Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

12.2.2015 | Von:
Andreas Schleicher

Studiengebühren oder Studium aus öffentlichen Mitteln?

Was sich aus dem internationalen Vergleich über gerechte und effiziente Hochschulfinanzierung lernen lässt

Nachgelagerte Studiengebühren – eine Alternative für Deutschland?

Ein Finanzierungsmodell wie das soeben beschriebene scheint auch für Deutschland durchaus bedenkenswert. Studiendarlehen bieten den Studierenden die notwendigen Mittel zur Finanzierung des Studiums und ermöglichen eine solide Ausfinanzierung der Hochschulen über Studiengebühren. Der Einzelne muss nicht fürchten, sich durch ein Studium hoffnungslos zu verschulden, denn die Rückzahlungen entsprechen einem Anteil des späteren Einkommens und werden überhaupt erst ab einem bestimmten Einkommensniveau fällig. Geringverdiener brauchen nichts zurückzuzahlen und Absolventen mit vergleichsweise geringem Lebenseinkommen zahlen ihre Darlehen in der Regel nur teilweise zurück. Über nachgelagerte und einkommensabhängige Stipendiensysteme werden darüber hinaus das Risiko und die Unsicherheit für Personen aus einkommensschwachen Schichten reduziert, da die Stipendien lediglich bei festem Einkommen rückzahlbar sind. Das Finanzierungssystem ist so sozial ausgewogener, da Absolventen mit größeren privaten Erträgen weniger öffentliche Subventionen erhalten als Absolventen mit geringeren privaten Erträgen (und umgekehrt).

Natürlich reduziert ein einkommensabhängiges Darlehenssystem das Risiko, dass die Kosten eines Studiums später nicht refinanziert werden können, nicht absolut. Das Risiko wird vielmehr vom Studierenden auf den Staat verlagert, der in diesem Finanzierungsmodell das Studium seiner Bürger ja gewissermaßen vorfinanziert. Hier setzt deshalb auch ein gängiger Kritikpunkt an. Jedoch ist dies sehr kurzfristig gedacht. Die zusätzlichen Steuereinnahmen, die sich aus den höheren Gehältern der Universitätsabsolventen ergeben, liegen bei realistischen Annahmen zu den Anteilen der Studierenden, die erfolgreich in das Arbeitsleben eintreten, um ein Vielfaches über allen denkbaren Kreditausfällen: Abbildung 6 zeigt den privaten Nettoertrag, also das zusätzliche Einkommen, das mit einem Hochschulabschluss verbunden ist, nach Abzug aller Ausgaben sowie des entgangenen Einkommens während der Studienzeit. Zudem ist der öffentliche Nettoertrag abgebildet, also die zusätzlichen Steuereinnahmen pro Studierenden, die sich aus den höheren Einkommen von Hochschulabsolventen ergeben, nach Abzug aller öffentlichen Ausgaben für die Hochschulfinanzierung (beides über ein Arbeitsleben gerechnet). Deutlich wird: Am Ende gewinnen sowohl die Studierenden, die durch das darlehenfinanzierte Studium ein höheres Lebenseinkommen erwirtschaften, als auch der Staat, der von den Hochschulabsolventen durch höhere Steuereinnahmen profitiert.

Abbildung 6Abbildung 6: Privater und staatlicher Nettoertrag bei einem Mann, der einen Abschluss im Tertiärbereich erwirbt (2010)
Grafik als PDF-Icon PDF-Datei (© bpb)
Ein weiterer gängiger Einwand gegen Darlehenssysteme besagt, stetig wachsende Hochschulabsolventenquoten würden irgendwann dazu führen, dass Hochschulabschlüsse am Arbeitsmarkt entwertet werden: Je mehr Personen mit Hochschulabschluss auf den Arbeitsmarkt drängen, umso weniger sei dieser Abschluss letztlich wert, umso geringer seien also die Einkommensvorteile, die mit einem Hochschulstudium verknüpft sind. In der Folge würden die Kosten eines Studiums irgendwann dessen Erträge übersteigen, sodass es aus diesem Grund zu massiven Kreditausfällen kommen könnte. Allerdings gibt es diesen Einwand schon seit Jahrzehnten. Immer wieder wurde in der deutschen Geschichte vor einer "Akademikerschwemme" oder einem "akademischen Proletariat" gewarnt. Die bisherigen Trends geben indes keine Hinweise darauf, dass die steigende Zahl von Wissensarbeitern in den OECD-Staaten zu sinkenden durchschnittlichen Einkommen geführt hat. Ganz im Gegenteil, wie eingangs hervorgehoben, ist die Einkommensschere in den Industriestaaten in den letzten Jahren zugunsten der Hochschulabsolventen weiter auseinandergegangen.

Fazit

Wie der Blick in andere Länder offenbart, kann ein sozial ausgewogenes und zugleich nachhaltig finanzierbares Hochschulwesen auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden. Das Finanzierungsmodell der Staaten Nordeuropas ist zweifellos attraktiv. Es setzt jedoch ein deutlich progressiveres Steuersystem voraus, als wir es in Deutschland haben, und scheint somit, zumindest unter den gegebenen Bedingungen, politisch schwer realisierbar. Vor diesem Hintergrund erscheint das in England und Australien praktizierte Modell bedenkenswert. Durch eine Kombination von moderaten nachgelagerten Studiengebühren und einem sozial gestaffelten Stipendiensystem könnte Deutschland den überfälligen Ausbau des Hochschulsystems deutlich vorantreiben, die Qualität des Studiums durch höhere Gesamtinvestitionen verbessern und durch einen erweiterten und offeneren Zugang zum Studium die Bildungsbeteiligung sozial gerechter gestalten. Nicht zuletzt ließe sich durch ein kostenpflichtiges Studium auch die Effizienz des Hochschulsystems erhöhen, denn zahlende Studierende würden von den Hochschulen wohl bessere Lehrleistungen einfordern und ihr Studium wahrscheinlich eher fristgerecht abschließen.

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