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Herausforderung Salafismus

14.12.2018

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu Salafismus und Radikalisierung

Das Thema Salafismus wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel, wenn Lehrkräfte, Freunde, Freundinnen oder Familie sich mit möglichen Anzeichen für eine Radikalisierung von Jugendlichen auseinandersetzen müssen. Warum schließen sich Menschen radikalen Gruppen an? Was kann man dagegen tun? Wie können Schule und Jugendarbeit auf besorgniserregende Anlässe reagieren? Und was hat der Islam mit Extremismus zu tun? Die Übersicht gibt erste, verständliche Antworten, dient zur Orientierung und nennt Quellen für weiterführende Informationen.
FAQ – Häufig gestellte Fragen. (© Sascha Richter)

1. Allgemeine Fragen und Grundlagen

1.1 Was ist Salafismus?
1.2 Was kennzeichnet salafistisches Denken?
1.3 Wie sieht die salafistische Szene in Deutschland aus?
1.4 Warum schließen sich junge Menschen radikalen Gruppen an?
1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?
1.6 Wann gilt jemand als "radikal" oder "extremistisch"?
1.7 Was hat der Islam mit Radikalisierung und Extremismus zu tun?

2. Umgang mit Radikalisierung

2.1 Muss ich mich mit dem Islam auskennen, wenn ich mit salafistischen Argumenten konfrontiert werde?
2.2 Was kann man gegen Radikalisierung tun?

3. Umgang mit betroffenen Angehörigen und Freunden/-innen

3.1 Was kann ich tun, wenn sich Angehörige oder Freunde radikalisieren?

4. Schule, Jugendarbeit, soziale Arbeit

4.1 Wie können Schulen und Jugendarbeit Radikalisierung vorbeugen?
4.2 Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, dass sich eine Schülerin oder ein Schüler radikalisiert?
4.3 Eine Schülerin oder ein Schüler provoziert mit problematischen Aussagen und begründet diese mit "dem Islam". Er oder sie spricht öfter vom "Dschihad". Ist das reine Provokation? Wie finde ich heraus, ob mehr dahintersteckt?
4.4 Eine Schülerin oder ein Schüler trägt plötzlich betont religiöse Kleidung. Wie soll ich damit umgehen?
4.5 Welche Materialien kann ich in der Schule/der pädagogischen Praxis verwenden?

5. Unterstützung bekommen

5.1 Wo bekomme ich Beratung?
5.2 Wo kann ich mich zu Themen wie Islam, Islamismus, Salafismus, Radikalisierungsprävention weiterbilden?
5.3 (Wann) muss ich die Polizei/Sicherheitsbehörden verständigen, wenn ich mit offenbar radikalisierten Personen zu tun habe?

1. Allgemeine Fragen und Grundlagen


1.1 Was ist Salafismus?

Salafismus ist ein Oberbegriff für verschiedene Strömungen innerhalb des sunnitischen Islams. Sie sind durch ein ähnliches Verständnis der Rolle religiöser Überlieferungen verbunden. Ihre Anhängerinnen und Anhänger akzeptieren ausschließlich den Wortlaut des Korans, die Überlieferungen des Propheten Mohammed und die Lebensweise der ersten Generationen von Muslimen als authentische Quellen des Islams. Der Salafismus ist gekennzeichnet durch eine feindliche Haltung gegenüber jeglicher Neuerung der Religion und nicht sunnitischen Glaubensrichtungen.

Der Begriff "Salafismus" ist eine Fremdbezeichnung, die von Sicherheitsbehörden geprägt wurde. Er ist abgeleitet vom arabischen Begriff "Salafiyya", der im ausgehenden 19. Jahrhundert als Bezeichnung für eine islamische Reformbewegung bekannt wurde, die sich an der Frühzeit des Islams orientierte. "Salafiyya" wiederum geht zurück auf den arabischen Ausdruck "as-salaf as-salih", was übersetzt werden kann mit "die rechtschaffenen Altvorderen". Anhängerinnen und Anhänger salafistischer Gruppen bezeichnen sich in der Regel nicht selbst als Salafisten, sondern schlicht als "Muslime" – die nach den Vorschriften des vermeintlich "wahren Islams" leben.

Im heutigen Verständnis ist Salafismus sowohl eine Ideologie, die sich als Legitimation auf den Islam beruft, als auch eine religionstheoretisch eigenständige Bewegung innerhalb der islamischen Tradition.

Oft wird zwischen drei verschiedenen Kategorien unterschieden, wobei die Zuordnung sich danach richtet, auf welche Weise Salafisten ihre Ziele verwirklichen wollen: Es gibt demnach "Puristen", "politische Salafisten" und "Dschihadisten". Puristen verstehen ihre Religion vorwiegend als Privatangelegenheit und lehnen ein Aufbegehren gegen staatliche Autorität oder die Anwendung terroristischer Gewalt ab. Politische Salafisten betonen, Staat und Gesellschaft nach ihrem Verständnis des Islams umbauen zu wollen, verfolgen dieses Ziel jedoch mit legalen Mitteln und ohne Gewalt. Dschihadisten hingegen halten Gewalt für ein legitimes Mittel, um eine als "wahrhaftig" betrachtete islamische Gesellschaft mit einem dazugehörigen Staat zu errichten. Sie lehnen zudem die heutigen Regierungen in den muslimischen Gesellschaften als unislamisch ab.

Diese drei Kategorien gehen auf den US-Politikwissenschaftler Quintan Wiktorowicz zurück. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben diese Einteilung aufgegriffen. Dabei stellen sie jedoch zuweilen fließende Übergänge zwischen den Kategorien der politischen und der dschihadistischen Salafisten fest. So sind etwa die Aussagen zur Gewaltfrage oft zweideutig, auch die von einflussreichen Akteuren in der salafistischen Szene in Deutschland.

Einige salafistische Gruppierungen vertreten – unabhängig von ihrem Verhältnis zu Gewalt – Auffassungen, die im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien stehen. Denn ihnen zufolge steht eine angeblich von Gott vorgegebene, unantastbare Ordnung über den "menschengemachten Gesetzen". Für manche Salafisten gelten zudem Menschen mit abweichenden Vorstellungen als "Ungläubige" (arab. "kuffar"). Einige salafistische Strömungen werten Anders- und Nichtgläubige ab und betrachten sie nicht als gleichwertige Menschen. Das kann auch Musliminnen und Muslime mit anderem Religionsverständnis betreffen.

