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Hakenkreuze an der Tafel

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Hakenkreuze an der Tafel Wenn Jugendliche in die rechtsextreme Szene abrutschen

Christine Kröger

/ 11 Minuten zu lesen

Seit mehr als drei Jahren versucht Ute Hopf ihren Sohn aus der Neonazi-Szene herauszuholen. Seine extreme Haltung führte dazu, dass er von der Schule flog. Und für seinen jüngeren Bruder wurde er zum Vorbild. Was in einer solchen Lage tun?

Seit mehr als drei Jahren kämpft U. Hopf gegen die rechtsextreme Gesinnung ihres Sohnes. (© H.Kulick)

Ulrike Hopf (Name geändert) ist eine starke Frau. Eine Frau, die genau weiß, was sie will – und was nicht. Ihre Stimme klingt fest, als sie erzählt, dass sie die Reichskriegsflagge und den ganzen anderen "Neonazi- Scheiß" im Zimmer ihres Sohnes nicht mehr geduldet hat. "Alles musste er abnehmen." Irgendwann setzte sie ihren Ältesten sogar vor die Tür. "Dann geh doch zu deinen "Kameraden", schrie sie ihn an, "wenn die dir so wichtig sind."

Den Sohn einfach vor die Tür zu setzen, kommt eine Mutter hart an. Ulrike Hopf gibt das zu. Sie wusste sich keinen anderen Rat mehr, als Michael* vor die Wahl zu stellen: seine Familie oder seine vermeintlichen Freunde. Er zögerte nicht, sich für die "Kameraden" zu entscheiden. Enttäuscht und verzweifelt hätte sie ihn am liebsten durchgeschüttelt, "damit er endlich kapiert, mit was für Dreckskerlen er sich abgibt". Keine zwei Tage später stand ihr Junge wieder vor der Tür. Sie ließ ihn rein, auch wenn er die "Dreckskerle" immer noch seine Freunde nannte.

Seit mehr als drei Jahren kämpft die 40-Jährige um ihren Sohn – und gegen dessen rechtsextreme Gesinnung. Gewonnen hat die Mutter bis heute nicht, aufgeben wird sie auch nicht. Mit ihrem Sohn ist sie oft streng gewesen, streng und konsequent. Aber sie hat es auch im Guten versucht. Zum Beispiel, als sie gemeinsam mit Michael und ihrem Lebensgefährten "Schindlers Liste" anschaute und über die Verbrechen der Nazis sprach. Michael grinste nur: "Mama, du weißt es nicht besser. Aber das sind alles Lügenmärchen."

"Damit habe ich nie im Leben gerechnet"

Damals, vor mehr als drei Jahren, hat Ulrike Hopf erst gemerkt, was läuft. Mit ihrem Lebensgefährten hatte sie sich eine Auszeit gegönnt und war übers Wochenende weggefahren. Als das Paar wiederkam, berichtete eine Nachbarin von dieser Party, die Michael mit seinen Freunden gefeiert hatte. Eine Neonazi-Party mit Rechtsrock und Hitler-Grüßen. "Ich bin aus allen Wolken gefallen", sagt Ulrike Hopf. "Damit habe ich nie im Leben gerechnet." Sie stellte ihren Sohn zur Rede, aber der grinste nur.

Ulrike Hopf packt Probleme an. Damals rief sie die Polizei und nannte den Beamten die Namen von Michaels Freunden. "Ein Treffer nach dem anderen", sagt sie. Die meisten aus der Clique waren den örtlichen Staatsschützern längst als Rechtsextremisten bekannt. Doch helfen konnten die Beamten der Mutter nicht. "Ihrem Sohn ist keine Straftat nachzuweisen", stellten sie fest, "uns sind daher die Hände gebunden."

Zusammen mit ihrem Lebensgefährten begann die Mutter dreier Söhne, ihrem Ältesten auf eigene Faust nachzuspionieren. Die beiden folgten dem damals 14-Jährigen: Geht er tatsächlich hin, wo er hinzugehen vorgibt? Sie postierten sich vor Partykellern und Kneipen: Mit wem feiert Michael? Sie machten sich im Internet schlau: Welche Musikgruppen und Bekleidungsmarken sind in der rechten Szene angesagt? Auch Michaels Zimmer blieb nicht tabu: Welche CDs hört er, versteckt er Waffen?

