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Konkurrenz der Leidtragenden

Dr. Thorsten Gerald Schneiders

/ 15 Minuten zu lesen

Darf man Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in ein Verhältnis zueinander setzen, gar in einem Atemzug nennen? Diese Frage hat in den Medien und in der Wissenschaft vor ein paar Jahren eine heftige Debatte ausgelöst. Der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders hat die Argumente beider Seiten herausgearbeitet und kritisch beleuchtet.

Ende 2008 drängte der Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland. Anlass war eine Tagung des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin mit dem Titel "Feindbild Muslim – Feindbild Jude" sowie das kurz zuvor erschienene Jahrbuch für Antisemitismusforschung (17, 2008) mit entsprechendem inhaltlichem Schwerpunkt. Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel formulierte als erster Kritik und warf dem ZfA vor, sich mit dieser Themensetzung auf "Abwegen" zu befinden. Sein Text wurde in Auszügen in der US-amerikanischen Zeitung The Wall Street Journal veröffentlicht, was zeigt, dass das Thema auch internationale Dimensionen hat. Es folgten mehrere weitere kritische Beiträge im In- und Ausland. Missfallen wurde zudem im Umfeld jüdischer Gemeinden in Deutschland geäußert und vom damaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Der frühere Leiter des ZfA, Wolfgang Benz, nahm in der Folgezeit mehrfach Stellung und führte die Überlegungen in verschiedenen Publikationen fachlich aus. Insbesondere ein Meinungsbeitrag von ihm in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Januar 2010 unter dem Titel "Der Feind in der Wiege" heizte die Debatte noch einmal an. Benz erhielt aber auch von verschiedenen Seiten Rückendeckung.

Die Auseinandersetzung um Islamfeindlichkeit und Antisemitismus wird schon länger geführt. Bereits im Mai 2008 hatte der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Şen, einen Kommentar für die türkische Zeitung Referans mit dem Titel "Die neuen Juden Europas" veröffentlicht. Diskutiert wurde auch, als der Anthropologe Werner Schiffauer am 6. November 2003 in einem Interview mit der "taz" sagte: "Ich habe den Eindruck, dass es in dieser Gesellschaft einen ganz massiven Antiislamismus gibt, der den Antisemitismus abgelöst hat." Darüber hinaus wird das Thema seit einiger Zeit wissenschaftlich analysiert – bspw. durch den Historiker Dan Diner. Außerhalb des unmittelbaren deutschen Kontexts nahmen sich Konferenzen der EUMC und der OSZE den Überlegungen an. Forscher wie der US-Amerikaner Matti Bunzl und der englische Historiker David Cesarani positionierten sich in der Frage, und der französische Philosoph Etienne Balibar verwies schon 1988 auf Antisemitismus, um die "Feindschaft gegenüber Arabern" begreiflich zu machen.

Thorsten Gerald Schneiders: Konkurrenz der Leidtragenden

Videoteaser zum Schwerpunkt Islamfeindlichkeit

Thorsten Gerald Schneiders: Konkurrenz der Leidtragenden

Darf man Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in ein Verhältnis zueinander setzen, gar in einem Atemzug nennen? Diese Frage hat in den Medien und in der Wissenschaft vor ein paar Jahren eine heftige Debatte ausgelöst. Der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders hat die Argumente beider Seiten herausgearbeitet und kritisch beleuchtet.

Pro…

Zurück zur Diskussion in Deutschland und zu Wolfgang Benz … Der verwies in seiner Argumentation nämlich vor allem auf die Parallelen zwischen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus, die unverkennbar seien: "Die Wut der Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten." Und die Folgen seien in gleicher Weise erheblich, "denn jede Verabredung einer Mehrheit gegen das eine oder andere Kollektiv einer Minderheit, das als solches ausgegrenzt wird, ist gefährlich, wie nicht nur das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Steigerung zum Völkermord lehrt." Benz bezieht sich bei seinen Überlegungen vor allem auf den Antisemitismus im 19./20. Jahrhundert. Er betont, dass er die Antisemitismusforschung als Vorurteilsforschung verstehe, die sich Erkenntnisse aus der Auseinandersetzung mit dem ältesten und schwerwiegendsten Beispiel, nämlich der Judenfeindschaft, zunutze machen müsse, um "neue Einsichten für das Verständnis" anderer Formen der Feindseligkeit gegen Gruppen von Menschen zu gewinnen; Benz zitiert hier bewusst aus der Antrittsvorlesung seines Vorgängers, des ZfA-Gründungsdirektors Herbert A. Strauss, um seine Position zu untermauern. Bei dieser Forschung gehe es nicht darum, etwas über das Verhalten von Juden oder Muslimen zu lernen, sondern über das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft, darüber welche Funktionen und Wirkungen Feinbilder in ihr haben.