In weiten Teilen weist die salafistische Szene Charakteristika anderer subkulturell geprägter Jugendprotestbewegungen auf. Sie ist durch gemeinsame Einstellungen, Symbole, Sprache und Verhaltensweisen gekennzeichnet, die ausdrücklich als offensive Abgrenzung gegenüber der Kultur anderer gesellschaftlicher Gruppen dienen sollen.

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1.2 Was kennzeichnet salafistisches Denken?

Salafistische Gruppen behaupten, der einzig wahren Auslegung des Islam zu folgen. Alle anderen gelten entweder als nicht hinreichend aufgeklärte Muslime, als "Ketzer", "Abtrünnige" oder gar als "Ungläubige". Typisch ist die Annahme, dass die Welt zweigeteilt ist: Auf der einen Seite "der Islam", der "das Gute", "Wahrheit" und "Gerechtigkeit" verkörpert, und auf der anderen Seite "das Böse". Beide Seiten befinden sich demnach in einem ständigen Kampf, der bis zum Ende der Welt dauert.

Diesem Schema folgend werden dann beispielsweise Konflikte in muslimischen Ländern als Teil dieses endzeitlichen Kampfes interpretiert. Dazu gehören etwa der syrische Bürgerkrieg mit internationaler Beteiligung ab 2011 oder die Konflikte im Irak nach der amerikanischen Invasion ab 2003.

Salafistische Gruppen ordnen politische und gesellschaftliche Themen und Anlässe, aber auch Alltagsfragen in diese Weltsicht ein. Sie verbinden sie mit jeweils passenden religiösen Zitaten und modernen Werbestrategien und nutzen sie, um ihre eigenen Haltungen zu begründen. So werden etwa Beispiele für die Diskriminierung von Muslimen in Deutschland aufgegriffen, um zu belegen, dass diese systematisch durch den Staat unterdrückt würden.

Dagegen wird die Vorstellung einer verlockenden Utopie gesetzt: eine friedliche und gerechte Welt, in der die Menschen nach den Regeln des Islam leben. Diese Welt könne erreicht werden, wenn sich die Anhänger des "wahren Islam" durch Mission und/oder Kampf dafür einsetzen.

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1.3 Wie sieht die salafistische Szene in Deutschland aus?

Die salafistische Szene war in den vergangenen Jahren die am schnellsten wachsende Strömung des Islamismus in Deutschland. Das Bundesamt für Verfassungsschutz rechnet bundesweit rund 11.300 Personen zur Szene (Stand November 2018. Die wichtigsten Zahlen zur Szene: Überblick).
Im Jahr 2015 lag die Zahl bei 8.350, im Jahr 2014 waren es noch 7.000 Personen. Die salafistische Szene stellt somit nur einen Bruchteil der in Deutschland lebenden Muslime dar. Dabei sind die wachsenden Zahlen zum Teil auch auf die zunehmende Sensibilisierung und verstärkte Ermittlungsarbeit zurückzuführen.

Besonders starke salafistische Strukturen gibt es in einigen städtischen Ballungsräumen. Besonders die Stadtstaaten und südlichen Bundesländer haben eine vergleichsweise aktive Szene. Deutlich weniger Anhänger als in den Ländern der alten Bundesrepublik hat die salafistische Szene im Osten der Republik.

Allerdings ist die Zugehörigkeit zur salafistischen Szene nicht leicht zu definieren, weil es sehr unterschiedliche Gruppen gibt und keine einheitliche Organisation. Zudem bezeichnen sich Angehörige der Szene in der Regel nicht selbst als Salafisten. Die ermittelten Zahlen beruhen auf Zuordnungen durch die Behörden.

Bei der Frage, wie das salafistische Verständnis der Glaubenslehre in Deutschland in die Praxis umgesetzt werden sollte, kommen Anhänger der Szene zu sehr unterschiedlichen Antworten.

Fachleute unterscheiden verschiedene Kategorien salafistischer Gruppen, wobei nur eine Kategorie als gewaltbereit gilt – die sogenannten Dschihadisten (zu den Kategorien siehe 1.1 Was ist Salafismus?). Die Grenzen zwischen den Strömungen der salafistischen Szene sind fließend. Manche Szeneanhänger, die zunächst dem nicht-gewaltbereiten Spektrum zuzuordnen waren, haben sich zu dschihadistischen Salafisten radikalisiert. Umgekehrt gibt es Beispiele für Angehörige der Szene, deren Positionen sich in der entgegengesetzten Richtung entwickelt haben.

In weiten Teilen entspricht die Szene den Charakteristika anderer subkulturell geprägter Jugendprotestbewegungen. Sie ist durch gemeinsame Einstellungen, Symbole, Sprache und Verhaltensweisen gekennzeichnet, die ausdrücklich als offensive Abgrenzung gegenüber der Kultur der Mehrheitsgesellschaft dienen sollen.

Unter dem Eindruck der seit 2013 verstärkt stattfindenden Ausreisen von Szeneangehörigen in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien und Irak mit dem Ziel, vor Ort dschihadistische Gruppen zu unterstützen, hat sich die salafistische Szene in der Gewaltfrage zerstritten. So haben sich Wortführer des moderaten Spektrums eindeutig gegen den gewaltaffinen Teil der Szene positioniert. Aus dem militanten Spektrum heraus werden teilweise ernstzunehmende Bedrohungen gegen moderate Szene-Anhänger geäußert.

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1.4 Warum schließen sich junge Menschen radikalen Gruppen an?

Eine Radikalisierung kann von Person zu Person sehr unterschiedlich verlaufen – auch wenn viele Radikalisierungsverläufe Ähnlichkeiten aufweisen. Die meisten Fachleute gehen daher davon aus, dass es unmöglich ist, Radikalisierung mit einem einzigen Modell zu erklären, das auf alle Fälle anwendbar ist.

