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HERAUSFORDERUNG ISLAMISMUS Infodienst Radikalisierungsprävention

21.9.2020 | Von:
Michèle Leaman
Dennis Walkenhorst

"Wir bilden eine Brücke zwischen Forschung und Praxis"

Fragen und Antworten zu modus|zad

Das Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung modus|zad wurde 2017 in Berlin gegründet. Die Leiterin Michèle Leaman und der wissenschaftliche Leiter Dennis Walkenhorst beantworten Fragen zu Zielen, Methoden und dem Rollenverständnis von modus|zad und dessen Verbindungen zum Violence Prevention Network.

Michèle Leaman und Dennis WalkenhorstMichèle Leaman und Dennis Walkenhorst

Infodienst Radikalisierungsprävention: Seit 2017 existiert das Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung, modus|zad, in Berlin. Aus welchen Gründen wurde modus|zad ins Leben gerufen, und worin sehen Sie dessen Mehrwert für das Feld?

modus|zad: Im Prinzip kann die Gründung von modus|zad als eine Reaktion auf die vorherrschende Entkopplung von Forschung und Praxis im Feld der Extremismusprävention verstanden werden. Um den Impuls zur Gründung zu verstehen, ist es deshalb auch nicht ganz unwichtig zu wissen, dass modus|zad durch eine Praxisorganisation, nämlich Violence Prevention Network e. V. (VPN), ausgegründet wurde.

Die Notwendigkeit der Gründung von modus|zad als Organisation der anwendungsorientierten Forschung wurde bei VPN mit Blick auf Erfahrungen in vorangegangenen Kooperationen in Forschungs- und Evaluationsprojekten deutlich. Wir haben sozusagen eine "doppelte" Entkopplung beobachtet: Einerseits erreichen aktuelle Forschungserkenntnisse die Praxis kaum oder nur sehr verspätet. Das hat sowohl mit den genutzten Austausch- und Vermittlungsformaten zu tun, als auch mit den begrenzten Kapazitäten auf Seite der Praktikerinnen und Praktiker, zum Beispiel zur individuellen Fortbildung. Andererseits werden die Bedarfe und Erkenntnisse aus der Praxis nicht oder nur unzureichend in der Forschungslandschaft berücksichtigt. Forschungsprojekte werden also häufig ohne näheren Bezug zu akuten Problemen und Fragestellungen der Praxis geplant. Aus unserer Sicht war es deshalb notwendig eine Organisation zu gründen, die sich genau diesen Problemstellen annimmt, sozusagen in einer Mittler- oder Brückenfunktion zwischen Forschung und Praxis.

Welche Aktivitäten und Zielsetzungen verfolgt das Zentrum?

Ein zentrales Ziel von modus|zad liegt in der effektiveren Vernetzung von relevanten Akteuren, also dem Angebot der angesprochenen Mittler- oder Brückenfunktion. Die Kommunikation zwischen Forschenden und Praktizierenden erfordert vor allem einen erfolgreichen langfristigen Beziehungsaufbau und die Schaffung gegenseitigen Vertrauens – ähnlich übrigens wie in der Arbeit mit Klientinnen und Klienten.

Inhaltlich widmen wir uns allen aktuellen Phänomenen, die für die Themenfelder Extremismus und (De-)Radikalisierung relevant sind. Wir schauen dabei sowohl auf die Präventionsseite als auch auf extremistische Akteure selbst. Momentan bedeutet das, dass wir vor allem Expertise in den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus vorweisen können und zu diesen Themen Projekte durchführen. Allerdings gehört es zur Philosophie von modus|zad auch mögliche zukünftige Herausforderungen so früh wie möglich zu identifizieren und entsprechend zu bearbeiten.

Mit Blick auf die Vernetzung beobachten wir immer wieder, dass es in unserem Themenfeld zwar eine fast schon unüberschaubare Zahl an Konferenzen und Fachtagen zu bestimmten Themen gibt, dass dort aber häufig Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis und/oder Forschung jeweils unter sich bleiben. Darüber hinaus treffen hier oftmals dieselben Akteure einer gewachsenen "Extremismuspräventionsblase" aufeinander. Unser Ziel ist es, den Austausch effektiver zu gestalten und beispielsweise auch Fachleute anderer Disziplinen, Fachbereiche und gesellschaftlicher Funktionssysteme miteinzubeziehen, um neue Perspektiven und Ideen ins Feld zu bringen – zum Beispiel aus der Wirtschaft oder dem Tech-Bereich.

