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Hilft Bildungsberatung soziale Hürden zum Studium zu überwinden? | Bildung | bpb.de

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Hilft Bildungsberatung soziale Hürden zum Studium zu überwinden? Befunde zu einem Beratungsprogramm für Oberstufenschüler:innen an der Schwelle zum Studium

Melinda Erdmann

/ 8 Minuten zu lesen

Bildungsungleichheit gibt es in Deutschland an allen Bildungsübergängen. Selbst mit Abitur entscheiden sich Schüler:innen, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, seltener für ein Studium. Kann intensive Bildungsberatung hier gegensteuern – und wenn ja, wie genau?

Wegweiser auf einer Messe zur Beratung für Studienanfänger:innen. (© picture-alliance/dpa, Themendienst | Franziska Gabbert)

Ungleiche Chancen auf Hochschulbildung

Bildungschancen werden in Deutschland nach wie vor in hohem Maße sozial "vererbt": Dank der Bildungsexpansion in Deutschland (siehe Beitrag Becker: "Interner Link: Bildungserträge und andere Folgen der Bildungsexpansion") strebt inzwischen ein großer Anteil junger Menschen einen hohen Bildungsabschluss an und erreicht diesen auch. Doch die Chancen darauf hängen nach wie vor deutlicher von der sozialen Herkunft der Schüler:innen ab – in der Regel dem Bildungsstand ihrer Eltern – als von ihrem Leistungsvermögen. Betrachtet man die gesamte Bildungskarriere, studieren schließlich 79 Prozent der Kinder mit akademisch gebildeten Eltern, hingegen nur 27 Prozent der Kinder von Eltern ohne akademische Bildung.

Wie viele Grundschulkinder unterschiedlicher Bildungsherkunft erlangen Hochschulabschlüsse? (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Diese große Lücke ist nicht nur durch die teils sozial bedingten Leistungsunterschiede der Schüler:innen oder durch sozial ungleiche Empfehlungen der Lehrer:innen für die weiterführenden Schulen nach der Grundschule zu erklären. Die sozial ungleichen Bildungswege entstehen vor allem auch durch sozial unterschiedliche Bildungsentscheidungen, die junge Menschen und ihre Eltern an den zentralen Übergängen im Bildungssystems treffen. Sehr deutlich wird dies bei der Wahl der weiterführenden Schulen nach der Grundschule (mit oder ohne gymnasiale Oberstufe) und der Wahl des Bildungswegs nach der Schule (Ausbildung oder Studium). Denn selbst wenn Schüler:innen bereits eine Studienberechtigung (Abitur oder Fachhochschulreife) erreicht haben, entscheiden sich noch immer zehn Prozent weniger für ein Studium, wenn ihre Eltern selber nicht studiert haben, als ihre Mitschüler:innen mit akademischem Familienhintergrund (siehe Beitrag Maaz: "Interner Link: Ursachen von Bildungsungleichheiten").

Schereneffekte im viergliedrigen Sekundarschulsystem (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Gesellschaftlich und auch bildungspolitisch ist dieser Befund bereits seit Langem bekannt. Daher setzt eine Reihe öffentlicher und privater Programme seit einigen Jahren daran an, solche Entscheidungen an den wichtigen Übergangsschwellen im Bildungssystem aus der Abhängigkeit von der sozialen Herkunft zu lösen und damit den Bildungserfolg junger Menschen stärker an ihrem Leistungsvermögen auszurichten (z. B. NRW Talentscouting, ArbeiterKind.de). Inwieweit soziale Bildungsungleichheiten durch solche Maßnahmen tatsächlich systematisch verringert werden können, ist in Deutschland bisher jedoch wenig erforscht. Eine der wenigen empirischen Studien dazu ist die Begleitstudie zum "NRW-Talentscouting", einem langjährigen Bildungsberatungsprogramm des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (siehe Infobox "Die ZuBAb-Studie"). Darin wird untersucht, ob und wie soziale Ungleichheiten am Übergang von der Schule zur Hochschule – durch Beratung von Schüler:innen – vermindert werden kann.

