Bitte beachten Sie: Dieser Beitrag ist älter als fünf Jahre. Forschung, Fachdebatte oder Praxisansätze haben sich möglicherweise in der Zwischenzeit weiterentwickelt.
Extremistische Propaganda und die Diskussion um „Gegenerzählungen“
/ 14 Minuten zu lesen
Sogenannte Counter Narratives („Gegenerzählungen“) sollen extremistischer Propaganda im Netz entgegentreten, zum Beispiel in Form von Videos – über diesen Ansatz der Prävention wird viel diskutiert. Studien belegen, dass Erzählungen eine große Überzeugungskraft besitzen, so Lena Frischlich. Doch als einfaches „Gegengift“ funktionieren sie nicht. Trotzdem ist es wichtig, dem „Wir-gegen-die“-Denken extremistischer Gruppen demokratische Erzählungen entgegenzusetzen.
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- Gegenerzählungen als Präventionsstrategie
- Geschichten können überzeugen
- „Wir-gegen-die“ als Grundmotiv extremistischer Narrative
- Kritik am Begriff der Gegenerzählungen
- Alternative Narrative und „gute Geschichten“ sind vielversprechender
- Demokratisch-pluralistische Narrative sind wichtig
- Alternative Narrative als Bausteine der demokratischen Erzählung
- Strategische Kommunikation will geplant und überprüft werden
- Fazit: Demokratisch-pluralistische Erzählungen im Netz als Baustein der Extremismusprävention
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So selbstverständlich, wie Online-Medien ein Bestandteil unserer Lebenswelt sind, nutzen auch Extremistinnen und Extremisten diese – unter anderem zur Verbreitung von Propaganda.
Was genau unter Extremismus zu verstehen ist, ist umstritten.
Entsprechend beschreibt der Begriff extremistische Propaganda den Versuch, systematisch „Wahrnehmungen zu gestalten, Gedanken und Gefühle zu beeinflussen und Verhalten im Sinne einer Ideologie – meistens einer mit totalitärem Gültigkeitsanspruch – zu motivieren“.
Die Wahrscheinlichkeit, dass deutschsprachige Mediennutzerinnen und -nutzer auf extremistische Online-Propaganda stoßen, ist hoch: Einer repräsentativen Umfrage zufolge haben mehr als die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland entsprechende Erfahrungen gemacht – vor allem mit rechtsextremistischer Propaganda und – etwas weniger stark – mit islamistisch-extremistischer Propaganda.
Gegenerzählungen als Präventionsstrategie
Eine vieldiskutierte Präventionsstrategie ist dabei die Lancierung sogenannter Counter Narratives, zu Deutsch: Gegenerzählungen. Diese sollen extremistischer Online-Propaganda direkt dort entgegentreten, wo sie im Netz zu finden ist – zum Beispiel mit Hilfe von Online-Videos. Ziel ist es, die extremistische Interpretation von Ereignissen und Gegebenheiten – das extremistische Narrativ – zu durchbrechen und glaubwürdige alternative Handlungskonzepte aufzuzeigen. Gleichzeitig sollen Gegenerzählungen Mediennutzer und -nutzerinnen für die Auseinandersetzung mit extremistischer Propaganda stärken, etwa indem sie Widersprüche in der extremistischen Ideologie aufzeigen.
Geschichten können überzeugen
Der Begriff der Gegenerzählung bezieht sich auf das narrative Paradigma – die Beobachtung, dass Menschen ihr Erleben seit jeher in Mythen und Erzählungen einbetten, um Erlebnisse zu verarbeiten und der Welt einen Sinn zu verleihen.
