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Schülerinnen einer Berliner Grundschule in ihrem Klassenraum

3.5.2013 | Von:
Beate Wischer
Matthias Trautmann

Individuelle Förderung:
Ideen, Hintergründe und Fallstricke

Lernende unterscheiden sich in ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen. Daher scheint es folgerichtig, Lernprozesse individuell zu gestalten. Pädagogen und Bildungspolitiker fordern sie schon länger, die "Individuelle Förderung", und auch Schulen werben vermehrt mit ihr. Aber was ist das genau? Und warum lässt sie sich so schwer umsetzen?

Titel: Rechenunterricht bei den Zweitklässlern
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Fotograf Bernd WeissbrodSo geht's leichter: Dieser Lehrer hilft einem Zweitklässler im Rechenunterricht. (© picture alliance/ dpa)

Vorläufer und Entwicklung der zentralen Idee

Dass Schule den einzelnen Schüler bei seiner Entwicklung unterstützen, also individuell fördern soll, ist keine neue Idee. Entsprechende Forderungen gehören zur Geschichte der modernen Schule und sind spätestens seit der Reformpädagogik, als einer vom Kind aus gedachten Pädagogik, Richtschnur für viele Schul- und Unterrichtsreformer: Die Schule soll sich dem Kind anpassen, und nicht umgekehrt. Mit derart griffigen Formulierungen wird seit jeher ein auf Gleichschritt zielender Unterricht kritisiert und stattdessen für stärker individualisierende Lehr-Lernformen geworben. Bereits in der großen Bildungsreform der 1970er Jahre tauchte der Begriff Individuelle Förderung auf – und zwar als Leitidee für die Gestaltung des gesamten Bildungssystems. So ist schon im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats von einem "auf individuelle Förderung angelegten Bildungssystem" (Deutscher Bildungsrat 1970: 27) die Rede, verbunden mit der Forderung, "jeden Lernenden entsprechend seinen Fähigkeiten und Interessen bestmöglich [zu] fördern" (Deutscher Bildungsrat 1970: 36).

Allerdings blieb diese Forderung weitgehend unerfüllt, wie die aktuelle, nun sehr breit geführte Debatte zeigt, die durch die Ergebnisse der ersten PISA-Studie angestoßen wurde. 2001 benennt das von Bund und Ländern getragene Forum Bildung ganz konkret Individuelle Förderung als eine ihrer zwölf Abschlussempfehlungen und zwar mit einer doppelten Zielsetzung: "Individuelle Förderung ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das Finden und Fördern von Begabungen" (Forum Bildung 2001: 7). Zwar bleibt auch hier weitgehend offen, wie Individuelle Förderung in der Praxis konkret aussehen soll und kann. Im Vergleich zu den vorangegangenen Entwicklungen lassen sich die Neuerungen in den aktuellen Reformbestrebungen aber vereinfacht so charakterisieren:
  • Während in den 1970er Jahren das Augenmerk insbesondere auf die Förderung schwacher Schülerinnen und Schüler gelegt wurde, um der damals festgestellten (sozialen) Ungleichheit der Bildungschancen zu begegnen, wird in der aktuellen Debatte stärker auch auf Begabtenförderung beziehungsweise auf die Notwendigkeit der Förderung aller Schülerinnen und Schüler verwiesen.
  • Anders als in den 1970er Jahren setzen die Überlegungen heute weder vorrangig bei der Schulstruktur an (also etwa bei der Frage, ob die Schülerverteilung auf verschiedene Schulformen günstig ist), noch wird allein die Unterrichtsebene oder gar die Arbeit der einzelnen Lehrkraft in den Blick genommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf die Einzelschule: Da Individuelle Förderung im Unterricht und vom einzelnen Lehrer allein kaum leistbar ist und es auch auf die richtigen Rahmenbedingungen vor Ort ankommt, soll Individuelle Förderung nun als eine Leitidee in die systematische und zielgerichtete Entwicklung der Schule als Ganzes aufgenommen werden.
  • Ausdrücklich(er) angemahnt werden derartige Veränderungen zudem heute nicht mehr allein durch eine engagierte Schulpädagogik, die für Schulen und Lehrkräfte vielfältige Empfehlungen und Konzepte für Individuelle Förderung bereithält. In den meisten Bundesländern gibt es mittlerweile Gesetze und Erlasse, die Individuelle Förderung als ein Recht für Schülerinnen und Schüler sowie als einen Auftrag an Schulen verbindlich festschreiben, und es gibt auch Möglichkeiten – z.B. im Rahmen von Schul-Inspektionsverfahren – die Umsetzung zu überprüfen: Hat die Schule ein Förderkonzept entwickelt? Wird Unterricht an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Lernenden ausgerichtet?

