Lebenslange Bildung für alle – nicht allein Sache des Staates
In Zeiten tiefgreifender Umbrüche, Polarisierungen und immer neuer Krisen braucht eine Gesellschaft ein Bildungswesen, das Orientierung gibt, Handlungsfähigkeiten und Teilhabe stärkt, Resilienz fördert und Menschen dazu befähigt, Wandel aktiv zu gestalten. Von solch einem Bildungssystem scheinen wir jedoch weit entfernt, denn seit über zwei Jahrzehnten wird die Bildungsdebatte in Deutschland von Krisenmeldungen dominiert. Vor allem das öffentliche Schulsystem steht dabei in der Kritik. Nationale und internationale Studien wie PISA, IGLU und IQB-Bildungstrend zeigen seit Jahren sinkende Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen (siehe Grafiken: Interner Link: IQB-Bildungstrend: Lesen, Interner Link: PISA: Mathematik). Die Werte haben inzwischen einen historischen Tiefstand erreicht. Besonders gravierend ist dabei zudem der große Einfluss der sozialen Herkunft: In kaum einem anderen OECD-Land hängt der Bildungserfolg so stark von den sozialen Bedingungen des Elternhauses ab wie in Deutschland. Kinder aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien schneiden deutlich schlechter ab als jene aus entsprechend privilegierten Haushalten. Ein Migrationshintergrund gilt als zusätzlicher Risikofaktor, selbst bei vergleichbarer sozialer Lage. Die Folgen sind weitreichend: 2024 verließen rund 62.000 Jugendliche (7,9 Prozent) die Schule ohne Abschluss (Destatis 2025). Diese Jugendlichen haben geringe Chancen auf einen erfolgreichen Berufseinstieg und sind stärker von Arbeitslosigkeit bedroht. Zugleich fehlen sie auf dem Arbeitsmarkt, der unter Fachkräftemangel leidet – mit langfristigen Belastungen für Wirtschaft und Sozialsysteme.
Solche Befunde richten den Fokus der gesellschaftspolitischen Debatte meist auf das öffentliche Bildungssystem, insbesondere auf Schulen, die seit Jahren unter akutem Lehr- und Fachkräftemangel leiden. Stundenausfälle, verdichteter Unterricht, unzureichend qualifiziertes Personal und eine nur mangelhaft umgesetzte Digitalisierung – mit Defiziten in Ausstattung und Didaktik – prägen die Diskussion über Auswege aus der Bildungskrise. Dabei wird oft übersehen, dass Bildung nicht allein an den staatlichen Institutionen Kita, Schule und Universität stattfindet und nicht ausschließlich vom Staat verantwortet wird. Lernen und Kompetenzerwerb finden maßgeblich auch an außerschulischen Bildungsorten statt, die häufig von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Organisationen und engagierten Einzelpersonen gefördert und getragen werden.
Alle lernen – von jung bis alt
Bildung ist nach aktuellem Verständnis der Bildungswissenschaft ein über die gesamte Lebensspanne fortlaufender Prozess, in dem Menschen die Fähigkeiten entwickeln, zu lernen, ihre Potenziale zu entfalten, selbstbestimmt zu handeln, Probleme zu lösen und tragfähige Beziehungen zu ihren Mitmenschen zu gestalten. Solche Bildungsprozesse finden in allen Lebensbereichen statt, also auch in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Freizeit sowie über Medien und in digitalen Räumen. Diese Sichtweise spiegelt sich in Konzepten der non-formalem und informellen Bildung wider (siehe Beitrag: Interner Link: Bildung ist mehr als Schule – Alltagsbildung).
