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Antisemitismus – immer noch ein relevantes Thema für die Bildungsarbeit?

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Antisemitismus – immer noch ein relevantes Thema für die Bildungsarbeit?

Schäuble/Scherr

/ 6 Minuten zu lesen

Wie sollten Pädagoginnen und Pädagogen im Idealfall mit Schülern umgehen, die sich antisemitisch oder rechtsextrem äußern und verhalten? Empfehlungen von Prof. Albert Scherr und Barbara Schäuble.

Antisemitische Schmiererei auf dem Schulhof. (© H.Kulick)

Nach wie vor ist es unerlässlich

  • für unterschiedliche Ausprägungen von Antisemitismus, aber auch für die Verbreitung von gegen Antisemitismus gerichteten Haltungen unter Jugendlichen zu sensibilisieren und damit

  • Ausgangsbedingungen und Ansatzpunkte für eine solche Bildungsarbeit gegen Antisemitismus aufzuzeigen, die sich nicht primär als Wissens- und Wertevermittlung versteht, sondern eine dialogische Auseinandersetzung mit den Sichtweisen und Positionen jeweiliger Jugendlicher anstrebt.

Eine solche Bildungsarbeit ist keineswegs nur im Hinblick auf solche Jugendliche bedeutsam, die mehr oder weniger offen antisemitische Positionen beziehen. Denn auch Jugendliche, die sich gegen Antisemitismus aussprechen, sind keineswegs immer in der Lage, antisemitische Stereotype zu erkennen und/oder fundiert zu kritisieren.

Insbesondere beim Reden über aktuelle Themen, so v.a. über den Nahostkonflikt oder rund um den Themenkomplex "Macht und Einfluss" "der Juden" bzw. "jüdischer Organisationen" werden Unsicherheiten und Stereotype sichtbar. Weiter ist zu berücksichtigen, dass die Deklaration einer anti-antisemitischen Haltung sowohl einen belastbaren, aber auch einen fragilen, weil lediglich oberflächlich oder konformistisch eingenommenen anti-antisemitischen Konsens zwischen Jugendlichen und PädagogInnen anzeigen kann.

Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ist also keineswegs nur dann sinnvoll und erforderlich, wenn Jugendliche sich offen und eindeutig antisemitisch äußern. Wichtig ist auch eine solche Bildungsarbeit, die Jugendliche mit anti-antisemitischen Grundhaltungen zu einer fundierteren und qualifizierteren Auseinandersetzung mit Antisemitismus befähigt, nicht zuletzt mit Formen des Antisemitismus, die als scheinbar harmlose Stereotype sowie im rechtextremen, nationalistischen, politisch-islamistischen und rechtspopulistischen Diskursen artikuliert werden.

Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss
  Zustimmung Ablehnung Indifferent
Gesamt 32,8% 50,9% 16,3%
Alte Bundesländer 34,8% 49,4% 15,9%
Neue Bundesländer 24,2% 57,2% 18,1%
Jüngere Befragte (18-29 Jahre) 17,7% 67,6% 16,6%
Quelle: ALLBUS(Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) 2006; eigene Berechnungen
Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen.
  Zustimmung Ablehnung Indifferent
Gesamt 49,9% 34,0% 16,0%
Alte Bundesländer 52,2% 32,9% 14,9%
Neue Bundesländer 39,9% 21% 39,2%
Jüngere Befragte (18-29 Jahre) 38,2% 43,8% 18%
Quelle: ALLBUS(Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) 2006; eigene Berechnungen

Bildungsarbeit mit Jugendlichen, die ein anti-antisemitisches Selbstverständnis

In denjenigen Fällen, in denen Jugendliche darauf hinweisen, dass sie keine Antisemiten sind und sein wollen, sollte pädagogische Arbeit u.E. nicht einer Logik des Verdachts und der Entlarvung folgen, die darauf ausgerichtet ist, diesen ihre uneingestandenen bzw. verdeckten antisemitischen Tendenzen aufzuzeigen und damit die Glaubwürdigkeit ihrer Absicht, nicht antisemitisch sein zu wollen, zu hinterfragen. Denn gerade dies kann zur Lernblockaden führen.