Vielfach übereinstimmend führen Benz und andere Befürworter der Analogie zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit eine Reihe von Argumenten ins Feld. Sie verweisen etwa auf ein ähnliches Instrumentarium, mit dem Ausgrenzung und Antipathie erzeugt wird. Demnach wurden dereinst Thora und Talmud benutzt, um daraus Vorwürfe gegen Juden abzuleiten, heute werden Koran und Sunna denunziert.

Darüber hinaus weisen die Befürworter einer komparativen Betrachtung auf vergleichbare Tiermetaphern in beiden Kontexten hin. Laut Juliane Wetzel werden sowohl jüdische als auch muslimische Einrichtungen mit tierischem Blut und Teilen von Tierkadavern – in der Regel Schweine – geschändet. Salomon Korn hebt hervor, dass, ähnlich wie heute um den Bau von Moscheen, zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs um den Bau von Synagogen gestritten wurde.

Weitere Parallelen werden bei Verschwörungstheorien ausgemacht: Juden wird unterstellt, (im Geheimen) die Weltherrschaft anzustreben, Muslimen, die Welt religiös unterwerfen zu wollen. Sprachlich spiegelt sich das laut Sabine Schiffer und Constantin Wagner in Begriffen wie "Islamisierung" und "Judaisierung" bzw. "Verjudung" wider. Weiter heißt es, damals wie heute habe es vor diesem Hintergrund in der Mehrheitsbevölkerung Überfremdungsängste gegeben. Der Vorwurf, Muslime bekämen mehr Kinder und bedrohten damit die demographische Entwicklung, sei schon gegen Juden erhoben worden. Gleiches gelte für die Unterstellung, nicht bereit oder nicht in der Lage zu sein, sich zu assimilieren bzw. in die deutsche Nation zu integrieren. Micha Brumlik stellt hier das antisemitische Klischee vom jüdischen "Staat im Staate" dem heutigen Begriff der muslimischen "Parallelgesellschaft" gegenüber. Zum Beleg führen er und andere immer wieder den Historiker Heinrich von Treitschke an, der 1879 mit dem Aufsatz "Unsere Aussichten" den Berliner Antisemitismusstreit auslöste, und den SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der 2009 und 2010 seine Thesen über Muslime ausformulierte.

…und contra

Die Gegenüberstellung und der Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit hat aber auch vehemente Kritik hervorgerufen. Diese macht sich ebenfalls an verschiedenen Aspekten fest, die immer wieder im Grundsatz aufgenommen und mal sachlich, mal zugespitzt referiert werden. Einer der Hauptvorwürfe lautet, beide Phänomene würden vom ZfA gleichgesetzt, das sei ungerechtfertigt und unmoralisch. Zum einen stehe dem relativ neuen Phänomen der Islamfeindlichkeit eine mehr als 2.000 Jahre währende Geschichte des Antisemitismus gegenüber, in der die Vorbehalte, anders als bei Muslimen, zu Pogromen, Massenmorden und letztlich zum Zivilisationsbruch des Holocausts geführt hätten. Zum anderen werde eben dieses besondere Leid der Juden durch eine Gleichsetzung diminuiert und marginalisiert.

