Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

8.10.2015 | Von:
Barbara Kerbel

Inklusion: eine Schule für alle Kinder?

Die Regelschulpädagogik

Viele Lehrkräfte an Regelschulen haben in ihrem Berufsleben bisher nur Schülerinnen und Schüler ohne Behinderungen unterrichtet. Als Folge des Parallelsystems der Schultypen war Inklusion in ihrer Ausbildung bisher kaum ein Thema – und wenn, dann vor allem im Fach Grundschulpädagogik.

Welcher Anteil der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besucht eine Regelschule?Welcher Anteil der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besucht eine Regelschule? (Mehr dazu...) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Für die Lehrkräfte ändert sich durch Inklusion nicht nur der Arbeitsalltag, sondern auch das Anforderungsprofil. Sie müssen sich auf stärker gemischte Gruppen einstellen, neue Unterrichtsmethoden verwenden – und häufiger im Team arbeiten, mit sonderpädagogischen Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern sowie Schulhelferinnen und -helfern. In einer sehr gemischten Klasse kann nicht nur frontal unterrichtet werden. Stattdessen muss der Unterricht individueller gestaltet sein. Die Lehrkraft braucht Arbeitsblätter auf verschiedenen Schwierigkeitsniveaus, welche die Schülerinnen und Schüler selbstständig bearbeiten – jede und jeder im eigenen Tempo. Ein Kind mit Konzentrationsproblemen braucht vielleicht öfter eine Pause; eines mit Lernschwierigkeiten mehr Zeit, bis es den Stoff für die Prüfung sicher kann; leistungsstarke Kinder brauchen Extraaufgaben, wenn sie mit dem Unterrichtsstoff schon fertig sind. Das alles muss die Lehrkraft im Blick behalten.

Um dafür Methoden und Fähigkeiten entwickeln zu können, brauchen die Lehrkräfte Fortbildungsangebote und Beratungsmöglichkeiten im Schulalltag. Zurzeit fühlen sich viele von ihnen durch die neuen Aufgaben überfordert.

Die Schulen stellt die Inklusion vor ganz praktische Herausforderungen. So sind viele Gebäude nicht barrierefrei. Viele Schulen haben außerdem viel zu wenig Platz, was die Unterrichtsgestaltung schwierig macht. Denn zum individualisierten Unterricht gehört es auch, die Klassen für einzelne Aufgaben oder Fächer teilen zu können – was ohne zusätzliche Räume nur schwer gelingen kann; in Berlin etwa gibt es Lehrkräfte, die sich für die Kleingruppenarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern im Mehrzweckraum auf den Boden setzen, weil sie keinen freien Raum finden.

Ein großes Problem vieler Schulen ist auch die schwierige Personalsituation. Im Zuge der Einführung der Inklusion haben zwar viele Schulen Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen dazubekommen, welche die Regelschullehrkräfte im Unterricht unterstützen und sich gezielt um Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf kümmern sollen. Tatsächlich haben aber viele Schulen so wenig Lehrkräfte, dass sie die sonderpädagogischen Fachkräfte zum Beispiel brauchen, um kranke Kolleginnen und Kollegen im regulären Unterricht zu vertreten.

Lehrerverbände wie die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) kämpfen aus diesen Gründen vehement für eine bessere Ausstattung der Schulen.

Was kostet Inklusion?

Die Frage nach den Kosten ist sehr umstritten. Zum einen befürchten Lehrkräfte und Eltern, dass Inklusion zum Sparmodell wird – indem die Länder etwa Sonderschulen schließen, ohne in den Ausbau der Regelschulen zu investieren. Denn dieser kostet Geld. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2012 zufolge kosten allein die zusätzlich benötigten Lehrkräfte bundesweit 660 Millionen Euro pro Jahr. Finanziert werden muss außerdem der barrierefreie Ausbau der Schulen, die Fortbildung der Lehrkräfte sowie Beratungsangebote für Lehrkräfte und Eltern. Jedoch verweisen einige Bildungsexpertinnen und -experten darauf, dass vor allem die Übergangsphase teuer wird; langfristig koste Inklusion nicht mehr als das aufwendige Parallelsystem aus Regel- und Sonderschulen.

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Geld oder pädagogische Haltung?

Die Frage der Finanzierung nimmt in der öffentlichen Diskussion um Inklusion breiten Raum ein. Viele sehen in einer besseren personellen und räumlichen Ausstattung der Schulen die Schlüsselfrage, um bei Lehrkräften und Eltern Akzeptanz zu schaffen. Andere wiederum betonen, dass die Grundhaltung der Lehrkräfte mindestens ebenso wichtig sei für das Gelingen von Inklusion: Fehle die grundsätzliche Bereitschaft, sei auch mit der besten Ausstattung wenig zu erreichen. Auch komme in Forderungen darüber, welche Ausstattung Schulen für die Umsetzung von Inklusion brauchen, immer auch die in Lehrerkollegien vorherrschende Haltung gegenüber Inklusion zum Ausdruck: Wer sich für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht zuständig fühlt, wird vermutlich eher fordern, dass im Unterricht durchgehend eine sonderpädagogische Lehrkraft dabei sein muss. Wo aber Kollegien Inklusion zu ihrem eigenen Anliegen machen, sei sie durchaus mit weniger Mitteln umsetzbar – das zeigen viele Beispiele.

