Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

12.2.2015 | Von:
Andreas Schleicher

Studiengebühren oder Studium aus öffentlichen Mitteln?

Was sich aus dem internationalen Vergleich über gerechte und effiziente Hochschulfinanzierung lernen lässt

Das deutsche Modell der Hochschulfinanzierung und seine Probleme

International betrachtet gehört Deutschland – ebenso wie Norwegen, Finnland, Dänemark, Island, Belgien, Schweden, Österreich, Slowenien, Frankreich, Irland und Spanien – zu einer Gruppe von Ländern, die ihre Hochschulen weitgehend über öffentliche Mittel finanzieren. Dabei ist die Hochschulbeteiligung in Deutschland vergleichsweise gering und stark abhängig vom sozialen Hintergrund der Studierenden. Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hat für das Jahr 2009 berechnet, dass Kinder aus Akademikerfamilien mehr als drei Mal häufiger ein Studium aufnahmen als Kinder aus einem nicht akademischen Elternhaus (77 Prozent versus 23 Prozent; Middendorff u.a. 2013, S. 111) (siehe Abbildung 3). Die soziale Selektion spiegelt sich dabei bereits in den Übergangsquoten von der Grundschule auf das Gymnasium wieder.

Wie das Elternhaus den Bildungsweg prägtAbbildung 3: Wie das Elternhaus den Bildungsweg prägt (Mehr dazu...) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Sind aber junge Menschen aus ökonomisch privilegierten Schichten unter den Studierenden deutlich überrepräsentiert, so birgt das gebührenfreie Studium zwangsläufig ein Gerechtigkeitsproblem: Eine Finanzierung der Hochschulen aus Steuergeldern führt dann nämlich dazu, dass das Studium der sozial begünstigten Studierenden wesentlich von Erwerbstätigen aus sozial weniger günstigem Umfeld mitfinanziert wird, die selber keinen Hochschulabschluss haben und deshalb im Mittel über deutlich geringere Einkommen verfügen. Kurzum: Am Ende zahlen so die Facharbeiter für das Studium der Kinder wohlhabenderer Eltern. Dies scheint umso ungerechter, als für den Besuch von Kindergärten und einigen vollzeitschulischen Berufsbildungsgängen – Bildungsangeboten also, die eher als Hochschulen von Personen aller sozialer Schichten wahrgenommen werden – Gebühren gezahlt werden müssen.

Außerdem führen begrenzte öffentliche Mittel in der Regel zu Zugangsbeschränkungen, denn wenn weniger Mittel verfügbar sind, muss man entweder die Ausgaben pro Studierenden kürzen oder die Zahl der Studienplätze reduzieren. Aus den oben genannten Gründen wirkt sich dies insbesondere negativ auf die Bildungsbeteiligung benachteiligter Schichten aus. Im Ergebnis ist das in Deutschland vorherrschende Finanzierungsmodell also sozial unausgewogen, was sich letztlich auch in einer vergleichsweise geringen sozialen Bildungsmobilität niederschlägt: Nur knapp ein Viertel der jungen Deutschen erreicht einen höheren Bildungsstand als seine Eltern, in Australien gilt dies für mehr als 40 Prozent, in Finnland sogar für mehr als die Hälfte (siehe Abbildung 5).

Natürlich könnten auch die öffentlichen Ausgaben für die Universitäten erhöht werden, wie dies in den nordischen Staaten der Fall ist. Die dazu notwendigen Mittel müsste der Staat dann aber durch eine stärkere Besteuerung höherer Einkommen wieder reinholen. Für Hochschulabsolventen (die ja, wie oben beschrieben, meist höhere Einkommen erzielen) käme dies nachgelagerten Studiengebühren gleich: Nach dem Studium würden sie über höhere Steuerzahlungen stärker zur Finanzierung der Hochschulen beitragen. Allerdings würden durch die sogenannte Steuerprogression auch diejenigen steuerlich stärker belastet, die ein höheres Einkommen erzielen ohne ein Studium abgeschlossen zu haben.

Finanzierungsmodelle im internationalen Vergleich

Wie sieht es nun in anderen OECD-Ländern aus? Welche Modelle der Studienfinanzierung finden sich international und wie unterscheiden sie sich vom deutschen Modell? Abbildung 4 zeigt auf der vertikalen Achse die Höhe der durchschnittlichen Studiengebühren (umgerechnet in Kaufkraftparitäten) und auf der horizontalen Achse den Anteil der Studierenden, die ein öffentliches Darlehen oder Stipendien beziehen. Studierende der Länder im unteren linken Bereich der Grafik zahlen keine oder geringe Studiengebühren und bekommen keine staatliche Unterstützung. Studierende in den Ländern am unteren rechten Bereich zahlen keine oder geringe Studiengebühren, erhalten jedoch Unterstützung für den Lebensunterhalt. Studierende der Länder im oberen rechten Bereich zahlen hohe Studiengebühren und bekommen meist auch Unterstützung für deren Finanzierung.

