Zukunft Bildung

28.8.2018 | Von:
Rainer Schweppe

Wie bauen wir die Schulen für die Zukunft?

Ideen, Konzepte und Umsetzung bei anspruchsvollem Schulbau und sinnvoller Schulsanierung

Rainer Schweppe berät Politik und Institutionen im Schulbaubereich. Er leitete die FAG Schulraumqualität des Landes Berlin, die das Konzept der Berliner Lern- und Teamhäuser entwickelte, begründete das Münchner Lernhauskonzept und setzte in NRW ein neues Schulbaukonzept um. Er fordert, "anspruchsvoller Schulbau muss zeitgemäßen pädagogischen Kriterien folgen!"

Wann wurden die meisten Schulen in Deutschland gebaut und welche sind die typischen Schulen?

Rainer SchweppeRainer Schweppe
Rainer Schweppe: Die aus heutiger Perspektive typischen Schulen wurden um 1900 gebaut: wilhelminische Gebäude aus rotem Backstein mit wertiger Bausubstanz, die heute häufig unter Denkmalschutz stehen. Schulen aus dieser Zeit sieht man eigentlich überall in den Städten, jedenfalls da, wo im Krieg nicht so viel zerstört wurde. Die zweite Schulbauwelle mit einem ganz eigenen Charakter an Schularchitektur setzte in den 1970er-Jahren ein. Damals wurden vor allem Gebäude in kubischer Form gebaut, deren Innenräume häufig in dunklen Farben, vielfach Brauntönen, gehalten waren.

Die Schulgebäude um 1900 – und die Architektur der 1970er Jahre war von der Konzeption nicht grundlegend anders – sie orientieren sich im Wesentlichen an Ideen aus den Zeiten der Industrialisierung. An lange Flure reihen sich rechts und links, manchmal auch nur zu einer Seite, Klassenzimmer. Die Unterrichtsräume sind frontal auf die Tafel ausgerichtet. Dies entsprach einer Pädagogik, die vor allem auf Belehrung, Disziplinierung und das Nachvollziehen vorgegebener Gedanken setzt. In den relativ großen Klassen lernen je etwa 30 Schülerinnen und Schüler in 45-Minuten-Unterrichtseinheiten im Gleichtakt. Solche "Lernfabriken" wurden über Jahrzehnte überall in Deutschland gebaut. Diese "Betonarchitektur" hat heute – man muss auch sagen: Gott sei Dank – einen extrem hohen Sanierungsbedarf, sodass man die Schulen bei der Gelegenheit auch gleich netter gestalten kann. Heute kommt eine dritte Schulbauphase hinzu, die durch das enorme Bevölkerungswachstum in den großen Ballungsgebieten wie Hamburg, München und Berlin getrieben wird. Das ist zugleich eine große Chance für uns in Deutschland, nun grundlegend anders an den Schulbau heranzugehen.

Was sind die Auslöser oder Anlässe für eine "dritte Welle des Schulbaus"?

Rainer Schweppe: Zunächst steigt durch das Bevölkerungswachstum insbesondere in den Ballungsgebieten – und damit meine ich auch die großen Städte unter einer Million Einwohner – der Bedarf an Schulraum. Hinzu kommen neue gesellschafts- und bildungspolitische Herausforderungen. So sprechen wir inzwischen ja bundesweit zunehmend weniger von der Halbtagsschule, sondern von der Ganztagsschule. Wir fragen uns auch, wie sich die Digitalisierung auf das Lernen in den Schulen auswirkt. Wir denken über zeitgemäßen Unterricht und die umfassendere Berücksichtigung der Inklusion nach: Wie können wir Menschen mit oder ohne Beeinträchtigung individuell fördern und angemessen beschulen? Wie nehmen wir Menschen auf, die aus der Fremde kommen? Wenn man sich darüber hinaus fragt, worauf wir junge Menschen in der Schule vorbereiten müssen, dann sehen Sie, dass die Berufs- und Arbeitswelt heute vor allem auf Kreativität, Eigenständigkeit, Teamfähigkeit, Offenheit für Neues und Verantwortungsbewusstsein setzt.