Die Studie "Zukunfts- und Berufspläne vor dem Abitur" (ZuBAb-Studie)

Diese Studie untersucht die Wirksamkeit des Beratungsprogramms "NRW-Talentscouting" auf die Bildungsentscheidungen und die Bildungserfolge von Studienberechtigten in Nordrhein-Westfalen. Seit 2018 wurden (ehemalige) Schüler:innen aus Gesamtschulen und Gymnasien mehrfach befragt, um deren Bildungsverläufe und -erfolge im sogenannten Längsschnitt zu beobachten. Die Wirkung des Programms wurde experimentell untersucht, um dadurch genauere Schlussfolgerungen über die tatsächlichen Effekte des Programms ziehen zu können. Das heißt, Schüler:innen werden zu Untersuchungsbeginn zufällig und somit unabhängig von ihren (sozialen) Eigenschaften für eine Teilnahme am Programm ausgewählt. Später werden die Bildungsentscheidungen und Bildungsverläufe von Schüler:innen, die am Programm teilgenommen haben mit denen, die nicht teilgenommen haben, verglichen. Durch die zufällige Zuordnung ist die Vergleichbarkeit der Gruppen sehr hoch und die Wahrscheinlichkeit, das andere Faktoren das Ergebnis der Studie beeinfluss sehr gering. Letztlich können so verlässlich wissenschaftliche Aussagen über die Wirkung des Programms gemacht werden, etwa mit Blick auf die Studienaufnahmequoten. Die Studie wird durch das nordrhein-westfälische Ministerium für Kultur und Wissenschaft gefördert und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, PhD., Prof. Dr. Marcel Helbig, Dr. Melinda Erdmann) und von der Universität zu Köln (Prof. Dr. Marita Jacob, Irena Pietrzyk, Juliana Schneider) verantwortet.

Weitere Informationen zur Studie finden sie Externer Link: auf den Seiten der WZB.

Junge Menschen wählen häufig den Bildungsweg ihrer Eltern – warum ist das so?

Zwei wesentlichen Ursachen für soziale Ungleichheit am Übergang von der Schule zur Hochschule stehen in der Forschung und bei der Gestaltung von kompensatorischen Maßnahmen im Fokus: Zum einen verfügen junge Menschen je nach sozialem Hintergrund über unterschiedliche finanzielle Ressourcen. Zum anderen stehen ihnen aber auch ganz in unterschiedlichem Maß Informationen und Wissen zu ihren Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Beides fließt in ihre individuelle Entscheidung zum weiteren Bildungsweg ein. Schüler:innen mit akademisch gebildeten Eltern haben oft einen leichten Zugang zu Informationen über Karrierechancen und das spätere Einkommen, das sie etwa mit einem Studium erzielen können und können sich das Wissen über geeignete Studienangebote sowie konkrete Finanzierungsmöglichkeiten für die Studienzeit problemloser aneignen. Dies wird ihnen von ihren Eltern vermittelt und teils auch vorgelebt, da Eltern als Vorbilder dienen und die Kinder von früh auf erfahren, was sie in den Berufen ihrer Eltern erwartet.

Schüler:innen, deren Eltern nicht studiert haben, müssen sich solches Wissen und vor allem auch Erfahrungen über die Hochschulbildung und damit verbundene Berufsmöglichkeiten auf anderen Wegen aneignen (siehe auch El-Mafaalani: Interner Link: "Bildungsaufstieg – (k)eine Frage von Leistung allein"). Dieser erschwerte, eben nicht selbstverständliche Zugang zu solchen Informationen kann eine hohe Hürde sein und zu Unsicherheiten und teils falschen Vorstellungen über ein Hochschulstudium führen. So bewerten Schüler:innen ohne akademisch gebildete Eltern unter anderem die Kosten eines Studiums häufig höher und schätzen dessen Finanzierung als schwieriger ein. Umgekehrt wissen aber auch Schüler:innen mit einem akademischen Elternhaus oftmals wenig über die Möglichkeiten und Karrierewege einer schulischen oder dualen Berufsausbildung. Daher fällt es jungen Menschen mit ihren unterschiedlichen Zugängen zu Informationen und Erfahrungen generell leichter, sich für einen Bildungsweg zu entscheiden, den sie bereits aus ihrem Elternhaus kennen und entsprechend einschätzen können.

Welche Unterstützungsprogramme gibt es in Deutschland für den Übergang zur Hochschule?

In Deutschland gibt es seit Jahren ein großes Angebot an allgemeinen Beratungsprogrammen zur Berufs- und Studienorientierung, um Jugendliche bei der Wahl ihres Bildungswegs nach dem Schulabschluss zu unterstützen. Jedoch finden sich darunter nur wenige Maßnahmen, die ausdrücklich zum Ziel haben, dabei insbesondere die soziale Bildungsungleichheit zu vermindern und sensibel für die Belange sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher sind. Solche Maßnahmen setzen an den beiden oben genannten Gründen für Ungleichheit an: Es gibt einerseits finanzielle Unterstützungsprogramme wie etwa das BAföG (das Bundesausbildungsförderungsgesetz, über das Ausbildung und Studium finanziert werden können) und andererseits eher informationsorientierte Beratungs- oder Mentoring-Programme.

