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Evidenzbasierte Prävention von Extremismus und Radikalisierung Leerstellen und Handlungsbedarf
/ 12 Minuten zu lesen
Eine Handlungsstrategie sollte auf nachweislich funktionierenden Mechanismen beruhen, das ist in vielen Bereichen selbstverständlich. Doch nicht alle derzeitigen Ansätze der Prävention im Phänomenbereich des islamistischen Extremismus können als evidenzbasiert bezeichnet werden. Evidenzbasierte Prävention ist kein Allheilmittel, aber sie hilft, die richtigen Gegenmaßnahmen zu finden. Bisher sind die nötigen Voraussetzungen jedoch noch nicht geschaffen.
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Was ist evidenzbasierte Prävention?
Im Zusammenhang mit Prävention begegnet man mitunter dem Zusatz „evidenzbasiert“. So setzt die Bundesregierung in ihrem Externer Link: Nationalen Präventionsprogramm gegen Islamistischen Extremismus (NPP) ausdrücklich auf „wissens- und evidenzbasierte Konzepte und Strategien“. Evidenzbasiert bedeutet, dass zwischen einer Strategie und den von ihr angestrebten Ergebnissen ein wissenschaftlich belegter Zusammenhang besteht. Wird die Wirkung einer Präventionsstrategie oder -maßnahme hingegen nur vermutet, gilt sie als (noch) nicht evidenzbasiert.
Die Bezeichnung „wissensbasiert“ ist hingegen in den Sozial- und Geisteswissenschaften kein feststehender Fachausdruck. Anders als die Bezeichnung „evidenzbasiert“ stellt „wissensbasiert“ keine bestimmten wissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen oder methodischen Bezüge her. Im weitesten Sinne können jegliche Informationen gemeint sein, die in einem fachlichen, wissenschaftlichen oder sonstigen wissensgenerierenden Kontext produziert wurden. Dazu gehören nicht nur empirische Forschung, sondern zum Beispiel auch die Meinungen von Expertinnen und Experten oder theoretische Beiträge.
Die Bezeichnung „evidenzbasiert“ bezieht sich auf einen sehr viel konkreteren Teilbereich anwendungsorientierter Forschung mit eigenen Einrichtungen, Fachorganen und einer Entstehungsgeschichte.
Auch gegenwärtig steht die Analyse von (multikausalen) Ursache-Wirkungs-Beziehungen im Mittelpunkt evidenzbasierter Ansätze.
Evidenzbasierung ist heute in vielen Bereichen schon Alltag. In der Gesundheitsvorsorge erwarten Patienten ganz selbstverständlich, dass Ärzte nur solche Behandlungen und Medikamente verschreiben, deren Nutzen für den Patienten nachgewiesen ist. Aber auch viele andere Bereiche wie Bildung, Entwicklungszusammenarbeit, Wirtschaft und Soziales wenden evidenzbasierte Arbeitsmethoden, Technologien und Verfahren an. Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen einer Maßnahme und ihrer Wirkung können auch für die Prävention von Islamismus und Extremismus von Interesse sein.
Evidenzbasierte Prävention ist ein Oberbegriff für Strategien und Ansätze, die darauf abzielen, ein soziales Problem (Kriminalität, Extremismus, Armut, Sucht) zu verhindern, und dabei Verfahren anwenden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist.
Prävention ist dabei kein klar umrissenes Arbeitsfeld, sondern umfasst staatliche, zivile und privatrechtliche Akteure aus unterschiedlichen Berufsfeldern und Fachdisziplinen. Die Kriminalprävention umfasst zum Beispiel neben der schulischen Gewaltprävention auch repressive Maßnahmen des Strafrechts, deren ausdrücklicher Zweck es ebenfalls ist, Kriminalität zu verhindern.