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lernen nicht nur in der Schule und in ihren Ausbildungsstätten, sondern auch an außerschulischen Bildungsorten etwa in Jugendeinrichtungen wie Jugendclubs und Jugendverbände, ebenso wie in ihren Vereinen – seien es Sport-, Kultur- oder Umweltvereine – und im Rahmen ihres freiwilligen Engagements. Solche Bildungsorte vermitteln dabei nicht nur fachliche Fertigkeiten, etwa beim Erlernen eines Musikinstruments, sondern werden zunehmend als Räume der Persönlichkeitsentwicklung verstanden. Im Mittelpunkt stehen dabei personale Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstdisziplin sowie soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Toleranz und Respekt. Diese Fähigkeiten sind nicht nur für die persönliche Entwicklung wichtig, sondern bilden auch das Fundament demokratischen Handelns.
Auch Erwachsene lernen stetig dazu. Lebenslanges Lernen – oftmals in außerschulischen Kontexten – ist neben der schulischen Bildung eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren moderner wissensbasierter und digitalisierter Gesellschaften. Es soll dazu beitragen, die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Bürger und Bürgerinnen zu erhalten und zugleich ihre soziale Teilhabe und persönliche Zufriedenheit zu sichern. Durch Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern sich die Anforderungen sowohl am Arbeitsplatz als auch im eigenen sozialen Umfeld in einem immer schnelleren Tempo. Menschen müssen fortlaufend lernen, neue Technologien zu verstehen und sinnvoll zu nutzen und bilden sich etwa im beruflichen Kontext weiter. Die meisten beruflichen Weiterbildungen werden zwar von betrieblichen Anbietern bereitgestellt. Doch besonders bei Weiterbildungen außerhalb betrieblicher Strukturen spielt die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle. Hier zählen vor allem Wohlfahrtsverbände, Vereine, Gewerkschaften und andere nicht-kommerzielle Einrichtungen zu den zentralen Anbietern (Adult Education Survey 2022). Darüber hinaus nutzen viele Erwachsene auch andere lebensbezogene und freizeitorientierte Bildungsangebote, die wesentlich von zivilgesellschaftlichen Akteuren getragen werden. Zum Beispiel Museen und Ausstellungen wurden 2022 mehr als 86 Millionen Mal besucht (Museumsstatistik 2024). Allein jedes dritte Museum wird von einem Kunstverein oder einer anderen zivilgesellschaftlichen Organisation getragen und viele von der öffentlichen Hand getragene Museen durch Förderverein und Ehrenamtliche begleitet und unterstützt (Institut für Museumsforschung 2024).
Auch jenseits von Schule und Beruf beschäftigen sich junge wie auch erwachsene Menschen mit vielfältigen weiteren Themen wie Politik und Demokratie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung, Mediennutzung und Gesundheit. Dabei erweitern und verändern sie ihr Wissen und ihre Kompetenzen, indem sie etwa Kultur- und Umweltvereine, Ausstellungen, Akademien oder Jugend- und sozio-kulturelle Zentren besuchen. Den meisten Menschen ist jedoch nicht bewusst, dass es sich hierbei oftmals um Einrichtungen und Institutionen der Zivilgesellschaft handelt – also um Organisationen, die weder staatlich organisiert noch kommerziell begründet sind.
Die Rolle der Zivilgesellschaft als Ermöglicherin und Anbieterin von Bildung wird in Öffentlichkeit und Politik bislang nur unzureichend wahrgenommen. Bildung und Lernen werden nach wie vor überwiegend mit Schule und anderen Institutionen formaler Bildung assoziiert. Informelle und non-formale Bildungsprozesse entziehen sich zudem häufig den etablierten Formen der Leistungsmessung und Sichtbarmachung, wie sie etwa für schulische Kompetenzen üblich sind. Entsprechend erscheinen ihre Wirkungen seltener als gesellschaftlich relevante „Leistungen“ im öffentlichen Bewusstsein. Hinzu kommt, dass auch unter den zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren selbst das Bewusstsein für die eigene Rolle und den Beitrag, den sie für die Bildung anderer Menschen leisten, teils nur schwach ausgeprägt ist.
