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ALTERnative Perspektiven? Islamistischer Extremismus jenseits der Adoleszenz | Infodienst Radikalisierungsprävention | bpb.de

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ALTERnative Perspektiven? Islamistischer Extremismus jenseits der Adoleszenz

Benedikt Friedrich

/ 13 Minuten zu lesen

Islamismus gilt oft als Jugendproblem. Doch Daten und aktuelle Fälle zeigen: Radikalisierung endet nicht mit der Adoleszenz. Der Beitrag von Benedikt Friedrich geht der Frage nach, warum auch Erwachsene anfällig sein können und was die Prävention daraus lernen muss.

Islamismus und Radikalisierung sind keine reinen Jugendphänomene. Auch Erwachsene, oft in Lebensphasen des Umbruchs, können anfällig für islamistische Ideologien sein oder werden. (© Gary John Norman | Getty Images)

Islamismus – (K)ein Jugendphänomen?

Im Dezember 2025 sorgten innerhalb kurzer Zeit zwei Schlagzeilen mit Bezug zum Thema Islamismus für Aufsehen: Zum einen wurde im Raum Dingolfing-Landau ein 56-jähriger Prediger festgenommen, der mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten und zu verletzen, zu einem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt aufgerufen haben soll. Neben ihm wurden vier weiteren Personen im Alter von 22 bis 37 Jahren von der Polizei aufgegriffen (vgl. Mitterer/Röhmel 2025). Zum anderen kam es kurze Zeit später am berühmten Bondi Beach im australischen Sydney zu einem mutmaßlich antisemitischen Terrorangriff mit 15 Toten und zahlreichen Verletzten. Bei den Tätern handelte es sich um einen 50-Jährigen und seinen 24 Jahre alten Sohn, die von der Ideologie des „Islamischen Staats“ beeinflusst gewesen sein sollen (vgl. Bahrdt 2025).

Bemerkenswert bei diesen Fällen ist die Altersspanne der Täter und Tatverdächtigen. Während bereits in der Vergangenheit gerade ältere Personen wegen der (finanziellen) Unterstützung islamistischer Terrormilizen verurteilt wurden (vgl. dpa 2017; dpa 2023), besteht dennoch der Eindruck, dass es sich beim Phänomen Islamismus vorrangig um ein „Jugendproblem“ handelt. Jene Verknüpfung zieht sich hierzulande durch öffentliche Beiträge (etwa Berichte über immer jünger werdende Gewaltbereite, vgl. Musharbash 2024), zivilgesellschaftliche Projekte (hier sei exemplarisch das Präventionsprojekt PREVENT genannt, dass sich mit Angeboten an Jugendliche und Fachkräfte aus Schulen oder Jugendhilfeeinrichtungen richtet, vgl. Violence Prevention Network o. J.) sowie Maßnahmen und Programme des Bundes und der Länder, und damit verbunden als Fokus auch durch zahlreiche Publikationen (beispielsweise im interdisziplinär besetzten Sammelband „Salafismus in Deutschland. Jugendkulturelle Aspekte, pädagogische Perspektiven“, vgl. Toprak/Weitzel 2019) und Fachveranstaltungen (wie den Fachtag „Die Attentäter*innen werden immer jünger. Herausforderungen für die Präventionsarbeit im Spannungsfeld von Jugendschutz und öffentlicher Sicherheit“, vgl. Grüner Vogel 2025). Diese Schwerpunktsetzung ist fachlich gut begründet. Zugleich bleibt aber die Frage bestehen, inwieweit sich Radikalisierungsdynamiken auch jenseits der Jugendphase systematisch erfassen lassen. Trotz vereinzelter Stimmen, die in der Vergangenheit auch hinsichtlich der Altersstruktur für eine differenziertere Betrachtungsweise der islamistischen Szene in Deutschland plädierten (vgl. Interner Link: Nordbruch 2022), erfolgte bislang kein dezidierter Blick von Forschung und praktischen Angeboten auf Personen im Erwachsenenalter ab 30 Jahren und weit darüber hinaus.