Für Jugendliche, die keine Antisemiten sein wollen und, die im Rahmen des historisch-politischen Lernens eine Vorstellung von den Folgen des nationalsozialistischen Antisemitismus erworben haben, stellt der Verdacht oder Vorwurf, sie seien antisemitisch, eine Zuschreibung dar, die sie als Person diskreditiert.

Deshalb plädieren wir für einen Perspektivenwechsel gegenüber einer Traditionslinie anti-antisemitischer Bildungsarbeit, die davon ausgeht, dass bei jeweiligen AdressatInnen anti-semitische Vorurteile als erwartbaren Normalfall unterstellt die sich als Aufklärung Unwissender und/oder Werte- und Normenvermittlung versteht: Statt eine Defizitperspektive einzunehmen empfehlen wir, bei den Jugendlichen, die keine Antisemiten sein wollen, offensiv von der Annahme eines gemeinsamen Interesses an der Überwindung von Antisemitismus auszugehen und sie zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Formen des Antisemitismus, die ihnen begegnen, zu ermutigen und zu befähigen.

Wir plädieren zudem für eine Orientierung, in der Antisemitismus als Lerngegenstand – und nicht primär als Eigenschaft beteiligter Personen – verstanden wird. Eine solche Perspektive schließt eine reflexive Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen und Ressentiments kei-neswegs aus; sie erklärt die Bereitschaft, die eigenen Sichtweisen offen zu artikulieren und zur Diskussion zu stellen, jedoch nicht zur unhintergehbaren Voraussetzung einer Arbeit an dieser Thematik.

Mich beschämt, dass Deutsche so viele Verbrechen an Juden begangen haben.
  Zustimmung Ablehnung Indifferent
Gesamt 76,0% 15,1% 8,9%
Alte Bundesländer 74,3% 16,5% 9,2%
Neue Bundesländer 83,3% 9,1% 7,7%
Jüngere Befragte (18-29 Jahre) 71,1% 18,3% 10,6%
Quelle: ALLBUS(Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) 2006; eigene Berechnungen

Bildungsarbeit in Gruppen, in denen Antisemitismus Teil politischer Weltbilder ist

In den von uns geführten Interviews wird deutlich, dass ein moralisch akzentuierter anti-antisemitischer Konsens durchaus nicht bei allen Jugendlichen als selbstverständlich vor-ausgesetzt werden kann. Eine dezidierte Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber Juden zeichnet sich jedoch "nur" dann ab, wenn

  • Jugendliche mit Migrationshintergrund sich politisch – und dies steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer religiösen Orientierung – in einer Weise als Muslime definieren, die von einem grundlegenden weltpolitischen Konflikt zwischen "dem Westen" und der "muslimischen Welt" ausgeht und die mit einer antisemitisch konturierten Israel-Kritik in Referenz auf den Nahostkonflikt einhergeht;

  • in Jugendgruppen ein identitätsrelevantes rechtsextremes Selbstverständnis entwickelt ist;

  • sich als Deutsche definierende Jugendliche - trotz ihres Wissens um den Holocaust - eine positive nationale Identifikation anstreben und sich in der Folge in einen Wider-spruch verwickeln, den sie nicht reflexiv bearbeiten, sondern durch eine Haltung aufzulösen versuchen, die sich gegen die "Zumutung" der Auseinandersetzung mit dem Holocaust bzw. das vermeintliche Verbot einer Kritik an Israel bzw. "den Juden" wendet;

  • Jugendliche sich aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als moralisch besonders urteilsfähige Deutsche definieren und eine Mischung aus nationalem Selbstbewusstsein, Gerechtigkeitsurteilen und einem moralischen Antikapitalismus sekundär antisemitische sowie problematische israel-kritische Argumentationen plausibilisiert.

Tritt Antisemitismus als Bestandteil einer verfestigten und weitgehend geschlossenen rechtsextremen, islamistischen oder nationalistischen Ideologie sowie im Kontext antiimperialistisch-israelkritischer Positionen auf, dann sind eigenständige pädagogische Konzepte der politischen Bildung und der Jugendarbeit erforderlich, die auf eine umfassende Auseinandersetzung mit den jeweiligen Gruppenzusammenhängen und Ideologien ausgerichtet sind. Notwendiger Gegenstand von Bildungsprozessen ist dann das jeweilige politische Weltbild der Jugendlichen, da darin eingeschlossene antisemitische Elemente nicht unabhängig davon diskutiert werden können.