Zivilgesellschaft als Bildungsanbieterin
Mit Zivilgesellschaft – oder zivilgesellschaftlichen Akteuren – sind nicht nur mehr als 615.000 eingetragene Vereine (e.V.), fast 25.000 Stiftungen sowie rund 15.000 gemeinnützige Kapitalgesellschaften wie GmbHs (ZiviZ-Survey 2023) gemeint, sondern auch zahllose Gruppen und Initiativen ohne Rechtsform und knapp 27 Millionen Menschen, die sich in Deutschland freiwillig engagieren (Freiwilligensurvey 2025).
Jeder zweite Verein in Deutschland (53 Prozent) bietet konkrete Lern- und Bildungsangebote an – weshalb sie auch als zivilgesellschaftliche Bildungsorganisationen gesehen werden können. Ein Großteil dieser Vereine wurde erst nach 1990 gegründet, mehr als die Hälfte von ihnen nach dem Jahr 2001, das nach den für Deutschland ernüchternden Ergebnissen der PISA-Studie als Wendepunkt für die Bildungspolitik und als Beginn eines verstärkten Engagements der Zivilgesellschaft in Sachen Bildung gelten kann (vgl. Priemer/ Rößler-Prokhorenko/ Hutter 2025). Vereine sind dabei hauptsächlich in Themenfeldern rund um Sport und Bewegung, kulturelle Bildung, Umweltbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, politischen Bildung sowie in der Medienbildung aktiv (siehe Grafik).
Dafür organisieren sie zum Beispiel Veranstaltungsformate wie Workshops, Seminare, Kurse, Trainings, Tagungen, Konferenzen, Vorträge oder Bildungsreisen. Für Kinder bieten sie altersgemäße Betreuungs- und Bildungsangebote wie etwa musikalische Früherziehung und Bewegung, Ferienfreizeiten, MINT- oder Leseförderung an. Jugendliche und junge Erwachsene erhalten Beratung und Unterstützung, etwa beim Lernen, beim Übergang in Studium oder Berufsausbildung und nicht zuletzt bei der Vermittlung in den Arbeitsmarkt. Besonders jungen Menschen mit schwierigen Startbedingungen – etwa aufgrund der sozialen Herkunft, eines Migrationshintergrundes oder eines fehlenden Schulabschlusses – können solche Angebote den Berufseinstieg erleichtern, zum Beispiel durch Informationsangebote zur Berufsorientierung, individuelles Einzelcoaching oder längeres Mentoring.
Darüber hinaus erreichen zivilgesellschaftlich getragene Organisationen weitere Zielgruppen, die etwa nicht (oder nicht mehr) dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Denn viele öffentliche Bildungsangebote werden im Rahmen der schulischen oder beruflichen Aus- und Weiterbildung erbracht. Träger allgemeiner Weiterbildungsangebote, die nicht in einem beruflichen Kontext stehen, sind meist freie Träger – wie Vereine oder gemeinnützige GmbHs. Für hochbetagte Menschen sind die Bildungsangebote der Vereine, wie etwa Computerkurse für Seniorinnen und Senioren, eine wichtige Quelle für gesellschaftliche Teilhabe. 42 Prozent der Organisationen mit Bildungsbezug adressieren grundsätzlich alle Altersgruppen. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe zivilgesellschaftlicher Akteure, die Wissen und Informationen als Basis für die individuelle Wissensaneignung aufbereiten, etwa durch Online-Angebote, Ausstellungen, Infoflyer, Infotafeln, Archive oder Gedenkstätten.
Dabei sind die meisten Vereine auf ehrenamtliches Engagement angewiesen, das heißt auf Menschen, die einen Teil ihrer freien Zeit außerhalb von Schule und Arbeit freiwillig, unentgeltlich und gemeinwohlorientiert für Bildung und Weiterentwicklung anderer Menschen einsetzen. Gut 19 Millionen freiwillig Engagierte machen in Deutschland konkrete Bildungsangebote, und zwei von drei Bildungsorganisationen arbeiten ausschließlich mit Ehrenamtlichen (Datenreport Zivilgesellschaft und Bildung 2024).