Abbildung 4Abbildung 4: Verhältnis zwischen durchschnittlichen Studiengebühren öffentlicher Bildungseinrichtungen und dem Anteil Studierender, die öffentliche Darlehen, Stipendien oder Zuschüsse erhalten
Grafik als PDF-Icon PDF-Datei (© bpb)
Auch die nordischen Staaten Europas wie Finnland, Dänemark, Island, Norwegen oder Schweden finanzieren ihre Hochschulen nahezu ausschließlich aus öffentlichen Mitteln, weisen aber im Gegensatz zu Deutschland eine im internationalen Vergleich hohe Hochschulbeteiligung auf. Die Abschlussquoten liegen in diesen Ländern zwischen 40 und 60 Prozent. Die Ressourcen, die zur Finanzierung ihrer stark ausgebauten Hochschulsysteme notwendig sind, erzielen diese Staaten über eine hohe Steuerprogression. Höhere Einkommen werden in diesen Ländern also stärker besteuert als dies etwa in Deutschland der Fall ist. Zugespitzt formuliert: Die Leistungsträger mit gutem Bildungsabschluss bezahlen dort das Studium der nächsten Generation. Durch die überdurchschnittlich hohe Bildungsbeteiligung bleibt das steuerfinanzierte System auch vergleichsweise "gerecht": Die sozialen Disparitäten beim Hochschulzugang sind gering, sodass in diesen Ländern eine beträchtliche Zahl von Personen aus nicht akademischem Elternhaus vom gebührenfreien Studium profitiert. Da außerdem auch die Lebenshaltungskosten der Studierenden mitfinanziert werden, entweder durch Stipendien oder einkommensabhängig rückzahlbare Darlehen, gibt es in den nordeuropäischen Staaten so gut wie keine finanziellen Barrieren, um ein Studium aufzunehmen.

Absolute BildungsmobilitätAbbildung 5: Absolute Bildungsmobilität
Grafik als PDF-Icon PDF-Datei (© bpb)
Länder wie Japan oder Korea, die im internationalen Vergleich ebenfalls sehr hohe Absolventenquoten aufweisen, finanzieren ihre Hochschulen dagegen weitgehend über Studiengebühren. Obwohl Darlehenssysteme in diesen Ländern nur sehr beschränkt zur Verfügung stehen, ist die Hochschulbeteiligung sozial relativ ausgewogen, da die Höhe der Studiengebühren begrenzt ist und Familien für gewöhnlich sehr früh damit beginnen, Geld zurückzulegen, um später das Studium ihrer Kinder finanzieren zu können.

Auch die USA finanzieren ihre Hochschulen weitgehend über Studiengebühren. Im Gegensatz zu den asiatischen Staaten gibt es hier auch ein ausgereiftes Darlehen- und Stipendiensystem. Anders als in den skandinavischen Ländern werden die Darlehen jedoch weitgehend von kommerziellen Banken und privaten Kreditinstitution angeboten und müssen unabhängig vom späteren Einkommen zurückgezahlt werden. Zudem sind die Studiengebühren in den USA ungewöhnlich hoch (siehe Abbildung 4). Dadurch kommt es in den USA zu relativ großen sozialen Disparitäten in der Bildungsbeteiligung. Zwar ist der relative Einkommensvorteil von Hochschulabsolventen in den USA aufgrund des flexiblen Arbeitsmarktes, auf dem hoch qualifizierte Arbeitskräfte ausgesprochen gut verdienen und vergleichsweise wenig Steuern zahlen, besonders hoch. Dieser Einkommensvorteil ist jedoch ein statistischer Durchschnittswert mit großer Variationsbreite. Der Einkommensvorteil eines Hochschulabsolventen kann abhängig vom späteren Job auch sehr viel geringer oder höher ausfallen. Die Aufnahme eines Studiums ist damit für den Einzelnen mit einem großen Risiko behaftet. Verfügt die eigene Familie nicht über beträchtliche Ersparnisse, so muss in der Regel ein substanzieller Kredit aufgenommen werden, der – nicht zuletzt wegen der anfallenden Zinsen – zur finanziellen Bürde werden kann, wenn der Absolvent nach dem Studium nicht zügig einen gutbezahlten Job findet, der eine fristgerechte Rückzahlung des Kredits ermöglicht. Im Jahr 2012 lagen die durchschnittlichen Studienkreditschulden in den USA bei etwa 27.000 Dollar, über 11 Prozent aller ausstehenden Studienkredite sind in Verzug[3]. Gerade auf Jugendliche aus sozial ungünstigem Umfeld wirken die Risiken eines Kredits oft abschreckend. Es sei aber hinzugefügt, dass der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Studium in Deutschland ebenso groß ist wie in den USA, obwohl in Deutschland keine Studiengebühren erhoben werden.

Eine weitere Gruppe von Staaten – Beispiele sind Australien oder England – finanzieren ihre Hochschulen ebenfalls weitgehend über Studiengebühren, die aber einkommensabhängig nachgelagert sind. Nach diesem Modell erhalten Studierende ein staatlich garantiertes, unverzinstes Darlehen, aus dem sie die Studiengebühren bezahlen und das sie erst (und nur dann) zurückzahlen müssen, wenn sie ein bestimmtes Einkommensniveau erreicht haben. Damit entfällt das Risiko für die Studierenden weitgehend, sodass sich nicht nur ein nachhaltig finanzierbares Modell ergibt, mit dem sich die Bildungsbeteiligung ohne zusätzliche öffentliche Ausgaben erweitern lässt. Dieses Finanzierungsmodell ist im Wesentlichen auch sozial gerechter als einige Systeme ohne Studiengebühren oder solche, in denen Studiengebühren mit kommerziellen Darlehen finanziert werden. Zusätzlich wird das Darlehensmodell in England noch mit einem sozial gestaffelten Stipendiensystem kombiniert. Dies ist ein weiteres wichtiges Element der Studienfinanzierung, damit für junge Menschen aus ungünstigem sozialem Umfeld sich häufiger gegen ein Studium entscheiden, da sie oft unzureichende Informationen zu den ökonomischen Vorteilen eines Studiums haben und den späteren Einkommensvorteil eines Studiums daher unterschätzen. Folglich sollten gerade für diese Gruppe die finanziellen Hürden eines Studiums über zusätzliche Unterstützungsleistungen möglichst gering gehalten werden.

Fußnoten

3.
Siehe: http://www.forbes.com/sites/halahtouryalai/2014/02/21/1-trillion-student-loan-problem-keeps-getting-worse/
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