Serie: Evaluation
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie mit dem Themenschwerpunkt Evaluation hier im Infodienst Radikalisierungsprävention. Im Rahmen des Themenschwerpunkts werden verschiedene Perspektiven auf das Thema Evaluation in der Präventionspraxis dargestellt. In den Artikeln geht es um Sinn, Zweck und Herausforderungen von Evaluationen, um verschiedene Arten von Evaluationen und aktuelle – zum Teil gegensätzliche – Positionen zum Thema. Dabei kommen verschiedene Beteiligte zu Wort: sowohl Akteure, die Evaluationen planen und durchführen als auch solche, deren Projekte evaluiert wurden oder werden.
Zu den Beiträgen:
Redaktion Infodienst:
Interner Link: Übersicht von Evaluationen von Projekten der Radikalisierungsprävention Sarah Häseler-Bestmann:
Interner Link: Partizipative Evaluationsforschung Andreas Armborst:
Interner Link: Evidenzbasierte Prävention von Extremismus und Radikalisierung: Leerstellen und Handlungsbedarf Björn Milbradt:
Interner Link: (Neue) Evaluationskultur in der Radikalisierungsprävention? Forschungsmethoden, Akteurskonstellationen und Logik(en) der Praxis Kurt Möller:
Interner Link: Evaluation neu denken – Der Dritte Raum Dennis Walkenhorst:
Interner Link: Das "Erwartungsdreieck Evaluation" – Eine Praxisperspektive Milena Uhlmann & Dana Wolf:
Interner Link: Evaluation in der Präventionspraxis
Außerdem zum Thema Evaluation im Infodienst:
Wer profitiert von evidenzbasierter Prävention?
Zu wissen, was gewaltbereiten Extremismus verursacht und welche Gegenmaßnahmen ihn erfolgreich verhindern, ist auf allen Entscheidungsebenen nützlich, angefangen beim lokalen Präventionsprojekt über Landes- und Bundesprogramme bis hin zur Formulierung nationaler und internationaler Präventionsstrategien.
Das beste Angebot vermitteln
Im Umgang mit radikalisierten Islamisten müssen Verantwortliche in kritischen Situationen eine Entscheidung treffen. Es gibt viele verschiedene Hilfsangebote für Personen in unterschiedlichen Stadien der Radikalisierung. Eine solide empirische Basis kann dabei helfen, zu entscheiden, welches Angebot, für welche Person, unter welchen Lebensumständen erwiesenermaßen das geeignetste ist.
Die besten Ansätze ausbauen
Öffentliche Auftraggeber – wie beispielsweise das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) als Geldgeber und Träger des Programms „Demokratie leben!“ – müssen angesichts knapper Ressourcen eine Auswahl aus konkurrierenden Förderanträgen für Präventionsprojekte treffen. Eine Entscheidungshilfe kann auch hier sein, wie gut ein Projektantrag das Präventionskonzept wissenschaftlich herleitet und mit selbst erhobenen oder von unabhängigen Stellen bereitgestellten Daten untermauert. Mit anderen Worten: Der Grad der Evidenzbasierung kann ein Kriterium für die Förderung erfolgsversprechender Präventionsansätze sein.
Strategische Entscheidungen
Einfache und schnelle Lösungen zur Prävention von islamistischem Extremismus gibt es nicht. Wie zielgerichtet sich dieses relativ junge Praxisfeld langfristig entwickeln wird, hängt ganz entscheidend von dem Grad seiner Evidenzbasierung ab. Sie erlaubt es, differenzierte Vergleiche zwischen unterschiedlichen Präventionsansätzen zu ziehen: Welche Ansätze entfalten welche Wirkung auf welche Zielgruppe und an welchen Standorten? Damit liefert sie eine Entscheidungsgrundlage auch für langfristige strategische Planung.