Erzählungen können zudem helfen, abstrakte Konzepte zu erfassen. Studien zu Vorurteilen zeigen zum Beispiel, dass die Erzählungen über die Romanfigur Harry Potter zum Abbau von Vorurteilen beitragen können. In den Romanen erlebt die Zauberschülerin Hermine Diskriminierung, weil ihre Eltern keine Zauberer sind, und wird unter anderem als „Schlammblut“ beschimpft. Das abstrakte Konzept „Diskriminierung“ wird dabei für Leserinnen und Leser anschaulich, und sie übertragen es auf reale diskriminierte Gruppen. Gleichzeitig können Geschichten aber auch Vorurteile begünstigen: So hatten beispielsweise Personen, die eine Geschichte über einen gewalttätigen Psychiatriepatienten lasen, im Anschluss negativere Einstellungen gegenüber psychisch Kranken.
„Wir-gegen-die“ als Grundmotiv extremistischer Narrative
So macht sich auch Propaganda die Überzeugungskraft von Erzählungen zu Nutze. Zwar unterscheiden sich die Details der Erzählungen zwischen verschiedenen extremistischen Gruppierungen, es gibt aber Grunderzählungen, die immer wiederkehren.
Generell kann man die zentrale Grunderzählung extremistischer Gruppierungen folgendermaßen zusammenfassen: Es gibt einen Missstand, der durch einen bestimmten Feind („die Anderen“) verursacht wird. Dieser Feind ist unveränderlich böse, aber es besteht dennoch Hoffnung auf einen Sieg und die „Rettung der Guten“, solange nur „wir alle“ zusammenhalten.
Islamistische Extremistinnen und Extremisten erzählen ihre „Wir-gegen-die“-Geschichte zum Beispiel in dieser Variante: Es gibt eine Verschwörung gegen „die Muslime“ durch die „Kreuzfahrer und Abtrünnigen“, die dazu dient, den Islam auszulöschen. In ihrer Untersuchung deutschsprachiger islamistisch-extremistischer Facebook-Posts fanden Fielitz und Kollegen heraus, dass 42 Prozent davon Hass gegenüber Muslimen thematisierten, vier Prozent bezogen sich explizit auf die Kreuzzüge.
Rechtsextremistinnen und -extremisten dagegen warnen vor einer angeblichen Islamisierung des Abendlandes, bei der „die Muslime“ und sogenannte Systempolitikerinnen und -politiker danach strebten, die „reinen Europäer auszutauschen“. Unter anderem berief sich der rechtsextremistische Attentäter von Christchurch in Neuseeland, der im März 2019 51 Menschen muslimischen Glaubens in zwei Moscheen erschoss, auf diese Verschwörungsideologie. Das Manifest, dass er vor seiner Tat im Netz veröffentlichte, trug den Titel „Der große Austausch“.
Kritik am Begriff der Gegenerzählungen
In der politischen Diskussion über Extremismus werden Gegenerzählungen immer wieder als Präventionsansatz genannt. Sie seien eine mögliche Gegenmaßnahme zu solchen Erzählungen extremistischer Propaganda. Dabei wird der Begriff oft so interpretiert, dass Gegenerzählungen ein eigenes Narrativ, eine „Gegengeschichte“ entwickeln. Dieses solle dann extremistische Erzählungen entkräften.
Erstens bezieht sich der Begriff „Gegenerzählung“ in der Fachliteratur eigentlich auf Geschichten, die sich gegen ein sogenanntes „Master-Narrativ“ wenden, ein gesellschaftlich akzeptiertes, dominantes Weltbild. Um es mit einem Beispiel aus einem anderen Bereich zu verdeutlichen: Wenn in einem Märchen zur Abwechslung mal die Prinzessin den Drachen besiegt, widerspricht das dem gängigen Narrativ, in dem die Prinzessin vom Prinzen gerettet wird.
Zweitens zeigen psychologische Studien zu Fehlinformationen, dass eine reine Widerlegung – ein „Dagegen“ – nicht ausreicht, um fehlerhafte Annahmen dauerhaft zu entkräften und zu ersetzen.
Insgesamt zeigt die Forschung, dass Online-Videos nicht als einfaches „Gegengift“ funktionieren.
