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Vertigo – Aus dem Reich der Toten

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Vertigo – Aus dem Reich der Toten

/ 9 Minuten zu lesen

1958

John "Scottie" Ferguson (© Alfred J. Hitchcock Productions / Deutsches Filminstitut, Frankfurt)

Produktionsland: USA
Regie: Alfred Hitchcock
Laufzeit: 129 Minuten
Format: Technicolor, VistaVision (1:1,50)
Altersfreigabe: FSK: 12


"Scottie, do you believe that someone out of the past - someone dead - can enter and take possession of a living being?"

Gavin Elster (Tom Helmore) zu Scottie (James Stewart)


Darsteller/innen


John "Scottie" Ferguson: James Stewart Madeleine Elster/Judy Barton: Kim Novak Midge Wood: Barbara Bel Geddes Gavin Elster: Tom Helmore Untersuchungsrichter: Henry Jones Scotties Arzt: Raymond Bailey Hotelmanagerin: Ellen Corby


Inhalt

Bei einer Verfolgungsjagd stürzt der Polizist John "Scottie" Ferguson fast von einem Dach. Er leidet danach unter Höhenangst und quittiert den Dienst. Den Auftrag eines ehemaligen Studienkollegen nimmt er zunächst unwillig an: Gavin Elster fürchtet um das Leben seiner Frau und bittet Scottie, sie zu beschatten. Tatsächlich scheint Madeleine Elster selbstmordgefährdet. Sie steht unter dem Bann ihrer Urgroßmutter Carlotta Valdes, deren tragisches Schicksal sich nun scheinbar wiederholt. Nach einem Selbstmordversuch rettet Scottie Madeleine, sie verlieben sich. Doch ihr Glück währt nur kurz. Um Madeleines Trauma zu rekonstruieren und sie damit zu heilen, bringt Scottie sie in eine spanische Mission vor den Toren San Franciscos. Dort steigt sie den Glockenturm hinauf und stürzt hinab. Scottie kann ihr aufgrund seiner Angststörung nicht folgen.

Vor Gericht wird Scottie freigesprochen. Madeleines Tod gilt als Selbstmord, dennoch wird er moralisch verantwortlich gemacht. In der Folgezeit glaubt der traumatisierte Ex-Polizist die verstorbene geliebte Frau überall zu erkennen. Als er der jungen Judy begegnet, die der Toten auffällig gleicht, kann es sich nur um ein Trugbild handeln. Dennoch verfällt Scottie dem Wahn, die brünette Judy in die blonde Madeleine zu verwandeln und beschwört damit das Unheil.

Wie sich herausstellt, sind Judy und Madeleine ein und dieselbe Person. Elster hat sie und Scottie benutzt, um seine wirkliche Frau umzubringen. Doch die Aufklärung ist nicht das Ende. Bei einem neuerlichen Versuch, die Ereignisse zu rekonstruieren, stürzt auch Judy in die Tiefe. Scottie blickt fassungslos in den Abgrund. Er hat seine Höhenangst verloren, aber auch – zum zweiten Mal – seine Geliebte. Bezug zum Werk Hitchcocks Makellos gestaltet, perfekt besetzt und spannend bis zum Schluss, vereint Vertigo alle Qualitäten eines Hitchcock-Films. Zugleich gilt dieser Blick in menschliche Abgründe als sein persönlichster Film. Die Suche nach einem falschen Liebesideal zerbricht darin an der Wirklichkeit, auf den Traum folgt ein böses Erwachen. Inhaltlich komplex und tiefenpsychologisch durchdacht konfrontiert der Psychothriller die Widersprüche von Wahrheit und Lüge, Realität und Illusion, Leben und Tod.

In Scotties Versuch, Madeleine von den Toten zurückzuholen, sehen wir nicht nur eine Neubearbeitung antiker Mythen wie Orpheus und Eurydike oder Pygmalion, sondern eine ungewohnt selbstkritische Auseinandersetzung Hitchcocks mit dem eigenen Schaffen. Sein obsessiver Blick auf – elegante und blonde – Frauen spiegelt sich in Scotties voyeuristischem Begehren eines Trugbilds. Während Judy als Madeleine "nur" eine Rolle spielt, wie eine Schauspielerin, agiert dieser wie ein Regisseur, kreiert mit Kostümen und Schminke ein Abbild der Wirklichkeit. Wie nebenbei reflektiert Hitchcock damit allgemein die Illusionsmechanismen des Mediums Film.

