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Was sind soziale Bildungsungleichheiten?

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Was sind soziale Bildungsungleichheiten?

Kai Maaz

/ 3 Minuten zu lesen

Was versteht man in der Forschung unter Bildungserfolg? Wie lässt sich die soziale Herkunft eines Menschen erfassen? Hier werden die zentralen Aspekte thematisiert.

Schülerinnen und Schüler beim Schachspiel auf dem Pausenhof. Über den Grundsatz der Gleichheit von Bildungschancen besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens, trotzdem sind Bildungschancen in Deutschland ungleich verteilt. (© picture-alliance/dpa, Annette Riedl)

Soziale Bildungsungleichheiten liegen vor, wenn zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft ein systematischer Zusammenhang in dem Sinne besteht, dass Personen, die ein bestimmtes Herkunftsmerkmal aufweisen (die z. B. aus einer bestimmten sozialen Schicht kommen) im Allgemeinen größeren oder geringeren Erfolg im Bildungssystem haben (z. B. mit Blick auf den erreichten Bildungsabschluss) als Personen, bei denen das entsprechende Herkunftsmerkmal eine andere Ausprägung aufweist. Dabei kann man sowohl den Bildungserfolg als auch die soziale Herkunft anhand unterschiedlicher Merkmale betrachten und damit verschiedene Erscheinungsformen sozialer Bildungsungleichheiten in den Blick nehmen.

Merkmale des Bildungserfolgs

Merkmale des Bildungserfolgs lassen sich auf wenigstens vier Ebenen beschreiben:

  • Auf der Ebene der Partizipation: Partizipation bezeichnet den Zugang zu bzw. die Beteiligung an Bildungsangeboten, beginnend mit der Kindertageseinrichtung, einem bestimmten Bildungsgang in der Sekundarstufe I, einer spezifischen Ausbildung oder dem Zugang zur Hochschule in den verschiedenen Studienangeboten, bis hin zu den Angeboten der Weiterbildung im Erwachsenenalter.

  • Auf der Ebene der Leistungen: Unter Leistungen werden hier die Kompetenzen begriffen, die Lernende in einem bestimmten Bildungsbereich erreichen. Insbesondere für den Schulbereich liegen mit den Interner Link: internationalen Schulleistungsvergleichen, aber auch mit den Tests zur Überprüfung der Bildungsstandards für den Grundschulbereich und für die Sekundarstufe I mittlerweile umfangreiche Informationen zu den Kompetenzständen der Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften vor.

  • Auf der Ebene der Leistungsbewertung: Leistungsrückmeldungen sind ein fester Bestandteil des deutschen Bildungssystems. Auch wenn Interner Link: individualisierte Formen der Leistungsbewertungen z. B. als Beschreibung von Lernfortschritten oder Entwicklungsverläufen mittlerweile durchaus Einzug in die pädagogische Praxis gewonnen haben, dominiert in der Schule zumindest ab dem Übergang in die weiterführenden Schulen nach wie vor die Interner Link: Ziffernnote 1 bis 6 als Instrument der Leistungsbewertung von Schülerinnen und Schülern.

  • Auf der Ebene der Zertifizierung: Die Zertifizierung – d. h. die Bescheinigung der in einem bestimmten Bildungsgang erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten durch ein allgemein anerkanntes Abschlusszertifikat – ist eine zentrale Funktion, die dem Bildungssystem, vor allem dem Schulsystem beigemessen wird. Junge Menschen verlassen das allgemeinbildende Schulsystem mit einem Abschlusszeugnis, das zwischen verschiedenen Anspruchsniveaus unterscheidet (u. a. Hauptschulabschluss, Mittlerer Abschluss, allgemeine Hochschulreife). Diese Zertifikate sind mit Blick auf die Frage nach sozialen Ungleichheiten von besonderer Bedeutung, da ihnen auch eine Berechtigungsfunktion zukommt, d. h. sie entscheiden maßgeblich darüber, welche weiterführenden Bildungsangebote (berufliche Ausbildungsgänge, Hochschule) dem Einzelnen nach der Schule offenstehen.

