Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

28.8.2018 | Von:
Rainer Schweppe

"Anspruchsvoller Schulbau muss zeitgemäßen pädagogischen Kriterien folgen"

Ein Interview von Simone Grellmann

Schulsanierung

Viele Schulen in Deutschland sind sanierungsbedürftig. Wie kommt es, dass so ein riesiger Sanierungsstau entsteht? Warum wurde der Schulbau eigentlich so lange in Deutschland vernachlässigt?

Rainer Schweppe: Die Gebäudeunterhaltungsmittel der Gemeinden sind sehr große Finanzpositionen der kommunalen Haushalte. In schlechten konjunkturellen Phasen musste auch auf der kommunalen öffentlichen Ebene deutlich eingespart werden. Wenn Sie sich in der Zeit als für die Finanzen verantwortlicher Kämmerer fragten, wo Sie in Ihrer Kommune einsparen konnten, wollten Sie möglichst niemandem unmittelbar wehtun, etwa keine laufenden sozialen oder kulturellen Projekte beenden. Dann schien es einfacher, an den großen Töpfen, etwa im Schulsanierungsbereich zu sparen. So entwickeln sich häufig über Jahre hinweg Einsparschleifen bei den großen Titeln, bis eine bautechnisch und politisch nicht mehr tragbare Situation gegeben ist.

Das betrifft aber auch andere Bereiche, wie beispielweise die Straßen- oder Brückenunterhaltung. Überall da, wo Infrastruktur vorgehalten werden muss, muss sie gepflegt werden. Da sind zugunsten kurzfristiger Ziele und zulasten der Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit viele falsche Entscheidungen getroffen worden. Das ist auf der einen Seite sehr bedauerlich, auf der anderen Seite bietet dieser große Sanierungsaufwand eine große Chance zu modernisieren. Insofern ist auch ein "Phönix-Effekt" entstanden, denn im Zuge der Sanierungen können wir die Schulen für die Nutzer und für die Pädagogik von heute gestalten.

Lassen sich denn in zu sanierenden Schulen auch neue Raumkonzepte umsetzen, das heißt mit der Sanierung Schulen erneuern, oder muss man solche Schulen gleich neu bauen?

Rainer Schweppe: Es kommt unter anderem auf die Entwicklung der Schülerzahlen an: In Städten, in denen neue Schulen gebaut werden müssen, ist in den vorhandenen Schulen bereits zu wenig Platz. Hier können sehr gute Ergebnisse durch die Verbindung von Erweiterung und Sanierung im Sinne pädagogischer Architektur erzielt werden. In Kommunen mit stagnierenden oder sinkenden Schülerzahlen, werden Räume frei, die sich insgesamt anders gestalten lassen und dann neue Chancen bieten. Im Normalfall ist bei einer Schule mit einem hohen Sanierungsbedarf, das heißt einer Generalsanierung auch der Gebäudesubstanz, die Chance immens, die Gestaltung mit pädagogischen Impulsen zu verknüpfen und für die Schülerinnen und Schüler wie für die Lehrkräfte zu optimieren. Doch auch in Schulen, bei denen die Bausubstanz noch gut erhalten ist, können neue räumliche Konzepte für das schulische Leben umgesetzt werden. Beispielhaft ist hier die Grundschule Herringhausen in Herford (Schulbaupreis 2008 des Landes NW), die durch kleine Maßnahmen das Innere des Gebäudes wesentlich umgestaltet hat. Auch an anderen Schulen wurden einzelne Konzepte wie zum Beispiel die Lernhausstrukturierung im Rahmen der Möglichkeiten umgesetzt: ganz einfach zum Beispiel durch Farbgebung, indem sie zu Pinsel und Farbe gegriffen haben und die Klassen des Lernhauses A mit roten Türen versehen wurden, die des Lernhauses B mit blauen. Man kann auch normale Türen durch Glastüren ersetzen und dadurch zu einer offeneren Gestaltung kommen. Oder man schafft die Schulklingel ab, die ja ganz stark den 45-Minuten-Rhythmus prägt, und beginnt mit neuen Arbeitskulturen. Oder Schulen treffen mit dem Brandschutz eine Vereinbarung, dass sie auch auf dem Flur Möbel aufbauen dürfen, die fest mit dem Boden verbunden sind, also den Fluchtweg nicht gefährden. So kann schon differenziert gearbeitet werden. Es gibt also ganz unterschiedliche Ansätze, viele Lösungen sind möglich.


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