritt und in den Narrativen. Das Spektrum der Akteur:innen ist dabei breit gefächert, zum Teil geschlechtsspezifisch ausgerichtet und es lassen sich unterschiedliche Schwerpunkte hinsichtlich der genutzten Plattformen und Formate feststellen. Ein Überblick:
Islamistische Akteur:innen in den Sozialen Medien
Salafistische Akteur:innen
Schaut man sich die Accounts salafistischer Akteur:innen in den Sozialen Medien an, so findet man hier Personen aus verschiedenen salafistischen Spektren und Generationen. Gemeinsam ist ihnen die Beschäftigung mit Fragen der absolutistischen Interpretation religiöser Konzepte und Inhalte sowie deren Anwendung im Alltag. Die Akteur:innen geben eindeutige Antworten auf komplexe theologische Fragen, dabei wird das innerislamische Meinungsspektrum häufig ignoriert und die eigene salafistische Lesart als endgültige Wahrheit mit ‚dem Islam‘ gleichgesetzt.
Sowohl die „alte Garde“ salafistischer Prediger, wie beispielsweise Abul Baraa und Pierre Vogel, als auch neuere Akteure, wie der oben bereits erwähnte Abdelhamid und Ibrahim el-Azzazi, sind auf den gängigen Plattformen von YouTube bis TikTok präsent. Insbesondere auf Plattformen wie TikTok, die durch eine junge Nutzer:innen-Struktur gekennzeichnet sind, liegt die Reichweite einzelner Akteur:innen im sechs- bis siebenstelligen Bereich (beispielsweise Abdelhamid mit knapp 600.000 Follower:innen auf TikTok).
Salafistische Prediger des Mainstreams sprechen sowohl politische Themen wie den Nahostkonflikt (wenn auch in geringerer Frequenz als Akteure, die der Hizb ut-Tahrir (HuT) nahestehen) an, als auch Themen wie Geschlechterrollen, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Auf diesem Weg verbreiten sie misogyne und patriarchale Narrative, etwa, indem Sexualpädagogik in Grundschulen skandalisiert oder vor dem Aufbrechen traditionell heteronormativer Geschlechterbilder gewarnt wird, um die eigenen patriarchalen Vorstellungen einer binär konstruierten Weiblichkeit und Männlichkeit dagegen zu positionieren.
Islamistische Akteur:innen
Kanäle wie Ahmad Tamim (ehemals „Generation Islam“) oder „Muslim Interaktiv“, die der in Deutschland verbotenen HuT nahestehen bzw. nahestanden, verdeutlichen die Hybridisierung des Alltags zwischen On- und Offline-Welten. Die Gruppen aus diesem Spektrum greifen vor allem gesellschaftspolitische Themen und reale Missstände auf, um Abonnent:innen für ihre Kanäle zu gewinnen. Auf Instagram, TikTok und YouTube werden vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierungen gegenüber Muslim:innen thematisiert und als Ausdruck einer grundlegenden und strukturellen Islamfeindlichkeit der deutschen Gesellschaft und/oder „des Westens“ dargestellt. Damit werden eigene Diskriminierungserfahrungen der Rezipient:innen angesprochen, zu denen sich die Aktivisten komplementär als Sprachrohr und Verteidiger einer islamischen Identität darstellen. Auch der Nahostkonflikt ist hier immer wieder ein Thema.
Dabei werden Aktionen wie die bereits erwähnten Demonstrationen von „Muslim Interaktiv“ genutzt, um wiederum neuen Content für die Online-Kanäle der Gruppe zu erstellen. Die digitale und die analoge Welt beeinflussen sich dabei wechselseitig und können kaum getrennt voneinander gedacht werden.