Häufig wird gerade die Adoleszenz als eine sensible Phase gesehen, in der Identitätsbildungsprozesse und entscheidende Prägungen von (politischer) Orientierung stattfinden. Die Bewältigung der Aufgabe, sowohl eine eigene Identität herauszubilden als auch eine Befähigung zur gesellschaftlichen Teilhabe zu entwickeln, könne demnach zu einem Spannungsfeld führen, aufgrund dessen gerade Jugendliche besonders anfällig für extreme Denkweisen bis hin zur Ausübung von Gewalt seien (vgl. Lamberty 2013, S. 140). Hinzu kommen pragmatische Rahmenbedingungen vieler pädagogischer Maßnahmen und Präventionsprojekte, die diesen Fokus weiter manifestieren: Eine jugendliche Zielgruppe ist aufgrund von Regelstrukturen wie der Schulpflicht, aber auch durch Angebote der Jugendarbeit schlichtweg gut und konstant erreichbar. Weiterhin wird es häufig als effektiver angesehen, sich vorrangig mit jungen Menschen zu beschäftigen, da sie gesellschaftliche Strukturen länger mitprägen als ältere Menschen. So fördern große Bundesprogramme wie „Demokratie leben!“ in erster Linie Maßnahmen, die sich schwerpunktmäßig an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene richten (vgl. BMBFSFJ 2024, S. 1167).

Die hierzulande etablierte Angebotsstruktur für junge Menschen durch pädagogische und präventive Maßnahmen ist richtig und wichtig. Gleichzeitig sollte darüber nachgedacht werden, diese Perspektive zu erweitern und sich verstärkt auch älteren Zielgruppen in Forschung und Praxis zuzuwenden. So wurde an anderer Stelle etwa mit Blick auf die Reichsbürgerbewegung oder weitere rechtsextreme und verschwörungsideologische Szenen erkannt, dass auch im späteren Erwachsenenalter bestimmte Vulnerabilitätsfaktoren, wie zum Beispiel biografische Umbrüche, soziale Isolation, gesundheitliche Einschnitte oder Verlusterfahrungen, für die Hinwendung zu demokratiefeindlichem oder extremistischem Gedankengut von Bedeutung sein können (vgl. Friedrich 2025). Nachfolgend wird dargelegt, inwieweit eine derartige Weitung der Perspektive ebenfalls im Phänomenbereich Islamismus angebracht ist, welche Daten und Erkenntnisse hierzu bereits vorliegen, wo Leerstellen existieren und was daraus für die Präventionsarbeit in diesem Bereich folgt.

Altersstrukturen im Islamismus: Überblick über eine fragmentarische Datenlage

Die bestehende Datenlage zu Altersstrukturen von islamistischen Szenen ist weitestgehend fragmentarisch und unzureichend. Dezidierte Erhebungen zur Altersverteilung von islamistischem Personenpotenzial sind in Deutschland nur selten zu finden. Hervorzuheben sind vereinzelte Berichte der Landesämter für Verfassungsschutz. So bewertete der Berliner Verfassungsschutz in einer Lageanalyse aus dem Jahr 2017 die Altersstruktur der Angehörigen des salafistischen Spektrums in Berlin als „überdurchschnittlich alt“ und wies darauf hin, dass etwa die Hälfte der identifizierten Personen der Altersspanne von 26 bis 37 Jahren zuzuordnen ist. Zudem überstieg die Anzahl der über 40-Jährigen deutlich den Anteil der Personen unter 21 Jahren (vgl. Senatsverwaltung für Inneres und Sport 2017, S. 8–9). Das Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) beschrieb in einem Lagebild zum Salafismus aus dem Jahr 2019 ein ähnlich auffälliges Altersspektrum: Dort wurde die Altersstruktur der salafistischen Szene in NRW seinerzeit mit etwa 41 Prozent zwischen 26 und 35 Jahren und mit 38 Prozent über 35 Jahren beziffert (vgl. Ministerium des Innern NRW 2019, S. 19).