Jedoch gehen die Erklärungsansätze in der Regel davon aus, dass bei Radikalisierung verschiedene Faktoren wirken müssen, die zum einen die extremistische Bewegung als attraktiv erscheinen lassen (sogenannte Pull-Faktoren) und zum anderen die Bereitschaft einer Person verstärken, sich dem Extremismus zuzuwenden und sich von der Gesellschaft abzuwenden (Push-Faktoren). Diese Faktoren sind unabhängig von der Form des Extremismus und betreffen beispielsweise auch die Hinwendung zum Rechtsextremismus. Dabei lassen sich in den meisten Erklärungsansätzen drei Elemente ausmachen:
  • Die Erfahrung von Unmut, Unzufriedenheit und Konflikt: Die Betroffenen haben Erfahrungen gemacht, aufgrund derer sie bereit sind, mit neuen Ideen und Wertvorstellungen zu experimentieren.
  • Die Annahme einer extremistischen Ideologie: Die Funktion einer Ideologie besteht vor allem darin, einen Schuldigen zu identifizieren, eine Lösung bereitzustellen und zur Mitarbeit an diesem Projekt zu motivieren. (Im Fall mancher salafistischer Gruppen wird "der Westen" als Schuldiger identifiziert und als Lösung wird ein "Gottesstaat" angestrebt.)
  • Die Einbindung in Sozial- und Gruppenprozesse: Gruppendruck, -loyalität und soziale Bindungen
  • innerhalb der Gruppe fördern die Bereitschaft zu Aktionen.
Dass Unmut, Ideologie und Gruppenprozesse eine wichtige Rolle spielen, ist unumstritten. Unklar ist, wie wichtig diese Elemente sind und in welcher Reihenfolge sie bei einer Radikalisierung auftreten.

Warum sich eine konkrete Person radikalen Ideologien zuwendet, erschließt sich häufig, wenn man ihre individuelle Entwicklung und ihre Erfahrungen betrachtet, berichten Fachleute aus der Beratungspraxis und Distanzierungsarbeit.

Demnach spielen in vielen Fällen eine Krise oder ein Erlebnis des Scheiterns eine Rolle. Auch Diskriminierungserfahrungen können Einfluss haben. Insbesondere bei Jugendlichen können auch alterstypische Entwicklungsprozesse von Bedeutung sein – die Ablösung von der Familie, soziale Neuorientierung und die Entwicklung einer eigenen Identität, auch in Bezug auf politische Fragen.

Fachleute aus der Beratungspraxis betonen zudem, dass in unsicheren Lebensphasen manche Angebote extremistischer Gruppen attraktiv wirken können. Sie können unter anderem Folgendes bieten:
  • Identitätsstiftung und Geborgenheit,
  • Sinngebung nach einem bisher eher schwierigen Lebensweg,
  • Erhöhung des Selbstwertgefühls durch den Anspruch, eine exklusive Wahrheit zu besitzen,
  • klare Orientierung durch strikte Unterscheidung zwischen "gut" und "böse" bzw. "richtig" und "falsch" sowie durch charismatische Autoritäten,
  • Mitwirken am "Kampf" für Gerechtigkeit für angeblich verfolgte bzw. bedrohte Gruppen,
  • Zugehörigkeit zu einer starken, erfolgreichen Gemeinschaft,
  • Hoffnung auf Vergebung von Sünden im bisherigen Leben,
  • die Möglichkeit, aufgestauten Hass durch Gewalthandlungen zu kompensieren und dies mithilfe einer Ideologie legitimieren zu können (z. B. durch "religiöse" Begründungen),
  • Werbung für die eigenen Ideen durch ansprechend wirkende Videos und Beiträge in Social-Media-Kanälen.
Ausführliche Informationen auf bpb.de: Videos: Podcast-Serie: Sachbuch:
  • Farhad Khosrokhavar: Radikalisierung (bpb-Schriftenreihe)
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1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?

Fachleute betonen, dass jeder Fall einer möglichen Radikalisierung sorgfältig und individuell betrachtet werden muss. Demnach reichen "Checklisten" allein nicht aus, um einen Fall abschließend beurteilen zu können. Dennoch gibt es einige Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten, die auf eine Hinwendung zu salafistischen Gruppen hindeuten können.

Keines dieser Anzeichen allein bedeutet jedoch zwangsläufig, dass sich eine Person radikalisiert. Grundsätzlich gilt im Umgang mit religiös begründetem Verhalten, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft vielfältige Lebensweisen mit sich bringt, die ein legitimer Ausdruck gelebter Religiosität sind.

Besondere Aufmerksamkeit kann geboten sein, wenn Jugendliche deutlich mit ihrer gewohnten Lebensweise brechen, sich auffällig verändern und dafür religiöse Gründe anführen. Anzeichen könnten sein, dass der oder die Betroffene sich aus bisherigen Beziehungen zu Freunden und Familie zurückzieht oder von ihnen ebenfalls die Hinwendung zur Religion verlangt, bisherigen Hobbys nicht mehr nachgeht, neben der eigenen Überzeugung keine anderen Meinungen duldet oder häufig salafistische Predigten oder Online-Medien aus der Szene konsumiert.

Jedoch müssen auffällige Veränderungen nicht unbedingt Ausdruck einer problematischen Entwicklung sein. Vielmehr muss die individuelle Lebenssituation in Betracht gezogen werden. Zudem verweisen Fachleute darauf, dass Jugendliche immer neue Rollen erproben und Provokation eine alterstypische Erscheinung sein kann.

Daher ist es notwendig, auch Meinungsäußerungen und Argumentationsmuster sowie das Verhalten gegenüber anderen zu beachten.

Für eine Hinwendung zu salafistischen Gruppen können zum Beispiel folgende Verhaltensweisen sprechen:
  • Andere wegen ihres Lebenswandels oder ihres anderen Religionsverständnisses bedrängen – zum Beispiel Mädchen bedrängen, ein Kopftuch zu tragen oder abzuwerten, wenn sie dies nicht tun,
  • Auf strikter Trennung der Geschlechter bestehen,
  • Teilnahme an Missionierungs-Aktionen ("dawa"),
  • Ablehnung demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien; stattdessen zum Beispiel Berufung auf "Wort und Gesetz Gottes" beziehungsweise radikales Verständnis des Begriffs Scharia,
  • Typische Argumentationsmuster der salafistischen Szene verwenden ("Krieg des Westens gegen den Islam und die Muslime", politisches Geschehen oder historische Ereignisse religiös und/oder monokausal deuten).
Bei der Einschätzung von Fällen helfen die verschiedenen Beratungsstellen. Regionale Ansprechpartner finden sich in der Datenbank des Infodienstes. Bundesweit leistet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge Erstberatung und vermittelt gegebenenfalls eine längerfristige Beratung vor Ort.
Sie ist erreichbar unter der Telefonnummer 0911 / 943 43 43.

Ausführliche Informationen auf bpb.de:

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1.6 Wann gilt jemand als "radikal" oder "extremistisch"?

Die Begriffe "radikal" und "extremistisch" werden häufig verwendet, aber es gibt keine allgemeingültige Definition dafür. Was als Extremismus gilt, ist in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft umstritten.

