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Handlungsansätze zur Verminderung von Bildungsungleichheiten

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Handlungsansätze zur Verminderung von Bildungsungleichheiten

Kai Maaz

/ 4 Minuten zu lesen

Kein Bildungssystem ist frei von sozialen Bildungsungleichheiten, aber sie lassen sich reduzieren. Welche Ansatzpunkte sind dafür zentral?

Allgemeiner Unterricht: Im internationalen Vergleich gibt es Länder, in denen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg schwächer ausfällt als in Deutschland. (© picture-alliance/dpa, Thomas Banneyer)

Welche Herausforderung lassen sich aus dem beschriebenen Forschungsstand zum Abbau von sozialen Bildungsungleichheiten ableiten? Grundlegend ist zunächst die Einsicht, dass es überall auf der Welt, in jedem Bildungssystem, soziale Ungleichheiten bei der Wahrnehmung von Bildungsangeboten, dem Kompetenzerwerb und den erzielten Abschlüssen gibt. Daher kann auch das deutsche Bildungssystem nicht frei von sozialen Verzerrungen sein. Gleichwohl finden sich im internationalen Vergleich durchaus Länder, in denen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg schwächer ausfällt als in Deutschland (mit Blick auf die in PISA-2015 untersuchten naturwissenschaftlichen Kompetenzen beispielsweise Kanada oder Großbritannien). Dies legt nahe, dass sich bestehende Bildungsungleichheiten durch politische Maßnahmen wenigstens reduzieren lassen. Welche Maßnahmen dazu am ehesten geeignet sind, wird in Wissenschaft und Politik teils kontrovers diskutiert, so z. B. ob ein längeres gemeinsames Lernen der Schülerschaft sinnvoll ist oder ob eine Kitapflicht ab dem dritten Lebensjahr eingeführt werden sollte. Auch gibt es Stimmen, die eine Engführung der Diskussion auf bildungspolitische Maßnahmen kritisieren und sich dafür aussprechen die zugrundeliegenden materiellen Ungleichheiten über verteilungspolitische Maßnahmen etwa im Bereich der Steuer- und Sozialpolitik direkt anzugehen. Viele Ansatzpunkte sind heute aber auch weitgehend unstrittig, darunter etwa die folgenden:

  • Frühzeitige kompensatorische Maßnahmen: Maßnahmen zum Abbau sozialer Ungleichheiten sind nicht erst dort umzusetzen, wo Ungleichheiten in der Bildungsbeteiligung oder in Form von Lernrückständen konkret sichtbar werden. Je früher in der Bildungsbiografie Maßnahmen zum Ausgleich herkunftsbedingter Fähigkeitsunterschiede einsetzen, umso wirkungsvoller können sie sein. Daher liegen gerade im Ausbau und in der Interner Link: Qualitätsentwicklung frühkindlicher Bildungs- und Betreuungsangebote große Potentiale. Besonders sprachliche sowie weitere, für den Schuleintritt relevante Kompetenzen und Fähigkeiten, wie Vorläuferkompetenzen im sprachlichen und mathematischen Bereich, können auch außerhalb der familiären Umwelt in der frühkindlichen Erziehung gefördert und Defizite erkannt werden. Verbindliche Interner Link: Bildungspläne in Kindertageseinrichtungen könnten hier nicht nur Orientierung bieten, sondern Bildungsziele klar formulieren und den Eintritt in die Schule vorbereiten. Hierzu gehört auch die Nutzung von unterschiedlichen Bildungs- und Freizeitangeboten für Kinder, oder vielleicht auch gerade im Vorschulalter im Bereich der motorischen und musischen Entwicklung. Gerade wenn in den Familien keine entsprechenden Aktivitäten angeboten werden können, können organisierte Angebote ausgleichende Wirkung erzielen. Dafür müssen diese Angebote aber auch gezielt Kinder mit entsprechenden Förderbedarfen erreichen.