In wiederum anderen Fällen sind antisemitische Äußerungen Bestandteil einer unspezifischen und generellen Fremdenfeindlichkeit bzw. eines autoritären Konventionalismus, mit dem auf alles abwehrend und feindselig reagiert wird, was eigene Gewohnheiten und Gewissheiten in Frage stellt.

Desinteresse und Informationsdefizite

Für einen erheblichen Teil der befragten Jugendlichen ist der Themenkomplex 'Juden und Antisemitismus' weitgehend irrelevant. Er ist kein Bestandteil ihrer Alltagskommunikation - weder der historische Antisemitismus, noch die gegenwärtige Situation von Juden sind Themen, über die sie regelmäßig nachdenken und reden. Von einigen wird in den geführten Interviews ausdrücklich formuliert, dass für sie ohnehin ganz andere Themen im Vordergrund stehen.

Ausstellungstafeln der Amadeu Antonio Stiftung im Bundespresseamt über verschwiegenen Antisemitismus. (© H.Kulick)

Dieses Desinteresse ist durchaus ambivalent: Es kann sich um eine gelassene Gleichgültigkeit handeln, die sich mit der Überzeugung verbindet, dass Juden 'halt ganz normale Menschen' sind und die damit einhergeht, dass solche Jugendliche auch für anti-semitische Argumentationen und entsprechende Propaganda nicht ansprechbar sind. Andererseits sind eher desinteressierte Jugendliche auch nicht bereit, sich ernsthaft mit der moralischen und politischen Bedeutung des Holocaust und gegenwärtigen Formen des Antisemitismus zu befassen. Zudem gehen mit solchem Desinteresse oft auch Informationsdefizite einher, die auf Erfordernisse politischer Bildung verweisen.

Hinzuzufügen ist dieser ersten Skizze pädagogischer Ausgangssituationen, die wir in den interviewten Jugendgruppen vorgefunden haben, dass es sich bei den hier unterschiedenen Falltypen um Idealtypen, nicht um Realtypen handelt. D.h.: Faktisch treten vielfältige Mischformen auf; unterschiedliche Ausprägungen von Antisemitismus und gegen Antisemitismus gerichteten Argumentationen finden sich auch innerhalb jeweiliger Gruppen und sind dort mehr oder weniger stark umstritten. Solche Widersprüche innerhalb von Jugendgruppen stellen – ebenso wie das erwähnte anti-antisemitische Selbstverständnis vieler Jugendlicher – einen bedeutsamen Anknüpfungspunkt für Lern- und Bildungsprozesse dar.

Selbstreflexion als Element pädagogischer Professionalität

PädagogInnen stehen in der Gefahr, durch moralisierende und konfrontative Vorgehensweisen sowie ggf. durch eine indirekte und projektive Verarbeitung eigener Schwierigkeiten im Umgang mit dem Thema Antisemitismus, etwa in Folge familienbiografischer Verstrickungen, mögliche Lernprozesse zu verhindern. Denn bei einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus kann nicht davon abstrahiert werden, dass biografische Hintergründe sowie unterschiedliche generationsspezifische Relevanzen und Rahmungen relevant sind. Dies umfasst Dimensionen, bei denen subjektive emotionale und moralische Betroffenheit nicht ausgeblendet sowie problemlos eine professionell-distanzierte und gelassene Haltung gegenüber einem objektivierbaren Lerngegenstand eingenommen werden kann. Insofern ist eine Klärung eigener Positionen und eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit Emotionen, Reaktionsmustern und Vorurteilen zweifellos eine zwingende Voraussetzung professioneller Praxis im Bereich der pädagogischen Arbeit gegen und über Antisemitismus.

Der Gesamttext der hier zitierten Broschüre von Albert Scherr und Barbara Schäuble "Ich habe nichts gegen Juden, aber..." gibt es als Download unter: Externer Link: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Fussnoten

Quelle: Dieser Text ist ein Auszug aus einer Studie des Freiburger Soziologen Prof. Albert Scherr und der Sozialwissenschaftlerin Barbara Schäuble unter dem Titel "Ich habe nichts gegen Juden, aber...", Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, Amadeu Antonio Stiftung Berlin 2007. ISBN 978-3-940878-01-4