Grundlage für die Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden in Deutschland ist die Einstufung als "extremistisch". Als "extremistische Bestrebungen" bezeichnen sie Aktivitäten, die zum Ziel haben, die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie zu beseitigen.

Extremistisch muss nicht gleichbedeutend mit gewaltbereit sein. Zwar tendieren Extremisten dazu, Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele zu legitimieren, zu unterstützen oder selbst auszuführen. Aber es existieren auch Strömungen, deren Ziel die Abschaffung der Demokratie ist, die dabei aber gewaltfreie Strategien verfolgen.

Radikale Auffassungen dagegen müssen nicht zwangsläufig als extremistisch im Sinne des Verfassungsschutzes gelten. Als radikal werden in der Regel überspitzte Denk- und Handlungsweisen bezeichnet, die auf grundlegende Veränderungen der Gesellschaft zielen. Nicht in jedem Fall schließt dies ein, die Grundprinzipien der Verfassung zu beseitigen.

Was als "überspitzt" und radikal gilt, ist relativ und abhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen, Normen und Diskursen. Es gibt Beispiele für ehemals als radikal geltende Positionen, die mehr oder weniger von Politik und Gesellschaft angenommen wurden. So galt etwa die gleichgeschlechtliche Ehe noch vor wenigen Jahrzehnten als radikale Forderung, heute ist sie geltendes Recht und weitestgehend gesellschaftlich akzeptiert.

Die Radikalisierungsprävention und Distanzierungsarbeit in Deutschland zielen auf Gruppen und Personen, die sich extremistischen Positionen zuwenden oder diese bereits vertreten.

Mehrere Aspekte der salafistischen Ideologie stehen im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien: Ihr zufolge steht eine angeblich von Gott vorgegebene, unantastbare Ordnung über den "menschengemachten Gesetzen". Demnach können gewählte Repräsentanten und ihre Körperschaften keine legitimen Gesetzgeber sein, sondern die Gesetzgebung schöpft sich ausschließlich aus den religiösen Schriften Koran und Prophetenüberlieferungen. Auch der politische Meinungsstreit, der Pluralismus, ist unter dieser Voraussetzung ausgeschlossen, ebenso die Unabhängigkeit der Gerichte.

Für Salafisten gelten zudem andersgläubige Menschen oder Menschen mit abweichenden Vorstellungen als "Ungläubige" (arab. "kuffar"), was in der Praxis mit einer klaren Abwertung von Andersgläubigen und damit einer Ungleichwertigkeit von Menschen einhergeht. Diese Abwertung steht im Gegensatz zum Gleichheitsgrundsatz. (siehe auch: 1.1 Was ist Salafismus?)

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1.7 Was hat der Islam mit Radikalisierung und Extremismus zu tun?

Die islamistisch motivierten Terroranschläge in Europa haben eine Diskussion darüber ausgelöst, welche Rolle der Islam bei der Radikalisierung von Personen oder Gruppen spielt. Die Frage ist weiterhin umstritten.

Klar ist, dass einige extremistische Gruppen und Attentäter behaupten, im Namen des Islam zu handeln. Weil sie selbst die Religion als Begründung für ihre Handlungen anführen, bezeichnen Fachleute dies als religiös begründeten Extremismus. (Zum Begriff Extremismus siehe 1.6 Wann gilt jemand als radikal oder extremistisch?)

Jedoch gibt es kein einheitliches Verständnis des Islam, und nur eine kleine Minderheit der gläubigen Musliminnen und Muslime vertritt extremistische Interpretationen. Insbesondere dschihadistische Gewalt wird von der großen Mehrheit der religiösen Autoritäten verurteilt. Zudem sind Opfer dschihadistischer Gewalt mehrheitlich selbst Muslime.

Zur Rolle der Religion als Faktor der Radikalisierung gibt es unterschiedliche Annahmen in der wissenschaftlichen Diskussion. Sie lassen sich folgendermaßen zuspitzen: Auf der einen Seite wird das Phänomen als "Radikalisierung des Islam" interpretiert, auf der anderen Seite als "Islamisierung der Radikalität". Prominente Vertreter dieser unterschiedlichen Sichtweisen sind die französischen Wissenschaftler Gilles Kepel und Olivier Roy.

Bei der ersten Sichtweise, welche von Gilles Kepel vertreten wird, wird davon ausgegangen, dass seit einiger Zeit eine "Radikalisierung des Islam" stattfindet. Damit ist gemeint, dass sich Menschen aus muslimischen Milieus zunehmend radikalen Interpretationen des Islam zuwenden. Demnach haben dschihadistische Gruppen und deren Gewalt ihren Ursprung in diesen Milieus. Auch Kepel sieht jedoch keineswegs den Islam als ursprünglichen Faktor der Radikalisierung an, sondern die jahrzehntelange soziale Vernachlässigung muslimischer Einwandererstadtteile in Kepels Heimat Frankreich.

Bei der "Islamisierung der Radikalität" – die Sichtweise, welche von Olivier Roy vorgebracht wird –, geht es um die Annahme, dass Jugendliche die Religion als ein Mittel zur Konfrontation betrachten. Sie suchen demnach den Bruch mit der Elterngeneration und der westlichen Gesellschaft. Sie seien frustriert und würden die Werte der Gesellschaft bedingungslos ablehnen. Als Argument für diese Annahme wird vor allem angeführt, dass eine Einwanderungsbiografie zu Brüchen in der Identität und Entwurzelung führt. Diese Entwurzelung begünstigt die Entstehung einer abstrakten Idee des Islams, der von seinen lokalen Kulturen gelöst ist. Radikalität war demnach schon immer in den Gesellschaften vorhanden. Doch während sie sich vor einigen Jahrzehnten unter anderem im Marxismus äußerte, hat diese Funktion zunehmend die Religion übernommen.

Abgesehen von der Rolle der Religion geht die Forschung davon aus, dass viele weitere Faktoren bei einer Radikalisierung mitwirken können, die zumeist in den Biographien der Betroffenen liegen. Dazu gehört unter anderem, dass eine extremistische Strömung unter Umständen attraktiv erscheint, weil sie einfache Erklärungen und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bieten kann. Auch jugendtypische Auflehnung und Rebellion oder persönliche Krisen können Einflussfaktoren sein. (Siehe auch: 1.4 Warum schließen sich junge Menschen radikalen Gruppen an?) Die biographischen Faktoren werden in der Praxis und in der Wissenschaft meist als wirkungsmächtiger und ursächlicher angesehen als die Religion.