Ungewohnt ist auch das Frauenbild, zumindest in dieser Glanzphase seines Schaffens. Insbesondere im letzten Drittel des Films gewährt der als Frauenverächter verschriene Hitchcock Madeleine/Judy einfühlsame Einblicke in ihr Innenleben. In beiden Rollen ist sie Täterin und Opfer zugleich, ein passiver Spielball in den Händen getriebener Männer. Hitchcocks sensiblere Frauenrollen, meist gespielt von Ingrid Bergman in Filmen wie Berüchtigt (USA 1946), entstanden unter der Ägide des Produzenten David O. Selznick – bekannt für seine "women’s pictures". Nur noch die Kleptomanin Marnie in Marnie (USA 1964) geriet ähnlich komplex. Dies sind zugleich die Filme, die Truffauts Wertschätzung Hitchcocks maßgeblich beeinflussten.

Drehbuch/ Romanvorlage

Das von Samuel A. Taylor – nach zwei vorigen Anläufen anderer Autoren – verfasste Drehbuch basiert auf dem Kriminalroman "D’entre des morts" (1954) von Pierre Boileau und Thomas Narcejac. Das französische Schriftstellerduo schrieb insgesamt vier Krimis nach ähnlichem Handlungsmuster, darunter jenes, das von Henri-Georges Clouzot als Les diaboliques (Die Teuflischen, F 1955) erfolgreich verfilmt wurde. Zuvor hatte sich Hitchcock vergeblich um die Rechte bemüht.

Für den Film wurde die Buchvorlage stark verändert. Im Vergleich mit anderen Hitchcock-Filmen enthält der Film relativ wenig Dialog, zudem kaum Humor. Charakteristisch für seine Arbeitsweise mit Storyboards sind im Gegenteil traumartige, oft minutenlange Szenen ohne Gespräch, etwa die Szene, in der Scottie Madeleine erst in eine dunkle Gasse folgt und dann durch einen Türspalt beim Blumenkauf in einem kulissenhaft wirkenden Geschäft beobachtet.

Filmfiguren

John "Scottie" Ferguson wird als ein sympathischer, grundsätzlich zurückhaltender Ex-Polizist eingeführt. Durch den traumatischen Sturz im Polizeidienst hat er sein inneres Gleichgewicht verloren und findet nur schwer ins Leben zurück. An der Seite Madeleines erscheint er zunächst als starker männlicher Beschützer. Nach ihrem "Tod" und der Begegnung mit Judy entwickelt er jedoch zunehmend wahnhafte Züge. Der Sympathieträger wird zum skrupellos Getriebenen, der Judy benutzt, um sein erotisches Wunschbild zu schaffen. Als Polizist, der an der Unterscheidung von Sein und Schein scheitert, ist er fast eine typische Hitchcock-Figur.

Madeleine Elster, die Ehefrau Gavin Elsters, ist nur einmal kurz zu sehen: als sie vom Turm gestoßen wird. Ihr Ebenbild "Madeleine" hingegen wurde allein geschaffen, um Scottie zu täuschen. Die junge Verkäuferin Judy Barton gibt sich als Madeleine aus – eine elegante Frau von Welt, blond und mysteriös. Mit der echten Judy Barton hat die Figur der Madeleine nichts zu tun, obwohl Scottie versucht Judy durch Kleidung und Frisur dem Ebenbild von Madeleine anzupassen. Zu Scotties und letztlich auch Judys Leidwesen müssen sie schmerzhaft erkennen, dass Judy dem Idealbild Scotties nicht entspricht.

Midge Wood ist Scotties ehemalige Verlobte, die ihn noch immer liebt. Als bodenständiger, mütterlicher Typ verkörpert sie das Gegenbild der mysteriösen Madeleine. Ihr scherzhafter Versuch, sich – durch ein Selbstporträt als Carlotta – an Madeleines Stelle zu setzen, scheitert kläglich. Er ist nicht bereit, von seiner Illusion zu lassen.