Das alles ist in einer konventionellen Halbtagsschule mit der beschriebenen architektonischen Form schwer vermittelbar. Zeitgemäßer Unterricht sieht heute einfach anders aus: Lehrerinnen und Lehrer, die frisch von der Universität kommen, möchten nicht nur Frontalunterricht machen, sondern sich mit Methodenvielfalt beschäftigen, flexiblen Unterricht anbieten, ihre Schülerinnen und Schüler in Groß- und Kleingruppen arbeiten lassen, sie individuell fördern und zum selbstständigen Arbeiten anregen und vielleicht auch mitgestalten lassen. Aber Schule findet auch heute noch überwiegend in den klassischen Halbtagsschulräumen unserer Kindheit statt. Für eine inklusive Ganztagsschule mit veränderten pädagogischen Zielsetzungen und zeitgemäßen Unterrichtsformen brauchen wir dringend auch neue Ansätze im Schulbau.

Im Zuge des Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) des Bundes haben sich kommunal Verantwortliche ab 2003 erstmals Gedanken darüber gemacht, wie die Schulen der Zukunft gestaltet werden sollen. Daraufhin wurden bundesweit erste "Leuchttürme" baulich umgesetzt, die für eine neue Herangehensweise an Schularchitektur in Deutschland stehen. Mit dem sogenannten Herforder Modell wurden in dieser Stadt in Nordrhein-Westfalen neue Leitbilder unter Einbeziehung der Wissenschaft erarbeitet und zunächst in allen Grundschulen baulich umgesetzt. Die ersten "Lernhausschulen" (siehe Infobox) entstanden hier und viele Schulträger in Deutschland und darüber hinaus haben davon profitiert.

Quellentext

Das Konzept "Lernhausschule"

Eine Lernhausschule besteht aus mehreren Lernhäusern, die jeweils eine selbstständige Einheit bilden und wie eine eigene kleine Schule in der großen funktionieren. Ein Lernhaus umfasst in der Regel mehrere Jahrgänge eines Zuges (z. B. 1a, 2a, 3a, 4a), die zusammen eine Einheit bilden. Es wird in einzelnen Klassen unterrichtet, aber auch übergreifend, sodass Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen in bestimmten Lernphasen gemeinsam lernen können. In der Praxis gibt es verschiedene Varianten, wie sich die Stufen und Klassen auf ein Lernhaus verteilen. Lernhäuser können jedoch nicht nur organisatorisch eine Einheit bilden – in manchen Schulen werden sie auch genutzt, um thematische und pädagogische Schwerpunkte zu setzen. Für ein Lernhaus ist jeweils ein festes Team an Lehrkräften mit einer Lernhausleitung für Pädagogik und Organisation verantwortlich. Dies stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Motivation aller Beteiligten, sich für ihr Lernhaus und ihre Schülerinnen und Schüler einzusetzen.

Zu einem Lernhaus in der Grundschule (vierjährig) gehören mindestens 4 Unterrichtsräume, 2 Differenzierungsräume, 1 Forum, 1 Ruheraum, 1 Teamraum und Sanitärräume. In Berlin mit der sechsjährigen Grundschule wird entsprechend hochgerechnet.

Dieses Konzept wurde zur Grundlage für den Schulneubau und die Umgestaltung von Schulen in den umfassenden Schulbauprojekten in Herford, München und Berlin.

Weiterführende Informationen zum Konzept: http://www.ganztag-muenchen.de/index.php/das-muenchner-lernhauskonzept/broschuere-muenchner-lernhauskonzept

Woher kamen die Ideen für das Konzept einer zukunftsfesten Schule?