Zivilgesellschaftliche Bildungsangebote decken also ein breites Spektrum gesellschaftlicher Bedarfe ab und helfen dabei auch, Lücken im öffentlichen Bildungssystem zu schließen. Sie richten sich grundsätzlich an Menschen jeden Alters und können ebenso niedrigschwellig Zielgruppen mit spezifischen Bedarfen – etwa Kinder mit Lernschwächen, Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten oder besonders begabte Menschen – mit speziellen Angeboten unterstützen. Sie schaffen dafür gegenüber öffentlichen Bildungsinstitutionen eigene Bildungsräume, mit denen sie lokal, niedrigschwellig und flexibel auf Bedarfe reagieren können. Nicht zuletzt in wirtschaftsschwachen oder ländlichen Regionen, wo andere öffentliche oder kommerzielle Bildungsangebote nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und eine überalterte Bevölkerung überwiegt, sind sie eine wichtige Voraussetzung für die soziale Integration und Teilhabe.
Insgesamt können sie einen wichtigen Beitrag für eine pluralistische Gesellschaft leisten, indem sie Chancengleichheit fördern, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe für vielfältige Gruppen aller Generationen ermöglichen und Erfahrungsräume für gemeinschaftliches Handeln eröffnen.
Zivilgesellschaftliche Akteure als Partner von Schulen
Zivilgesellschaftliches Engagement spielt inzwischen auch an Schulen eine wichtigere Rolle. Es ergänzt und unterstützt die regulären Bildungsangebote des staatlichen Systems. Hausaufgabenpaten und Leselernhelferinnen fördern Kinder gezielt beim Lernen. Vereine bieten darüber hinaus ergänzende Angebote an Ganztagsschulen an – etwa in den Bereichen Sport, Musik, Theater bis hin zu Programmieren und Experimentieren.
Dies ist möglich, weil Bildung heute nicht mehr ausschließlich als staatliche Aufgabe innerhalb formaler Institutionen verstanden wird. Vielmehr zeichnet sich seit einigen Jahren ein Paradigmenwechsel in der Bildungssteuerung ab: Schulen öffnen sich zunehmend in den Sozialraum, vernetzen sich stärker mit Akteurinnen und Akteuren vor Ort und entwickeln Kooperationen innerhalb sogenannter kommunaler Bildungslandschaften. Konzepte wie die sozialraumorientierte Schulentwicklung oder kommunale Bildungslandschaften stehen exemplarisch für ein erweitertes Bildungsverständnis, das Lernen nicht allein im Unterricht verortet, sondern als gemeinsame Aufgabe unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure begreift.
Mit dieser Entwicklung verändert sich auch die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen. Sie treten nicht mehr nur ergänzend neben Schule auf, sondern werden zunehmend als Bildungspartnerinnen in einer Ko-Produktion von Bildung adressiert. Zivilgesellschaftliche Organisationen bringen dabei spezifische Kompetenzen, Zugänge und Erfahrungsräume ein, etwa durch lebensweltnahe, partizipative oder demokratiebildende Angebote. Gleichzeitig entsteht daraus ein Spannungsfeld im Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft: Einerseits eröffnen Kooperationen neue Gestaltungsmöglichkeiten und Reichweiten, andererseits können Förderlogiken, Projektorientierung oder institutionelle Erwartungen die Unabhängigkeit zivilgesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure unter Druck setzen (Priemer 2025). Damit Zivilgesellschaft ihre Rolle in Bildungslandschaften wirksam wahrnehmen und zugleich eigenständig bleiben kann, bedarf es daher verlässlicher Rahmenbedingungen, langfristiger Förderstrukturen und einer partnerschaftlichen Anerkennung ihrer spezifischen Arbeitsweisen.