Dschihadistische Akteure
Dschihadistische Akteure wie der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) und dessen Anhänger:innen sind zwar hauptsächlich abseits der großen Plattformen auf Messengerdiensten und Foren wie Telegram oder RocketChat präsent, aus dem Milieu der Unterstützer:innenszene gibt es jedoch immer wieder Versuche, auf „Mainstream-Plattformen“ von Facebook bis TikTok Fuß zu fassen. Alte und neue Propagandamaterialien von Terrororganisationen wie dem „IS“ können bis zu ihrer Löschung auch auf diesen Plattformen immer wieder hohe Aufrufzahlen erzielen. Dabei handelt es sich um Videos, Bilder und Anaschid , die vergangene Angriffe des „IS“ zelebrieren, das Leben auf dem ehemaligen Gebiet der Terrororganisation idealisieren und zu Anschlägen aufrufen.
Über Links zu Telegram und Discord-Kanälen wird die Kommunikation von TikTok in kleinere Gruppen verlagert, dort werden häufig noch extremere Inhalte, wie Videomaterial des „IS“ mit expliziten Gewaltdarstellungen, geteilt. Bei Messengerdiensten wie Telegram existieren geschlossene Kanäle, die als Tauschbörsen für solche dschihadistischen Inhalte fungieren und die damit zu ihrer weiteren Verfügbarkeit beitragen. Über die letzten zwei Jahre wurden zudem Fälle von Anschlagsplanungen Minderjähriger registriert, bei denen TikTok und Chatgruppen bei Messengerdiensten wie Telegram und WhatsApp und die dort verbreiteten dschihadistischen Inhalte eine entscheidende Rolle im Radikalisierungsprozess und der Vernetzung eingenommen haben sollen, so auch bei einem Fall aus dem Jahr 2024, bei dem drei Jugendliche über Chats verschiedene Möglichkeiten für einen Anschlag diskutiert haben sollen (WDR 2024).
Islamistinnen als Akteurinnen in den Sozialen Medien
Weibliche Akteurinnen aus dem islamistischen und salafistischen Milieu unterscheiden sich vor allem im Auftritt und in der Ansprache von männlichen Akteuren. In der Regel verwenden die Frauen weder ein Profilbild oder Klarnamen, noch treten sie in Videos auf. Eine neuere Ausnahme von diesem Modus Operandi stellt Hannah Hansen dar. Die ehemalige Boxerin zeigt ihr Gesicht und tritt auch bei Vortragsveranstaltungen unter ihrem Namen auf. Inhaltlich und rhetorisch ähneln sich die Themen, die Frauen und Männer ansprechen, jedoch häufig. Zum Beispiel werden oft theologische Fragen mit der Lebenswelt verknüpft – bei gleichzeitiger Abwertung anderer alternativer Interpretationen.
Weibliche Accounts aus dem islamistischen Milieu adressieren spezifisch muslimische Frauen, anders als männliche Accounts, die beide Geschlechter ansprechen (Krämer/Wetchy 2023). Dazu nutzen sie genderspezifische Themen: So werden vor allem Fragen rund um Themen nach der vermeintlich islamisch korrekten Bekleidung, zur Rolle der Frau in der Ehe und als Mutter in den Mittelpunkt gerückt. In den Antworten werden häufig patriarchale Rollen- und Geschlechterbilder propagiert, die zu erfüllen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem gottgefälligen Leben sei. Die Reichweite von Akteurinnen aus dem islamistischen Milieu ist gemeinhin jedoch weitaus geringer als die von Männern. Dies liegt vor allem an dem Unterschied im Auftritt, aber auch an den Formaten, da Frauen wesentlich seltener in Videos auftreten.