Spannung

Der Film Vertigo lässt sich in zwei Abschnitte einteilen. Wird im ersten Teil eine Detektivstory mit melodramatischen Elementen erzählt, die man zunächst als eigentliche Geschichte wahrnimmt, muss das Publikum im zweiten Teil – nach Madeleines vermeintlichen Selbstmord und Judys Erinnerung an die tatsächlichen Begebenheiten – erkennen, dass es wie Scottie getäuscht wurde. Scheinbar übersinnliche Motive eines Mystery-Thrillers entpuppen sich als ausgeklügelte Elemente eines klassischen Noir-Plots, und finden damit eine verstörende rationale Erklärung. Madeleines Hingabe an die verstorbene Carlotta Valdes – sie besucht deren Porträt in einer Gemäldegalerie, ihr Grab, ihr altes Haus – ist der hitchcocksche MacGuffin, ein ablenkender Trick. Auch der perfekte Spannungsaufbau zeigt den Meister.

Entscheidend ist eine Änderung der Buchvorlage: Die Auflösung des Mordkomplotts bildet in Boileaus und Narcejacs Roman die finale Überraschung. Indem Hitchcock die Erklärung vorzieht, opfert er diese Überraschung zugunsten des Suspense. Das Publikum weiß nun: Madeleine und Judy sind dieselbe Person. Hitchcock trägt damit nicht nur dem Medium Rechnung, das die Ähnlichkeit, anders als ein Buch, ohnehin kaum verheimlichen kann. Er gibt damit der Handlung eine weit psychologischere Note.

Der Suspense liegt nun zunächst in der Frage, wie Judy ihre Situation bewältigt. Scotties Versuche, sie zurückzuverwandeln, wirken dadurch umso grausamer. Ihre Verletzlichkeit wird sichtbar. Als das Publikumswissen schließlich auch Scottie erreicht, bleibt die Frage, wie er auf die Enthüllung reagiert.

Kamera, Licht und Montage

Das Zusammenwirken von Kameraführung, Lichtgestaltung, Schnitt und Ton gibt dem Film eine geschlossene Einheit. Bereits der Vorspann, gestaltet vom berühmten Grafiker Saul Bass, zieht das Publikum in einen Sog. In ihm zeigt sich erstmals das Spiralmotiv – Symbol des Schwindels oder Strudels (engl.: vertigo), in den der Protagonist gerät. Ähnliche Motive wiederholen sich später in einer eigentümlichen Animation, die Scotties Alptraum nach Madeleines Tod illustriert: Wie von Geisterhand geleitet, fällt er in ein Grab.

Der Film, über weite Strecken am helllichten Tag spielend, ist insgesamt wie ein Traum gestaltet – ein Tagtraum. Hitchcock erreicht dies durch langsame, suggestive Kamerafahrten, insbesondere in der Verfolgung Madeleines durch Scottie. Eine subjektive Kamera – ein typisches Mittel des Horrorfilms – zeigt den Blick des Voyeurs auf sein Objekt und versetzt auch die Zuschauer/innen in diese Position. Durch die Windschutzscheibe beobachtet er Madeleine wie auf einer Leinwand. Stets bewegt, aber betont langsam und zuweilen fast spiralförmig nähert sich die Kamera auch wichtigen Erkennungszeichnen, die schließlich per Naheinstellung (engl.: close-up) festgehalten werden: Madeleines spiralförmige Hochfrisur, ein Blumengebinde, ein verräterisches Amulett.

Wiederholungen, Spiegelungen und unheimliche Déjà-vus prägen auch die Montage. Als Scottie im Restaurant Ernie’s eine andere Frau fälschlich für Madeleine hält, gleicht die Kameraeinstellung ihrer ersten Begegnung. Auch Judys Verwandlung in Madeleine zitiert immer wieder Bewegungen der ersten Szenen.
itchcock zeigt damit den fatalen Dualismus von Sein und Schein, Leben und Tod, der Scottie in Bann hält. Bemerkenswert ist auch die Perspektive: Bis auf Madeleines erstes Erscheinen bei Ernie’s, wo man sie in Begleitung sieht, sehen wir sie zunächst ausschließlich aus Scotties Perspektive. Dies verstärkt den Eindruck einer Projektion.