Schon der bloße Vergleich beider Phänomene stößt auf Kritik. Selbst wenn man sich zeitlich nur auf das Deutsche Kaiserreich beziehe, argumentiert Matti Bunzl (der den Vergleich allerdings nicht gänzlich ablehnt), müsse man zur Kenntnis nehmen, dass die Islamfeindlichkeit erst zur Wende zum 21. Jahrhundert aufgekommen sei. Zudem fehle dem Vergleich die inhaltliche Basis bzw. das "tertium comparationis", wie Monika Schwarz-Friesel und Evyatar Friesel ausführen. Anknüpfend an diesen Gedanken erläutert Küntzel, Rassismus mache den Menschen im Allgemeinen klein, Antisemitismus dagegen wahnhaft groß, weil er Juden für Kapitalismus, Kommunismus, AIDS, Revolutionen und Finanzkrisen verantwortlich zeihe. Muslime würden indes nicht beschuldigt, bei Kriegen und Revolutionen die Fäden im Hintergrund zu ziehen - Stichwort: Weltjudentum. Julius Schoeps fügt hinzu, es gebe auch keine "parallelen Wahnvorstellungen". Gemeint sind neben den "Protokollen der Weisen von Zion" vergleichbare Ritualmord- und Blutlegenden, wonach Muslime nicht-muslimische Kinder töten, oder Brunnenvergiftungslegenden, mit denen Muslime etwa für Krankheiten wie die Pest verantwortlich gemacht werden. Ebenso habe der Gottesmörder-Vorwurf kein Äquivalent in der Islamfeindlichkeit.

Ein weiteres Argument gegen den Vergleich besagt, im Gegensatz zu Juden gehe wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA von einigen Muslimen tatsächlich reale Gewalt und Terrorismus unter explizitem Hinweis auf die Religion aus. Während die Islamfeindlichkeit somit "durch induktive Schlüsse auf empirischer Basis" entstanden sei, entstand der Antisemitismus "durch komplett irreale Konstruktionen". Manche Vergleichsgegner attestierten deshalb einen gewissen Zynismus, wenn ausgerechnet judenfeindliche Strömungen im Islam mit einem Vergleich zum Antisemitismus verteidigt werden sollen. Denn der Islam werde durch Islamisten nicht "missbraucht", sondern auf spezifische Weise interpretiert. Eine Trennung von Islam und Islamismus wird hier bisweilen abgelehnt. Vorrangig müsse der Antisemitismus unter Muslimen betrachtet werden, heißt es – insbesondere in Zeiten, in denen Staaten wie der Iran auf weltpolitischer Bühne massiv gegen Juden agitierten. Niemand wolle ein muslimisches "Land" von der Weltkarte tilgen, für den einzigen jüdischen Staat gelte das indes schon.

Beim Antisemitismus wird außerdem eine andere Qualität konstatiert: So bräuchten Moscheen und muslimische Einrichtungen keinen unmittelbaren Polizeischutz und keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Schoeps zufolge fehlen der Islamfeindlichkeit das ideologische Gerüst, die politischen Programme und die staatliche Rückendeckung – wohingegen man beim Antisemitismus von einer Massenbewegung sprechen muss, die von Kirchen, Intellektuellen, Politikern und schließlich von der nationalsozialistischen Diktatur getragen wurde. Bunzl unterstreicht ferner einen grundsätzlichen strukturellen Unterschied: Antisemitismus diene dazu, die ethnische Reinheit der Nation zu erhalten, Islamfeindlichkeit sei darauf angelegt, die Zukunft der europäischen Zivilisation zu schützen.

Erörterung der Argumente: Ein publizistischer Feldzug im Zeichen der "Islamkritik"