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Wie findet konkret eine Verknüpfung von Forschung und Praxis statt? Können Sie dafür Beispiele vorstellen?

Zum einen entwickeln und testen wir ständig neue Formate; einerseits zur niedrigschwelligen Wissenssammlung im Austausch mit der Praxis und andererseits zur zielgenauen und schnellen Vermittlung von Forschungserkenntnissen. Hier hat sich gezeigt, dass bislang genutzte Methoden und Formate – zum Beispiel Fokusgruppen oder Praxisworkshops – zwar häufig gute Ansätze zeigen, allerdings auch oft ohne den notwendigen Beziehungsaufbau oder ohne vertieftes Wissen über die Praxis geplant werden. Darüber hinaus werden solche Formate noch immer zu selten genutzt; auch, weil die Projektfinanzierungen das nicht zulassen.

Als Beispiel für ein neues, möglichst informelles und niedrigschwelliges Format der Wissenssammlung haben wir im vergangenen Jahr sogenannte "Trend Calls" gestartet. Im Rahmen der Trend Calls schalten wir in kurzen Abständen verschiedene Praktikerinnen und Praktiker aus ganz Deutschland in Videocalls zusammen und fragen nach aktuellen Themen, Problemen und Bedarfen. Neben der niedrigschwelligen, informellen Abfrage profitieren die Teilnehmenden auch vom Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Bei Themen, die besondere Relevanz besitzen, versuchen wir auch kurzfristig entsprechende Expertinnen und Experten aus der Forschung miteinzubeziehen oder bereiten entsprechende Forschungserkenntnisse auf.

Als Format zur Wissensvermittlung hat sich zum Beispiel unsere Podcast-Reihe modus|extrem als äußerst vielversprechend herausgestellt. Neben der sehr breiten Streuung der Erkenntnisse wurde das Format auch zielgerichtet von Praktikerinnen und Praktikern der Extremismusprävention positiv rezipiert. Der Podcast hat inzwischen rund 3.000 Abonnements. Dabei planen wir, stetig neue Formate zu entwickeln und zu testen, um Transferprozesse zu beschleunigen und effektiver zu gestalten. Ganz praktisch gesprochen können zum Beispiel Mitarbeitende von Beratungsstellen unseren Podcast im Auto auf dem Weg zu einer Klientin oder einem Klienten hören. Das wäre mit einer wissenschaftlichen Handreichung nicht möglich.

Die Verknüpfung von Forschung und Praxis manifestiert sich darüber hinaus aber auch in Personen. So haben wir in einigen Projekten die Position eines "Practitioner Scientist" geschaffen. Es handelt sich dabei um Mitarbeitende, die sowohl über langjährige Erfahrungen in der Praxis der Extremismusprävention, als auch über die wissenschaftlichen Qualifikationen zur Forschung verfügen. Eine Tatsache, die von Forschenden häufig übersehen wird, ist, dass viele der im Feld der Extremismusprävention tätigen Praktikerinnen und Praktiker über ausgezeichnete akademische Qualifikationen und eigene Forschungsinteressen verfügen. Hier lohnt es sich definitiv anzusetzen und diese Personen aktiv in Forschungsprozesse miteinzubeziehen.

Wie würden Sie Ihr eigenes Rollenverständnis als vernetzender Akteur zwischen Wissenschaft und Praxis beschreiben?

Die Begriffe Mittler- oder Brückenfunktion sind ja bereits gefallen. Allgemein ist es wichtig, sich sowohl in der Forschungs- als auch der Praxislandschaft sehr gut auszukennen, über die entsprechenden Kontakte und Beziehungen zu verfügen und allen Beteiligten stets interessiert und auf Augenhöhe zu begegnen. Man wandelt dann ein stückweit zwischen den Welten und nimmt sich selbst häufig als "Übersetzer" oder "Diplomat" wahr. Praktikerinnen und Praktikern gegenüber vertritt man die Forschungsinteressen, den Forschenden gegenüber Anliegen der Praxis. Über Wissenschaft und Praxis hinaus hoffen wir natürlich auch neue Brücken zur Wirtschaft zu bauen, denn uns fehlen zur Innovation im Feld der Deradikalisierung und Extremismusprävention auch andere Perspektiven, Fähigkeiten und Ressourcen. Wir verstehen es als unsere Rolle, bislang nicht eingebundene Stimmen ins Gespräch miteinzubeziehen, wenn es um die Erarbeitung von neuen Ansätzen für die Extremismusprävention geht. Für diese vermittelnde Rolle braucht es sowohl Personen als auch eine Organisationsform.

