Vokabeln abfragen, Themen recherchieren, Texte sekundenschnell übersetzen, korrigieren oder in verschiedenen Schreibvarianten verfassen und individuelles Feedback auf eigene Lernergebnisse erhalten – als persönliche Assistenten und Tutoren gewinnen digitale Anwendungen mit sogenannter künstlicher Intelligenz (KI) nicht nur im Alltag und Berufsleben, sondern auch für Bildungsprozesse rasch an Bedeutung. Inwiefern wirken KI-Anwendungen gerade in Sachen Bildung unterstützend und an welchen Stellen ersetzen digitale Werkzeuge das eigene Nachdenken und Problemlösen von Schülerinnen und Schülern derart, dass individuelle Lernprozesse dadurch womöglich verhindert werden? Die Diskussion um einen sinnvollen Einsatz von KI für Unterricht und Lernen ist unter Lehrkräften und pädagogischen Fachleuten in vollem Gange. Worin sehen junge Leute, die den Wandel der digitalen Umwelt im Bildungswesen erleben, erwartbare Vor- und Nachteile dieser Technik?
Um das herauszufinden, wurden im Januar 2024 im Auftrag der Vodafone Stiftung etwa 1.600 repräsentativ ausgewählte Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 20 Jahren befragt, die sich zu der Zeit noch in Schule oder Ausbildung befanden.
Wie in der Grafik zu sehen ist, sehen insgesamt die meisten der Befragten als einen Nachteil der Nutzung von KI-Anwendungen im Bildungskontext, dass sich dann die eigenen Leistungen von jenen einer KI nicht mehr unterscheiden lassen (57 Prozent); gut die Hälfte der Teenager und Jugendlichen (49 Prozent) befürchtet, dass sie durch die Nutzung von Anwendungen mit künstlicher Intelligenz das Lernen an sich verlernen könnten und noch gut ein Drittel von ihnen, dass es sich mit KI im Unterricht leichter schummeln lässt (34 Prozent) und dass Lernende bestimmte Aufgaben womöglich gar nicht mehr eigenständig ohne Zuhilfenahme von KI lösen können (32 Prozent). Dass KI-Anwendungen an sich problematisch sind, weil sie etwa unvollständige oder vorurteilsbehaftete Perspektiven transportieren, sehen 30 Prozent der Befragten als Nachteil; etwas mehr als ein Viertel der 14- bis 20-Jährigen auch, wenn KI persönliche Daten über Lernprozesse speichert, die letztlich Dritten zugänglich werden könnten (28 Prozent). Sollten KI-Anwendungen schließlich zunehmend Einfluss auf Notengebung und Schulerfolg haben, wäre das für mehr als ein Viertel der jungen Menschen problematisch (27 Prozent). Nicht zuletzt findet ein ähnlich großer Anteil der Befragten, dass mit dem Einzug von KI in Bildungskontexte auch neue digitale Ungleichheiten entstehen können – und zwar entlang der individuell erworbenen Fähigkeiten, mit diesen Anwendungen kompetent umzugehen (26 Prozent).
Chancen durch die Nutzung von KI sehen 14- bis 20-Jährige vor allem mit Blick auf die pädagogisch längst geforderte Individualisierung des Lernens: Für je 42 Prozent von ihnen wäre ein ausdauernder KI-Tutor von Vorteil, damit jede und jeder beim Lernen gezielte Fehleranalysen und individuelle Verbesserungsvorschläge erhalten kann, ebenso wie passgenaue Erklärungen, wenn etwas noch nicht verstanden wurde. Damit ließe sich zukünftig stärker im eigenen Tempo und auf je eigenem Leistungsniveau lernen. Der Unterricht würde zudem für 38 Prozent der Befragten anschaulicher, wenn mehr digitale Inhalte darin vorkommen. Der Fokus des Lernens würde sich zudem stärker auf die Entwicklung von individuellen Fähigkeiten verschieben, wenn bloßes Faktenwissen und damit oft verbundenes Auswendiglernen durch die schnelle Verfügbarkeit von Informationen mittels KI für die menschlichen Bildungsprozesse an Bedeutung verliert (36 Prozent). KI-unterstützter Unterricht könnte nach Auffassung von über einem Drittel der befragten Jugendlichen die Lehrkräfte derart zeitlich entlasten, dass sie sich letztlich mehr um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern können (35 Prozent). Im Unterricht würde auch Projektarbeit mehr Raum finden, wenn weitere unterrichtliche Aufgaben effizienter auf Anwendungen mit künstlicher Intelligenz übertragen werden können (34 Prozent). Ein technisch stärker individualisiertes Lernsetting ist für ein Viertel der 14- bis 20-Jährigen auch eine Chance, die Eigenverantwortung für die Lernprozesse zu fördern (25 Prozent) und für mehr als ein Fünftel die Möglichkeit, eigene Interessen beim Lernen stärker berücksichtigen zu können (22 Prozent).