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2. Umgang mit Radikalisierung


2.1 Muss ich mich mit dem Islam auskennen, wenn ich mit salafistischen Argumenten konfrontiert werde?

Wenn Jugendliche provokante Positionen zu Politik und Gesellschaft äußern und dies mit der Religion begründen, kann das zu Verunsicherung führen.

Um in einer solchen Situation angemessen reagieren zu können, sind ein reflektierter pädagogischer Umgang mit Religion sowie grundlegende Kenntnisse zu typischen Argumenten der salafistischen Szene hilfreich.

Grundsätzlich gilt im Umgang mit religiös begründetem Verhalten, dass sich pädagogische Fachkräfte in der Schule und Jugendarbeit darüber bewusst sein sollten, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft vielfältige Lebensweisen mit sich bringt. Wenn zum Beispiel Jugendliche lediglich das Fasten einhalten möchten oder sich offen zu ihrem Glauben bekennen, ist dies allein ein legitimer Ausdruck gelebter Religiosität. (Siehe auch: 1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?)

Dagegen gibt es auch religiös begründete Verhaltensweisen, die nicht mit den Prinzipien des Zusammenlebens in der Demokratie vereinbar sind. Zum Beispiel, wenn Jugendliche andere wegen ihres Lebenswandels bedrängen oder von Mädchen verlangen, ein Kopftuch zu tragen; oder wenn sie auf strikter Geschlechtertrennung bestehen. Auch vereinfachende, religiöse Deutungen von gesellschaftlichen Fragen oder des politischen Geschehens können ein Problem darstellen. Häufig geht es dabei unter anderem um den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft oder den Nahost-Konflikt.

Fachleute aus der Präventionsarbeit raten bei provokanten und problematischen Äußerungen dazu, zunächst das Gespräch zu suchen. Eine pädagogische Intervention ist hier in jedem Fall angezeigt. Dabei ist es ratsam, von religiösen Aspekten der Verhaltensweisen zu abstrahieren und die Situation aus pädagogischer Sicht zu betrachten. Dazu gehört im Fall von Provokationen, auch auf mögliche Motive der Jugendlichen für das Verhalten zu achten. (Siehe auch: 4.3 Ein/- Schüler/-in redet öfter vom Dschihad. Wie finde ich heraus, ob mehr dahintersteckt?)

Um typische Argumente und Propaganda aus der salafistischen Szene einschätzen zu können kann es zudem hilfreich sein, den Hintergrund grundsätzlich einordnen zu können: Als Salafismus werden bestimmte Strömungen innerhalb des Islam bezeichnet, deren Anhänger in Anspruch nehmen, ausschließlich dem Wortlaut des Koran und der Tradition des Propheten Mohammed zu folgen. (Siehe auch: 1.1 Was ist Salafismus?) Typisch ist die Annahme, dass die Welt zweigeteilt ist: Auf der einen Seite "der Islam", der "das Gute", "Wahrheit" und "Gerechtigkeit" verkörpert, und auf der anderen Seite "das Böse". Beide Seiten befinden sich demnach in einem ständigen Kampf.

Salafistische Gruppen ordnen politische und gesellschaftliche Themen und Anlässe, aber auch Alltagsfragen in diese Weltsicht ein. Sie verbinden sie mit jeweils passenden religiösen Zitaten und modernen Werbestrategien und nutzen sie, um ihre eigenen Haltungen zu begründen. (Siehe auch: 1.2 Was kennzeichnet salafistisches Denken?)

Vor diesem Hintergrund sind viele religiös begründete, problematische Äußerungen von Jugendlichen auch ohne tiefergehende Kenntnisse des Islam verständlich. Was an diesen Äußerungen problematisch ist, lässt sich häufig benennen als Vereinfachung von komplexen Zusammenhängen, dualistisches Weltbild, Abwertung Andersdenkender oder Andersgläubiger, Ausgrenzung anderer oder Aufwertung und Überhöhung der eigenen Position. Dies sind problematische Aspekte, die mit Mitteln der Pädagogik adressiert werden können.

Dagegen sind viele Fachkräfte aus der Präventionsarbeit skeptisch gegenüber dem Ansatz, salafistischen Positionen mit anderen Auslegungen des Islam zu begegnen oder zu versuchen, diese mit anderslautenden Zitaten aus religiösen Schriften zu widerlegen. Denn salafistische Gruppen behaupten, der einzig wahren Auslegung des Islam zu folgen. Alle anderen gelten als "Ungläubige".

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2.2 Was kann man gegen Radikalisierung tun?

In der Praxis wird eine große Bandbreite von Maßnahmen angewandt, um die Hinwendung zu einer extremistischen Ideologie zu verhindern. Teilweise geht es auch darum, bereits radikalisierte Personen dazu zu bewegen, sich von extremistischen Gruppen zu lösen. Zusammenfassend werden diese Maßnahmen als Prävention bezeichnet.

Entscheidend ist, zu berücksichtigen, mit welcher Motivation sich junge Menschen extremistischen Gruppen zuwenden. In der Präventionsarbeit nimmt es großen Raum ein zu analysieren, welche Aspekte für die Zielgruppe attraktiv sind. Denn die Gründe können sehr unterschiedlich sein (siehe auch: 1.4 Warum schließen sich junge Menschen extremistischen Gruppen an?).

Bei der Prävention wird zwischen verschiedenen Ebenen unterschieden, je nachdem, um welche Personen oder Gruppen es geht und ob bereits Anzeichen einer Radikalisierung vorliegen.

Die sogenannte primäre oder universelle Prävention richtet sich nicht an spezielle Zielgruppen, sondern an die Allgemeinheit. Sie spielt vor allem in Schule und Jugendarbeit eine Rolle. Primäre Prävention soll Jugendliche gegenüber Ideologien und extremistischen Gruppen stärken. Sie soll demokratische Grundwerte, Vielfalt und Solidarität erlebbar machen und den jungen Menschen Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe in ihrem Umfeld aufzeigen. Dadurch stärkt primäre Prävention die Kompetenzen junger Menschen, extremistische Positionen zu hinterfragen, wenn sie mit diesen in Berührung kommen.

Bei der sekundären Prävention beziehungsweise selektiven Prävention geht es um Maßnahmen, die sich an Zielgruppen richten, die Risikofaktoren aufweisen. Handlungsfelder sind zum Beispiel Schulen und Jugendarbeit in Stadtteilen, in denen Jugendliche mit den Ansprachen salafistischer Gruppierungen konfrontiert sind.

