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Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

1.12.2015 | Von:
Anne Piezunka

Das bunte Klassenzimmer – welches Handwerkszeug brauchen Lehrkräfte im Umgang mit Heterogenität?

Kenntnisse, Fertigkeiten und Einstellungen für den Unterricht im bunten Klassenzimmer

Kompetenzen schließen also Kenntnisse und Fertigkeiten ein, die mit bestimmten Einstellungen eng verknüpft sind. Doch welche konkreten Fähigkeiten sollen Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Ausbildung erwerben, damit sie den Unterricht in heterogenen Gruppen erfolgreich meistern? Um diese Frage zu beantworten, habe ich im Rahmen eines Forschungsprojekts wissenschaftliche Literatur ausgewertet und Gespräche mit Expertinnen und Experten aus der Lehrerbildung geführt. Einige Ergebnisse stelle ich nachfolgend kurz vor (für eine ausführliche Darstellung siehe Piezunka 2012).

Wissen und Fertigkeiten vermitteln

Die Ausbildung sollte vor allem Wissen über einzelne Merkmale vermitteln, die eng mit dem Schulerfolg oder dem Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler zusammenhängen. Um beispielsweise auf die jeweilige Religion besser eingehen zu können, hilft Wissen über die Traditionen und Regeln der verschiedenen Religionen. Auch Wissen über gesellschaftliche Strukturen ist unentbehrlich. In Bezug auf die ethnische Herkunft liegt es nahe, sich im Studium mit den Lebensverläufen von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund in Deutschland zu beschäftigen und sich mit den damit verbundenen Bildungsungleichheiten sowie deren Ursachen auseinanderzusetzen. Wie bereits angedeutet, reicht jedoch Wissen allein nicht aus. Man benötigt auch die Fertigkeit und Bereitschaft dieses Wissen in der Praxis zu nutzen. Um beim Beispiel Religion zu bleiben, könnte man verschiedene religiöse Feiertage auch in die Schuljahresplanung einbauen. Damit eine Lehrkraft im Alltag auf Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Lernen eingehen kann, muss sie beispielsweise in ihrer Ausbildung gelernt haben, auf Basis alternativer Aufgabenformen ein individuell angepasstes Lernangebot zu konzipieren und umzusetzen.

Wichtig sind weiterhin Kenntnisse über diagnostische Verfahren und deren Anwendung sowie die Fähigkeit, sie für die Unterrichtsentwicklung sinnvoll zu nutzen. Denn mit diesen Diagnoseverfahren können Lehrkräfte den Leistungsstand eines Schülers überprüfen und Wissenslücken identifizieren, aber auch seine individuellen Interessen ermitteln. Auf dieser Grundlage können Förderpläne erstellt werden, die die individuellen Lernziele und Entwicklungspotenziale festhalten. Schließlich benötigen Lehrkräfte für den Unterricht in heterogenen Lerngruppen spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten im Bereich der Unterrichtsgestaltung. Von besonderer Bedeutung sind hier Unterrichtsmethoden und Lernarrangements, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, nach ihrem individuellen Tempo zu arbeiten und dabei unterschiedliche Herangehensweisen zu wählen. Im Fall der Löwenklasse haben die Schülerinnen und Schüler täglich zwei Schulstunden Zeit, um selbstständig an ihrem Wochenplan zu arbeiten.