Die massiven Anfeindungen gegen Benz und das ZfA haben verschiedene Ursachen. Brumlik deutet an, dass sie teilweise selbst islamfeindlichen Ursprungs sind. Die "so genannte Islamkritik", die unter dem Deckmantel der legitimen Auseinandersetzung mit der Religion des Islam Ressentiments schürt und als solche Bestandteil von Islamfeindlichkeit ist, war um das Jahr 2008 zu einem zentralen Thema in Politik und Gesellschaft geworden. Indem ausgerechnet das renommierte ZfA diese Entwicklung kritisch thematisierte, steigerte es die Relevanz und Qualität des Problems, was vor allem Protagonisten und Sympathisanten der islamfeindlichen Szene nicht recht gewesen sein kann. In der Tat sind einige der Personen, die scharfe Kritik an der Konferenz formuliert hatten, seit längerem Teil umstrittener Diskurse mit Stoßrichtung Islam oder arabische Welt. Das setzt sich hier fort. So werden u.a. extreme Islaminterpretationen in der muslimischen Welt als repräsentativ dargestellt – sei es durch Hinweise auf den Iran und Saudi-Arabien oder auf Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah. Es gab und gibt aber vielfältige Ausprägungen des Islams. Diese Unterschiede bewusst oder unbewusst zu Gunsten eines teilweise menschenverachtenden Religionsverständnisses, das zudem nur durch einen Bruchteil von Muslimen befolgt wird, zu verwischen bzw. zu negieren, ist ein Indiz für islamfeindliche Motive. Darüber hinaus erkennt Brumlik die "publizistische Kampagne" einer Autorengruppe, als deren Mitglieder er neben Küntzel den Politikwissenschaftler Clemens Heni, den Journalisten Henryk M. Broder und den Berlin-Korrespondenten der Jerusalem Post, Benjamin Weinthal, benennt. Dieselbe Einschätzung äußert der Redakteur der Zeitung Die Welt, Alan Posener. Auch das Bedauern des Holocaustforschers Yehuda Bauer darüber, dass man den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel in die Kontroverse "hineingezogen" habe und dass man versuchen wollte, ihn ebenfalls für die Kritik am ZfA einzuspannen, weist in diese Richtung. Benz selbst sagte dem Deutschlandradio Kultur am 29. Oktober 2010, es gebe eine kleine Gruppe, "fünf, sechs Leute, die aber lautstark gegen das Zentrum und vor allem gegen mich kämpfen".

Die Sorge um den Umgang mit Antisemitismus

Die jenseits aller Polemik vorgetragene Ablehnung des Vergleichskonzepts wartet indes mit sehr wohl ernstzunehmenden Argumenten auf. Nichtsdestotrotz sind sie gleichsam diskutierbar. So finden sich durchaus Belege dafür, dass Muslimen ebenfalls explizit unterstellt wird, die Weltherrschaft anzustreben. Zudem ist es keineswegs eindeutig, dass reale Gewalttaten von Muslimen tatsächlich Anlass für Islamfeindlichkeit sind. Möglicherweise "bestätigten" sie lediglich vorhandene Vorurteile. Die Rassismus- und Vorurteilsforschung betont jedenfalls, dass es konstitutiv für Gesellschaften sei, sich von anderen abzugrenzen und dabei auch Feindbilder zu konstruieren. Juliane Wetzel schreibt: "In pauschalen Bedrohungsszenarien ist es völlig unerheblich, ob einzelne der als Kollektiv wahrgenommenen Gruppe Verfehlungen begangen haben oder nicht." Sie und andere Wissenschaftler verweisen dabei auf die Rolle von "Juden" im Anarchismus und Bolschewismus des 19./20. Jahrhunderts. Bereits damals seien reale Gewalttaten und Aktivitäten Einzelner von Antisemiten generalisiert und aufgebauscht worden. So wie Judenfeindschaft keine Juden braucht, braucht es demnach keine Muslime für die Feindlichkeit gegen sie und ihren Glauben.

In gleicher Weise kann man darüber diskutieren, ob Islamfeindlichkeit wirklich nur ein "destruktives Gegenwarts-Phänomen" ist. Die Geschichte antiislamischer und antimuslimischer Agitation reicht mindestens zurück bis ins Zeitalter der Kreuzzüge, von dort aus führte der Weg über Martin Luther, die Türkenkriege und diverse literarische Zeugnisse in die Gegenwart. Eine genauere Überlegung sind auch Schoeps Hinweise wert, wonach der Islamfeindlichkeit die Rückendeckung auf politischer Ebene fehle. Es gibt Parteien und Vereine wie "Die Freiheit", "Pro Köln", die "Bürgerbewegung Pax Europa" oder die örtlichen Zusammenschlüsse von Nutzern der Internetseite "Politically Incorrect" (pi-news.net), die eine dezidiert antiislamische Agenda verfolgen. Selbst wenn sie nicht die Reichweite und Bedeutung der antisemitischen Parteien und Vereine von vor 1933 haben, muss man deren Existenz doch zur Kenntnis nehmen. Zudem zeigt der Blick ins Ausland, dass sich heute mit bzw. trotz dezidiert islamfeindlichen Programmen bei Wahlen mehr als 20 Prozent der Stimmen erzielen lassen. Und angesichts der Duldung einer Regierung durch entsprechende Parteien in den Niederlanden oder der direkten Regierungsbeteiligung ebensolcher in Österreich ist auch das Argument einer fehlenden staatlichen Rückendeckung klärungsbedürftig; man denke überdies an das 2009 per Volksabstimmung in der Schweizer Bundesverfassung verankerte Minarettverbot.

