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Die Erzählung vom ‘großen Austausch’ | Rechtsextremismus | bpb.de

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Die Erzählung vom ‘großen Austausch’

Dr. Nadja Kutscher

/ 7 Minuten zu lesen

Extrem rechte Kreise möchten bestimmte Menschen nicht in Deutschland haben. Dabei dient ihnen die Erzählung vom 'großen Austausch' als Legitimation, gegen einen vermeintlich bevorstehenden 'Volkstod' vorgehen zu müssen.

Das Narrativ des "großen Austausches" soll Anknüpfungspunkte zur Mitte der Gesellschaft bieten. So wollen rechtsextreme Akteure über das eigene Milieu hinauswirken. (© picture-alliance, empics | Andrew Milligan)

Extrem rechte Akteur*innen in Deutschland und darüber hinaus zeichnen ein bedrohliches Bild: Das sogenannte deutsche, als homogen, weiß und christlich imaginierte Volk würde gezielt ausgetauscht und durch Migrant*innen und deren Nachkommen ersetzt. So wird behauptet, ‘richtige’ Deutsche würden zu wenige Kinder bekommen, Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte hingegen zu viele. Das gekoppelt mit Einwanderung würde den Untergang der Deutschen bedeuten. Untrennbar miteinander verbunden sind in dieser Erzählung die Themen Geburten und Migration. Der Verschwörung nach würden Migrationsbewegungen von 'geheimen Eliten' – meist jüdisch imaginiert – im Verborgenen gesteuert, um das jeweils eigene Volk auszulöschen.

Extrem rechtes Narrativ

Ein erstes Anzeichen dafür, dass es sich beim ‘großen Austausch’ um ein Narrativ der extremen Rechten handelt, liegt im Bild des Migrantischen begriffen: Als Feinde werden ausschließlich Menschen aus dem sogenannten Globalen Süden markiert, nicht etwa auch Immigrant*innen aus Schweden oder Kanada.

Der Eindruck bekräftigt sich beim genaueren Blick auf die Inhalte der Freund-Feind-Zeichnung. Menschen werden in fixe Kategorien eingeteilt: Die einen sind gewollt, die anderen ungewollt. Wie schon der französische Publizist und Vordenker der sogenannten Interner Link: Identitären Bewegung Renaud Camus 2010 erstmals die These eines von Eliten gesteuerten Bevölkerungsaustausches behauptete, zeichnen Interner Link: extrem rechte Akteur*innen Menschen aus dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern als einströmende Gefahr. Es finde eine „systematische Flutung und genetische Vermischung Deutschlands“ statt (Compact-Magazin, zitiert in Kutscher 2023: 19).

Anknüpfung an gesellschaftliche Debatten

Die Erzählung vom ‘großen Austausch’ ist dabei nicht bloß unter Rechtsextremist*innen wirkmächtig, sondern wird ebenfalls von Rechtspopulist*innen verbreitet und findet teilweise auch in breiteren Teilen der Gesellschaft Anklang. Die extreme Rechte arbeitet stets auf Diskursverschiebungen hin.

Die Ablehnung feministischer Errungenschaften ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Austausch-Erzählung für das Milieu von derart großer Bedeutung ist. Der ‘große Austausch’ verbindet diverse ausgrenzende Narrative miteinander, etwa die Ablehnung von Migration und Geschlechtergerechtigkeit. Damit dockt das Narrativ auch an Themen an, die in der öffentlichen Meinung stärker vertreten sind und – entgegen eines offen Interner Link: biologistischen Rassismus – nicht entschieden abgelehnt werden. Martin Sellner, Kopf der sogenannten Identitären Bewegung, erläutert in einer Schrift, ein solch übergreifender Begriff wie der ‘große Austausch’ habe dem Milieu lange gefehlt, um einschlägige extrem rechte Themen in einen gemeinsamen Kontext zu setzen (Sellner, zitiert in Kutscher 2023: 11).

Indem nun innerhalb des Narrativs beispielsweise davon gesprochen wird, dass geschlechtergerechte Sprache abzulehnen sei, der Feminismus mit seinen Forderungen zu weit gehe oder etwas schieflaufe in der Integration von Geflüchteten, bietet das Anknüpfungspunkte: So können mit solchen Botschaften auch Menschen erreicht werden, die von anderen Themen des Milieus (stärker) abgeschreckt wären und nicht dem extrem rechten Spektrum angehören. Der Versuch, über das eigene Milieu hinauszuwirken, findet sich auch in der steten Bezugnahme auf eine vermeintlich wissenschaftliche Faktenbasis des ‘großen Austauschs’. Es wird mit Auslegungen wissenschaftlicher oder pseudowissenschaftlicher Daten, die dem eigenen Narrativ dienen, argumentiert. So wird versucht, dem völkischen Denken einen objektiven Anstrich zu verleihen.