Wertvoll sind die Daten des Verfassungsschutzes des Landes Baden-Württemberg, der seit 2021 jährlich eine Sozialdatenanalyse zur im Bundesland lebenden salafistischen Szene erhebt. Die bislang veröffentlichten Erhebungen aus den Jahren 2021 bis 2024 belegen, dass die überwiegende Mehrheit älter als 30 Jahre ist, mit dem kontinuierlich größten Anteil an Menschen zwischen 30 und 39 Jahren (ca. 35 Prozent). Die Alterskohorte, die in den Jahren 2021 bis 2023 die zweitgrößte Gruppe bildete, waren die 20- bis 29-Jährigen. Jene Gruppe ging im untersuchten Zeitraum jedoch von 31 Prozent auf 22 Prozent zurück und liegt im Jahr 2024 gleichauf mit der Gruppe von 40- bis 49-Jährigen. Auffällig ist, dass der Anteil der 14- bis 19-Jährigen stets äußerst gering ausfällt und trotz zuletzt leichtem Anstieg aktuell bei lediglich 3 Prozent verortet wird. Demgegenüber wurden konstant Milieuangehörige im Alter von 50 Jahren und darüber hinaus identifiziert: Während bei den 50- bis 60-Jährigen über die Jahre hinweg noch ein Anteil von über 10 Prozent festgestellt wurde, sinkt die Anzahl der über 60-Jährigen jedoch auf knapp 5 Prozent. Die Kohorte der über 80-Jährigen ist kaum im Datenbild vorhanden (vgl. Verfassungsschutz Baden-Württemberg 2021; ders. 2022a; ders. 2023; ders. 2025).

Eine ähnliche Altersverteilung lässt sich auch in der repräsentativen Bevölkerungsbefragung „Menschen in Deutschland“ der Universität Hamburg finden, die im Jahr 2021 islamismusaffine Einstellungen unter in Deutschland lebenden Muslim:innen untersuchte. Am häufigsten vertrat die Kohorte von 18- bis 39-jährigen Muslim:innen klar islamismusaffine Haltungen oder stand diesen offen gegenüber (insgesamt rund 36 Prozent), jedoch wurden derartige Einstellungen auch noch in gehobenen Altersspektren beobachtet: So zeigte die Altersgruppe der 40- bis 60-Jährigen einen Zustimmungs- und Offenheitswert von insgesamt rund 23 Prozent, der schließlich bei der Kohorte ab 60 Jahren auf 17 Prozent sank (vgl. Wetzels et al. 2022, S. 75).

Die hier zitierten Daten lassen mit ihrem teils lokalen Fokus und den kurzen und meist nicht kontinuierlichen Untersuchungszeiträumen keine nachhaltigen und repräsentativen Schlüsse über die aktuelle Alterszusammensetzung islamistischer Szenen und Ausprägungen im gesamten Bundesgebiet zu. Dennoch zeichnen sie zusammengenommen ein überraschend klares Bild, nach dem der Eindruck, dass es sich beim Islamismus um ein reines Jugendphänomen handele, verkürzt erscheint. Gleichzeitig weisen die Erhebungen des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg darauf hin, dass ab der Lebensmitte die Gewaltaffinität abnimmt. Demnach ließ sich feststellen, dass gewaltbefürwortende dschihadistische Einstellungen vermehrt bei Alterskohorten unter 40 Jahren präsent seien, wohingegen über 40-Jährige als strategisches Mittel eher auf Da’wa-Aktivitäten, also auf Missionierungsarbeit, setzten (vgl. Verfassungsschutz Baden-Württemberg 2021). Jene Beobachtungen decken sich mit dem aktuellen Tenor in der Präventionsarbeit, wonach das durchschnittliche Alter islamistischer Attentäter:innen immer weiter sinkt (vgl. Grüner Vogel 2025). Eine geringere direkte Gewaltaffinität bei Älteren bedeutet jedoch nicht zwangsläufig eine geringere Relevanz im Radikalisierungsgeschehen, da missionarische Aktivitäten maßgeblich zur ideologischen Prägung und Radikalisierung jüngerer Zielgruppen beitragen können. Zugleich bleibt nicht zuletzt durch die eingangs erwähnten Beispiele ein Erkenntnisinteresse dahingehend bestehen, wann und aus welchen Gründen auch ältere Islamist:innen physische Gewalt ausüben.