Die Wissenschaft: Wo lernen Kinder am besten?

Am besten lernen Kinder dann, wenn ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ungefähr die gleichen Fähigkeiten haben wie sie selbst: Dieser Grundsatz galt in Deutschland viele Jahre lang – und viele Bildungspolitikerinnen und -politiker, aber auch Lehrkräfte, etwa vom Deutschen Lehrerverband, sind weiterhin davon überzeugt. Diese Idealvorstellung homogener Lerngruppen ist die Grundlage für das gegliederte deutsche Schulsystem.

Die Inklusion stellt dieses Prinzip radikal infrage. Zahlreiche Modellschulen im ganzen Bundesgebiet haben bereits gezeigt, dass Kinder mit und ohne Behinderungen sehr erfolgreich gemeinsam lernen. Allerdings gibt es in Deutschland bislang nur wenige wissenschaftliche Studien, die den Lernerfolg von Kindern im inklusiven Unterricht ausgewertet haben. Die vorhandenen Studien deuten auf einen Vorteil des gemeinsamen Unterrichtes im Vergleich zu Sonderschulen hin.

So haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Berliner Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Daten aus dem Bundesländervergleichstest 2011 analysiert. Sie verglichen Schülerinnen und Schüler mit diagnostizierten LES-Förderschwerpunkten, die entweder eine Förderschule oder eine Regelschule besuchten. Das Ergebnis: Kinder mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchten, konnten besser lesen, zuhören und rechnen als die Kinder an einer Förderschule. (Am größten war der Unterschied für die Kinder mit Lernschwierigkeiten. Sie profitierten der Studie zufolge offenbar am meisten vom gemeinsamen Unterricht.)

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bielefeld in einer ersten Auswertung ihrer Langzeitstudie BiLief zum Lernerfolg von Kindern mit Lernproblemen: Nach den ersten drei Jahren konnten die Kinder im gemeinsamen Unterricht deutlich besser lesen und schreiben als die Kinder an Förderschulen. Die Ergebnisse des bislang weitreichendsten Schulversuchs haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Rostock im Juni 2015 vorgestellt. Im Rahmen des "Rügener Inklusionsmodells" (RIM) wurden zum Schuljahr 2010/2011 auf der Insel Rügen alle Sonderschulklassen für die LES-Förderschwerpunkte abgeschafft und alle Erstklässlerinnen und Erstklässler gemeinsam eingeschult. Die Leistungen der Kinder wurden mit Grundschul- und Förderschulklassen in Stralsund verglichen.

Die Leistungen der inklusiven Klassen auf Rügen entsprachen nach vier Jahren dem landesweiten Leistungsdurchschnitt. Die leistungsschwächsten Rügener Schülerinnen und Schüler erreichten in Mathematik und Deutsch nach drei Jahren den Leistungsstand, den die Stralsunder Vergleichskinder erst nach vier Jahren erzielten. Und: Den Kindern, die im Untersuchungszeitraum im inklusiven Modell lernten, ging es im Durchschnitt besser als den Kindern in der Vergleichsgruppe.

Die Eltern: Die beste Schule für mein Kind

Welche ist die beste Schule für mein Kind? Zu dieser Frage gibt es auch unter Eltern von Kindern mit Behinderungen verschiedene Positionen. Manche wollen ihr Kind unbedingt an einer Regelschule nahe dem Wohnort unterbringen. Oft kämpfen Eltern, auch mithilfe von Behindertenverbänden und Elterninitiativen, bis vor Gericht um einen Schulplatz an einer Regelschule. Andere Eltern haben Angst, ihr Kind könnte in einer Regelschule nicht gut genug gefördert werden, und entscheiden sich daher für einen Platz an einer Sonderschule.

Auf der anderen Seite befürchten viele Eltern von Kindern ohne Behinderung, dass die Regelschulen es nicht schaffen können, Kindern mit und ohne Behinderung gleichzeitig gerecht zu werden. Oft hört man in der Debatte die damit verbundene Sorge, Inklusion gehe zulasten der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler.

Eine im Juli 2015 veröffentlichte repräsentative Elternumfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat gezeigt, dass Eltern dem gemeinsamen Unterricht grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen: 60 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Kinder mit Behinderungen in Sonderschulen besser gefördert werden; 51 Prozent glauben, dass Kinder ohne Behinderung im gemeinsamen Unterricht gebremst werden. Allerdings änderte sich die Meinung der Eltern, als sie nach ihren konkreten Erfahrungen gefragt wurden: 68 Prozent der Eltern, deren Kinder inklusive Schulen besuchen, gaben an, dass sie mit der individuellen Förderung ihrer Kinder zufrieden sind. Von nicht-inklusiven Schulen sagten das nur 58 Prozent der Eltern. Das zeigt: Persönliche Erfahrung erhöht die Akzeptanz für Inklusion.

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