Mit welchen Themen oder Projekten beschäftigen Sie sich derzeit und weshalb haben Sie diese Schwerpunkte gewählt?

Momentan legen wir bei modus|zad die Schwerpunkte vor allem auf drei Themenfelder: Evaluation und Praxisbegleitung, Online-Monitoring sowie Distanzierungsforschung.

Das Feld der Evaluation und Praxisbegleitung liegt bei den von uns formulierten Zielen natürlich auf der Hand. Hier wollen wir vor allem Evaluationen anbieten, die sich an den Bedarfen der Praxis orientieren und möglichst langfristig und niedrigschwellig angelegt sind. In der Sprache der Evaluationen sind unsere Angebote wohl am treffendsten mit "prozessorientierten formativen Evaluationen" beschrieben. (In der Infodienst-Serie Evaluation erfahren Sie mehr zum Thema.)

Das Monitoring beziehungsweise die Analyse von extremistischen Akteuren online ist ein zweites Schwerpunktthema. Gerade hier manifestiert sich, wie weit extremistische Akteure der Extremismusprävention voraus sein können; sowohl was die Nutzung von Technik als auch was die erfolgreiche Online-Ansprache von jungen Menschen betrifft. Für uns ist es wichtig zu verstehen, was Extremistinnen und Extremisten online erfolgreich macht, um daraus Erkenntnisse für eine schnellere und kompetentere Prävention zu generieren. Das haben wir beispielsweise im Projekt ABAT geleistet, aus dem auch ein längerer Report sowie ein Handbuch für die Praxis hervorgingen.

Das dritte Themenfeld betrifft die Forschung zu individuellen Prozessen der Distanzierung vom Extremismus. Es gibt seit langer Zeit viele Projekte der praktischen Distanzierungsbegleitung, sowohl im religiös als auch im politisch begründeten Extremismus. Demgegenüber ist das Forschungswissen desolat – darüber, was Distanzierungsprozesse ausmacht, was funktioniert und was nicht und wie sich Distanzierung überhaupt beschreiben lässt. Hier gilt es zunächst eine empirische Basis zu schaffen, auf der man belastbare Aussagen zu erfolgreicher Distanzierung machen kann. Das versuchen wir zum Beispiel im Rahmen des Projektes DISLEX 3D, in dem wir uns verschiedene Perspektiven auf Distanzierungsprozesse ansehen. Dazu erheben und systematisieren wir zunächst, was eigentlich beobachtet wird, wenn von Distanzierung gesprochen wird. Auch hier ist unser Ansatz grundsätzlich mehrperspektivisch, indem wir sich distanzierende Personen, Beraterinnen und Berater sowie das systemische Umfeld in die Analyse miteinbeziehen. Die ersten Ergebnisse, die voraussichtlich im Herbst 2020 veröffentlicht werden, sind jedenfalls vielversprechend.

Wie sieht ihre Anbindung an Violence Prevention Network (VPN) aus, und in welcher Form grenzt sich modus|zad von VPN ab?

Wir nutzen die Synergien zwischen den beiden Organisationen natürlich so gut wir können. Für modus|zad bedeutet das in erster Linie den erleichterten Aufbau guter Beziehungen zu einer großen Zahl von Praktikerinnen und Praktikern aus den VPN-Beratungsstellen und -Projekten und somit "kürzere Wege" als bei anderen Forschungsorganisationen. Eine Exklusivität hinsichtlich der Zusammenarbeit gibt es bei den beiden Organisationen aber nicht. Das würde der Idee von modus|zad auch völlig widersprechen.

VPN hat als große Praxisorganisation die Vision, dass ideologisch gefährdete Menschen und extremistisch motivierte Gewalttäterinnen und -täter durch Deradikalisierungs- beziehungsweise Distanzierungsarbeit ihr Verhalten ändern, ein eigenverantwortliches Leben führen und (wieder) Teil des demokratischen Gemeinwesens werden. Für die Umsetzung braucht es ein großes und erfahrenes Team aus Praktikerinnen und Praktikern unterschiedlichster Disziplinen.