Studie: Counter-Narrative auf dem Prüfstand
Um die Wirkung von Videos gegen die Verbreitung extremistischer Ideologien im Netz wird eine kontroverse Debatte geführt. Dabei geht es zum einen darum, ob der Ansatz generell erfolgversprechend ist. Zum anderen wird über die Frage diskutiert, wie entsprechende Videos aussehen sollten. Eine Veröffentlichung des Bundeskriminalamts von 2018 liefert zu einigen Aspekten empirische Belege.
Alternative Narrative und „gute Geschichten“ sind vielversprechender
Unsere eigenen Forschungsarbeiten zeigen, dass Videos, die sich – beispielsweise satirisch – einfach nur gegen Extremismus positionieren, von Jugendlichen und jungen Erwachsenen negativer bewertet werden als Videos, die sich für einen toleranten Umgang einsetzen.
Studien zur erzählerischen Qualität (der sogenannten Narrativität) in Videos gegen Extremismus zeigen außerdem: Gute Geschichten zu erzählen lohnt sich für die Extremismusprävention.
Demokratisch-pluralistische Narrative sind wichtig
Propaganda und extremistische Inhalte sind im Netz teilweise sehr präsent. Daher stoßen Personen, die sich für ein politisches Thema interessieren, häufig auch auf extremistische Angebote. Analysen auf der Videoplattform YouTube zeigen beispielsweise, dass Nutzerinnen und Nutzer sehr schnell von Videos, die sich gegen Extremismus positionieren, oder von Angeboten der politischen Bildung zu extremistischen Inhalten gelangen. Wenn man den Empfehlungen der Plattform YouTube zu ähnlichen Videos folgt, die nach oder neben einem angeschauten Video angezeigt werden, sind dafür im Schnitt nur zwei Klicks nötig.
Um dieser Präsenz von extremistischen Narrativen zu begegnen, ist es notwendig, dass online auch Zugang zu alternativen Narrativen geboten wird – etwa zu den bereits erwähnten Geschichten von Aussteigerinnen und Aussteigern oder Erzählungen über gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Alternative Narrative als Bausteine der demokratischen Erzählung
Alternative Narrative zu extremistischen Angeboten können ein großes Spektrum an Erzählungen umfassen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit erzählerischen Mitteln die Werte der demokratisch-pluralistischen Gesellschaft zu transportieren versuchen. Um diese demokratisch-pluralistischen Erzählungen zu verbreiten kommen verschiedene Akteure mit verschiedenen Motivationen in Frage (siehe nachfolgende Abbildung).
Überblick über Akteurinnen/Akteure, Motivationen und Zielgruppen. (© Lena Frischlich/bpb)
Mögliche Akteure sind beispielsweise Behörden wie die Bundeszentrale für politische Bildung, Bildungsinstitutionen wie zum Beispiel Schulen, religiöse Institutionen oder Autoritäten sowie zivilgesellschaftliche Initiativen. Zu letzteren gehören zum Beispiel ufuq.de mit dem Projekt „Externer Link: Bildmachen“ oder cultures interactive mit „Externer Link: Extreme Dialogue“. Auch Einzelpersonen kommen in Frage, zum Beispiel Aussteigerinnen und Aussteiger, YouTuber und YouTuberinnen oder Angehörige von Extremistinnen und Extremisten (zum Beispiel Externer Link: FATE: Families against Terrorism and Extremism).
Alternative Narrative können auf allen Ebenen der Prävention eingesetzt werden: zur universellen Prävention, die sich an alle Mitglieder der Gesellschaft richtet; zur selektiven Prävention, die sich an ausgewählte Gruppen richtet, bei denen eine erhöhte Radikalisierungsgefährdung vermutet wird; oder zur indizierten Prävention, die sich an Personen richtet, die ein hohes Risiko aufweisen, sich (weiter) zu radikalisieren.