Wie vielfältig die zivilgesellschaftlichen Akteure und ihre Beiträge an Schulen sind, ist in Forschung und Öffentlichkeit bislang kaum bekannt. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen oft große Stiftungen oder Wohlfahrtsverbände im Vordergrund, die sich ebenso wie Sportvereine sowie Kunst- und Kulturvereine zu wichtigen Partnern von Ganztagsschulen entwickelt haben (SteG-Konsortium 2019). Dabei wird übersehen, dass häufig auch kleinere Organisationen und einzelne Engagierte Schulen in der Fläche unterstützen. So wird fast jede öffentliche Schule heute von einem Schulförderverein begleitet, der als gemeinnützige Organisation oftmals ehrenamtlich von Eltern, Lehrkräften, ehemaligen Schülerinnen und Schülern oder anderen Engagierten gegründet und betrieben wird. Während Schulfördervereine in den 1990er Jahren vor allem zusätzliche finanzielle Mittel sammelten und verwalteten, übernehmen sie inzwischen deutlich mehr Aufgaben: Sie sind etwa Träger von Schulbibliotheken, Schulgärten und Schulcafés und bieten Bildungsangebote wie Sprach- und Leseförderung, Medienbildung und politische Bildung an, teilweise übernehmen sie die Trägerschaft für Ganztagsangebote und stellen schulunterstützendes Personal. Auch ehrenamtliche Lern-, Lese- und Hausaufgabenpaten oder Mediatorinnen sind inzwischen fester Bestandteil vieler öffentlicher Schulen, vor allem an Grundschulen, um Bildungserfolge insbesondere von benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu verbessern und Bildungsungleichheiten abzubauen. Allein unter dem Dach von MENTOR – Die Leselernhelfer e.V. sind Lesementoren bundesweit an etwa 750 Standorten aktiv, und Seniorpartner in School entsendet 2024 ehrenamtliche Schulmediatorinnen an mehr als 426 Schulen.
Diese Entwicklungen verweisen auf einen wachsenden Bereich zivilgesellschaftlichen Bildungsengagements, der zugleich gesellschaftliche Transformationsprozesse widerspiegelt. Insbesondere die aktive Einbindung der zunehmend großen Gruppe älterer Menschen eröffnet neue Potenziale für Bildung, Teilhabe und generationenübergreifendes Lernen. Gleichzeitig zeigt sich darin ein Wandel der Engagementkultur: Neben langfristigen Vereinsbindungen gewinnen zeitlich begrenzte, projektbezogene und anlassorientierte Formen individuellen Engagements im Bildungsbereich zunehmend an Bedeutung.
Das Wissen über zivilgesellschaftliche Akteure und Aktivitäten an Schulen ist nach wie vor begrenzt. Es fehlt dafür bisher an wissenschaftlichen Daten. Wie flächendeckend solche Angebote verbreitet sind und inwiefern alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen an hochwertigen Angeboten teilhaben können, sind nur zwei von vielen offenen Fragen. Angesichts der zunehmenden Vielfalt und Reichweite zivilgesellschaftlicher Bildungsangebote bleibt es daher eine zentrale Aufgabe, ihre Verbreitung und Wirkung systematisch wissenschaftlich zu erfassen, ihre Erträge und Potenziale sichtbar zu machen und sicherzustellen, dass alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen davon profitieren.
Potenziale nutzen, Qualität sichern, Zivilgesellschaft berücksichtigen
In aktuellen bildungspolitischen und fachlichen Debatten wird die Auffassung vertreten, dass sich das öffentliche Bildungssystem unter Einbezug zivilgesellschaftlicher Beiträge besser zu einem krisenfesten Schulsystem weiterentwickeln kann, das mehr Kindern und Jugendlichen faire Bildungschancen eröffnet. Die neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Staat und Zivilgesellschaft – also öffentlichem Bildungssystem und gemeinnützigen Organisationen, ehrenamtlich Tätigen und Initiativen – führen jedoch auch zu neuen Spannungsfeldern, denn zivilgesellschaftliche Akteure handeln unter gänzlich anderen Bedingungen als öffentliche Bildungseinrichtungen wie etwa Schulen.