  • Bildungsarmut vermeiden: Innerhalb des Schulsystems muss das Augenmerk darauf gerichtet werden, dass möglichst alle Kinder das für den weiteren Bildungs- und Berufsweg notwendige Mindestniveau an Basiskompetenzen und Zertifikaten erwerben. Dabei ist zu bedenken, dass sich soziale Ungleichheiten nicht nur auf die Beteiligung an formaler Bildung und die dort erworbenen fachlichen Kompetenzen beziehen, sondern ebenso auf den Bereich der sozialen Kompetenzen, die für die Gestaltung des eigenen Lebensweges und die Fähigkeit zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe ebenfalls hochgradig bedeutsam sind. Daher ist die Förderung sozialer Kompetenzen und die Schaffung von Lernbedingungen, die die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ermöglichen, auch unter der Ungleichheitsperspektive eine wichtige Aufgabe der Schule.

  • Konsequente individuelle Förderung: Das Prinzip der individuellen Förderung muss im Unterrichtsgeschehen der Schule systematisch verankert werden. Nur wenn die individuellen Lernvoraussetzungen und -bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler im Unterricht stärker berücksichtigt werden, kann es gelingen, sowohl leistungsschwache als auch leistungsstarke Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern.

  • Ganztagsschule weiterentwickeln: In den letzten Jahren wurde der Ganztagsbetrieb stark ausgebaut, doch sind die Ganztagsschulen hinsichtlich des Abbaus von Bildungsungleichheiten bisher hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Künftig muss es neben dem quantitativen Ausbau auch um einen verstärkten qualitativen Ausbau im Sinne einer Interner Link: Entwicklung und Schärfung ganztagsschulischer Konzeptionen gehen. Das bedeutet, dass die Angebote des Ganztags konzeptionell mit der Schule am Vormittag verbunden werden müssten und es gezielter kompensatorischer Elemente zur Kompetenzförderung der Schülerinnen und Schüler bedarf.

  • Bildungswege flexibilisieren: Eine wesentliche Forderung bleibt schließlich die Öffnung des Bildungssystems und die daran gekoppelte Flexibilisierung von Bildungsverläufen, damit frühe Bildungsentscheidungen oder Misserfolge nicht zur Barriere werden, wenn Menschen im späteren Leben neue Bildungsziele ins Auge fassen. In diesem Zusammenhang wird es auch darum gehen, auf die Gruppe der formal gering oder nicht Qualifizierten weiterhin verstärkt den bildungspolitischen Blick zu richten. Von besonderer Bedeutung bleibt dabei die Gestaltung der Schnittstellen individueller Bildungsverläufe, insbesondere zwischen dem ersten allgemeinbildenden (Haupt-)Schulabschluss, der Berufsvorbereitung im Übergangssystem und der Berufsausbildung.

Bei alledem gilt: Punktuelle Veränderungen auf einzelnen Bildungsstufen tragen wenig zum Abbau der Ungleichheiten bei. Für einen nachhaltigen Abbau sozialer Ungleichheiten müssen Maßnahmen in allen Bildungsbereichen ansetzen und ineinandergreifen. Punktuell, temporäre und nicht miteinander verzahnte Angebote und Maßnahmen werden nicht die gewünschten Erfolge erzielen können. Nur langfristige Angebote, die die Logik des Lebens- und Bildungsverlaufs berücksichtigen, werden nachhaltig Wirkung erzielen, auf die in den folgenden Bildungsstufen aufgebaut werden kann.

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Prof. Dr. Kai Maaz, geb. 1972 in Rathenow, ist Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation und dort Direktor der Abteilung "Struktur und Steuerung des Bildungswesens". Zugleich ist er Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssystem und Gesellschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Schwerpunkte seiner Forschung sind u.a. soziale Disparitäten des Bildungserwerbs über den Lebens- und Bildungsverlauf, Bildungsmonitoring und -steuerung, Evaluation von Schulstrukturen, Bildungsprogrammen und Schulen sowie Schulentwicklung unter besonderer Berücksichtigung von Transformationsprozessen im Bildungssystem.