Reine Beratungsangebote, die das oben beschriebene Informationsdefizit adressieren, reichen von einzelnen Informationsveranstaltungen im Klassenverband, in denen zum Beispiel für alle Mitschüler:innen die Zugangsvoraussetzungen, Erträge, Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten eines Studiums erklärt werden, bis hin zu intensiven, individuellen Beratungsprogrammen, die am Anfang der gymnasialen Oberstufe einsetzen und teils über die Schulzeit hinaus weitergeführt werden.

Eines dieser Programme ist das vom Bundesland Nordrhein-Westfalen geförderte "NRW-Talentscouting". Es wird seit über 10 Jahren an Schulen in sozial benachteiligten Standorten in Nordrhein-Westfalen angeboten, um insbesondere Schüler:innen aus Elternhäusern ohne akademische Bildung zu erreichen und zu ihren individuellen Zukunfts- und Berufswünschen zu beraten. Diese Beratung übernehmen sogenannte "Talentscouts", die durch die Hochschulen an die Schulen entsandt werden. Die Talentscouts sind Hochschulsabsolventen und -absolventinnen, die explizit für die Beratung geschult und an den Hochschulen meist im Bereich der Studienberatung angestellt sind. Somit könnten sie eigene Erfahrungen mit eine Studium an die Schüler:innen weitergeben. Sie bauen durch offene Gespräche und ihre Erreichbarkeit auch außerhalb der Termine an den Schulen eine vertrauensvolle Beziehung zu den Schüler:innen auf. Einerseits unterstützen sie Schüler:innen darin, ihre bereits vorhandenen Bildungswünsche bestmöglich umzusetzen, indem sie etwa bei konkreten Bewerbungsverfahrung helfen. Andererseits können die Schüler:innen auch ihre Interessen und ersten Berufswünsche gemeinsam mit den "Talentscouts" besprechen und verschiedene Möglichkeiten für ihre Zukunft ausloten. Das Programm geht dabei über bloße Beratung hinaus und organisiert weitere Angebote, wie den Besuch einer Hochschule, den Austausch mit Studierenden und Professor:innen, Treffen mit anderen Programmteilnehmenden und die Vermittlung an Praxispartner:innen aus verschiedenen Berufsfeldern. So erhalten die Schüler:innen nicht nur formale Informationen über ein Hochschulstudium, sondern auch die Möglichkeit, bereits während der Schulzeit soziale Netzwerke aufzubauen und ihre Erfahrungslücken mit der Berufspraxis und der Hochschulbildung zu schließen.

Lässt sich also mit Bildungsberatung soziale Ungleichheit abbauen?

Die Wirkung solcher Beratungsprogramme wurde in Deutschland bisher nur spärlich wissenschaftlich untersucht. Wir wissen nur wenig darüber, ob letztlich die zusätzliche Beratung zum Bildungssystem und zu Bildungsmöglichkeiten das Entscheidungsverhalten von Jugendlichen so verändern, dass sie schließlich auch zur Minderung der Bildungsungleichheit in Deutschland beitragen. Studien aus anderen Ländern wie den USA und Kanada weisen für diese Bildungssysteme nach, dass intensive Beratungen die Studienaufnahmequoten von jungen Menschen aus benachteiligten sozialen Gruppen tatsächlich erhöhen. Diese internationalen Ergebnisse lassen sich aber nicht einfach auf den deutschen Kontext übertragen, da sich das deutsche Bildungssystem von diesen in wichtigen Punkten unterscheidet: einerseits etwa die hierzulande frühe Aufteilung auf verschiedene weiterführende Schulformen (üblicherweise nach der 4. Klasse) und andererseits die relativ geringen Studienkosten an den Hochschulen in Deutschland.

Einige wenige Studien aus Deutschland zu Beratungsprogrammen in der gymnasialen Oberstufe weisen jedoch auf eine positive Wirkung hin – je nach Art des Beratungsprogramms: So helfen einmalige Informationsveranstaltungen in der Oberstufe zu Studien- und Finanzierungsmöglichkeiten den Schüler:innen, die bereits einen konkreten Studienwunsch hatten, diesen auch umzusetzen. Junge Menschen, die aufgrund ihrer fehlenden Nähe zur akademischen Bildung selbst noch gar kein Studium in Betracht gezogen haben, fühlen sich dabei jedoch nicht angesprochen. Diese Gruppe lässt sich eher durch intensive Beratung, die auf die spezifischen Bedürfnisse dieser Schüler:innen eingeht, erreichen. Das zeigen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitstudie "ZuBAb" zum NRW-Talentscouting.