Öffentliches Interesse
Evidenzbasierte Extremismusprävention ist im Interesse der Öffentlichkeit, weil sie hilft, Ansätze zu identifizieren, die nachweislich einen spürbaren Unterschied bei der Behandlung von bedrohlichen Formen extremistischer Gewalt ausmachen. Bund und Länder schaffen durch die Implementierung evidenzbasierter Ansätze außerdem eine nachvollziehbare und transparente Entscheidungsgrundlage für die Verwendung öffentlicher Mittel.
Wie funktioniert Evidenzbasierung?
Idealtypisch ist Evidenzbasierung ein Prozess, an dem Forscher/-innen und Praktiker/-innen während des gesamten Verlaufs einer Präventionsmaßnahme beteiligt sind – von der Konzeption über die Ausführung bis hin zu ihrer Evaluierung. Abbildung 1 veranschaulicht diesen prozesshaften Verlauf mit den wechselseitigen Zuständigkeiten und jeweiligen Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Praxis.
Abbildung 1: Ablauf und Zuständigkeiten evidenzbasierter Prävention (© Armborst, A. (2019). Evidenzbasierte Prävention extremistischer Gewalt. Infodienst Radikalisierung, Bundeszentrale für politische Bildung.)
Evidenzbasierung erfolgt an zwei Stellen im Projektzyklus: bei der Formulierung einer Programmtheorie (vor der eigentlichen Evaluation) und bei der Überprüfung der Programmpraxis (durch Evaluation). Ein Programm, Ansatz oder Projekt ist auf der Konzeptebene theoretisch evidenzbasiert, wenn es darauf abzielt Einflussfaktoren (Risiko- und Schutzfaktoren) zu verändern, von denen man aus der empirischen Forschung weiß, dass sie in einem ursächlichen Zusammenhang mit Radikalisierung und Extremismus stehen. Eine evidenzbasierte Programmtheorie untermauert also die angenommene Wirkung auf die Zielgruppe mit wissenschaftlichen Belegen.
Prävention ist darüber hinaus auch praktisch evidenzbasiert, wenn Evaluationsstudien zusätzlich belegen, dass die Ausführung der Programmtheorie unter den realen Bedingungen der Programmpraxis auch tatsächlich die gewünschten Einstellungs- oder Verhaltensänderungen bewirkt und wenn überprüft wird, welche nicht intendierten Effekte dabei eventuell auftreten.
Aus der Perspektive der Programmentwickler:-innen beginnt der Prozess mit der Formulierung einer evidenzbasierten Programmtheorie. Dies kann in Rahmen von Konzeptionstagen, Arbeitskreisen, Kommissionen oder anderen Gremien geschehen. Die Programmtheorie macht deutlich, wie nach dem aktuellen Stand der Forschung die eingesetzten Ressourcen und Arbeitsmethoden einen feststellbaren Einfluss auf radikalisierte Personen oder Gruppen ausüben sollen. Eine gute Programmtheorie benennt präzise, auf welche konkreten Ausprägungen von Radikalisierung sie abzielt (zum Beispiel auf der Einstellungs- oder Handlungsebene). Und sie erläutert, durch welche der bekannten Mechanismen sie Radikalisierungsverläufe beeinflussen möchte (zum Beispiel gruppendynamische oder kognitive Mechanismen), und welche Ressourcen, Arbeitsmittel, didaktischen oder therapeutischen Methoden dabei zum Einsatz kommen.
Einige heute in Deutschland existierende Angebote bleiben besonders hinsichtlich ihrer theoretischen Wirksamkeitsannahmen vage
Wie lassen sich Forschungserkenntnisse für die Praxis nutzen?
Max Weber definiert Soziologie als „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“. Die sozialwissenschaftliche Forschung liefert uns also ursächliche Erklärungen zur Entstehung von sozialen Problemen wie dem Extremismus, und damit die wissenschaftlichen Grundlagen zur Entwicklung von Programmtheorien. Die Kriminologie extremistischer Gewalt beispielsweise untersucht ursächliche Faktoren (sogenannte ‚kriminogene‘ und ‚protektive‘ Faktoren), und integriert sie in allgemeine Modelle zur Erklärung von abweichenden Verhalten.