Allerdings nehmen verschiedene Zielgruppen alternative Narrative und die dahinterstehenden Akteure unterschiedlich wahr. So mag eine Behörde auf viele Menschen vertrauenswürdig wirken – wer der Politik oder dem Staat generell misstraut, wird sich davon aber eher nicht beeindrucken lassen. Der Bericht eines Aussteigers mag viele Jugendliche zum Nachdenken anregen – wer bereits tief im Extremismus verwurzelt ist, wird vermutlich aber nur den "Verräter" sehen.
Schließlich bewerten Zielgruppen Erzählungen auch im Hinblick auf ihre Konsistenz in Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit.
So zeigt etwa die umfassende Forschung zur sogenannten Kontakthypothese, dass positiver Kontakt zu Mitgliedern einer vorurteilsbehafteten Fremdgruppe („die Anderen“) substantiell zum Abbau von Stereotypen und Vorurteilen beitragen kann.
Strategische Kommunikation will geplant und überprüft werden
Alternative Narrative zu veröffentlichen reicht alleine nicht aus. Expertinnen und Experten der Radikalisierungsprävention empfehlen, dass bereits bei der Planung die Zielgruppe, der Inhalt und die erwünschte Wirkung reflektiert werden sollten.
Zudem sollte die Wirkung der eigenen Arbeit laufend evaluiert werden. Erreicht die Kampagne die formulierten Ziele? Ergeben sich unerwünschte Nebenwirkungen? Wenn sich beispielsweise Kampagnen an einer Schule wiederholt ausschließlich gegen islamistische Radikalisierung positionieren, dabei jedoch Rechtsextremismus beständig ignorieren, besteht die Gefahr den Eindruck zu erwecken, diese eine Form des Extremismus sei „schlimmer“.
Verschiedene Handreichungen können bei der Planung, Durchführung und Evaluation helfen. Für den englischsprachigen Raum bietet etwa das Externer Link: Institute for Strategic Dialogue Leitfäden an. Auch das europäische Radicalisation Awareness Network (RAN) stellt verschiedene Externer Link: Publikationen mit Hilfestellungen zur Verfügung. Für den deutschsprachigen Raum bietet ein Externer Link: Sammelband des Deutschen Jugendinstitutes vielfältige Einblicke in die Bedeutung digitaler Medien für Radikalisierungsprozesse und präventive Angebote.
Fazit: Demokratisch-pluralistische Erzählungen im Netz als Baustein der Extremismusprävention
Zusammenfassend kann man festhalten, dass Online-Medien als zentraler Bestandteil unserer modernen Lebenswelt auch eine wichtige Rolle im Kampf gegen Extremismus spielen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Mediennutzerinnen und -nutzer auf extremistische Online-Propaganda stoßen, ist hoch. Um möglichen schädlichen Folgen dieser Konfrontation zu begegnen, erhoffen sich viele Akteure der Prävention, dass Gegenerzählungen extremistischen Narrativen direkt „vor Ort“ im Netz entgegentreten. Tatsächlich zeigen Studien, dass Erzählungen ein wertvolles Werkzeug der Extremismusprävention sein können. Es reicht aber nicht aus, „gegen“ Extremismus zu sein. Es braucht gut geplante und beständig überprüfte alternative Erzählungen im Netz, die sich für eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft stark machen und dem „Wir gegen die“-Denken extremistischer Gruppierungen etwas entgegensetzen. Die Veröffentlichung derartiger Erzählungen ist aber nur ein Baustein gelungener Extremismusprävention; die Vorteile der demokratisch-pluralistischen Gemeinschaft müssen auch im eigenen Alltag erlebbar sein.
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ist Leiterin einer interdisziplinären Nachwuchsforschungsgruppe mit dem Titel "DemoRESILdigital: Demokratische Resilienz in Zeiten von Online-Propaganda, Fake news, Fear- und Hate Speech” an der Westfälischen Wilhelms-Universität.