Rainer Schweppe: Natürlich haben wir uns die Frage gestellt, wie wir mit unseren Professionen von gestern die Schulen von morgen gestalten können. Das ist schon schwierig. Wir alle haben ja unsere eigenen Erfahrungen und Bilder im Kopf. Dazu kommt oft ein Säulendenken aus den unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen, das es nicht einfach macht, neue tragfähige Lösungen zu entwickeln. Zunächst haben wir uns theoretisch mit dem Thema auseinandergesetzt und in Workshops mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diskutiert, was denn ein "gutes Schulgebäude" ist. Wir haben uns bemerkenswerte Beispiele bestehender Schulbauten in Deutschland angeschaut, etwa die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck, die Wartburg-Schule in Münster und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, und uns so konkret mit neuen Raumperspektiven vertraut gemacht. Auch niederländische Konzepte und das skandinavische Konzept Skola2000 von Ingmar Mattson haben wir vor Ort kennengelernt. Dabei hatten wir erkannt, dass unsere traditionellen deutschen Schulgebäude einen sehr einengenden Charakter haben. Daher mussten wir neue Wege jenseits des konventionellen Schulbaus finden. Mit Unterstützung von Wilfried Buddensiek von der Universität Paderborn entstand schließlich das Leitbild für die neue Gestaltung der Schulen. Wir brauchten ein umfassendes Leitbild mit allgemeinen Qualitätskriterien für neue Schulräume, weil wir wussten, dass wir im Rahmen der Ganztagsentwicklung nicht nur eine Schule umzubauen hatten, sondern wie damals in Herford alle Grundschulen auf einen Schlag und zudem auch Neubauten errichten wollten. Da die Zukunft nur begrenzt planbar ist, gerade im Zeichen der Digitalisierung, war uns wichtig, dass die Räume bestimmten Mindestanforderungen für zukunftsfeste Schulen gerecht werden. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, das Schulräume in jedem Fall flexibel nutzbar sein sowie Möglichkeiten für verschiedene Arbeitsformen, aber auch für Entspannung und Freizeitangebote bieten müssen. Nur dann können die Lehrkräfte von heute und morgen in diesem Schulgebäude, was ja sicher mindestens 50 Jahre steht, auch die jeweils zeitgemäße Pädagogik ausüben.

Worin unterscheidet sich die "Schule von heute und morgen" von der konventionellen Schule architektonisch?

Rainer Schweppe: Zunächst: Jede Schule oder jedes Gebäude folgt einer gewissen Gesetzmäßigkeit. In der Architektur heißt es: form follows function, also die architektonische Form leitet sich aus der Funktion eines Raumes ab.

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Die Frage ist also, was in dem neuen Gebäude passieren soll. Wie muss es gestaltet sein, um diese Funktionen zu erfüllen? Ganz offensichtlich kann man aus einer Halbtagsschule nicht einfach eine Ganztagsschule machen, indem man nur eine Mensa an das Halbtagsgebäude anfügt. Man muss sich damit auseinandersetzen, was es für ein Schulgebäude bedeutet, wenn sich Schüler und Schülerinnen wie auch die Lehrkräfte länger darin aufhalten sollen. Welche Raumstrukturen und Aufenthaltsqualitäten sind dafür notwendig? In allen Räumen muss es möglich sein, zwischen Entspannung und Anspannung zu wechseln, neben dem Geist auch den Körper zu bewegen und neue Zeitstrukturen jenseits des 45-Minuten-Takts etwa für Selbstlernzeiten zu etablieren.

Was zeichnet also neue Ansätze im Schulbau heute aus? Meiner Ansicht nach unterscheiden sich zukunftsfeste Schulen von der konventionellen Bau- und Denkweise besonders in den folgenden Punkten:

Integrierte Vormittags- und Nachmittagsräume

Die Vormittags- und die Nachmittagsräume sollten nicht mehr voneinander getrennt werden. Bisher geht man vormittags in die Schule, für die Nachmittagsbetreuung und -beschäftigung muss man andere Orte, oft an anderen Stellen des Stadtteils, aufsuchen. In einer Ganztagsschule werden die Vormittags- und Nachmittagsräume als multifunktionale Räume integriert und nicht additiv gedacht. Die Räume können dann so gestaltet werden, dass während des Schulbetriebs am Vor- und Nachmittag mehr Flächen zur Verfügung stehen, um beispielsweise verschiedene Lehrmethoden zu ermöglichen und auch externe Kooperationspartner einzubeziehen.

Schulflure als Arbeits- und Kommunikationsräume

Bekanntermaßen sind Schulflure an vielen Schulen lediglich riesige "Erschließungsflächen". Das heißt, sie werden nur als Bewegungsflächen und Fluchtwege genutzt, als Raum, den man durchquert. Solche Flure können aber vielfach nach kleineren Umbaumaßnahmen auch pädagogisch nutzbare Arbeitsbereiche und Kommunikationsflächen sein, zum Beispiel für Foren, und somit direkt in Unterricht und schulisches Leben einbezogen werden.