Immer mochten sie auch nicht Nein sagen. Mit Michael fuhren Ulrike Hopf und ihr Lebensgefährte Andreas Fangmann* nach Hannover, weil es unbedingt die Springerstiefel von "Doc Martens" sein nach Fallingbostel in einen Shop, der "Outdoor "-Artikel führt, aber auch Waffen. Angeblich wollte der Jugendliche dort "nur mal stöbern". Doch heimlich kaufte er sich eine Softairwaffe, die aussah wie ein echtes Gewehr. Seine Mutter fand die Waffe und warf sie in den Abfall. "Mama, dafür habe ich 30 Euro bezahlt", beklagte sich Michael. Seine Mutter blieb hart.

Ulrike Hopf ging zum Jugendamt: Sie sei mit Michael überfordert. Sie wisse nicht, wie sie mit seiner Gesinnung umgehen und wie sie ihn aus der Szene holen soll. Weg von den "Dreckskerlen". Schließlich sind da auch noch die Jüngeren, um die sie sich kümmern muss. Markus* war damals erst acht, und Thomas* zwölf. Und Ulrike Hopf arbeitete ganze Tage, weil ihr geschiedener Mann den Unterhalt schuldig bleibt. Der Sachbearbeiter im Jugendamt wusste keinen Rat. Was das Amt denn tun solle, wurde Ulrike Hopf gefragt, Michael wolle doch keine Hilfe. "Aber genau deshalb bin ich doch dahin: Ich wusste nicht weiter." Ulrike Hopf zuckt die Schultern.

Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Sohn ein Neonazi ist. Auch auf die Gefahr hin, dass sie schief angeschaut wird in ihrer weniger als 30.000 Einwohner zählenden Stadt. "Ich kann nichts dafür", sagt Ulrike Hopf mit fester Stimme. "Ich bin nicht rechts - und schon gar nicht extrem." Überhaupt hat vorher Politik in ihrem Leben kaum eine Rolle gespielt. Das hat sich gründlich geändert. Heute will sie nicht nur ihren Jungen da raus holen, sie will auch gegen Rechtsextremismus arbeiten.

"Je mehr ich mich mit der Szene beschäftige, umso schockierter bin ich." Ulrike Hopf hat gelernt, dass Rechtsextremismus nicht allein ein Problem von Geheimdienstlern ist, die unter großen Schlapphüten verborgen arbeiten. Rechtsextremismus gibt es vor den Haustüren ihrer Kleinstadt - auch dort, wo nicht zu allem Überfluss der eigene Sohn neonazistische Einstellungen vertritt. "Fast noch mehr hat mich die Ignoranz schockiert", sagt Ulrike Hopf. "Erst seit ich mich auskenne, merke ich, wie viele Jugendliche in Szeneklamotten rumlaufen und an wie vielen Neonazi- Schmierereien ich vorbeigehe."

Auch die Eltern von Michaels Freunden hat die Mutter angesprochen. "Einige glaubten mir schlicht nicht", berichtet sie. "Andere schienen es längst zu wissen, aber wollten sich nicht damit beschäftigen." Da könne man nichts machen, sagte ihr eine Mutter. Dass das vermutlich "so eine Phase" sei, die von ganz allein vorübergehe. "Wieder andere fanden das halb so schlimm", berichtet Ulrike Hopf. "Manchmal hatte ich den Eindruck, die denken ähnlich wie ihre Kids."

Bei Michael ist "die Phase" nicht vorübergegangen. Als an eine Schule im Ort Hakenkreuze geschmiert wurden, geriet er prompt unter Verdacht. In seiner eigenen Schule fiel er durch fremden- und judenfeindliche Sprüche auf. Er weigerte sich an einem 9. November, mit seiner Klasse auf dem jüdischen Friedhof der Kleinstadt der Reichspogromnacht zu gedenken. Mit Lehrern lieferte er sich Wortgefechte. Irgendwann war das Maß voll: Michael flog von der Hauptschule. Doch seine Mutter wusste ja schon viel früher nicht mehr weiter. "Allein wegen des Kleinen." Wie viele jüngere Geschwister nahm sich Markus an seinem großen Bruder ein Beispiel. Er war noch keine zehn, als er Hakenkreuze in seine Schulhefte und auch an die Tafel schmierte. "So konnte es nicht weiter gehen." Ulrike Hopf entschied: Michael muss weg aus der Stadt. Weg von seinen "Kameraden". Aber damit auch weg von seiner Familie.

