In Schule, Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt verlieren Männer zunehmend ihren Vorsprung. Jungen gelten in vielen Diskussionen mittlerweile sogar als „Bildungsverlierer“. Sie haben schlechtere Noten als Mädchen, seltener ein Abitur und brechen ihr Studium häufiger ab. Für viele westliche Länder gilt außerdem, dass Jungen weniger ambitionierte Bildungs- und Berufsziele haben als Mädchen. Für die USA ist dieser „Gender Aspiration Gap“ seit den späten 1980er-Jahren gut dokumentiert, auch für Großbritannien liegen entsprechende Befunde vor. In unserer Studie wollten wir wissen, ob der Unterschied inzwischen auch in Deutschland zu beobachten ist und ob die Reformen im Bildungssystem oder Veränderungen des Berufsstatus der Eltern Ursachen für die geringeren Ambitionen der Jungen sein könnten.
Daher analysierten wir die Entwicklung der Berufserwartungen von Schülerinnen und Schülern an Regelschulen in Deutschland in der Zeit von 2000 bis 2018. Datengrundlage waren Daten der PISA-Studie und des Nationalen Bildungspanels (NEPS). In beiden Studien wurden Schülerinnen und Schüler der 9. Klassenstufe gefragt, in welchem Beruf sie später einmal erwarten zu arbeiten. Die Antworten wurden dann in den Internationalen Sozioökonomischen Index des beruflichen Status (ISEI) überführt. Der ISEI kombiniert das typische Bildungsniveau und das durchschnittliche Einkommen eines Berufs zu einem Statuswert zwischen 10 und 90. Zum Beispiel erreichen Ärztinnen und Ärzte etwa 85–90, Lehrkräfte 60–70 und KfZ- oder Mechanikerinnen und Mechaniker für Industriemaschinen einen Statuswert von rund 35–40.
Zu Beginn der 2000er-Jahre lag der durchschnittliche Statuswert der angestrebten Berufe für beide Geschlechter bei ungefähr 50. Über den Beobachtungszeitraum stieg dieser bei beiden Geschlechtern an. Jedoch ist der Anstieg bei Jungen deutlich geringer und gegen Ende des Beobachtungszeitrums liegen sie deutlich hinter den Mädchen. Dies führte dazu, dass über die Zeit eine Lücke zu Gunsten der Mädchen entstand. Auch die qualitative Auswertung zeigt, dass sich die Berufsvorstellungen der Jungen weniger verändert haben als die der Mädchen. Sie strebten weiterhin männertypische Ausbildungsberufe an wie Kraftfahrzeug- oder Industriemaschinenmechaniker. Mädchen hingegen hatten immer seltener frauentypische Ausbildungsberufe, wie zum Beispiel Kranken- oder Altenpflegerin, Verkäuferin oder Friseurin, als Ziel. Stattdessen strebten sie häufiger statushohe akademische Berufe in gemischtgeschlechtlichen Berufsfeldern an wie Lehrerin, Ärztin oder Anwältin.
Um zu verstehen, warum sich die Lücke zwischen Jungen und Mädchen vergrößert hat, haben wir drei mögliche Einflussfaktoren untersucht: Erstens könnten sich die Lebens- und Schulbedingungen von Jungen und Mädchen unterschiedlich verändert haben, etwa indem sich der Anteil der Jungen im niedrigsten Bildungszweig verändert hat. Zweitens könnten sich bestimmte Veränderungen im Familienumfeld für Jungen und Mädchen unterschiedlich auswirken, etwa wenn sich Statusgewinne der Mütter, also statushöhere Berufe, vor allem auf die Töchter auswirken. Drittens kann sich verändert haben, wie stark solche Faktoren heute überhaupt noch wirken, zum Beispiel wenn der sozioökonomische Status der Mutter die Ambitionen von Töchtern weniger beeinflusst als früher. Mithilfe einer sogenannten Dekompositionsanalyse haben wir die Faktoren isoliert betrachtet. So können wir gezielt die Auswirkungen von Veränderungen der Gruppenzusammensetzung in einzelnen Merkmalen oder die Folgen von veränderten Einflussfaktoren auf die Berufserwartungen untersuchen.
Die erste mögliche Ursache für den geringeren Anstieg der beruflichen Ambitionen von Jungen könnte die fortschreitende Bildungsexpansion sein, von der Mädchen stärker profitiert hätten: Mädchen besuchen heute häufiger ein Gymnasium als Jungen und erzielen oft bessere Bildungsergebnisse. Diese Entwicklung ist jedoch eher ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Anfang der 2000er-Jahre waren Jungen in der Hauptschule deutlich überrepräsentiert. Seitdem haben Bildungsreformen mit dem Abbau der Hauptschulen und dem Ausbau integrierter Schulformen die Verteilung der Geschlechter wieder ein Stück weit angeglichen. Der Anstieg der Berufsziele von Mädchen ist daher nicht auf Veränderungen im Schulsystem zurückzuführen.