Der konkrete Anwendungsbezug ergibt sich meistens erst an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Fachleute aus der forschungsorientierten Praxis und/oder anwendungsorientierten Forschung entwickeln ursachenorientierte Ansätze und Programme zur Reduzierung von Kriminalität, wie etwa extremistischer Gewalt. Die Konzeption von Präventionsansätzen ist eine „Wissenschaft für sich“, deren Kunst darin besteht, die bekannte Ursachen und Schutzfaktoren zu Zwecken der Prävention gezielt „auszunutzen“.
Einflussfaktoren lassen sich unter Laborbedingungen meistens einfacher manipulieren als unter den alltäglichen Bedingungen der Präventionsarbeit vor Ort. Hier sind wissenschaftliche und praktische Expertise gleichermaßen gefragt, um pragmatische Mittel und Wege aufzuzeigen, die bekannten Einflussfaktoren für extremistische Gewalt im Lebensalltag der Menschen zu verändern.
In der nächsten Phase erfolgt eine wissenschaftliche Begleitung der Arbeit vor Ort. Auch hier arbeiten Praktiker und Forscher idealerweise Hand in Hand. Kaum eine Programmtheorie lässt sich ohne Abstriche in die Praxis übertragen. Damit die Maßnahme den programmtheoretischen Erwartungen entsprechend funktionieren kann, müssen ihre wesentlichen Prinzipien umgesetzt und beherzigt werden. Eine formative- oder Prozessevaluation kann hierzu wertvolle Anhaltspunkte liefern, wie zum Beispiel:
Wie gut lässt sich die Programmtheorie in die Praxis umsetzen und wo gibt es Hindernisse?
In welchem Umfang erreicht die Arbeit die Zielgruppe?
Wie stark beeinflusst die Präventionsarbeit die kontextrelevanten Ursachen und Schutzfaktoren?
Eine evidenzbasierte und gut umsetzbare Programmtheorie sollte also nach bestem Wissen einen spürbaren Präventionseffekt haben. Eine wissenschaftliche Begleitung kann diese wohlbegründete Vermutung untersuchen. Wirksamkeitsevaluationen (englisch: impact evaluation) überprüfen, welche – möglicherweise auch schädliche (sogenannte iatrogene) – Wirkung eine Präventionsmaßnahme auf ihre Zielgruppe ausübt.
Wirksamkeit lässt sich statistisch erfassen
Aber woher soll man wissen, ob Prävention etwas erfolgreich verhindert? Wenn sich der Teilnehmer eines sozialen Trainingskurses nicht weiter radikalisiert oder ein Teilnehmer in einem Ausstiegsprogramm nicht rückfällig wird, kann das viele mögliche Gründe haben. Bei einer einzelnen Person kann nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob die Präventionsmaßnahme der ausschlaggebende Punkt war.
Und selbst wenn es dafür belastbare Anhaltspunkte gibt, zum Beispiel in Form von fallbasierten rekonstruierenden Untersuchungen, sagt ein Fall alleine nichts über die Wirksamkeit der Maßnahme als Ganzes aus. Von wirksamer Prävention spricht man in der Regel erst, wenn sich über viele Fälle hinweg wiederkehrende Muster und statistische Regelmäßigkeiten abzeichnen.
Solche Regelmäßigkeiten weisen auf funktionierende Präventionsmechanismen hin. Kausale Mechanismen sind die elementaren und übertragbaren Bestandteile sozialer Programme. Sie stehen im Mittelpunkt des Interesses von wissenschaftlicher Begleitung nach dem Vorbild der Realist Evaluation, die die beiden einflussreichen Sozialwissenschaftler Ray Pawson and Nickolas Tillie entwickelt haben.