Bei modus|zad brauchen wir hingegen andere Ressourcen und Kompetenzen, um unsere Brückenfunktion leisten und ein schnelles Reaktionsvermögen entwickeln zu können. modus|zad ist eine eigenständige Organisation mit einem klar abgegrenzten, eigenen Profil und einem ganz anderen Arbeitsfeld als VPN. Uns ist es wichtig, als Forschende mit hoher Praxiskompetenz wahrgenommen zu werden und nicht als "verlängerter Arm" einer Praxisorganisation.

Wie begegnen Sie kritischen Stimmen, die eine zu enge Verzahnung von modus|zad mit VPN monieren – zum Beispiel bei der Evaluierung des VPN-Modellprojekts Fokus ISLEX durch modus|zad – und mögliche Rollen- und Interessenkonflikte als Akteur in der praktischen Arbeit sehen, der gleichzeitig als Mittler zur Wissenschaft auftritt?

Wir sind uns unserer Position und den damit verbundenen Herausforderungen stets bewusst. Deshalb ist es für uns besonders erfreulich, dass wir inzwischen auch in der breiteren Landschaft der Praxisträger bekannt sind und mit verschiedensten Akteuren kooperieren, zum Beispiel im Bereich der Evaluation. Unsere Angebote richten sich an die gesamte Praxis- und Forschungslandschaft. Darüber hinaus setzt die Ausgründung aus VPN aber natürlich inhaltlich klare Grenzen, etwa wenn es um Evaluationen geht.

Im angesprochenen Fall der Evaluation des VPN-Praxisprojekts "Fokus ISLEX" durch modus|zad ist es wichtig zu betonen, dass es sich hierbei explizit nicht um eine wirkungsorientierte Evaluation handelt. Wir bewerten also das VPN-Projekt nicht, sondern begleiten es forschend und unterstützen in der Umsetzung. Ergebnisse einer etwaigen wirkungsorientierten Evaluation, die modus|zad bei VPN durchführen würde, hätten aufgrund der unbestreitbaren institutionellen Nähe der Organisationen zueinander keinen Erkenntniswert, weder für uns noch für VPN.

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Radikalisierung, Prävention und Islamismus

HERAUSFORDERUNG ISLAMISMUS Infodienst Radikalisierungsprävention (© büro u-53, Peter Pichler)
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Welche weiterführenden Entwicklungsperspektiven sehen Sie für modus|zad in der Zukunft?

Als noch sehr junge Organisation versuchen wir uns natürlich zunächst weiterhin im Feld zu etablieren. Sowohl auf Seiten der Praxisorganisationen wie auch bei politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern sind wir mit unserer Arbeit bisher durchweg auf ein positives Echo gestoßen. Auch in der Forschungslandschaft wurden wir sehr positiv empfangen, was sich bereits in mehreren Kooperationsprojekten mit Forschungsinstituten und Universitäten manifestiert hat. Inhaltlich wollen wir zukünftig noch weiter vorausschauen und extremistische Phänomene in den Blick nehmen, die sich möglicherweise in der (nahen) Zukunft auch als Herausforderungen für die Prävention abzeichnen. Hier sind zum Beispiel die sogenannten "Reichsbürger" beziehungsweise "Souveränisten" zu nennen, über die wir noch viel zu wenig wissen; und natürlich auch die sogenannte "Incel"-Bewegung und die Rolle der Gaming-Szene. Auch in der Klimaprotestbewegung wird inzwischen über mögliche Radikalisierungspotenziale gesprochen. Es könnte sich lohnen, dort genauer hinzuschauen, um frühzeitig Präventionsformate zu entwickeln.

Perspektivisch wollen wir uns als anwendungsorientierte Forschungsorganisation auch langfristig im Feld etablieren und für alle Forschenden ansprechbar sein, die innovative Projekte mit starker Praxisanbindung planen oder Unterstützung bei der Vermittlung benötigen. Natürlich wollen wir auch selbst weiterhin Forschungs-, aber auch Praxis-Modellprojekte entwerfen und durchführen, die einen Beitrag dazu leisten, zeitnah neue Erkenntnisse und Lösungsansätze zu entwickeln und zu verbreiten. Um die angesprochene Brückenfunktion sinnvoll einnehmen zu können, müssen wir grundsätzlich sowohl als Forschungs- als auch als Praxisakteur agieren und unsere Erkenntnisse an beide Seiten auf Augenhöhe vermitteln können.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Michèle Leaman, Dennis Walkenhorst für bpb.de

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