Zudem müssen Lehrinnen und Lehrer darin geschult werden, die Klasse als eine Gruppe von Individuen im Blick zu haben und die Identität eines Schülers nicht pauschal auf ein Merkmal zu reduzieren, etwa ein Kind im Rollstuhl vor allem als "behindertes" Kind wahrzunehmen. Auch Rüveyda aus der Löwenklasse ist nicht nur ein Mädchen, sie ist gleichzeitig Drittklässlerin, hat einen Migrationshintergrund und ist noch vieles mehr. Verschiedene Merkmale sind hier individuell miteinander verschränkt und es kommt unter anderem auf Rüveydas eigene Wahrnehmung an, welche Bedeutung bestimmten Merkmalen zugemessen werden soll. Wohlgemerkt: Nur wenige Lehrkräfte unterrichten unter den verhältnismäßig günstigen Bedingungen der Löwenklasse, wo auf nur 20 Schülerinnen und Schüler zwei Lehrkräfte kommen. Bei den in der Regel deutlich höheren Schüler-Lehrer-Relationen wird es selbst für erfahrene Lehrkräfte zu einer echten Herausforderung die einzelnen Schülerinnen und Schüler als individuelle Lerner wahrzunehmen. Daher ist auch die Personalausstattung an Schulen in diesem Zusammenhang ein nicht zu vernachlässigender Gesichtspunkt.

Wie gesagt, all diese Kenntnisse und Fähigkeiten lassen sich im Studium allein nicht erlernen. Ebenso wichtig ist die Praxiserfahrung und deren Reflektion. Im Referendariat beispielsweise können junge Lehrkräfte die im Studium erlernten Methoden anwenden, sich mit Mentorinnen und Mentoren oder anderen Lehrkräften austauschen und so weitere Fertigkeiten erwerben beziehungsweise die bereits angeeigneten ausbauen.

Einstellungen kultivieren

Und welche Einstellungen sind für den Umgang mit heterogenen Lerngruppen relevant? In erster Linie natürlich die Bereitschaft mit Verschiedenheit verständnisvoll umzugehen und diese im Unterricht und im Schulleben mitzudenken. Dies kann die Organisation des Schulfests betreffen, die Kooperation mit außerschulischen Organisationen oder die Formulierung des Schulprogramms.
Ferner hilft die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den eigenen Überzeugungen und Werten, um das eigene Verhalten – womöglich auch eigene Vorurteile – im schulischen Alltag kritisch reflektieren zu können. Hierfür könnten in der Ausbildung verstärkt sogenannte Anti-Bias-Workshops eingesetzt werden, um angehende Lehrkräfte für unterschiedliche – vor allem auch subtile – Formen der Diskriminierung zu sensibilisieren. Sie lernen so, die eigenen Wahrnehmungsmuster und Stereotype in Bezug auf bestimmte Merkmale zu hinterfragen.

Nicht zuletzt machen es heterogene Lerngruppen erforderlich, dass Lehrkräfte kooperieren. Wie oben bereits dargestellt, können einzelne Lehrkräfte kaum über alle notwendigen Kompetenzen für den Umgang mit heterogenen Lerngruppen verfügen. Gerade bei der Arbeit in multiprofessionellen Teams, in denen neben Lehrkräften auch Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und anderes Personal vertreten sind, bedarf es der Fähigkeit, eigene Grenzen anzuerkennen, um Hilfe von Kolleginnen und Kollegen annehmen zu können. Dazu gehört auch, Lösungen für Herausforderungen im schulischen Alltag gemeinsam zu erarbeiten sowie im Team aufkommende Konflikte zu bewältigen.

Viele Hochschulen haben begonnen, das Thema Heterogenität stärker in die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer einzubeziehen. Ebenso hat sich in der Weiterbildung von Lehrkräften in den letzten Jahren einiges verändert. Die systematische Verankerung von Heterogenitätskompetenzen in der Lehrerausbildung steht jedoch an vielen Hochschulen noch am Anfang und es wird – das haben Lehrerbildungsreformen an sich – einige Jahre dauern, bis die eingeleiteten Veränderungen in der Schule vollständig angekommen sind. Im Übrigen ist der Umgang mit Heterogenität nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in der Lehrerausbildung selbst relevant. Daher lohnt sich auch ein Blick in die Hörsäle: Inwiefern achten eigentlich die Hochschulverwaltung, die Lehrenden, die Kommilitonen und viele andere auf die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen von zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern?

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anne Piezunka für bpb.de

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