In einer spektakulären Kreiselfahrt der Kamera – Scottie umarmt die zurückverwandelte Madeleine, die Fahrt führt um die beiden herum von ihrem Zimmer in die spanische Mission und zurück – scheinen die Widersprüche aufgelöst. Erstmals ist es Nacht. Es ist die letzte und schlimmste Illusion, denn die Vollendung ihrer Liebe erweist sich nur als ein weiteres Trugbild. Einen besonderen Ruf hat der Film durch den sogenannten Vertigo-Effekt: Ein gleichzeitiges Zurückziehen der Kamera bei gegenläufigem Zoom illustriert Scotties Höhenangst, zuerst auf dem Dach und später mehrmals im Turm. Ein Modell des Turmtreppenhauses wurde zu diesem Zweck in der Vertikalen aufgebaut. Es ist eine Bewegung, bei der scheinbar selbst der Kamera "schwindelig" wird.

Farbe

Stärker als üblich arbeitet Hitchcock mit einer starken Farbdramaturgie, insbesondere mit den Komplementärfarben Rot und Grün. Deren Zuordnung ist weniger eindeutig als der offensichtliche Konflikt. Trägt Madeleine einen roten Bademantel, ist Scotties Pullover grün. Doch die Farben wechseln. Dabei kann Rot für Liebe, Leidenschaft und Begehren stehen, aber auch für Blut und Tod. Grün hingegen symbolisiert in der Regel Natur und Lebendigkeit, wurde in der barocken Malerei aber auch der Geisterwelt zugeordnet. Nach ihrer Verwandlung in die blonde Madeleine mit Hochsteckfrisur taucht das Licht einer gegenüberliegenden Neonreklame Judy in kaltes Grün – sie ist ein Geisterbild, zurückgekehrt aus dem Reich der Toten.

Musik

Die markante Filmmusik stammt von Hitchcocks langjährigem Komponisten Bernhard Herrmann und gehört zu den berühmtesten Scores der Filmgeschichte. Bestimmend für die orchestralen Aufnahmen sind Saiten- und Blasinstrumente. Sie zitieren gelegentlich Wagner-Motive aus dessen Opern "Walküre" und "Tristan und Isolde" – ein Mythenschatz, aus dem sich auch die Handlung bedient. Einzelne Motive sind den Figuren zugeordnet und kehren immer wieder zu diesen zurück. So begleiten nervöse Harfenwirbel Scotties Schwindel am Dach und später im Turm. Die kontrapunktische Anordnung steigender und fallender Töne symbolisiert seinen Wunsch und zugleich die Angst davor, zu fallen. Genrebezug Vertigo ist zugleich Psychothriller und Liebesfilm, angereichert mit Elementen des Mystery- und Horrorfilms.

Die rationale Auflösung in einem Mordkomplott verortet den Film im Film Noir: Scottie und Judy sind Opfer einer teuflischen Intrige Gavin Elsters. Wie andere wegweisende Regisseure und Regisseurinnen des Film Noir löst sich auch Hitchcock vom reinen Kriminalfilm und vertraut auf psychologische Elemente. Schon in Fritz Langs The woman in the window (Gefährliche Begegnung, USA 1944) verfällt ein Psychologieprofessor dem Abbild einer Frau. Die Faszination einer schönen Toten ist auch Thema in Otto Premingers Noir-Klassiker Laura (USA 1944).

Rezeption

Der Film wurde zunächst verhalten aufgenommen. Insbesondere bemängelte die Kritik den langsamen Spannungsaufbau und die vorzeitige Auflösung. Seit 1973 nicht mehr im Vertrieb, erfuhr der Film dennoch eine schleichende Aufwertung. Bei einer Wiederaufführung 1983 war Vertigo allgemein als Meisterwerk anerkannt und erscheint seitdem in Bestenlisten regelmäßig als einer der zehn wichtigsten Filme aller Zeiten und wurde zudem 2003 als einer von 35 ausgewählten Filmen in den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen. Der Film hatte großen Einfluss auf Regisseure wie Brian de Palma, David Lynch, Paul Verhoeven und Christian Petzold, die Motive des Films verwendeten. Der Essayfilmer Chris Marker drehte mit Sans Soleil (Sans Soleil – Unsichtbare Sonne, F 1983) eine hochintelligente Hommage auf den Spuren der Spiel- und Drehorte in San Francisco.

Fussnoten

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