Die Präventionsarbeit auf der dritten Ebene richtet sich an Personen, die sich bereits radikalisiert haben oder radikalisieren (tertiäre oder indizierte Prävention). Dies wird gelegentlich auch als Distanzierungs- oder Ausstiegsarbeit bezeichnet. Oft wird auch der Begriff Deradikalisierung verwendet. Dieser Begriff wird in der Wissenschaft und in der Präventionspraxis jedoch teilweise kritisch gesehen, da er suggeriert, dass mit einer einfachen Gegenmaßnahme der Prozess der Radikalisierung abrupt unterbrochen oder gar umgekehrt werden könnte.

Bei der Distanzierungsarbeit kann ein ganzes Bündel von Maßnahmen angewandt werden. Dazu gehören die Ansprache und Betreuung der Betroffenen durch Fachleute, Hilfestellungen für die Angehörigen und Fallkonferenzen. Wichtig ist dabei eine Vertrauensbasis. Denn es ist Teil der Erzählungen salafistischer Gruppen, dass sie von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die Betroffenen erwarten Ablehnung und Kritik; daher ist in der Beratung wertschätzende Beziehungsarbeit gefragt. Im weiteren Verlauf geht es auch um sozialarbeiterisch-pädagogische Fragen, das heißt: um die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen und ihre Ressourcen. Ziel ist es, reale Perspektiven in der Gesellschaft aufzuzeigen. Teilhabe an der Gesellschaft muss attraktiver sein als Entfremdung und der Rückzug in die ideologisierte Gruppe.

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3. Umgang mit betroffenen Angehörigen und Freund/-innen


3.1 Umgang mit betroffenen Angehörigen und Freunden/-innen

Falls sich eine Person in Ihrem Umfeld radikalisiert, können Fachleute weiterhelfen. Sie können die Situation fachkundig einschätzen und gegebenenfalls weitere Schritte einleiten. Bundesweit berät die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, erreichbar unter der Telefonnummer 0911 / 943 43 43.

Darüber hinaus gibt es weitere Beratungsangebote in vielen Regionen. Sie finden sich in der Datenbank des Infodienstes Radikalisierungsprävention.

Fachleute betonen, dass es keine "Checklisten" für die Erkennung einer Radikalisierung gibt, sondern dass jeder Fall sorgfältig und individuell betrachtet werden muss. (Siehe auch: 1.5 Wie kann ich eine Radikalisierung erkennen?)

Zudem raten sie, die Beziehung zu den Betroffenen möglichst nicht abzubrechen. Denn ein Zugang auf persönlicher Ebene und eine Vertrauensbasis können die Schlüssel dafür sein, dass Betroffene nicht in die extremistische Szene abrutschen beziehungsweise sich wieder aus dieser lösen. Extremistische Gruppen dagegen versuchen oft darauf hinzuwirken, dass ihre Mitglieder die bestehenden Beziehungen abbrechen.

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4. Schule, Jugendarbeit, soziale Arbeit


4.1 Wie können Schulen und Jugendarbeit Radikalisierung vorbeugen?

Schulen und die mit ihnen verbundene Jugendhilfe (insbesondere Schulsozialarbeit) spielen bei der Radikalisierungsprävention eine wichtige Rolle, denn die Schule ist der einzige soziale Ort, an dem alle jungen Menschen aufgrund der Schulpflicht über einen längeren Zeitraum beständig anzutreffen sind.

Schulen und Jugendarbeit können grundsätzlich auf verschiedenen Ebenen der Prävention tätig werden. Dazu gehören folgende Bereiche und Zielgruppen:
  • primäre beziehungsweise universelle Prävention: richtet sich gleichermaßen an alle Jugendlichen und soll diese für extremistische Ideologien unempfänglich machen,
  • sekundäre beziehungsweise selektive Prävention: richtet sich an Zielgruppen, die Risikofaktoren aufweisen,
  • tertiäre beziehungsweise indizierte Prävention: Arbeit mit Personen, die sich im Prozess der Radikalisierung befinden oder die sich bereits radikalisiert haben.
(Zu den Ebenen der Prävention siehe auch: 2.2 Was kann man gegen Radikalisierung tun?)

Eine sehr große Bedeutung haben Schulen und Jugendarbeit bei der sogenannten universellen beziehungsweise primären Prävention. Dabei geht es weniger darum, etwas zu verhindern, sondern darum, demokratische Haltungen zu stärken. Ziel ist, Jugendliche für extremistische Ideologien unempfänglich zu machen. Sie sollen die notwendigen Kompetenzen erwerben, um die Positionen extremistischer Gruppen zu hinterfragen und sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Diese Ziele finden sich in ähnlichen Formulierungen in den Schulgesetzen der Länder.

Wichtig ist außerdem, dass Themen wie antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus und andere Ideologien der Ungleichwertigkeit mit den Jugendlichen diskutiert werden.

Auch bei der sekundären beziehungsweise selektiven Prävention können Schulen und Jugendarbeit eine Rolle spielen. Handlungsfelder sind zum Beispiel Schulen und Jugendarbeit in Stadtteilen, in denen Jugendliche mit Ansprachen durch salafistische Gruppierungen konfrontiert sind.

Vor allem wirkt es attraktiv auf Jugendliche, dass salafistische Gruppen Gemeinschaft und Selbstwirksamkeitserfahrungen versprechen. Insbesondere Jugendarbeit kann hier einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten, indem sie Alternativen anbietet, bei denen Jugendliche die gleichen Erfahrungen machen können.

Es liegen umfangreiche Materialien für die pädagogische Praxis vor, die in diesen Bereichen der Prävention verwendet werden können. Die Redaktion hat einige Materialien zusammengestellt, die im Internet heruntergeladen oder bestellt werden können – größtenteils kostenlos. Die Liste umfasst konkrete Unterrichtsvorschläge, Arbeitsblätter und pädagogische Konzepte, kompakte Hintergrundinformationen sowie Video-Beiträge. Sie finden die Materialien im Infodienst Radikalisierungsprävention hier.

Darüber hinaus können Lehrkräfte sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter auch dazu beitragen, eine mögliche Radikalisierung frühzeitig zu erkennen. Es gibt einige Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten, die für eine Hinwendung zu salafistischen Gruppen sprechen können. Jedoch bedeutet keines dieser Anzeichen zwangsläufig, dass sich eine Person radikalisiert (siehe auch: 1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?).