Argumente für Individuelle Förderung

Dass jede Schülerin und jeder Schüler möglichst individuell zu fördern sei, ist eine Forderung, der man kaum widersprechen kann: Da die Lernausgangslagen immer unterschiedlich sind, sollte folgerichtig auch versucht werden, jedem Einzelnen in seinen Bedürfnissen gerecht zu werden und für seine optimale Entwicklung zu sorgen. Unterstützung gibt es dafür auch z.B. aus der neueren Lerntheorie und der empirischen Unterrichts- und Bildungsforschung:
  • So beschreiben konstruktivistische und neurobiologisch basierte Theorien Lernen als einen aktiven, von den individuellen Vorerfahrungen geprägten Prozess. Danach erscheinen am "imaginären Durchschnittsschüler" ausgerichtete Lehr-Lern-Prozesse, ein Lernen im Gleichschritt, als wenig aussichtsreich.
  • Dazu passen Ergebnisse der Lehr-Lern-Forschung, die schon seit Jahrzehnten auf die Notwendigkeit einer "adaptiven" Unterrichtsgestaltung verweisen, bei der die unterschiedlichen Lernausgangslagen der Lernenden beachtet werden.
  • Schließlich deuteten die Befunde der internationalen Leistungsvergleichsstudien darauf hin, dass Schülerheterogenität speziell im deutschen Schulsystem nur unzureichend berücksichtigt wird. Neu entfacht wurde damit auch die Debatte um die Chancengleichheit und die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems: Viele Schülerinnen und Schüler könnten ihr Potenzial sowie ihre Chancen und Begabungen nicht ausreichend entfalten und nutzen, was eine gezieltere, individuell abgestimmte Förderung notwendig mache.

Widersprüche und Probleme auf Konzeptebene

Offensichtlich gibt es also gute Gründe für Individuelle Förderung sowie zahlreiche Konzepte und Ideen für deren Umsetzung. Dennoch ist Individuelle Förderung in der Schule alles andere als einfach zu realisieren: Das Spektrum an konkreten Maßnahmen ist kaum noch überschaubar (von Freiarbeit über Sprachförderung bis hin zu AG-Angeboten am Nachmittag) und lässt die einzelnen Methoden mitunter geradezu beliebig erscheinen. Vor allem jedoch sind einige grundsätzliche Fragen aufzuwerfen, die in den programmatischen Forderungen oft übersehen werden.[1]

Schule im Spannungsfeld von Normierung und Individualisierung

Schulisches Lernen wird – anders als im Hauslehrermodell früherer Zeiten – institutionell organisiert, und zwar für große Schülerzahlen: Lernen findet im Regelfall nicht als Einzelunterricht, sondern in Gruppen statt; es sind große Schülerströme zu kanalisieren, Schullaufbahnen zu strukturieren, Übergänge und die Zugehörigkeit zu Klassen und Kursen verbindlich zu regeln, was Strategien für Vereinheitlichungen voraussetzt beziehungsweise nahelegt. Zugespitzt formuliert ist demnach "Einzelfallbehandlung", im Sinne einer Berücksichtigung von individuellen Bedürfnissen und Interessen, in der Schule weder vorgesehen noch in letzter Konsequenz möglich. Die vielen Einzelnen angemessen zu fördern stellt die Lehrkräfte zumindest vor erhebliche Herausforderungen: Inwieweit können sie ihre Aufmerksamkeit tatsächlich auf die jeweils individuellen Schülerbedürfnisse richten? Denn im Unterschied zum Arzt, der seine Patienten nacheinander diagnostizieren und behandeln kann, müssen sich Lehrkräfte um sehr viele Schüler gleichzeitig kümmern.