Insbesondere das freiwillige Engagement spielt dabei eine wesentliche Rolle, da die meisten Bildungsangebote der Zivilgesellschaft ohne den Einsatz Ehrenamtlicher kaum möglich wären. Damit Menschen – in der Regel nach einem Arbeitsalltag – ihre Freizeit für Bildungsarbeit, Beratung oder Unterstützung aufbringen können und wollen, müssen die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Wertschätzung und Respekt sind eine wesentliche Voraussetzung für ein erfüllendes und damit langfristiges Engagement. Dazu gehören nicht nur Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch verlässliche strukturelle Voraussetzungen: etwa funktionierende Koordination und Kommunikation zwischen Schulen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, ausreichende Zeitfenster im Schulalltag sowie die Bereitstellung geeigneter Räume und Ansprechpersonen.
Gerade im Kontext des Ganztags zeigen sich dabei Spannungsfelder zwischen der Eigenlogik zivilgesellschaftlicher Organisationen und ihrer Rolle als Kooperations- oder Dienstleistungspartner. Während Schulen auf außerschulische Angebote angewiesen sind, um Ganztagsstrukturen auszugestalten, stehen Vereine und Initiativen zugleich unter Druck, sich organisatorisch und zeitlich an schulische Anforderungen anzupassen. Insbesondere kleinere Vereine stoßen dabei häufig an Grenzen, etwa wenn bürokratische Anforderungen, Kooperationsvereinbarungen oder Fragen der Finanzierung und Haftung bewältigt werden müssen. Wertschätzung und Respekt sind daher nicht nur eine Frage individueller Haltung, sondern Ausdruck institutioneller Rahmenbedingungen, die langfristiges und wirksames Engagement überhaupt erst ermöglichen (Priemer 2025).
Eine wirksame Bildungssteuerung muss daher auf allen Ebenen, insbesondere aber auf kommunaler Ebene, die besonderen Bedürfnisse und spezifischen Bedingungen zivilgesellschaftlicher Akteure berücksichtigen. Nur so lassen sich deren eigenständige Potenziale für Bildung im weiteren Sinne optimal nutzen, ohne sie in Zeiten von Finanz- und Lehrkräftemangel als bloße Lückenfüller einzusetzen. Kooperationen sind langfristig nur dann tragfähig, wenn die Zusammenarbeit für beide Seiten gewinnbringend und zufriedenstellend ist und die Qualität der Bildungsangebote nicht beeinträchtigen.
Zugleich müssen im Rahmen staatlicher Bildungssysteme Fragen der Qualitätsstandards und der Steuerungsmöglichkeiten von zivilgesellschaftlichen Organisationen geklärt werden – insbesondere in Bezug auf pädagogische Qualität, Kinderschutz und die Auswahl geeigneter Kooperationspartner.
Zum Weiterlesen
Priemer, Jana/ Rößler-Prokhorenko, Charlotte/ Hutter, Swen (2025): Externer Link: Schulfördervereine in der lokalen Bildungslandschaft. Engagement für Schulen nachhaltig gestalten. Policy Brief
Priemer, Jana/ Rößler-Prokhorenko (2024): Externer Link: Die Zivilgesellschaft als neuer Bildungspartner. Mentoring, Patenschaft und Mediation. (WZB Discussion Paper, ZZ 2024 – 601)
Priemer, Jana (2025): Educational Governance: Beteiligungschance für Zivilgesellschaft im deutschen Schulsystem. Dissertation. Münster. https://doi.org/10.17879/82908684224
Priemer, Jana (2025): Externer Link: Zivilgesellschaft in der Educational Governance. Unterschiedliche Voraussetzungen und ihre Bedeutung für die Zusammenarbeit mit Schule. In: Swiss Journal of Educational Research, 47(2), pp. 139–151. https://doi.org/10.24452/sjer.47.2.5
Priemer, Jana (2024): Externer Link: Keine Bildungslandschaft ohne Zivilgesellschaft: Status Quo und Forschungsbedarfe. In: Steiner, Christine; Kanamüller, Alexander; Langner, Ronald; Schlimbach, Tabea (Hrsg.): Gemeinsam für bessere Bildung?! Zivilgesellschaftliche Akteure in kommunalen Bildungslandschaften. Weinheim Basel: Beltz. S. 76-87.