Eigentlich sei es Zufall gewesen, sagt Ulrike Hopf heute, ein glücklicher Zufall, dass im Jugendamt ein anderer Sachbearbeiter für sie zuständig wurde. Einer, der "engagierter und sensibler" mit ihren Problemen umging. Vielleicht lag es auch daran, dass sie nicht mehr alleine kam. Sie hatte in einer kirchlichen Stiftung einen Erziehungsberater gefunden, der sich ihrer Probleme annahm. Mit ihm ging sie wieder und wieder zum Jugendamt, bis die Behörde für Michael eine betreute Wohneinrichtung genehmigte.

"Leicht war das nicht." Ulrike Hopfs Stimme bleibt fest, auch wenn jetzt Tränen in ihren Augen glänzen. Sie spricht von dem Gefühl, nicht mehr klarzukommen mit dem eigenen Kind. "Michael ist nicht unrecht", sagt seine Mutter. "Er kann lieb sein, zuverlässig und hilfsbereit." Die Suche nach Anerkennung hat den hoch aufgeschossenen dünnen Jugendlichen in die Fänge der Rechtsextremisten getrieben. Davon ist seine Mutter überzeugt. Hat ihm in seiner Familie Anerkennung gefehlt? Ulrike Hopf denkt nach. "Michael stand in Thomas Schatten", sagt sie. "Sein jüngerer Bruder hatte schon immer mehr Freunde, heute kommt er auch bei den Mädchen besser an." Dabei sollte doch eigentlich der große Bruder der "Überlegene" sein. Doch Michael sei zeitlebens sehr ängstlich gewesen, nie habe er zu Gewalt geneigt. "Er ist oft gehänselt worden, hat nie ausgeteilt, immer nur eingesteckt." In der rechten Clique gehörte er endlich dazu. Zu einer Gemeinschaft, noch dazu zu einer, die unter Jugendlichen zweifelhaften "Respekt" genießt. Weil sie brutal zuschlagen kann.

* Namen geändert

Auch Michael schlug zu

Auch Michael schlug zu. Wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte das Amtsgericht ihn zu acht Monaten Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Mit drei weiteren Neonazis hatte er im Sommer 2006 fünf junge Punks angegriffen. Als "Zecken" beschimpften Michael und seine "Kumpels" die Jugendlichen, dann schlugen und traten sie zu. Michael setzte Pfefferspray ein. Zwei Jugendliche wurden bei der Schlägerei verletzt.

Unter den "Dreckskerlen", mit denen Michael sich immer noch trifft, sind einschlägig vorbestrafte Gewalttäter. Einige haben lange Strafregister. Richter haben sie gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Volksverhetzung oder Landfriedensbruchs schuldig gesprochen. Michael war nicht nur Angeklagter, auch als Zeuge musste er mehrmals aussagen.

"Er hat immer die Klappe gehalten", sagt seine Mutter. Aus falsch verstandener "Kameradschaft" – und auch aus Angst, da ist sich Ulrike Hopf sicher. Die Angst ging so weit, dass Michael Taten zugab, die er gar nicht begangen hatte. Jedenfalls ist seine Mutter davon überzeugt: "Die haben ihm gesagt, er soll die mal zugeben, weil er noch minderjährig war."

Erst mit 17 Jahren ist Michael im März 2007 ausgezogen. Weg aus seiner Heimatstadt und in ein knapp 100 Kilometer entferntes Dorf. Seither lebt er in einer Wohngemeinschaft mit anderen "sozial auffälligen" Jugendlichen und einem Betreuer. Er macht eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker. "Die Lehre macht ihm großen Spaß", sagt seine Mutter. Kürzlich sollte er eine Woche frei haben, doch in letzter Sekunde bestellte sein Chef ihn wieder ein. Ulrike Hopf klingt ein bisschen stolz. "Michael hat seinem Chef sofort zugesagt. Er genießt das Gefühl, gebraucht zu werden."