Besonders relevante Plattformen
Soziale Medien zeichnen sich durch die schnellen und vielfältigen Interaktionsmöglichkeiten ihrer Nutzer:innen aus, die von Likes und Kommentaren zu öffentlichen Beiträgen bis hin zu privaten Textnachrichten reichen. Nutzer:innen legen ein eigenes Profil an und können sich durch Freundschaftsanfragen oder Abonnements miteinander vernetzen und kommunizieren. Je nach Plattform können sich die Formate, in denen die Inhalte geteilt werden, mitunter stark unterscheiden – während Facebook neben Videos und Bildern auch das Verfassen längerer Textbeiträge ermöglicht, stehen bei Instagram und TikTok schnell geschnittene Videos von oft unter einer Minute Dauer sowie Fotos und grafisch designte Bilder im Mittelpunkt. Messengerdienste wie Telegram oder WhatsApp bieten inzwischen ebenfalls viele Interaktionsmöglichkeiten. Nutzer:innen können Kanäle erstellen, in denen nur von Seite der Sendenden Inhalte veröffentlicht werden können, während die Follower des Kanals auf die Inhalte lediglich in Form von Emojis oder kurzen Kommentaren reagieren können. Chatgruppen auf Messengerdiensten wie WhatsApp oder Telegram ermöglichen hingegen, dass Nutzer:innen sich als gleichberechtigte Sendende begegnen, sodass von allen Inhalte geteilt und kommentiert werden können. Aufgrund dieser Funktionen verschwimmt die Grenze zwischen Sozialen Medien und Messengerdiensten zunehmend. Da islamistische Akteur:innnen Soziale Medien und Messengerdienste für ihre Kommunikation nutzen, werden im Folgenden Beispiele aus beiden Bereichen vorgestellt.
Nachdem Anfang und Mitte der 2010er-Jahre vor allem Facebook und YouTube die bevorzugten Plattformen islamistischer Akteur:innen waren, hat inzwischen eine Verlagerung hin zu Plattformen wie Instagram und TikTok stattgefunden. Insbesondere YouTube ist jedoch auch weiterhin relevant für ausführlichere und aufwändiger produzierte Inhalte. Vor allem Videomitschnitte von längeren Vorträgen zu religiösen Themen aus dem salafistischen Spektrum und podcastartige Talk-Formate – wie etwa „Deen-Talks“ von Raheem Boateng („Muslim Interaktiv“) – sind weiterhin auf YouTube zu finden.
Längst etablierte Plattformen wie Facebook oder X haben gegenüber den jüngeren Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat zuletzt an Bedeutung verloren. Zwar haben Akteur:innen aus allen Phänomenbereichen weiterhin eine Präsenz auf Facebook, die Reichweiten dort sind jedoch deutlicher geringer als auf den anderen Plattformen. Damit folgen die Akteur:innen auch dem Nutzungsverhalten ihrer jüngeren Zielgruppen, die vor allem Youtube, Instagram und TikTok bevorzugen (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2024).
TikTok stand zuletzt wegen der Verbreitung radikaler und extremistischer Inhalte zunehmend im Fokus der medialen Berichterstattung. Gruppen wie „Muslim Interaktiv“ und dschihadistische Propaganda treffen dort auf ein jugendliches Publikum. Das Format der Kurzvideos, die häufig nicht länger als eine Minute dauern, ein Algorithmus, der die Interessen der Nutzer:innen schnell erkennt und bedient, sowie verschiedene Interaktionsmöglichkeiten, etwa durch Kommentare oder Livestreams, machen die Plattform für islamistische Akteur:innen und junge Rezipient:innen gleichermaßen attraktiv. Formate wie Livestreams mit Kommentarfunktion oder Q&A’s , die Authentizität und Nahbarkeit vermitteln, werden gezielt genutzt, um bei den Zuschauer:innen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erzeugen und so die eigenen Inhalte wirkungsvoller zu vermitteln. Dabei kann die Interaktion mit den Akteur:innen auf der Nutzer:innenseite als eine Aufwertung erlebt werden, wenn etwa reichweitenstarke Akteur:innen auf den eigenen Kommentar Bezug nehmen. Dies geschieht beispielsweise in Livestreams mit Q&A’s, in denen namhafte Prediger wie Pierre Vogel auf Live-Kommentare und Fragen der Nutzer:innen eingehen.
