Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

12.12.2008 | Von:
Oliver Westerwinter

Wege aus dem "braunen Ghetto"

Wie kann Aussteigern geholfen werden? Die Fallschilderung eines ehemaligen JN-Funktionärs

Als Jugendlicher kam Oliver Westerwinter zur NPD und deren Jugendorganisation JN – und stieg schnell in Führungspositionen auf. 2004 kam der Bruch mit den Rechtsextremen. Ein Bericht unter dem Arbeitstitel "Meine Annäherung an und Ausstieg aus der politischen rechten Szene".

Bürgerprotest in Passau am 3.1.2009.Bürgerprotest in Passau am 3.1.2009. (© picture-alliance/dpa)

Aus heutiger Sicht betrachtet klingt die Geschichte meiner Annäherung an die politische rechte Szene nahezu typisch. Meine Eltern waren frisch geschieden. Ich selbst war mit meinen 15 Jahren gerade in der Pubertät, während Jungs ohnehin dafür bekannt sind, das eine oder andere zu tun, worüber man im fortgeschrittenen Alter selbst häufig nur heftig den Kopf schütteln kann. Eigentlich fing alles vergleichsweise harmlos an. Über einen älteren Freund kam ich zum ersten Mal neben Bier und Zigaretten auch mit noch älteren Jungs in Kontakt, die rechte Musik hörten und Stiefel mit Stahlkappen trugen. Dies hinterließ aus heutiger Perspektive betrachtet damals einen bleibenden Eindruck bei mir. Nach einigen Monaten des regelmäßigen Treffens kam einer der Älteren auf die Idee, bei einem Versandhaus T-Shirts und andere Bekleidungs- und Musikartikel zu bestellen. Ich bestellte mit – ein T-Shirt.

Viel wichtiger für meine weitere Entwicklung war aber nicht das eigentlich Bestellte, sondern vielmehr der Stapel unterschiedlichster Flugblätter und Aufkleber, welcher der Bestellung beigelegt war. Wir sprachen in der Gruppe oft über die Inhalte der Flugschriften und die jeweils dahinterstehenden Organisationen – unter anderem auch die Jungen Nationaldemokraten (JN) und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD). Ich merkte, dass sich keiner der Älteren traute, Kontakt zu diesen Organisationen aufzunehmen, obwohl eine Kontaktaufnahme alle brennend zu interessieren schien. Ich überlegte längere Zeit hin und her und fasste dann schließlich den Entschluss, einen der Info-Coupons der Flugblätter auszufüllen und an die angegebene Adresse zu schicken. Der ausschlaggebende Grund? Aus heutiger Sicht betrachtet: Vielleicht das Bedürfnis nach Anerkennung, insbesondere der Älteren, die in der Gruppe damals ganz klar den Ton angaben.

Das T-Shirt kommt im Propaganda-Paket

Anhänger der NPD-Jugendbewegung JN bei einem Neonaziaufmarsch am 5. Dezember 2008 in Berlin-Lichtenberg. Als Oliver Westerwinter das Foto siehtk, kommentiert er: "Vorwärts zur Deutschen Revolution? - Alles Banane, was die JN will ist rückwärtsgewandt und sektiererisch". Foto: KulickAnhänger der NPD-Jugendbewegung JN bei einem Neonaziaufmarsch am 5. Dezember 2008 in Berlin-Lichtenberg. Als Oliver Westerwinter das Foto siehtk, kommentiert er: "Vorwärts zur Deutschen Revolution? - Alles Banane, was die JN will ist rückwärtsgewandt und sektiererisch". Foto: Kulick
Einige Wochen später – ich hatte den Coupon schon fast wieder vergessen – bekam ich einen dicken Umschlag mit noch mehr Flugblättern, einigen kleineren Broschüren und jede Menge Aufklebern zugeschickt. Ich las die Flugblätter und Broschüren und gab sie an die anderen Jungs weiter oder schmiss sie einfach in fremde Briefkästen. Dabei war mit Blick auf letzteres bereits damals bewusst, dass das Verteilen von rechtsextremem Propagandamaterial nicht von Jedermann toleriert wird. Mit zunehmender Häufigkeit und wachsendem Umfang dieser "Verteilaktionen" erfuhr ich auch verstärkt den Unmut vereinzelter Mitbürgerinnen und Mitbürger, den ich durch das Platzieren von Flugschriften in deren Briefkästen hervorrief.