In Anbetracht der vorangegangenen Punkte und ausgehend von der Annahme, dass ein gehobenes Alter nicht per se vor radikaler Gesinnung und demokratiefeindlichen Ansichten schützt, bleibt dennoch eine Kernfrage bestehen, die unter anderem für die Präventionsarbeit von Bedeutung ist: Handelt es sich bei radikalisierten Erwachsenen eher um Individuen, die sich bereits im Kindes- oder Jugendalter islamistischen Ideologien zugewandt haben und folglich in und mit der jeweiligen Szene altern, oder finden „neue“ Radikalisierungsprozesse auch in späteren Lebensabschnitten statt?

Um sich dieser Frage anzunähern, lohnt sich ein genauerer Blick auf Radikalisierungsprozesse und islamistische Angebotsstrukturen: Welche Faktoren können auch im Alter für die Hinwendung zu extremistischem Gedankengut eine Rolle spielen und gibt es islamistische Akteur:innen und Inhalte, die gezielt ältere Personen ansprechen?

Vulnerabilitätsfaktoren und islamistische Ansprachen im Erwachsenenalter

Interner Link: Radikalisierung bezeichnet zumeist den Prozess der Annahme von extremistischen Denk- und Handlungsweisen, der nicht zwangsläufig in Gewalt münden muss. Es handelt sich dabei um einen komplexen, nicht-linearen Vorgang, der von individuellen und gruppenbezogenen Faktoren, etwa sozialen oder politischen Kontexten, beeinflusst sein kann (vgl. Abay Gaspar et al. 2018; Violence Prevention Network 2020). Grundlegend für Radikalisierungsprozesse ist oftmals ein Zusammenspiel aus sogenannten Pushfaktoren, die Individuen anfälliger für radikales Gedankengut und Propaganda von extremistischen Akteur:innen machen, und Pullfaktoren, unter denen man Strategien und Anwerbungsmethoden versteht, die anfällige Individuen in extremistische Netzwerke führen.

Als Pushfaktor wird häufig die Umbruchs- und Schwellenphase der Adoleszenz bei Heranwachsenden benannt, in der diese durch die Suche nach Sinn, Orientierung oder Selbstwirksamkeit besonders vulnerabel und stärker anfällig für extremistische Sichtweisen sind. Umbruchs- und Schwellenphasen lassen sich jedoch nicht auf einen Lebensabschnitt beschränken und sind zusammen mit biografischen Herausforderungen ebenfalls im gehobenen Alter zu beobachten. Zieht man die aus den zuvor berücksichtigten Daten hervorstechende Alterskohorte von Anfang 30 bis Ende 40 heran, so lassen sich für diesen Lebensabschnitt ebenfalls typische Faktoren identifizieren, die zu einer Vulnerabilität für extremistisches Denken beitragen können: Fragen rund um Familiengründung und Erwerbstätigkeit dominieren oftmals diese Lebensphase. Biografische Einschnitte wie Trennungen, die Geburt von Kindern und damit zusammenhängend familiäre Verantwortlichkeiten sowie zunehmende Konfrontationen mit Krankheit und Todesfällen im sozialen Umfeld können in dieser Zeit verstärkt auftreten und zu Verunsicherung und erhöhtem Orientierungsbedarf beitragen. Dieser Lebensabschnitt wird häufig als „Rushhour des Lebens“ bezeichnet (Verfassungsschutz Baden-Württemberg 2021) und ist geprägt von Unwägbarkeiten, bedingt durch eine Häufung an Entscheidungen über Beruf, Wohnort oder Partner:innenwahl (vgl. ebd.). Diese vermeintlichen Weichenstellungen für den weiteren Lebensabschnitt können Stress und Druck etwa hinsichtlich finanziellen, karrieretechnischen oder romantischen Erfolgs auslösen und Fragen nach Selbstwirksamkeit, Selbstwert, Sinn und Zugehörigkeit bestärken (vgl. Jensen 2023). Zudem können biografische Vergleiche mit Gleichaltrigen sowie wahrgenommene Diskrepanzen zwischen eigenen Erwartungen und erreichten Lebenszielen in dieser Phase zu Selbstzweifeln und Unsicherheiten beitragen.