Mehr Transparenz und Offenheit in der Schule

In den üblichen, relativ kleinen, geschlossenen Klassenräumen kann man die Schülerinnen und Schüler, die den Raum für Gruppenarbeit verlassen, nicht mehr sehen. Die Lehrkräfte wiederum können den Klassenraum nicht verlassen, weil die Schülerinnen und Schüler darin dann unbeaufsichtigt wären. Deshalb wird in neueren Ansätzen der Innenraum der Schulen transparent und offen gestaltet. Durch (teil-)transparente Wände bleiben visuelle Bezüge zu Schülerinnen und Schülern wie auch Lehrkräften, die vielleicht im Forum, Nebenraum oder kurz im Teamraum arbeiten wollen, erhalten. So lässt es sich viel besser individuell oder in Kleingruppen lernen.

Flexiblere Klassenräume

Auch Klassenräume und die zugehörigen Differenzierungsräume können anders gestaltet werden. Warum nicht auf die klassische große Wandtafel oder große interaktive Whiteboards verzichten, die genau genommen den Frontalunterricht fundamentieren? Warum nicht mobile Tafeln und Tablets einführen? Oder flexiblere Möbel, mit denen man in Sitzkreisen arbeiten kann und nicht nur an seinem festen Schülertisch?

Toilettenanlagen

An vielen Schulen in Deutschland gibt es ständig Probleme mit den Toilettenanlagen. Gründe dafür liegen meiner Ansicht nach auch in der Architektur: Denn meist handelt es sich um dezentrale, schlecht erreichbare, große Pausentoiletten – neutrale, oft unattraktive Orte. Sie laden zu Vandalismus ein. Mit den neuen Raumkonzepten werden kleine Toilettenanlagen – wie auch im privaten Bereich – unmittelbar neben den Unterrichtsräumen und Aufenthaltsbereichen gebaut. Das erhöht die soziale Kontrolle. So fühlt sich jeder viel stärker mitverantwortlich, auch die Toiletten in einem guten Zustand zu erhalten. Zudem finden es die Kinder gut, wenn sie nicht durchs halbe Schulgebäude laufen müssen, um zur Toilette zu kommen.

Vom zentralen Lehrerzimmer zu Teamräumen

Dieses riesige Lehrerzimmer, das wir bisher an den meisten Schulen kennen, ist eigentlich ein ganz merkwürdiger Ort, der der Vergangenheit angehören sollte. Denn was kann man in so einem Lehrerzimmer wirklich machen? Es gibt darin weder geeignete Arbeitsplätze für die Lehrkräfte, noch können sie sich in Ruhe unterhalten oder in einer Pause entspannen. Deshalb sind die Lehrerinnen und Lehrer nach meinen Schulbauerfahrungen sehr offen für kleinere Teamräume. Um in einem Team von vielleicht 15 Leuten vernünftig zu arbeiten, brauchen Sie in einem Teamraum einen eigenen Arbeitsplatz, einen Besprechungstisch, eine Kaffeemaschine, einen Kühlschrank und anderes. Sie können kommunizieren, sich aber auch zurückziehen, also viel professioneller und intensiver mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten. Gerade der informelle, wie auch der fachliche und persönliche Austausch gelingen in multiprofessionellen Teamräumen von Lernhausschulen viel besser.

Natur

Insbesondere Lernhausschulen, also kleine Schulen in der großen Schule, können durch die mögliche architektonische Kleinteiligkeit naturnah gestaltet werden. Jedes Lernhaus könnte einen eigenen Zugang zum Außenbereich haben. Das setzt ein entsprechendes Grundstück voraus, aber dann können grüne Klassenzimmer, der Schulgarten, die Grün- und Sportflächen oder der Pausenhof sehr nah sein. Gerade bei der baulichen Verdichtung unserer Großstädte sind solche Flächen für die Kinder von großer Wichtigkeit und müssen mehr Beachtung finden. Dies kann gute Schularchitektur unterstützen.

Öffnung zum Stadtteil

Schulbesuche im europäischen Ausland, insbesondere in Skandinavien, haben uns gezeigt, dass Schulen Mittelpunkte ihres Stadtteils sein können. Hierzulande sind die Schulanlagen prinzipiell nach außen und für andere potenzielle Nutzerinnen und Nutzer abgeschlossen. Wenn wir Schulen neu bauen, können wir auch in diese Richtung denken und neben den reinen Schulräumen beispielsweise neben der Sporthalle, die Mensa, die Aula und bestimmte Multifunktionsräume für die Allgemeinheit öffnen. Das heißt, sie so zu gestalten, dass sie auch für die Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Institutionen im Stadtteil zugänglich werden. Dann wird Schule zu einem Ort des Lebens im Stadtteil, über den man etwa mit Logopäden oder mit Altenzentren zusammenarbeiten oder verschiedenste Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe integrieren könnte.