Gezielt eingesetzt haben evidenzbasierte Ansätze das Potential, Veränderungen auf der gesellschaftlichen Ebene zu bewirken, was letztendlich immer das Ziel sozialer Programme ist. Programme, die auf der gesellschaftlichen Ebene effektiv sind, stellen wiederum einen lohnenden Untersuchungsgegenstand der akademischen Grundlagenforschung dar. Ein neuer Kreislauf im Prozess evidenzbasierter Präventionsprogramme kann beginnen.
Wie gut ein erfolgreiches Modellprojekt skalierbar und übertragbar ist, hängt aber von vielen weiteren Eigenschaften des Projekts und seinem Kontext ab. Manchmal ist es nicht der spezifische Ansatz, sondern das Engagement talentierter Mitarbeiter, die den Unterschied ausmachen. Arbeitsmethoden und -ansätze müssen insbesondere aber auch dann wirken, wenn sie von durchschnittlich motiviertem und talentiertem Personal durchgeführt werden. Erst dann kann man davon sprechen, dass sie „praxisbewährt“ und „praxistauglich“ sind.
Metastudien und systematische Übersichtsarbeiten (Systematic Reviews) fassen die Ergebnisse aus einer Reihe einzelner Evaluationen zur Wirksamkeit präventiver Programme zusammen. In solchen Übersichtsstudien zeigt sich, dass einige Programme, die zunächst sinnvoll erscheinen, in der Praxis nicht funktionieren oder sogar schädlich sind. Einen Überblick über den aktuellen Stand der Evaluation für verschiedene Bereiche der Prävention liefern verschiedene Online-Portale (siehe unten, „Instrumente für den Wissenstransfer“). So wird zum Beispiel deutlich, dass sogenannte scared straight-Ansätze Kriminalität verursachen, anstatt sie zu verhindern. Bei diesen Ansätzen werden Jugendliche mit dem harten Gefängnisalltag konfrontiert, um sie von der Begehung von Straftaten abzuschrecken. Das gleiche gilt für Modellversuche, bei denen Jugendliche nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden.
Erwartungen, Herausforderungen und Probleme
Evidenzbasierte Prävention ist kein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme im Zusammenhang mit islamistischer Radikalisierung. Sie hilft, die richtigen Gegenmaßnahmen zu finden, aber das erfordert Geduld und ist voraussetzungsreich.
Forschung und Evaluation kann die bestehende Erkenntnislücke von ihren Rändern ausgehend schrittweise schließen: Die sozialen und individuellen Bedingungen, unter denen der islamistische Extremismus in Deutschland entsteht, sind noch nicht ausreichend empirisch erforscht, trotz einiger Fortschritte auf diesem Gebiet. Nur langsam setzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen ein Puzzle zur Erklärung islamistischer Gewalt zusammen.
Auch in Bezug auf Gegenstrategien gibt es Erkenntnisdefizite. Es fehlen belastbare Informationen darüber, welche Ansätze unter welchen Bedingungen für welche Zielgruppen am besten funktionieren. Der Grund für dieses Defizit liegt aus Sicht des Autors nicht darin, dass sich die bestehenden methodologischen und forschungspraktischen Herausforderungen nicht lösen ließen. Es liegt vor allem daran, dass die staatlichen Stellen geeignete Evaluationen mit diesem Erkenntnisinteresse bisher nicht zielgerichtet fordern und fördern.