Doch zurück zur Kontroverse – diese wird zu großen Teilen aneinander vorbei geführt. Während sich die Befürworter einer vergleichenden Betrachtung auf Gemeinsamkeiten konzentrieren, erörtern die Gegner vorwiegend Unterschiede. Wie gezeigt, kann man zwar über die Prämissen der auf beiden Seiten angeführten Argumente diskutieren, komplett verwerfen lassen sich jedoch die wenigsten. So hat Benz recht, wenn er auf die Denunziationen des religiösen Schrifttums im Antisemitismus und bei der Islamfeindlichkeit verweist. Ebenso wenig liegen Schwarz-Friesel/Friesel falsch, wenn sie ausführen, dass Judenfeindschaft über die Jahrhunderte im Gegensatz zu Ressentiments gegenüber Muslimen zu einer „Grundkomponente der westlichen Kultur“ geworden ist. Erst beim Resümee, etwa dem von Schwarz-Friesel/Friesel, wonach der Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit keine erkenntnisfördernde Funktion habe und man in der Wissenschaft besser darauf verzichten möge, wird deutlich, dass der zentrale Gegenstand der Kontroverse die Schlussfolgerungen sind.

Das wiederum spiegelt die Emotionalität der Debatte wider. Opferkonkurrenz spielt hier eine wichtige Rolle. Während die eine Seite befürchtet, der Vergleich könne den Kampf gegen das nach wie vor subjektiv wie objektiv zentrale Problem des Antisemitismus in Deutschland schwächen, zeichnet sich umgekehrt der Wunsch ab, die Öffentlichkeit möge endlich die Islamfeindlichkeit ebenfalls ernst nehmen und entsprechend Empathie zeigen. Das Feindbild Islam wird aber von Teilen der Wissenschaft und Medien nach wie vor als komplett wirklichkeitsfremd geleugnet oder als Phantasma bzw. hysterische Angst abqualifiziert.

Ein weiterer Nährboden für die Emotionalität ist die herrschende Unklarheit über das, was Islamfeindlichkeit überhaupt ausmacht. Das Thema ist gerade einmal zehn Jahre Gegenstand der Forschung in Deutschland. Es gibt wenig systematisierende Abhandlungen. Die Abgrenzung von legitimer Religionskritik bzw. legitimer Islamkritik ist kaum präsent. Die Gütekriterien der Messmethoden, insbesondere die Validität, ist partiell umstritten, selbst die Terminologie ist ungeklärt. So werden neben "Islamfeindlichkeit" u.a. die Begriffe "Islamophobie", "Muslimenfeindschaft" oder "antimuslimischer Rassismus" gebraucht. Armin Pfahl-Traughber gibt Benz in der Debatte entsprechend mit auf den Weg, er "müsste aber – im Sinne einer erkenntnisfördernden Perspektive für den Vergleich – das von ihm bezüglich der Feindschaft gegen Muslime gemeinte Phänomen genauer beschreiben."

Die Mängel der Islamfeindlichkeitsforschung nutzen vor allem die so genannten Islamkritiker. Sie durchbrechen gezielt die herkömmlichen Denkmuster. Sie inszenieren sich als prosemitisch/proisraelisch, als Vorkämpfer für Demokratie, Aufklärung, Menschen- und Bürgerrechte, und grenzen sich demonstrativ von klassischen Merkmalen des Rechtsextremismus (Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit etc.) ab. Diese Strategie ist typisch für die so genannte Islamkritik. Ihre Akteure tragen damit der Erkenntnis Rechnung, dass die von der Mehrheit der Bevölkerung sanktionierte direkte Anfeindung einer Gruppe von Menschen den eigenen Zielen abträglich ist. Wie die Forschungen von Andreas Zick zeigen, verfolgen Menschen mit entsprechenden Einstellungen denn auch weniger die Feindschaft gegen Muslime als Muslime, sondern sie konzentrieren sich auf die Strukturen – hier auf das "System" Islam. Sie greifen es an und treffen die Glaubensanhänger damit indirekt. Dieses nach außen gezeigte Selbstverständnis hat die Öffnung der Islamfeindlichkeit für andere politische Milieus gefördert. Heute sind Menschen vom rechten politischen Rand über die Mitte bis hin zum linken politischen Rand in der Feindschaft gegen Muslime vereint.