Auf Instagram finden sich grafisch designte Inhalte, die ästhetisch ansprechend und seriös wirken und gleichzeitig extremistische Botschaften transportieren können. Die Nutzer:innen erkennen dadurch nicht immer sofort, dass sie es mit radikalen Akteur:innen zu tun haben. Kurzvideo-Formate, wie Instagram Reels und Stories , ermöglichen es, schnell und unkompliziert auf aktuelle Ereignisse einzugehen und so auf das Informationsbedürfnis der Zielgruppe einzugehen und deren Meinungsbildung zu beeinflussen. Insbesondere Accounts aus dem HuT-nahen Spektrum teilten im Kontext des Gaza-Krieges bis zu ihrer Löschung regelmäßig Reels und Stories, die die Folgen israelischer Luftangriffe zeigen sollen, und verknüpften diese Bilder mit dem Feindbild der „Zionist:innen“ und einer unterkomplexen Schwarz-Weiß-Perspektive auf den Konflikt.
Abseits der großen „Mainstream-Plattformen“ existieren mit Discord und Telegram zwei Messengerdienste, die verstärkt zur Entstehung von Echokammern beitragen, in denen sich Nutzer:innen in ihren (radikalen) Ansichten gegenseitig bestärken und anstacheln. Vor allem junge Nutzer:innen radikalisieren sich in diesen Meinungsblasen so wechselseitig weiter. Diese Kanäle und Chats sind häufig kleiner und die Plattformen (vor allem Telegram) weniger reguliert. Zusätzlich bieten sie vermeintliche Anonymität – deshalb sind sie besonders bei Dschihadist:innen beliebt.
Aufgrund der wiederkehrenden Löschung dschihadistischer Accounts und Inhalte durch die Plattformbetreiber (teilweise aufgrund sicherheitsbehördlicher Anordnung) experimentieren dschihadistische Akteur:innen außerdem häufiger mit neueren, eher unbekannten Plattformen, wie beispielsweise den Messengerdiensten Session oder Rocket.Chat, die Anonymität und Schutz vor technischer Überwachung versprechen. Session erfordert dazu lediglich einen frei wählbaren Anzeigenamen und setzt keinerlei Registrierung via SIM-Karte oder E-Mail voraus, ebenso sind auch bei der Plattform Rocket.Chat keine personenbezogenen Daten für die Registrierung notwendig.
Ziele und Strategien
Islamistische Akteur:innen nutzen die verschiedenen Plattformen, um mit ihren Erzählungen ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Gemessen an der möglichen Reichweite bleiben der Aufwand und das Risiko für die Akteur:innen dabei überschaubar. Im Gegensatz zur ausschließlichen Nutzung klassischer Medien (Print, Hörfunk, Fernsehen), wie früher im Terrorismus in Ermangelung von Alternativen üblich, behalten sie dabei die Kontrolle über Inhalte und deren Inszenierung. Auf diese Weise platzieren sie ihre Narrative im öffentlichen Diskurs, versuchen Einfluss auf Debatten zu nehmen, neue Anhänger:innen zu gewinnen und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.
Neben ausführlichen Vorträgen zu theologischen Fragen, die vor allem auf YouTube zu finden sind, werden von salafistischen Akteur:innen beispielsweise auf Instagram oder TikTok vermehrt nur kurze Ausschnitte aus Predigten geteilt. Dort werden Fragen zur Anwendung religiöser Konzepte in der Gegenwart in Q&A-Formaten auf die unterkomplexe Frage nach „Erlaubt (halal) vs. Verboten (haram)“ verkürzt. Durch die Anpassung an die Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit der Plattformen erfahren auch die salafistischen Inhalte eine extreme Simplifizierung, bei gleichzeitiger Abwertung beziehungsweise dem vollständigen Ausblenden anderer Auslegungen der religiösen Praxis. Die Ansprachen an die Zielgruppe sind entsprechend niedrigschwellig und erleichtern den Rezipient:innen dadurch den Einstieg in salafistische Gedankenwelten (Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen 2024).
Dabei spielen immer wieder Emotionen wie Angst, Schuld oder Scham eine Rolle. Durch die Verknüpfung der (meist negativen) Emotionen mit lebensweltlichen Themen, popkulturellen Trends und gleichzeitigen Jenseitsbezügen schaffen die Akteur:innen eine Relevanz für die Rezipient:innen. An diese Erzählungen knüpfen sie Feindbilder, Identitäts- und Selbstwirksamkeitsangebote an, um sich und die eigene islamistische Ideologie als Ausweg aus einem vermeintlichen oder realen Missstand zu präsentieren. Vor allem jugendspezifische Aushandlungsprozesse um Identität, Sinn und Zugehörigkeit machen diese Zielgruppe empfänglich für radikale Ansprachen, die vermeintlich einfache Lösungen für diese Aushandlungsprozesse anbieten.