Die Entscheidung, ihren Sohn wegzuschicken, war richtig. "Meinst du nicht auch?" Ulrike Hopf schaut ihren Lebensgefährten an. Der zuckt die Schultern. Dann berichtet er, dass Michael jetzt viel angeln geht. Zwei Mal im Jahr macht die Wohngruppe eine Woche Angelurlaub in Skandinavien. Auch Andreas Fangmann geht am Wochenende dann und wann mit Michael angeln. "Dann vergisst er alles um sich herum." Ja, auch er glaubt, dass die Entscheidung richtig war, sagt Fangmann. Ulrike Hopf nickt und schöpft Hoffnung.

Die wird immer wieder enttäuscht. Zum Beispiel, wenn sie Michaels Zimmer in der Wohngruppe anschaut. Da hängen sie wieder, die Reichskriegsflagge, das "Deutsche Reich" in den Grenzen vor 1933 und das Plakat zum "Gedenken" an den einstigen Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Ulrike Hopf diskutierte mit Michaels Betreuer darüber. "Wie kann der das durchgehen lassen?", fragt die Mutter. "Mir sagt er nur: Lassen Sie Ihren Sohn." Solange Michael sich an die Regeln der Gemeinschaft halte und nichts Illegales an die Wände hänge, sei Einmischung nicht erlaubt. "Das wird schon", versichere der Betreuer ihr noch, wenn Michael nicht mehr zuhöre. Die Mutter schöpft Hoffnung.

Die ist auch wieder an diesem Sonnabend enttäuscht worden, als ihr Jüngster besonders ungeduldig auf seinen großen Bruder wartete. Als Michael kam, gingen alle drei Brüder in den Wald "zum Spielen". Ulrike Hopf und Andreas Fangmann kam das merkwürdig vor. Einmal mehr sind sie den Jungs gefolgt. "Ich dachte, ich sehe nicht richtig", berichtet Ulrike Hopf. Ihre drei Jungs ballerten mit Softairgewehren in der Gegend rum. "Die haben richtig Krieg gespielt." Ihre Mutter war "stinksauer" und hat die Waffen sofort einkassiert.

"Gewaltspirale" ist für Ulrike Hopf kein abstrakter Begriff. "Du guckst dämlich wie dein Nazi-Bruder", soll einer der jungen Punks, die Michael mit seinen "Kameraden" verprügelte, ihren Jüngsten angepöbelt haben. Wenig später bekam Ulrike Hopf einen Anruf: Thomas, ihr dritter Sohn, soll mit Freunden den Jugendlichen "abgegriffen", ihn bespuckt und ins Gesicht geschlagen haben. Sie wollten vermutlich den kleinen Bruder rächen. Ihr Ältester sei bei dem Angriff gar nicht dabei gewesen.

Michael verbringt immer noch fast jedes Wochenende zu Hause. Er ruft auch häufig mal unter der Woche an. "Dann will der einfach mit mir quatschen", berichtet Ulrike Hopf. "Das hat er früher nie getan. Er erkundigt sich auch, wie es seinen Brüdern und seiner Oma geht." Da ist sie wieder, die Hoffnung. Aber wenn Michael zurück in seiner Heimatstadt ist, gehen auch die anderen Telefonate wieder los. Dann ruft ihr Sohn seine rechten "Kumpels" an, um sich mit ihnen zu verabreden. "Der läuft denen regelrecht hinterher", sagt Ulrike Hopf. "Dabei wollen die Michael gar nicht mehr." Für die Clique sei er allenfalls ein "nützlicher Idiot", wenn er Geld oder eine Flasche Schnaps mitbringe. Ulrike Hopf kann manchmal hilflos sein. "Was soll ich denn tun? Ich kann dem Jungen doch keine neuen Freunde backen."