Im Detail zeigt die ZuBAb-Studie: Anderthalb Jahre nach dem Abitur nahmen 8 Prozent mehr der Jugendlichen ohne akademisches Elternhaus ein Studium auf, wenn sie eine individuellen Begleitung bei der Zukunftsplanung erhielten, im Vergleich zu den Jugendlichen, die nicht am Programm teilgenommen hatten. Zudem wiesen die Jugendlichen aus dem Programm eine bessere Passung zwischen ihren schulischen Leistungen und dem gewählten Bildungsweg auf. Vor allem leistungsstarke Schüler:innen ohne akademisch gebildete Eltern nahmen häufiger ein Studium auf. Und entgegen den Erwartungen der Forschenden führte das Programm bei Schüler:innen mit akademischem Hintergrund sogar dazu, dass sie in höherem Maß bereit waren, nach der Schule eine Berufsausbildung aufzunehmen. Somit gingen insgesamt zwar nicht mehr Jugendliche als zuvor studieren, aber die Gruppe der später Studierenden setzte sich mit Blick auf ihren sozialen Hintergrund und ihre schulischen Leistungen ausgewogener zusammen.

Wie intensive Beratung die sozialen Unterschiede beim Übergang zum Studium vermindert (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Die oben beschriebene Bildungsungleichheit konnte also tatsächlich durch die individuelle Beratung in großem Umfang vermindert werden: Die herkunftsspezifische Lücke in der Studienaufnahme, die zuvor 21 Prozent unter den Schüler:innen betrug, die nicht am Programm teilnahmen, schrumpfte auf 6 Prozent bei denen, die an den Beratungen teilgenommen hatten. Die soziale Ungleichheit zwischen Schüler:innen mit und ohne akademischen gebildeten Eltern ist somit um 70 Prozent zurückgegangen (siehe Grafik "Wie intensive Bildungsberatung die sozialen Unterschiede beim Übergang zum Studium vermindert").

Fazit

Um sozial ungleiche Bildungschancen in Deutschland wirksam abzubauen, lassen sich mit Blick auf den Übergang von der Schule zur Hochschule zwei wesentliche Schlüsse aus der Forschung und Praxis ziehen: Zum einen gibt es bisher nur sehr wenige wissenschaftlich robuste Studien über die tatsächliche Wirkung verschiedener Maßnahmen in Deutschland. Unser Wissen über die Möglichkeiten, verschiedene Einflussfaktoren auf sozial ungleich verteilte Bildungschancen erfolgreich zu beeinflussen, ist daher nur gering. Hier braucht es vor allem auch langfristig angelegte Untersuchungen, die das komplette Ausmaß der Wirkung einer Maßnahme erfassen, da sich diese Wirkungen teils erst zu einem späteren Zeitpunkt entfalten und von kurzen Evaluationen unentdeckt bleiben. Zum anderen weisen die empirischen Forschungsergebnisse zu längerfristiger und individueller Beratung darauf hin, dass dies ein vielversprechender Ansatz ist. Es wurde deutlich, dass alle Schüler:innen von einer Teilnahme am Programm profitieren, und dies unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. So haben Schüler:innen mit und ohne akademischem Elternhaus häufiger einen passenden Bildungsweg nach der Schule gefunden. Entgegen der Erwartungen führte dies nicht zu einer stärkeren Akademisierung der jungen Menschen insgesamt, sondern zu einer sozial unabhängigeren Verteilung auf die verschiedenen Bildungswege Studium und Ausbildung. Daher gilt es nicht nur, die Jugendlichen ohne akademisches Elternhaus in den Blick solcher individuellen Bildungsberatungen zu nehmen. Wenn Maßnahmen ungleichheits-sensibel gestaltet werden, können sie für alle Jugendlichen ein Gewinn für die eigene Bildungsbiographie werden und zugleich in großen Umfang Bildungsungleichheit an einer wichtigen Schwelle im Bildungsverlauf abbauen.

Weitere Inhalte

Melinda Erdmann, geboren 1983, arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und forscht dort zu sozialen Ungleichheiten im Bereich Bildung und Ausbildung. Im Projekt Zukunfts- und Berufspläne vor dem Abitur (ZuBAb) untersucht sie mit Kolleg:innen die Wirkung einer intensiven Beratung auf die Bildungsentscheidung von jungen Menschen anhand eines Experiments.