Das Auftreten einzelner islamistischer Akteur:innen ähnelt zunehmend dem von Influencer:innen. Jüngere salafistische Akteure wie zum Beispiel Abdelhamid, der auf TikTok knapp 600.000 Follower:innen hat, orientieren sich in ihrem Auftreten stark an einer jungen Zielgruppe. Neben traditioneller islamischer Kleidung trägt er häufig Sport- oder Markenkleidung und eine Baseballkappe. In seinen Videos betont er, selbst jahrelang ein Leben in Sünde geführt zu haben und deshalb mit den Fragen und Konflikten seiner Zielgruppe bestens vertraut zu sein. Seine Botschaft lautet: „Ich bin einer von euch.“ Damit nutzt Abdelhamid die Identifikation mit seiner Person als Schlüssel, um Zugang zur Zielgruppe zu erhalten und dort seine Inhalte gezielt zu platzieren. Besonders deutlich wird dieses Andocken an das Identifikationsbedürfnis und die Emotionalität der Rezipient:innen durch Formate, die direkt aus dem „Mainstream“ der Sozialen Medien übernommen werden, allen voran sogenannte Reaction-Videos , die im Fall von Abdelhamid von seinen Follower:innen vorgeschlagen werden können und in denen die dargestellten Emotionen von Abdelhamid als reagierender Person im Mittelpunkt stehen.
Kanäle wie „Ahmad Tamim“ (ehemals Generation Islam) und „Muslim Interaktiv“ bieten bzw. boten ihren Follower:innen die Möglichkeit für Online-Aktivismus, beispielsweise in Form von „Twitterstorms“. Dabei werden eigene Hashtags kreiert oder bereits bestehende gekapert und mit eigenen Inhalten versehen. Die gleichzeitige intensive Nutzung des Hashtags durch viele Nutzer:innen sorgt dafür, dass der Algorithmus das Thema als Trend erkennt und die Inhalte so auch Nutzer:innen außerhalb der eigenen Echokammer angezeigt werden. Damit gelingt es den Akteur:innen, die Reichweite ihrer Themen temporär um ein Vielfaches zu steigern. Gleichzeitig bietet das Vorgehen eine niedrigschwellige Form des Aktivismus, die durch kollektive Partizipation und Anstrengung ein Gemeinschaftsgefühl und Selbstwirksamkeitserfahrungen kreieren kann.
Dschihadistische Akteur:innen fallen auf den großen Plattformen vor allem dadurch auf, dass sie Propaganda von Terrororganisationen wie dem „IS“ weiterverbreiten und Gewalt legitimieren oder dazu aufrufen. Sie wollen vor allem eine Sichtbarkeit ihrer Inhalte für ein möglichst großes Publikum herstellen, um neue Anhänger:innen zu rekrutieren oder zu Gewalttaten zu inspirieren. Da entsprechende Inhalte gegen Plattformregeln verstoßen, werden sie in der Regel schnell gelöscht. In Chatgruppen werden neben expliziten Gewaltdarstellungen und -aufrufen auch Anaschid geteilt und ausgetauscht. Weiterhin finden auch Spendenkampagnen für das dschihadistische Milieu auf Instagram und Telegram statt.
Herausforderungen und Chancen für Präventionsakteur:innen und Sicherheitsbehörden
Die vielen unterschiedlichen Akteur:innen, Plattformen und Narrative stellen die Plattformbetreiber, Praktiker:innen in der Präventionsarbeit und Sicherheitsbehörden vor dynamische Herausforderungen. Die Anpassungsfähigkeit der Akteur:innen und neue gesellschaftspolitische Entwicklungen beeinflussen die Narrative und das Auftreten von Islamist:innen in den Sozialen Medien, sodass ein konstantes Monitoring dieser Aktivitäten geboten ist, um neue Entwicklungen möglichst frühzeitig zu registrieren.