Stattdessen existiert ein ständig wachsender Flickenteppich von disparaten, nicht vergleichbaren und wenig anschlussfähigen Evaluationen. Es fehlen Strukturen, die Forschungseinrichtungen systematisch in die Lage versetzen, das Praxisfeld in Bezug auf Fragen der Wirksamkeit wissenschaftlich zu begleiteten und zu beraten. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt MAPEX
Instrumente für den Wissenstransfer
Eine Reihe von Online-Portalen verfolgt das Ziel, Forschungsergebnisse für Politik, Verwaltung und Praxis anschlussfähig zu machen. Sie tragen die wichtigsten Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit sozialer Programme zusammen. International wegweisend ist die Externer Link: Campbell Library. Portale mit Präventionsprogrammen in Deutschland sind die Externer Link: Grüne Liste Prävention des Landespräventionsrates (LPR) Niedersachsen und das Externer Link: Portal für evidenzbasierte Ansätze des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention (NZK).* Das europäische Forschungskonsortium IMPACT Europe hat ein Externer Link: Online-Toolkit zur Evidenzbasierung in der Extremismusprävention entwickelt. Seit 2018 stellt das International Center of Excellence for Countering Violent Extremism, Hedayah – das aus einem Zusammenschluss von 29 Ländern und der EU entstanden ist – die Anwendung Externer Link: MASAR für evidenzbasierte Extremismusprävention kostenfrei zur Verfügung.
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Nicht nur die Produktion, sondern auch der Transfer von Wissen muss in geeigneter Form organisiert sein, damit relevante Informationen in passender Form die Bedarfsträger erreichen. Viele Länder haben daher für den Betrieb evidenzbasierter Prävention eigene Strukturen geschaffen. Ein Beispiel ist das National Institute of Justice (NIJ) des US-amerikanischen Justizministeriums mit dem programmatischen Slogan „Strenghten Science. Advance Justice“.
Eine weitere Herausforderung ist die analytische Unschärfe der Begriffe Radikalisierung und Extremismus. Sie erschwert gleichsam zielgerichtete Prävention und deren Evaluation. Eine einheitliche akademische Definition von Radikalisierung und Extremismus ist allerdings auch in Zukunft nicht zu erwarten. Die Präventionspraxis sollte daher alleine schon aus Gründen der konzeptionellen Klarheit auf eindeutig bestimmbare Ausprägungen von Radikalisierung und Extremismus abzielen, wie beispielsweise auf die Anwendung von Gewalt zu politischen, religiösen oder anderen ideologischen Zwecken
Schließlich ist es wichtig, keine überzogenen Erwartungen an evidenzbasierte Ansätze und Wirkungsevaluationen zu knüpfen. Politik und Verwaltung sehen in Evaluation mitunter ein „Mittel gegen den ‚Wildwuchs‘“ fussnote id="21">Steinhilber, Bianca; Trauthig Inga (2019) in der Projektlandschaft. Eine konkrete Forderung des Politikers Carsten Linnemann lautet zum Beispiel: „Es braucht eine gemeinsame Stelle von Bund und Ländern, die sich des gesamten Programm- und Projekt-Wirrwarrs annimmt, die einzelnen Maßnahmen auf Tauglichkeit und Effektivität abklopft und die bisherigen Erfahrungen zusammenführt, vergleicht und auswertet.“
Vergleichende Analyse ist ein Qualitätsmerkmal empirischer Evaluation, was aber nicht bedeutet, dass sie dadurch Konkurrenzverhältnisse der Projekte untereinander erzeugt. Vergleichende Evaluation ermöglicht das gegenseitige Lernen aus Stärken und Schwächen verschiedener Ansätze, wodurch sich die Extremismusprävention als Ganzes weiterentwickeln kann.
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Mehr zum ThemaWeiterführende Literatur
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ist seit Januar 2016 Leiter des Nationalen Zentrum für Kriminalprävention (NZK). Zuvor war er Marie Curie Fellow an der University of Leeds (GB) mit einem Projekt zum langfristigen Wandel Islamistischer Ideologien. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Terrorismus- und Sicherheitsforschung, Kriminologie, und Methoden der empirischen Sozialforschung. Dr. Armborst arbeitete als Post Doc und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Forschungsprojekte der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), der Europäischen Kommission (EC), und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). 2011 promovierte er am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg mit einer empirischen Studie zu den ideologischen Ursprüngen religiös motivierter Gewalt.