Fazit

Die Debatte um Antisemitismus und Islamfeindlichkeit selbst muss vor dem Hintergrund des islamfeindlichen Diskurses betrachtet werden, wodurch sie einen Teil ihrer Brisanz verliert. Jedoch ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass eine Auseinandersetzung mit Islamfeindlichkeit vor dem Hintergrund des Antisemitismus tatsächlich die "Verharmlosung historischer und aktueller Judenfeindschaft" nach sich ziehen kann, wie Schoeps schreibt. Diese Sorge muss berücksichtigt werden. Die pure Existenz der Vergleichsdebatte zeigt, dass dies nicht in ausreichendem Maß geschieht. Eine Gleichsetzung beider Phänomene ist in keiner Weise begründbar, und selbst der Vergleich von Teilaspekten bleibt heikel. Auch hierbei muss sichergestellt werden, dass die Singularität des Antisemitismus und seiner Wirkungsgeschichte nicht in Zweifel gezogen wird; das gilt nicht allein für den Holocaust. Weder die historischen und gesellschaftlichen Dimensionen noch die Ausmaße der Übergriffe und Agitationen im Antisemitismus entsprechen auch nur ansatzweise dem Phänomen der Islamfeindlichkeit. Dem ZfA und seinem Direktor kann man vor diesem Hintergrund allenfalls vorwerfen, die Brisanz des Themas und die Dynamik der "islamkritischen" Szene anfangs unterschätzt zu haben. Möglicherweise hätte man den Streit mit einer stärkeren Systematisierung des Vergleichs eindämmen können.

Die Argumente, dass Antisemitismus und Islamfeindlichkeit eine gewisse Strukturidentität teilen, sind überzeugend und stichhaltig. In mancherlei Hinsicht sind die Überschneidungen so frappant, dass es fahrlässig wäre, sie zu ignorieren. Der FAZ-Journalist Patrick Bahners hat nicht unrecht, wenn er schreibt: "Dass Material für einen Vergleich vorhanden ist, […] kann nur leugnen, wem die Frage politisch nicht passt." Die berechtigten Bedenken der Kritiker dürfen folglich nicht dazu führen, den Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit grundsätzlich abzulehnen. Beide Phänomene sind aus heutiger Sicht Teil dessen, was die Konfliktforscher der Uni Bielefeld Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennen. Aus anderen Perspektiven stellen beide eine Diskriminierungsideologie dar, die sich gegen Angehörige einer religiös definierten Minderheit richtet, oder eine ausgrenzende Ideologie im Interesse der Schaffung von Kollektiven. Die inhaltliche und strukturelle Basis für den Vergleich, der als Instrument immerhin zentral für wissenschaftliches Arbeiten ist, ist zweifelsfrei gegeben, da Vergleiche nicht nur darauf abzielen, Gemeinsamkeiten sondern ebenso Unterschiede herauszuarbeiten.

Es gibt in diesem Streit gute Argumente für beide Positionen. Man sollte sie daher insofern dialektisch zusammenbringen, als dass man die vergleichende Betrachtung beider Vorurteilsstrukturen nicht kategorisch ablehnt, künftig aber noch stärker darauf achtet, die Gefahr einer nivellierenden Wirkung zu bannen.

Quellentext: "Islamfeindlichkeit und Antisemitismus ähneln einander" von Wolfgang Benz

Thorsten Gerald Schneiders bezieht sich in diesem Text auf einen Beitrag von Wolfgang Benz, der als Quelletext im Dossier Rechtsextremismus vorliegt.

Interner Link: Hier geht's zum Text

ist Islam- und Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist. Er lehrte unter anderem am Centrum für Religiöse Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.