Merkmale der sozialen Herkunft

Auch die soziale Herkunft einer Person lässt sich mit unterschiedlichen Merkmalen beschreiben und messen:

  • Ökonomisches Kapital: In der Bildungsforschung wurde die soziale Herkunft lange Zeit über Merkmale wie den Beruf oder das Einkommen der Eltern erfasst. Sie geben Aufschluss über die finanziellen Mittel, die Macht oder das soziale Prestige der Herkunftsfamilie und ermöglichen es, deren Position in der gesellschaftlichen Hierarchie (etwa die Klassen- oder Schichtzugehörigkeit der Familie) abzuschätzen. Solche, die sozioökonomische Stellung der Eltern betreffenden Merkmale, werden auch als ökonomisches Kapital bezeichnet.

Durch die Arbeiten der Soziologen Pierre Bourdieu (1983) und James Colemann (1988, 1996) sind in der jüngeren Ungleichheitsforschung aber auch subtilere Aspekte der sozialen Herkunft in den Blick geraten, die zum Verständnis von Bildungsungleichheiten ebenso relevant sind:

  • Kulturelles Kapital: Dazu zählen die in der Herkunftsfamilie vorherrschenden Wertorientierungen und Einstellungen, beispielsweise der Wert, den Eltern einer möglichst umfassenden Bildung ihrer Kinder beimessen und die Bereitschaft, deren Eintritt ins Erwerbsleben zugunsten einer längeren Bildungslaufbahn hinauszuzögern (dies bezeichnet man als "inkorporiertes" bzw. verinnerlichtes kulturelles Kapital). Weiterhin zählt dazu der Besitz von Kulturgütern wie Bücher, Instrumente und Kunstwerke, die bestimmte Bildungserfahrungen in der Familie ermöglichen und eine gewisse Vertrautheit mit den "höheren" Kulturgütern einer Gesellschaft stiften ( dies bezeichnet man als "objektiviertes kulturelles Kapital"). Und nicht zuletzt zählen dazu Schul- und Ausbildungsabschlüsse (das sogenannte "institutionalisierte kulturelle Kapital").

  • Soziales Kapital: Gemeint ist damit ein dauerhaftes Netzwerk sozialer Beziehungen, auf das man zurückgreifen kann. Es wird in der Familie, in Verwandtschafts- und Nachbarschaftsgruppen, in religiösen oder ethnischen Gruppen, in Vereinen, Betrieben oder politischen Parteien gebildet und kann auf dem Bildungsweg eine wichtige Unterstützungsressource sein, sei es etwa in Form eines Verwandten, der Tipps zum Thema Studium geben oder bei der Vorbereitung für eine wichtige Prüfung helfen kann oder etwa in Form eines Betriebsinhabers, der einen begehrten Ausbildungsplatz anbieten kann. Das kulturelle und soziale Kapital einer Person erweitert ihre Handlungsmöglichkeiten und kann, z. B. indem es den Zugang zu attraktiven und herausgehobenen beruflichen Positionen erleichtert, auch ihre sozioökonomische Stellung beeinflussen.

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Prof. Dr. Kai Maaz, geb. 1972 in Rathenow, ist Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und dort Direktor der Abteilung "Struktur und Steuerung des Bildungswesens". Zugleich ist er Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssystem und Gesellschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Schwerpunkte seiner Forschung sind u.a. soziale Disparitäten des Bildungserwerbs über den Lebens- und Bildungsverlauf, Bildungsmonitoring und -steuerung, Evaluation von Schulstrukturen, Bildungsprogrammen und Schulen sowie Schulentwicklung unter besonderer Berücksichtigung von Transformationsprozessen im Bildungssystem.