Für höhere Alterskohorten ab 60 Jahren liegen im Phänomenbereich Islamismus bislang kaum belastbare empirische Hinweise vor. Ob und in welcher Form typische Herausforderungen dieser späteren Lebensphase (etwa Renteneintritt, chronische Erkrankungen oder soziale Verlusterfahrungen) in diesem Kontext eine Rolle spielen, bleibt daher eine offene Forschungsfrage.

Als weiterer möglicher Einflussfaktor für islamistische Radikalisierung wird zudem häufig die Wechselwirkung mit Interner Link: antimuslimischem Rassismus benannt. So wurde bereits in diversen Forschungsarbeiten darauf verwiesen, dass sowohl Interner Link: individuelle Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen wie auch die Wahrnehmung von kollektiver Marginalisierung gegenüber Muslim:innen die Anfälligkeit für religionsbezogene Radikalisierung erhöhen (vgl. Wetzels/Brettfeld 2023, S. 387–388). Gerade im Erwachsenenalter kann die Konfrontation mit sozialen Benachteiligungserlebnissen in Kombination mit den zuvor genannten Themen dieser Lebensphase zu tiefen Frustrationen führen, man denke beispielsweise an Diskriminierungserfahrungen bei der Wohnungs- oder Jobsuche sowie im Kontakt mit Behörden, oder populistische Forderungen und Maßnahmen auf politischer Ebene.

Neben jenen lebensphasentypischen Pushfaktoren stellt sich ferner die Frage, inwieweit spezifische Pullfaktoren, also extremistische Ansprachen und Angebote für eine erwachsene Zielgruppe, identifizierbar sind. Forschung und Praxis heben bislang überwiegend die Rolle von islamistischen Gruppen und Akteur:innen in digitalen Foren und vor allem den Interner Link: Sozialen Medien hervor. Gezielt versuchen diese dort alltägliche Lebensweltthemen einer jugendlichen Zielgruppe aufzugreifen und mit subtil platzierter Radikalkritik an liberal-demokratischen Werten zu verknüpfen. Ziel ist meist, radikalisierende Botschaften mittels emotionalisierender Sprache vorrangig an Kinder und Jugendliche heranzutragen (vgl. Frosch/Orhon 2025, S. 125; Korucu 2025).

Der Zugang zu jungen Zielgruppen wird dabei vor allem deutlich durch die starke Präsenz islamistischer Akteur:innen und deren Vorfeld auf Kanälen wie TikTok, Instagram oder YouTube-Shorts sowie auf Gaming-Plattformen. Dort geteilte Inhalte sind häufig geprägt von jugendkulturellen Symboliken und Ästhetiken und adressieren Themen, die für Jugendliche von Interesse sind, etwa Fragen von Handynutzung, Freundschaft und Partnerschaft (vgl. Interner Link: Jäger 2024). Interessanterweise handelt es sich bei den Vermittlern dieser Botschaften nicht selten um ältere Männer wie Abu Mikail, Abul Baraa, Pierre Vogel oder Raimund Suhaib Hoffmann, die bereits seit vielen Jahren zur salafistischen „Prominenz“ im deutschsprachigen Raum zählen und in ihrer Rolle als wissende Prediger und autoritäre Lehrmeister Weisungen mit Absolutheitsanspruch über eine vermeintlich wahre Auslegung des Islams oder eine korrekte islamische Lebensführung propagieren. Die Zukunft wird hier zeigen, inwieweit diese Akteure im fortgeschrittenen Alter weiterhin glaubhaft jugendrelevante Themen bedienen und als Vorbilder für junge Zielgruppen fungieren können. Bereits jetzt lässt sich eine erkennbare Differenz in Auftreten, Ansprache und Selbstinszenierung zwischen einer jüngeren Riege an islamistischen Influencer:innen und dem etablierten Predigermilieu beobachten (vgl. Möller 2025). Ob sich daraus notgedrungen eine Verschiebung der Zielgruppenstruktur zur treuen, mitalternden Anhänger:innenschaft und weiteren älteren Zielgruppen ergibt, bleibt zu beobachten.