Das Spannungsfeld von Fördern und Auslesen

Moderne Bildungssysteme erfüllen nicht nur pädagogische Aufgaben, sondern haben gleichzeitig auch gesellschaftliche Funktionen, die zur Barriere für Individuelle Förderung werden können. So wird mit Fördern nur ein schulischer Auftrag aufgegriffen, dem aber zum Beispiel die gesellschaftliche Verteilungsfunktion (die sogenannte Allokations- und Selektionsfunktion) der Schule gegenübersteht: Über standardisierte Prüfungsergebnisse und (ungleichwertige) Abschlüsse wird in modernen Gesellschaften nämlich die Voraussetzung dafür geschaffen, die nachwachsende Generation auf die vorhandenen beruflichen (und damit auch sozialen) Positionen verteilen zu können.

Das aus dieser Funktion resultierende Spannungsfeld von Fördern und Auslesen wirkt direkt in den Unterricht hinein. So ist mit Akzeptanzproblemen zu rechnen, wenn Schülerinnen und Schüler zwar unterschiedliche Aufgaben bekommen, die Ergebnisse aber am Ende nach einem einheitlichen Maßstab zu bewerten sind. Zudem entstehen Zielkonflikte, wenn "individuelle" Förderangebote eingerichtet werden. Denn für den Übergang in eine andere Schulform oder für den Schulabschluss sind die Gegenstände schulischen Lernens eben nicht gleichwertig, sondern sie besitzen einen unterschiedlichen Tauschwert: Die Teilnahme an einem englischsprachigen Geschichtsunterricht oder der Erwerb einer dritten Fremdsprache eröffnen in der Regel andere Chancen als eine Förderung im technisch-handwerklichen Bereich! Daher ist immer die Frage im Blick zu behalten, welche weiteren Anschlussmöglichkeiten sich durch die einzelnen Angebote eröffnen und verschließen: Alle Fördermaßnahmen, besonders wenn sie auf eine Spezialisierung zielen, stehen in einem Konflikt mit Ansprüchen der Durchlässigkeit von Bildungsgängen.

Individuelle und gruppenbezogene Förderziele

Individuelle Förderung rückt schon begrifflich den einzelnen Schüler als Bezugspunkt in den Vordergrund. Als primäres Förderziel stellt sich schnell die Idee einer optimalen Entfaltung des Einzelnen ein. Das liest sich zwar gut und gehört auch allgemein zur pädagogischen Rhetorik. Ausgeblendet wird aber, dass ein solches, auf den einzelnen Lernenden bezogenes Anliegen mit Zielen in Konflikt geraten kann, die die Unterschiede zwischen den Schülern einer Lerngruppe betreffen. Dem Prinzip der optimalen Förderung jedes Einzelnen unabhängig von seinem Leistungsstand stehen so etwa konkret Forderungen nach einer ausgleichenden Förderung der Schwächeren gegenüber, was wiederum zu Zielkonflikten führt: Will man jeden Schüler optimal fördern, nimmt man in Kauf, dass die (auch herkunftsbedingten) Leistungsunterschiede erhalten oder sogar vergrößert werden. Zudem hätten vom Elternhaus her bevorteilte Schüler den gleichen Anspruch auf Förderung wie Benachteiligte, was nicht unbedingt gerecht erscheint. Vielmehr könnte man argumentieren, dass die verfügbaren Ressourcen ungleich eingesetzt werden müssen, dass also benachteiligte Schüler mehr Förderung erhalten.

Individuelle Förderung ist also leichter zu fordern als praktisch umzusetzen. Hinter dieser Leitidee verbergen sich Widersprüche und Grundsatzfragen, die man kritisch im Blick behalten sollte, wenn Individuelle Förderung als Allheilmittel angepriesen wird.

Literatur:

Deutscher Bildungsrat (Hrsg.) (1970): Strukturplan für das Bildungswesen. Stuttgart

Forum Bildung (2001): Empfehlungen des Forum Bildung. Bonn: Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung.

Trautmann, M./Wischer, B. (2011): Heterogenität in der Schule. Eine kritische Einführung. Wiesbaden.

Fußnoten

1.
vgl. ausf. Trautmann/Wischer 2011
Creative Commons License

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