Insgesamt stellt die Szene selbst ihre Mär vom ‘großen Austausch’ bzw. die damit verbundenen Forderungen von Wehrhaftigkeit, Migrationsstopp und Abschiebung als gewaltfreie und uneigennützige, aber notwendige Handlungen dar: Migrant*innen – und alle, die von der extremen Rechten als solche gewertet werden – könnten nur in ihren Herkunftsländern langfristig zufrieden leben, Migration schade allen und die Kinderlosigkeit der Deutschen würde sich rächen und verarmte Rentner*innen zurücklassen. Anstelle der Migration werde eine Rückbesinnung auf traditionelle Familienwerte und Geschlechterrollen benötigt.

Stereotype

Das Menschen- und Gesellschaftsbild ist vorrangig von Vorurteilen und althergebrachten Ausgrenzungsmustern geprägt, die in der Erzählung kombiniert werden.

Antisemitismus

Bei der Frage nach den angeblich Steuernden dieses Austauschs tritt besonders häufig ein tief verankerter Interner Link: Antisemitismus zu Tage. Der Verweis auf vermeintliche „Geldeliten“ oder den jüdischen US-Investor George Soros knüpfen an uralte antijüdische Codes an, mit denen jüdischen Menschen unterstellt wird, durch Kapitalströme Regierungen und Medien zu kontrollieren. Die angeblich derart gesteuerten Migrationsbewegungen träfen, so die Behauptung, auf ein deutsches Volk, das weder den Willen noch die Kraft habe, sich dagegen zu wehren. So würden die fremden Mächte auf eine Destabilisierung Europas per genetischer Zersetzung hinwirken.

Entmenschlichung

Auch an anderer Stelle greift die 'Große Austausch'-Erzählung auf seit Langem verwurzelte Stereotype zurück. So werden Menschen, denen eine Einwanderungsgeschichte zugeschrieben wird – ähnlich wie zur Hochphase des Kolonialismus – den als tatsächlich als deutsch Betrachteten gegenübergestellt: Auf der einen Seite das Unzivilisierte, Unkontrollierbare, auf der anderen Seite die geordnete, zu schützende Kulturnation. Mithilfe solcher Bilder rechtfertigten die Kolonialmächte die Unterdrückung und Tötung von Menschen in den kolonisierten Ländern. Legitimiert wurde die Notwendigkeit zur Zivilisierung, Entwicklung oder Modernisierung damit, dass die Beherrschten als rückständig, barbarisch oder primitiv galten – und damit als weniger entwickelt, mithin tiergleich (vgl. Mamozai 1982).

Im ‘großen Austausch’ finden ähnliche Gleichsetzungen statt. Gerade Männer, die als Migranten aus arabischen oder afrikanischen Ländern dargestellt werden, werden als unkontrollierbare, zügellose Gefahr – insbesondere für weiße deutsche Frauen – gezeichnet. Liebes- und Sexualbeziehungen zwischen dem als Feind betrachteten Mann und der deutschen Frau werden in diesem Sinne also aus rassistischen Motiven abgelehnt. Und auch wenn der Interner Link: alte biologistische Rassismus kaum mehr offen ausgesprochen und dementsprechend auch von der Neuen Rechten gemieden wird – Verweise auf Genetik und Blutlinien sind implizit wie explizit anzufinden. Es herrscht ein klar rassifiziertes Bild davon, wer wirklich deutsch sein könne und wer nicht. Dies gilt auch für jene, die bereits seit Generationen in diesem Land leben.

Geschlechterbilder

Wenn es darum geht, wie eine deutsche Familie aussehen sollte, herrschen klare Vorgabe: So gibt es Vater und Mutter mit ihren jeweils geschlechtsabhängigen Aufgaben und mehreren Kindern. Feminismus gilt als Übel, das Deutschland bloß eine Verwässerung natürlicher Rollen und damit Kinderlosigkeit gebracht habe. Mit dem Narrativ des 'großen Austauschs' werden also klassische Geschlechterklischees reproduziert.

Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit – etwa der Interner Link: Frau über ihren Körper – werden nicht als positive Entwicklung für mehr Gleichberechtigung gesehen, sondern vielmehr als Gefährdung eines Volksbildes, in dem nur wenige Menschen Platz haben. Die als tatsächlich deutsch betrachtete Frau wird zum Sinnbild des Volkes, mit dem alles steht oder fällt. Indem sie (nach Geschlechtsverkehr mit einem ebenfalls als deutsch betrachteten Mann) ein Kind gebärt, erhält sie das Volk; tut sie das nicht, schadet sie dem Volk. Ein extrem rechtes Medium schreibt, die „entscheidenden Schlachten“ würden „in den Kreißsälen geschlagen“ (Compact-Magazin, zitiert in Kutscher 2023: 98). Der echte deutsche Mann müsse Stärke zeigen, seine Familie und sein Land verteidigen.