Gerade im Bereich Schule sollten Lehrkräfte deshalb auch für vorurteilsfreie Arbeit sensibilisiert werden. Nicht selten sind erlebte Diskriminierung und Ausgrenzung ein Faktor dafür, dass sich Jugendliche radikalisieren.

Schulen und Jugendarbeit können auch einbezogen werden, wenn Fachleute aus speziellen Beratungsstellen mit bereits radikalisierten Personen arbeiten. Die Fachleute koordinieren die Ansprache und Betreuung der Betroffenen. Dabei wird in der Regel das Umfeld einbezogen und das Vorgehen mit wichtigen Bezugspersonen wie Lehrkräften sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern abgestimmt (siehe auch: 2.2 Was kann man gegen Radikalisierung tun?).

Umgekehrt ist es sinnvoll, wenn Schulen und Jugendarbeit im Fall einer vermuteten Radikalisierung von Jugendlichen die Expertise bestehender Beratungsstellen nutzen, um professionell und unaufgeregt agieren zu können.

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4.2 Wie können Schulen und Jugendarbeit Radikalisierung vorbeugen?

Bei auffälligen Verhaltensweisen sollte stets eine professionelle pädagogische Herangehensweise gewahrt werden, auch bei einer vermuteten Radikalisierung. Dabei sollten sich Schulen um eine fachkundige Einschätzung der Situation bemühen. Gegebenenfalls kann die Schulleitung im Rahmen der jeweils geltenden Verfahrensregeln weitere Unterstützung hinzuziehen.

Fachleute betonen, dass es keine "Checklisten" für die Erkennung einer Radikalisierung gibt, sondern dass jeder Fall sorgfältig und individuell betrachtet werden muss. (Siehe auch: 1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?)

Ein erster Schritt kann sein, das Verhalten in angemessener Form direkt anzusprechen. Bei provokanten und problematischen Äußerungen kann es ratsam sein, von religiösen Aspekten zu abstrahieren und die Situation aus pädagogischer Sicht zu betrachten. Dazu gehört, auch auf mögliche Motive der Jugendlichen für das Verhalten zu achten.

Mögliche Sorgen der Schülerinnen und Schüler sollten in jedem Fall ernst genommen werden. Echtes Interesse an dem, was die Jugendlichen beschäftigt, und eine wohlwollende Neugierde können eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche Beziehungsarbeit sein.

Fachleute raten, die Beziehung zu den Betroffenen möglichst nicht abzubrechen. Denn ein Zugang auf persönlicher Ebene und eine Vertrauensbasis können die Schlüssel dafür sein, dass Betroffene nicht in die extremistische Szene abrutschen beziehungsweise sich wieder aus dieser lösen. Extremistische Gruppen dagegen versuchen oft darauf hinzuwirken, dass ihre Mitglieder die bestehenden Beziehungen abbrechen.

Bei der Einschätzung von möglichen Radikalisierungsfällen können die Beratungsstellen helfen. Regionale Ansprechpartner finden sich in der Datenbank des Infodienstes. Bundesweit bietet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eine telefonische Erstberatung an, erreichbar ist diese unter 0911 / 943 43 43.
In der Datenbank finden sich zudem Ansprechpartner, die speziell zu möglichen pädagogischen Maßnahmen beraten und Unterstützung anbieten.

In einigen Fällen kann es auch ratsam sein, die Sicherheitsbehörden zu informieren. Auch hierzu können die Beratungsstellen Schulen und Jugendeinrichtungen beraten.

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4.3 Wie können Schulen und Jugendarbeit Radikalisierung vorbeugen?

Es gibt einige Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten, die für eine Hinwendung zu salafistischen Gruppen sprechen können. Aber keines dieser Anzeichen allein bedeutet zwangsläufig, dass sich eine Person radikalisiert.

Für eine Hinwendung zu salafistischen Gruppen kann die Verwendung typischer Argumentationsmuster sprechen ("Der Westen gegen die Muslime", politisches Geschehen oder historische Ereignisse religiös und/oder monokausal deuten. Siehe auch: 1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?)

Bei provokanten und problematischen Aussagen von Schülerinnen und Schülern sollte zunächst das Gespräch gesucht werden. Oft empfiehlt es sich, den Jugendlichen nach der Schulstunde auf die Aussage anzusprechen. In keinem Fall sollten Äußerungen dieser Art einfach stehen gelassen werden.

Bei Aussagen, die andere Mitschülerinnen und Mitschüler angreifen und die auf eine konfrontative Religionsausübung hindeuten, sollte man hellhörig sein. Eine pädagogische Intervention ist hier in jedem Fall angezeigt. Zudem ist es wichtig hinzuschauen, ob die Schülerin oder der Schüler neben den problematischen Aussagen auch andere Veränderungen im Verhalten zeigt, Propagandamaterial verteilt oder versucht, Mitschülerinnen oder Mitschüler zu missionieren.

Fachleute betonen jedoch, dass für die Beurteilung eines Falles "Checklisten" nicht ausreichen, sondern dass jeder Fall sorgfältig und individuell betrachtet werden muss.

Bei auffälligen Verhaltensweisen sollte stets eine professionelle pädagogische Herangehensweise gewahrt werden, auch bei einer vermuteten Radikalisierung. Mögliche Sorgen der Schülerinnen und Schüler sollten in jedem Fall ernst genommen werden.

Gegebenenfalls kann die Schulleitung im Rahmen der jeweils geltenden Verfahrensregeln weitere Unterstützung hinzuziehen. Im Fall einer vermuteten Radikalisierung sollten sich Schulen um eine fachkundige Einschätzung der Situation bemühen.

Bei der Einschätzung von möglichen Radikalisierungsfällen können die Beratungsstellen helfen. Regionale Ansprechpartner finden sich in der Datenbank des Infodienstes. Bundesweit bietet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eine telefonische Erstberatung an, erreichbar ist diese unter 0911 / 943 43 43.
In der Datenbank finden sich zudem Ansprechpartner, die speziell zu möglichen pädagogischen Maßnahmen beraten und Unterstützung anbieten.

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4.4 Eine Schülerin oder ein Schüler trägt plötzlich betont religiöse Kleidung. Wie soll ich damit umgehen?

Das Tragen eines Kopftuches ist nicht per se ein Zeichen für eine Radikalisierung. Auch auffällige Veränderungen können Ausdruck einer unproblematischen Entwicklung der eigenen Identität sein. Dazu gehören auch Äußerlichkeiten, die mit der salafistischen Szene in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel das plötzliche Tragen eines Bartes.