War es am Anfang mitunter dieses Erzeugen von Unmut, das mich am Verteilen von rechtsextremen Flugschriften aus heutiger Perspektive betrachtet zu reizen schien, nahm dieser Reiz des Provozierens mit der Zeit ab. Mit wachsender Routine versuchte ich zunehmend, diese Leute, sofern sie mit den Flugblättern in der Hand auf mich zukamen, in Gespräche zu verwickeln und sie mit meinen "Argumenten" zu überzeugen. Ähnlich wie beim Verteilen der Flugblätter überwogen auch beim Platzieren von Propagandaaufklebern an öffentlichen Plätzen anfangs noch Spaß und Provokation als Motive. Auch hier wichen Spaß und Provokation im Zeitverlauf einem systematischeren und routinierteren Vorgehen.

Die NPD sucht den Kontakt

Wieder einige Wochen später – ich hatte in der Zwischenzeit mehrere dicke Umschläge von verschiedenen Organisationen erhalten – klingelte bei meiner Mutter zu Hause das Telefon. Ein Mann von einem nahen NPD-Kreisverband meldete sich, stellte sich vor und bot mir ein Informationsgespräch an. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig wusste, was sich hinter dem Kürzel "NPD" verbirgt – ich hatte ja bis dahin nur die mir zugeschickten Flugblätter und Broschüren gelesen –, war ich neugierig, was dieser Mann mir wohl erzählen würde, wie er wohl aussieht und was er von mir wollen würde. Ich daher sagte zu. Einige Zeit später fand dieses erste Treffen dann statt. Man unterhielt sich, ich stellte Fragen, bekam Antworten und – was zu diesem Zeitpunkt noch wichtiger schien – erhielt diesmal tausende Aufkleber und Flugblätter, mit denen wir uns so richtig "austoben" konnten. Da ich nun in der Gruppe der etablierte Kontakt zur ''Partei" war, stieg mein Ansehen rasch. Im Vergleich zu Gleichaltrigen war ich der einzige "Knirps", mit dem die Älteren redeten und den sie als zumindest in dieser einen Hinsicht – nämlich der politischen – als gleichrangig betrachteten.

Aus heutiger Sicht betrachtet gab mir dies ein besonderes Gefühl des Anerkannt-Werdens, nach dem ich damals suchte, das ich aus meinem übrigen damaligen Umfeld aber – zumindest in dieser besonderen Form – nicht bekam. In politisch-inhaltlicher Hinsicht war ich aber selbst den Älteren bereits nach kurzer Zeit weit voraus. Deren Interessenschwerpunkt lag ohnehin nicht im politischen Bereich. Ihr Hauptaugenmerk galt rechter Musik, organisierten Rechtsrock-Konzerten und anderen Feiern, anlässlich derer sich Rechtsextreme aus der ganzen Region versammelten. Mit fortschreitender Zeit wurde die alte Jugendclique für mich daher immer uninteressanter und für meine weitere (Fehl-)Entwicklung unwichtiger. Meine Motivation, an einer rechtsextremen politischen Organisation mitzuwirken, speiste sich zunehmend weniger aus dem Streben nach Anerkennung oder dem Spaß an der Provokation, sondern begann sich zu "politisieren", d.h. ich empfand verstärkt politisch-inhaltliche Gründe als Antriebsfaktoren meines weiteren Handelns in der nun überwiegend politischen rechtsextremen Szene. Diese "Politisierung" meiner Motivation wurde hinsichtlich meiner innerparteilichen Arbeit zunehmend durch eine Art von "Staubsaugereffekt" begleitet.