Liest man sich in die Texte einschlägiger Medien des Milieus ein, wird deutlich: Die Akteur*innen setzen alles daran, nicht sich, sondern den erklärten Feind als Gefahr für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit zu präsentieren. Dabei kommt es zu einem Zusammenschluss aus Sexismus und Rassismus: Während als migrantisch gezeichneten Männern Interner Link: Misogynie und Queer-Feindlichkeit vorgeworfen wird, werden gleichsam ganze Menschengruppen pauschal diffamiert. Gleichzeitig wird das eigene Geschlechterbild, das im Widerspruch zu einem modernen menschenrechtlichen Verständnis steht, in den Hintergrund gerückt.

Zunächst mag es widersprüchlich erscheinen, einer anderen Gruppe etwas vorzuwerfen, was einem selbst innewohnt. Doch passt dieser vermeintliche Widerspruch sehr gut in die binären Denkschemata der Erzählung: Alles an uns ist gut, wenn alles am Anderen schlecht ist. Es ist ein Schema, das den Rassismus stets durchzieht – Annita Kalpaka sprach von der „Logik der Entgegensetzungen“ (1994: 37). So lässt es sich auch erklären, warum die extreme Rechte in ihrer Erzählung vom ‘großen Austausch’ an ihrem Feindbild des migrantischen Mannes häufig vermeintliche Charakteristika kritisiert, die sie sich eigentlich für ihr eigenes Volk wünscht. Ein prägnantes Beispiel bietet das Familienbild: Während die Rede davon ist, die Deutschen müssten sich wieder mehr auf die Familie besinnen, müssten mehr Kinder kriegen und traditionelle Rollen einnehmen, wird genau das dem rassifizierten ‘Anderen’ vorgeworfen. Das Narrativ behauptet, bei dem besagten ‘Anderen’ herrschten starre Rollenbilder, es gäbe zu viele Kinder und enge Familienbande würden zu kriminellen Syndikaten führen.

Es sind Widersprüche, die in ihrer Entgegensetzung den politischen Motiven der extremen Rechten nutzen und deshalb gezielt eingesetzt werden.

Reale Konsequenzen

Die Erzählung vom 'großen Austausch' behauptet, der Bevölkerungsaustausch stehe nicht einfach nur bevor, sondern sei bereits in vollem Gange. Damit wird eine akute Handlungsnotwendigkeit suggeriert. Es soll der Eindruck entstehen, dass irreversible Konsequenzen für das Leben jedes Einzelnen drohten, wenn nicht sofort entschlossen gehandelt würde. Anzunehmen, in dieser Erzählung läge bloß ein theoretisches Bedrohungspotenzial, wäre jedoch weit verfehlt. Der Terrorist, der Interner Link: 2019 im neuseeländischen Christchurch zwei Moscheegemeinden angriff und dabei 51 Menschen tötete und viele weitere verletzte, betitelte seine eigens verfasste Hassschrift als „The Great Replacement“ (englische Entsprechung des ‘großen Austauschs’).

Doch man muss nicht bis zu dieser Eskalationsstufe der Gewalt blicken. Bestandteile der Austauscherzählung sind auf der Einstellungsebene bei vielen Menschen nachweisbar. In der Mitte-Studie aus dem Jahr 2021 der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten über 21 Prozent der Befragten der Aussage zu, die deutsche Gesellschaft werde „durch den Islam unterwandert“; weitere 22 Prozent stimmten dem zumindest teilweise zu (vgl. Häusler/Küpper 2021: 237).

Der extremen Rechten geht es bei der Erzählung vom ‘Großen Austausch’ nicht darum, real in Bedrohung befindliche Menschen zu schützen. Sie nutzt sie lediglich, um ihre Botschaften von Hass und Ausgrenzung zu transportieren und damit ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dass viele Versatzstücke der Erzählung seit Jahrzehnten, gar Jahrhunderten, tradiert sind, fördert seine Anschlussfähigkeit. Gerade deshalb muss es als fortwährende Aufgabe von kritischer Öffentlichkeit und Wissenschaft begriffen werden, über die Motive der extremen Rechten aufzuklären und ihren antidemokratischen, menschenverachtenden Grundannahmen entgegenzuwirken.

Der vorliegende Beitrag sieht bewusst von einer ausführlicheren Aufführung von Zitaten aus extrem rechten Texten ab, um deren gewaltvolle Sprache und Ideen nicht zu reproduzieren.

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Dr. Nadja Kutscher leitet das Projekt "M.U.T. - Beratung gegen Diskriminierung". Sie publiziert zudem wissenschaftlich und journalistisch u.a. zur extremen Rechten, zu Genderdebatten und Menschenrechten. Zuletzt ist ihr Buch „Das Narrativ vom »großen Austausch«. Rassismus, Sexismus und Antifeminismus im neurechten Untergangsmythos“ erschienen.