Grundsätzlich gilt im Umgang mit religiös begründetem Verhalten, dass sich pädagogische Fachkräfte in der Schule und Jugendarbeit darüber bewusst sein sollten, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft vielfältige Lebensweisen mit sich bringt. Wenn zum Beispiel Jugendliche lediglich das Fasten einhalten möchten oder sich offen zu ihrem Glauben bekennen, ist dies allein ein legitimer Ausdruck gelebter Religiosität.

Verhaltensänderungen können jedoch auch auf schwerwiegende Veränderungen im Leben beziehungsweise in der Familie hinweisen. Schwere Lebenskrisen wiederum können auch ein Faktor für eine mögliche Radikalisierung sein. (Siehe auch: 1.5 Wie kann man eine Radikalisierung erkennen?)

In jedem Fall gilt es, professionell pädagogisch zu handeln. Ein erster Schritt kann es sein, das Verhalten in angemessener Form direkt anzusprechen. Ein wertschätzender und vorurteilsfreier Umgang ist hierbei angezeigt. Keinesfalls sollten Lehrkräfte abwertend oder urteilend über die religiöse Kleidung der Schülerin oder des Schülers sprechen.

Das Tragen religiöser Kleidung ist zunächst eine persönliche Entscheidung und schulrechtlich nur dann relevant, wenn beispielsweise eine Gesichtsverhüllung die Identifizierung der Person unmöglich macht. Hier kann sich die Schulleitung auf das Hausrecht berufen.

Im Zweifel sollten sich Lehrkräfte zunächst um eine fachkundige Einschätzung der Situation bemühen. Gegebenenfalls kann die Schulleitung im Rahmen der jeweils geltenden Verfahrensregeln weitere Unterstützung hinzuziehen.

Bei der Einschätzung von möglichen Radikalisierungsfällen können die Beratungsstellen helfen. Regionale Ansprechpartner finden sich in der Datenbank des Infodienstes. Bundesweit bietet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eine telefonische Erstberatung an, erreichbar ist diese unter 0911 / 943 43 43.
In der Datenbank finden sich zudem Ansprechpartner, die speziell zu möglichen pädagogischen Maßnahmen beraten und Unterstützung anbieten.

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4.5 Welche Materialien kann ich in der Schule/der pädagogischen Praxis verwenden?

Die Redaktion des Infodienstes hat Materialien für die (pädagogische) Praxis zusammengestellt, die im Internet heruntergeladen oder bestellt werden können – größtenteils kostenlos. Die Liste umfasst konkrete Unterrichtsvorschläge, Arbeitsblätter und pädagogische Konzepte, kompakte Hintergrundinformationen sowie Video-Beiträge, die sich für den Einsatz in der Bildung eignen.

Sie finden die Materialien hier.

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5. Unterstützung bekommen


5.1 Wo bekomme ich Beratung?

Eine Vielzahl von Initiativen und Beratungsstellen im gesamten Bundesgebiet berät und leistet Unterstützung, teilweise in mehreren Sprachen.

Bundesweit berät die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, erreichbar unter der Telefonnummer 0911 / 943 43 43.

Darüber hinaus finden sich weitere regionale Ansprechpartner in der Datenbank des Infodienstes. Wählen Sie unter Angebote "Beratung" sowie das entsprechende Bundesland. Oder geben Sie Ihre Postleitzahl ein und nutzen die Umkreissuche. Die Datenbank wird laufend aktualisiert.

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5.2 Wo kann ich mich zu Themen wie Islam, Islamismus, Salafismus, Radikalisierungsprävention weiterbilden?

Der Infodienst Radikalisierungsprävention betreibt eine Datenbank mit Ansprechpartnern und Unterstützungsangeboten im gesamten Bundesgebiet. Es handelt sich unter anderem um pädagogische Initiativen oder Fach-Netzwerke, die Weiterbildungen anbieten. Sie können in der Datenbank unkompliziert nach für Sie passenden Angeboten suchen.

Wählen Sie unter Angebote "Fortbildungen und Trainings für Fachkräfte" sowie das entsprechende Bundesland. Oder geben Sie Ihre Postleitzahl ein und nutzen die Umkreissuche. Die Datenbank wird laufend aktualisiert.

Im Newsletter des Infodienstes weisen wir außerdem regelmäßig auf Veranstaltungen und Fortbildungen hin. Sie können den Newsletter hier abonnieren.

Informationen zum Thema bieten darüber hinaus eine Reihe von Veröffentlichungen der bpb, darunter der Infodienst Radikalisierungsprävention sowie das Dossier Islamismus auf bpb.de.

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5.3 (Wann) muss ich die Polizei/Sicherheitsbehörden verständigen, wenn ich mit offenbar radikalisierten Personen zu tun habe?

Grundsätzlich gilt, dass Informationen über begangene oder bevorstehende Straftaten der Polizei gemeldet werden müssen. Die Polizei unterliegt dem Legalitätsprinzip. Dies bedeutet, dass jede dort gemeldete Information über eine Straftat per Gesetz strafrechtlich verfolgt werden muss. Das betrifft auch Straftaten, die nicht unmittelbar mit der Radikalisierung in Zusammenhang stehen, wie etwa Rauschgiftkonsum. Die Polizei hat dabei keinen Handlungsspielraum.

Anders ist dies beim Verfassungsschutz. Er ist nicht verpflichtet, jegliche Informationen zu möglichen Straftaten an die Strafverfolgungsbehörden weiterzugeben. Die Verfassungsschutzbehörden der Länder und des Bundes nehmen Informationen über extremistische Strukturen entgegen und bieten umgekehrt dazu Beratung an.

Jedoch steht nur eine Minderzahl der Fälle von Radikalisierung mit Straftaten in Zusammenhang.

Im Falle einer vermeintlichen oder tatsächlichen Radikalisierung ist es in den meisten Fällen daher ratsam, zunächst die Beratungsstellen in den Bundesländern oder auf Bundesebene anzusprechen. Diese helfen auch weiter, wenn die meldende Person unsicher ist, ob sie sich an eine Sicherheitsbehörde wenden sollte oder dies sogar tun muss.

Wenn Sie Kenntnis über eine mögliche Straftat haben und sich nicht sicher sind, ob sie eine Ihnen nahestehende Person damit belasten, ist dringend dazu geraten, sich bereits vor der Kontaktaufnahme mit einer der oben genannten Stellen anwaltlich beraten zu lassen.

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