Akteur:innen und Inhalte, die sich bereits jetzt spezifisch älteren Jahrgängen zuwenden, stehen bislang selten im Fokus von Forschung oder Präventionspraxis. Zum einen können Universalthemen identifiziert werden, die für verschiedene Alterskohorten gleichermaßen anschlussfähig sind, darunter theologische Abhandlungen über das Jenseits, Kritik an westlichem Säkularismus und demokratischen Systemen sowie geopolitische Konflikte im arabischen Raum, wie beispielsweise der Nahostkonflikt. Zum anderen sind gerade in nicht-öffentlichen und analogen Räumen vermehrt Angebote zu finden, die sich scheinbar dezidiert an ein älteres Publikum richten. Dazu zählen vor allem Angebote, die sich für die Veranstaltenden als finanziell lukrativ erweisen, darunter kostspielige Reiseangebote, wie Pilgerfahrten nach Mekka, die nach der Corona-Pandemie in klar steigender Tendenz vom salafistischen Milieu durchgeführt werden (vgl. Ministerium des Innern NRW 2024, S. 220ff.), oder (Online-)Akademien und Seminare, die vom Koran-Lesekurs bis zum Persönlichkeits-Coaching ein breites thematisches Spektrum bedienen (vgl. Verfassungsschutz Baden-Württemberg 2022b). Darüber hinaus gibt es Geschäftsmodelle, die sich dezidiert an Eltern richten, von Erziehungsratgebern, Eltern-Kind-Seminaren bis hin zu Spielzeug und Lernmaterialien, die von salafistischen Akteur:innen entwickelt, digital wie analog beworben und verkauft werden (vgl. ders. 2021).

Während verschiedene Verfassungsschutzberichte zwar auf ein Altern von Individuen in der Szene verweisen (vgl. ders. 2023; Senatsverwaltung für Inneres und Sport 2017, S. 9), wird jedoch in Anbetracht der aufgeführten Push- und Pullfaktoren deutlich, dass islamistische Radikalisierungsprozesse auch im Erwachsenenalter eine wichtige Rolle einnehmen können. Obwohl sich viele (Online-)Angebote an eine jugendliche Zielgruppe richten, scheint es auch Bemühungen der Szene zu geben, neue Personen aus höheren Alterskohorten für die eigene Sache zu gewinnen. Hierbei handelt es sich allerdings um eine Leerstelle, mit der sich Präventionsarbeit und Forschung bisher unzulänglich beschäftigt haben.

Die Relevanz erwachsener Zielgruppen: Konsequenzen und Perspektiven für Forschung und Prävention

Bilanzierend ist festzuhalten, dass Radikalisierung im Phänomenbereich Islamismus bislang in Wissenschaft und Praxis vor allem als jugendspezifisches Phänomen verstanden wird. Dieser Fokus ist angesichts zahlreicher empirischer Befunde zu frühen Radikalisierungsprozessen und jugendkulturellen Ansprachen weiterhin berechtigt. Gleichzeitig erscheint diese enge Betrachtungsweise verkürzt. Die Auswertung verfügbarer Daten, insbesondere aus sicherheitsbehördlichen Berichten, legt nahe, dass auch erwachsene Personen, vor allem im Altersspektrum zwischen Anfang 30 und Ende 40, in relevanter Weise Teil islamistischer Milieus sind oder werden können. Ob es sich hierbei überwiegend um alternde Kohorten bereits radikalisierter Personen oder um später einsetzende Radikalisierungsprozesse handelt, bleibt bislang aus empirischer Sicht ungeklärt und verdeutlicht eine zentrale Forschungslücke. Ebenfalls ungeklärt bleibt, warum Personen über 60 Jahre in den verfügbaren Daten zum Phänomenbereich Islamismus vergleichsweise selten erscheinen. Ob es sich hierbei um eine tatsächliche altersstrukturelle Besonderheit handelt, oder mit Erfassungslogiken in den jeweiligen Erhebungen oder anderen strukturellen Faktoren zusammenhängt, bedarf weiterer empirischer Klärung. Darüber hinaus fehlen bislang systematische Erkenntnisse zur Verschränkung von Alter und Geschlecht im islamistischen Spektrum. Zwar liegen vereinzelt Daten zur Geschlechterverteilung oder zu Altersstrukturen vor, jedoch werden beide Dimensionen in der Regel voneinander getrennt ausgewertet. Ob und inwiefern sich geschlechterspezifische Muster im mittleren oder höheren Erwachsenenalter abzeichnen, ist bislang nicht belastbar beantwortet. Notwendig werden künftig weitere Untersuchungen sein, die sich diesem Thema flächendeckend und über einen längeren Zeitraum hinweg widmen.