Was fehlte, war rechtzeitige Hilfe

Ihr Sohn hätte viel früher Hilfe gebraucht. Davon ist die 40-Jährige überzeugt. Hilfe, die eine Mutter nicht geben kann, Hilfe von Profis. "Dann wäre er heute längst raus aus der Szene." Doch Ulrike Hopf und Andreas Fangmann brauchten mehr als zwei Jahre, bis sie eine Einrichtung gefunden hatten. Sicher, sie stehen zu der Entscheidung. Sie wollen nicht zweifeln. Noch besser aber wäre eine Betreuung gewesen, die Fachwissen und Erfahrung im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen hat. Eine, die Mittel gegen diese "Gehirnwäsche" kennt. Ein anderes Wort fällt der Mutter nicht ein, wenn sie sich fragt, warum Michael die menschenverachtenden Einstellungen der "Dreckskerle" teilt. Sie findet keine Erklärung.

Ulrike Hopf hat eine Odyssee durch Ämter und soziale Einrichtungen hinter sich. Seit drei Jahren lässt sie kaum eine Veranstaltung zu Rechtextremismus in der Region aus, keinen Vortrag, nicht einmal ein Rockkonzert gegen Rechtsextremismus. Immer in der Hoffnung, dazuzulernen, neue Ansprechpartner zu finden, konkrete Hilfe zu bekommen. Auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern will sie organisieren, doch fanden sich noch keine Mitstreiter: "Die Eltern von Michaels ›Kameraden‹ brauchen oder wollen offenbar keine Hilfe." Ulrike Hopf blieben nur örtliche "Antifa-Gruppen" an Schulen, in Jugendeinrichtungen oder Verbänden. "Die sagen jedenfalls Bescheid, wenn sie mitkriegen, dass Michael wieder Scheiße baut." Dann kann die Mutter ihren Jungen immerhin zur Rede stellen.

"Du traust dich was", sagt Michael manchmal. Er meint das nicht anerkennend, er will seine Mutter einschüchtern. Es wäre nicht das erste Mal, dass in dem Städtchen Autos demoliert werden, deren Besitzer sich gegen Rechtsextremismus engagieren. "Mein Auto haben sie auch nicht ausgelassen", vermutet Andreas Fangmann: Kurz nach einem heftigen Streit mit Michael waren die Scheiben des Fahrzeugs kaputt. Bislang lässt sich das Paar nicht unter Druck setzen. "Willst du mir Angst machen?", fragt Ulrike Hopf ihren Jungen. "Schämst du dich für mich vor deinen Kumpels?" Antworten bleibt Michael ihr schuldig.

Sie glaubt nicht, dass ihr Ältester sich je ernsthaft mit Hitlers Ideologie beschäftigt hat. Auch nicht mit der Ideologie der neuen Nazis in NPD oder "Kameradschaften". Er glaube einfach seinen "Kameraden" und übernehme deren dumpfe Parolen. "Wäre Michael in irgendeine andere Clique geraten, hätte er genauso deren Outfit, deren Ziele und deren Ideale angenommen." Davon ist Ulrike Hopf überzeugt. Ihr Sohn sei kein Anführer, er sei ein Mitläufer. "Ich will ihn nicht in Schutz nehmen", beteuert sie. "Zum Anführer hat Michael weder die Intelligenz noch den Charakter."

Vor kurzem ist ihr Ältester 18 geworden. Die Volljährigkeit liegt der Mutter schwer im Magen. "Jetzt habe ich gar keine Rechte mehr", sagt sie. "Wenn der Junge Mist baut, erfahre ich es vielleicht nicht einmal mehr." Sie hat den Kampf unter ihrem eigenen Dach nicht gewonnen, aber aufgeben wird sie nicht. Nicht den Kampf gegen Rechtsextremismus. Und auch nicht ihren Sohn.

* Namen geändert

Fussnoten

Christine Kröger ist Redakteurin der Tageszeitung Weserkurier, die zur Bremer Tageszeitungs AG gehört. Sie berichtet seit mehrerern Jahren kontinuierlich über Aspekte des Rechtsextremismus in der Weserregion und ist Mitautorin des soeben erschienen Buchs "Rechtsabbieger - Die unterschätzte Gefahr: Neonazis in Niedersachsen" (Externer Link: PDF-Download). Das Handbuch haben die Bremer Tageszeitungs AG und der Radiosender NDR-info in einer Auflage von 20.000 Stück herausgegeben. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber entnehmen wir dem Buch diesen Text.