Räume in Beziehung setzen, um Lehrende und Lernende in Beziehung zu setzen

Wie auf dieser Skizze kann an einer Grundschule die Raumaufteilung in einem Lernhaus aussehen.Wie auf dieser Skizze kann an einer Grundschule die Raumaufteilung in einem Lernhaus aussehen. (© Svenja Koch, Serviceagentur für Ganztagsbildung der Stadt München)
Wenn man Räume so gestaltet und anordnet, dass sie in einer besseren funktionalen Beziehung zueinander stehen, können hier mehr Kommunikation und informeller Austausch, der oft auch sehr wichtig ist, stattfinden. Oft ist es dann einfacher, miteinander umzugehen und zu arbeiten. Ein Differenzierungsraum wird also mit Blickachsen direkt neben einem Unterrichtsraum und einem Forum eingerichtet, die Teamräume der Lehrkräfte liegen in Schüler- und Unterrichtsnähe und nicht wie das Lehrerzimmer zuvor irgendwo weit weg im Schulgebäude. Die verschiedenen Räume sind nicht mehr entlang eines Flurs, sondern rund um ein einsehbares Forum gruppiert, wo man sich treffen, arbeiten oder Pausen machen kann .

"Kleinere Schulen" in der großen schaffen

Wir wollen die großen Schulen "auflösen", das heißt kleinere Schulen als soziale Raumeinheiten in der großen Schule konzipieren, die jeweils über eigene Unterrichts- und Differenzierungsräume, ein Forum und einen Teamraum sowie kleine Sanitäranlagen verfügen. Die Anonymität, die in großen konventionellen Schulen oft herrscht, wird durch kleinere und überschaubare Kommunikationseinheiten aufgegeben. So kann der Einzelne, so können Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrkräfte in der großen Schule einen "Heimatbereich" haben, in dem sie sich wohlfühlen können und von dem aus sie ihre Exkursionen zu den Fachräumen oder zur Sporthalle unternehmen können.

Da das Lernhauskonzept kein architektonischer Typus ist, sondern eine funktionale Grundidee, lässt sich diese ganz unterschiedlich umsetzen. Entscheidend ist, dass sowohl die Räume als auch die Menschen zusammenwirken können: Je nach Grundstück kann man also in die Höhe bauen oder in die Fläche, aber auch Schulerweiterungen mit diesen Einheiten versehen. In Herford und München wurden verschiedenste Gebäude gebaut und umgestaltet, denen man von außen nicht ansieht, dass die Raumstruktur im Inneren fast dieselben Chancen für die pädagogische Nutzung bietet. Die Gebäude wirken zunächst völlig anders, aber wenn Sie hineinkommen, sehen Sie diese verbindende und kommunizierende Grundstruktur.

Es heißt, der Raum ist der "dritte Pädagoge". Inwiefern gibt das Schulgebäude vor, wie darin gelehrt und gelernt werden soll? Anders gefragt: Kann man auch in einem schlechten Gebäude guten Unterricht machen?

Rainer Schweppe: Wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Räume wir als angenehm empfinden und welche nicht, wissen wir, dass das Schulgebäude natürlich eine Wirkung hat und als "dritter Pädagoge" möglichst einladend gestaltet sein sollte. Die Architektur und Raumkultur wirken sich auf die Arbeits- und Kommunikationskultur an der Schule aus und damit auch auf das Wohlbefinden von Lehrkräften wie Schülerinnen und Schülern. Zwar kann durchaus guter Unterricht in schlechteren Räumen gemacht werden. Das hängt auch von der jeweiligen Lehrkraft und dem Fach ab. Guter Unterricht ist jedoch in flexiblen und offenen Räumen eher möglich als in engen und geschlossenen. Eine angenehme, helle Umgebung und ein Raum, in dem ich auch mal in eine Nische oder einen Nebenraum gehen kann, um etwas in Ruhe vorzubereiten oder zu erarbeiten, machen es viel leichter, zeitgemäße Pädagogik einzusetzen, erzwingen sie aber nicht. Die neuen Raumkonzepte sind insofern als Angebote und als Chancen für die Lehrerinnen und Lehrer zu verstehen. Sie können da durchaus arbeiten, wie sie schon immer gearbeitet haben, auch in der Form von Frontalunterricht, sie dürfen aber auch anders arbeiten.