Eine zweite mögliche Ursache für die beobachteten Geschlechterunterschiede in der Entwicklung der Berufsziele könnte in Veränderungen der Elterngenerationen liegen. Aus der Forschung wissen wir, dass die gleichgeschlechtlichen Elternteile einen besonders starken Einfluss auf die Berufswahl haben. Töchter könnten daher in besonderem Maße von veränderten Erwerbsbiografien ihrer Mütter profitieren, die zunehmend in statushöheren Berufen arbeiten, während Söhne von diesem Trend weniger beeinflusst werden. Unsere Daten zeigen, dass der durchschnittliche sozioökonomische Status von Müttern tatsächlich leicht angestiegen ist, der von Vätern blieb weitgehend stabil. Der Einfluss des elterlichen Berufsstatus auf die Ambitionen der Kinder ist zudem klar positiv. Aber: Der sozioökonomische Status der Mütter wirkt bei Töchtern nicht systematisch stärker als bei Söhnen, sodass der Trend der Mütter keinen Einfluss auf Geschlechterunterschiede in der Entwicklung der Berufsziele hat.
Als dritte mögliche Ursache haben wir untersucht, ob die Einflüsse des gleichgeschlechtlichen Elternteils weniger stark wirkten als in der Vergangenheit. Verlieren Mütter durch sich verändernde Geschlechternormen als Rollenvorbilder für Töchter an Relevanz? Da Mütter im Vergleich zu Vätern insgesamt weiterhin häufiger in Berufen mit niedrigerem Status arbeiten, würde es zum Anstieg der Berufserwartungen der Töchter beitragen, wenn sie als Rollenvorbilder an Einfluss verlieren. Doch auch diesen Erklärungsansatz mussten wir verwerfen, denn die Zusammenhänge zwischen Elternteilen und Kindern haben sich über die Zeit nicht so stark verändert, dass sie den wachsenden Vorsprung der Mädchen erklären könnten.
Unsere Analysen zeigen, dass der Trend der niedrigeren Berufsambitionen von Jungen, den wir bereits in anderen Ländern beobachtet haben, nun auch in Deutschland festzustellen ist. Jedoch bieten die von uns untersuchten institutionellen und familiären Faktoren keine Erklärung dafür: Weder Veränderungen in der Verteilung von Jungen und Mädchen im Bildungssystem noch geschlechterspezifische Auswirkungen des Statusgewinns von Müttern oder veränderte Einflussfaktoren des elterlichen Berufsstatus liefern eine Erklärung. Die Lücke zwischen den Berufszielen der Mädchen und Jungen öffnet sich, obwohl die bekannten Einflussfaktoren weitgehend stabil sind. Der wachsende Vorsprung der Mädchen ist in allen untersuchten Subgruppen sichtbar – unabhängig von Schulform, Bildungsniveau der Eltern und elterlichem Berufsstatus.
Worin also liegen die Ursachen für die stärker gestiegenen beruflichen Ambitionen von Mädchen? Eine alternative Erklärung könnte in veränderten gesellschaftlichen Normen liegen. Veränderte gleichstellungs- und bildungspolitische Rahmenbedingungen sowie ein Wandel kultureller Leitbilder haben die wahrgenommenen Handlungsspielräume von Mädchen erweitert. Zugleich sind dadurch die individuellen wie auch gesellschaftlichen Erwartungen an weibliche Erwerbsbiografien gestiegen. Angesichts höherer Erwartungen kommen dann Berufe wie Dienstleistungs- oder Verwaltungsberufe im unteren bis mittleren Qualifikationsbereich, die früher typischerweise von Mädchen angestrebt wurden, aufgrund der niedrigen Entlohnung und des geringen Prestiges eher nicht mehr infrage.
In diesem Kontext lässt sich das Zurückbleiben der Jungen kaum als Zeichen sinkender individueller Fähigkeiten oder als direkte Folge asymmetrischer Erwartungen und Förderstrukturen deuten. Die Erwartungshaltung hinsichtlich der Erwerbsbiografie von Jungen hat sich weniger geändert. Zudem waren und sind die von Jungen angestrebten Ausbildungsberufe mit einer wesentlich besseren Bezahlung verbunden – anders als bei „Frauenjobs“ mit vergleichbaren Bildungsanforderungen. In der weiterhin stark geschlechtlich segregierten Berufswelt gibt es für Männer mehr gut bezahlte Optionen im mittleren Bildungsniveau als für Frauen.
Dies bedeutet auch, dass der derzeit beobachtbare Nachteil der Jungen in Bezug auf ihre beruflichen Ambitionen nicht zwangsläufig in einen späteren Nachteil auf dem Arbeitsmarkt mündet. Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen dieser Trend bereits seit mehreren Jahrzehnten sichtbar ist, zeigen vielmehr, dass trotz geringerer durchschnittlicher Bildungs- und Berufsambitionen von Jungen weiterhin ein Gender Pay Gap zu Ungunsten von Frauen besteht. Offenbar sind Jungen selbst bei niedrigeren Ambitionsniveaus erfolgreicher darin, ihre beruflichen Ziele auf dem Arbeitsmarkt umzusetzen, während Frauen trotz höherer Ambitionen auf strukturelle Nachteile stoßen.