Für die Präventionsarbeit ergeben sich daraus konkrete Herausforderungen. Wenn islamistische Radikalisierungsprozesse auch im Erwachsenenalter einsetzen oder sich dort verfestigen, braucht es zielgerichtete Angebote, digital wie analog, die Erwachsene in ihren spezifischen Lebenslagen erreichen. Dazu zählen kreative und niedrigschwellige Ansprachen und Unterstützungsangebote, die Alternativen zu extremistischen Deutungs- und Sinnangeboten eröffnen und bei der Bewältigung von alters- und lebensphasentypischen Problemen ansetzen. Vor allem die Erreichbarkeit älterer Zielgruppen abseits von Regelstrukturen bleibt dabei eine zentrale Herausforderung. Neben Kooperationen mit muslimischen Vereinen und Gemeinden können darüber hinaus Potenziale im phänomenübergreifenden Austausch und Wissenstransfer zwischen den Präventionsfeldern liegen: So wird die Adressierung von älteren Zielgruppen bereits in den Themenfeldern Rechtsextremismus und Verschwörungserzählungen zunehmend diskutiert (vgl. Pohl/Wiedemann 2025; Hebbelmann/Müller 2024) und bereits in ersten Projekten konkret behandelt. Beispielsweise bietet ein neues Projekt des Interdisziplinären Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung (IZRD) und des Violence Prevention Network (VPN) mit dem Titel „Netzhelden 60+“ Personen ab 60 Jahren ein Ausbildungsprogramm zum Umgang mit verschwörungsideologischen und rechtsextremistischen Narrativen in Online-Medien an. Teilnehmende werden gezielt in ihrer Medien- und Handlungskompetenz gefördert und sollen so als Multiplikator:innen ältere radikalisierungsgefährdete Menschen in ihrem (Online-)Umfeld erreichen.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und einer insgesamt alternden Gesellschaft scheint es plausibel, dass die Relevanz dieses Themenfeldes künftig zunimmt. Eine Weitung der Perspektive und Sensibilisierung hinsichtlich älterer Zielgruppen ermöglicht es, geeignete Strukturen zu entwickeln und künftige Herausforderungen frühzeitig einzuhegen.

Weitere Inhalte

Benedikt Friedrich studierte Religionswissenschaften und Erziehungswissenschaften in Potsdam, Helsinki und Hamburg. Als Online-Streetworker, Projektkoordinator und politischer Bildner setzte er sich in seiner beruflichen Laufbahn intensiv mit (Online-)Radikalisierungsprozessen, unterschiedlichen demokratiefeindlichen Erscheinungsformen und bedürfnisorientierter Präventionsarbeit auseinander. Zu diesen Themenfeldern erstellte er im Projekt „Narrativ-Check“ Handreichungen und vermittelte bundesweit in Workshops und Inputs Wissen an Fachkräfte aus der Zivilgesellschaft. Beim Interdisziplinären Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung e.V. (IZRD) ist er Co-Projektleitung im Verbundsprojekt dist[ex] – Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur für Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit, wo er sich mit aktuellen Themen und Bedarfen im Feld der Tertiärprävention auseinandersetzt.