Die meisten Akteur:innen versuchen, mit ihren Inhalten unterhalb der Schwelle für regulative Maßnahmen seitens der Plattformen zu bleiben. Die zeitnahe Löschung dieser Inhalte scheint die Plattformbetreiber vor Herausforderungen zu stellen, sodass gewaltbefürwortende Inhalte zum Teil monatelang abrufbar sind. Das macht die Plattformen für islamistische Akteur:innen attraktiv, auch weil sie dort leicht ein junges Publikum erreichen können. Der Umstand, dass Inhalte, die zwar antipluralistisch und teils unvereinbar mit demokratischen Grundsätzen sind, nicht die Voraussetzungen für eine Löschung erfüllen müssen, ebenso wie die Tatsache, dass die Neuerstellung oder Umbenennung von Accounts solche Maßnahmen gar umgehen kann, machen deutlich, dass der Umgang mit islamistischen Inhalten auf mehreren Ebenen ansetzen muss. Für Sicherheitsbehörden kann es gerade bei den anonymeren Messengerdiensten eine Herausforderung darstellen, ohne Hilfe aus dem Ausland dschihadistische Chatgruppen aufzuspüren und die Identitäten der Teilnehmenden zu ermitteln. Häufig fehlen deutschen Sicherheitsbehörden dazu die rechtlichen und (teilweise) technischen Mittel. Neben der Löschung von Inhalten, die klar gegen Plattform-Guidelines und/oder Gesetze verstoßen, sind im Umgang mit radikalen Inhalten online deshalb vor allem pädagogische und präventive Maßnahmen geboten, um die Resilienz der jungen Zielgruppe gegenüber islamistischen Akteur:innen und ihren Deutungsangeboten zu fördern.
Der Onlinebereich bietet den Präventionsakteur:innen dazu verschiedene Möglichkeiten. Online-Streetwork in den Sozialen Medien sowie digitale Beratung stellen niedrigschwellige Angebote für die Adressat:innen dar, indem diese mitunter direkt in Chatgruppen oder Kommentarspalten angesprochen werden. Bei Bedarf und wenn entsprechende Netzwerke bestehen, können Klient:innen so auch an Offline-Strukturen weiterverwiesen werden. Verengte Meinungskorridore in Echokammern können durch die Präsenz von Online-Streetworker:innen in Kommentarspalten zumindest irritiert und so auch die stillen Mitleser:innen erreicht werden. Gleichzeitig bieten zivilgesellschaftliche Träger wie beispielsweise Violence Prevention Network Online-Beratung für die verschiedenen Phänomenbereiche an. Ratsuchende können dort über verschiedene Formate wie E-Mail, Text-Chat oder Video-Chat niedrigschwellig und anonym Fachkräfte konsultieren. Insbesondere jungen und technikaffinen Zielgruppen, die ohnehin viel Zeit online verbringen, wird damit ein Beratungsangebot direkt in ihrer Komfortzone gemacht.
Insbesondere Inhalte, die öffentlich zugänglich sind, ermöglichen zudem eine genaue Beobachtung und Analyse von aktuellen Themen und Narrativen der Akteur:innen und ihrer Zielgruppen. Praktiker:innen, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden sind damit prinzipiell in der Lage, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. Dazu ist es wichtig, die verschiedenen Perspektiven und Arbeitsberieche dieser Akteur:innen zu bündeln, um so ein aktuelles und umfassendes Bild des Phänomenbereichs für alle Präventionsakteur:innen zu gewährleisten. Über verschiedene Formate findet deshalb ein ständiger Austausch und Wissenstransfer statt, um das Wissen und die Erfahrung aus den verschiedenen Perspektiven und Arbeitsbereichen zugänglich zu machen, etwa über Publikationen von Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichen Projekten wie dem Wissenschaftsbereich des Violence Prevention Networks, die Monitoringberichte von modus|zad oder öffentliche Tagungen.