Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

4.2.2008 | Von:
Christine Kröger

Hakenkreuze an der Tafel

Wenn Jugendliche in die rechtsextreme Szene abrutschen

Auch Michael schlug zu

Auch Michael schlug zu. Wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte das Amtsgericht ihn zu acht Monaten Haft – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Mit drei weiteren Neonazis hatte er im Sommer 2006 fünf junge Punks angegriffen. Als "Zecken" beschimpften Michael und seine "Kumpels" die Jugendlichen, dann schlugen und traten sie zu. Michael setzte Pfefferspray ein. Zwei Jugendliche wurden bei der Schlägerei verletzt.

Unter den "Dreckskerlen", mit denen Michael sich immer noch trifft, sind einschlägig vorbestrafte Gewalttäter. Einige haben lange Strafregister. Richter haben sie gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Volksverhetzung oder Landfriedensbruchs schuldig gesprochen. Michael war nicht nur Angeklagter, auch als Zeuge musste er mehrmals aussagen.

"Er hat immer die Klappe gehalten", sagt seine Mutter. Aus falsch verstandener "Kameradschaft" – und auch aus Angst, da ist sich Ulrike Hopf sicher. Die Angst ging so weit, dass Michael Taten zugab, die er gar nicht begangen hatte. Jedenfalls ist seine Mutter davon überzeugt: "Die haben ihm gesagt, er soll die mal zugeben, weil er noch minderjährig war."

Erst mit 17 Jahren ist Michael im März 2007 ausgezogen. Weg aus seiner Heimatstadt und in ein knapp 100 Kilometer entferntes Dorf. Seither lebt er in einer Wohngemeinschaft mit anderen "sozial auffälligen" Jugendlichen und einem Betreuer. Er macht eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker. "Die Lehre macht ihm großen Spaß", sagt seine Mutter. Kürzlich sollte er eine Woche frei haben, doch in letzter Sekunde bestellte sein Chef ihn wieder ein. Ulrike Hopf klingt ein bisschen stolz. "Michael hat seinem Chef sofort zugesagt. Er genießt das Gefühl, gebraucht zu werden."

Die Entscheidung, ihren Sohn wegzuschicken, war richtig. "Meinst du nicht auch?" Ulrike Hopf schaut ihren Lebensgefährten an. Der zuckt die Schultern. Dann berichtet er, dass Michael jetzt viel angeln geht. Zwei Mal im Jahr macht die Wohngruppe eine Woche Angelurlaub in Skandinavien. Auch Andreas Fangmann geht am Wochenende dann und wann mit Michael angeln. "Dann vergisst er alles um sich herum." Ja, auch er glaubt, dass die Entscheidung richtig war, sagt Fangmann. Ulrike Hopf nickt und schöpft Hoffnung.

Die wird immer wieder enttäuscht. Zum Beispiel, wenn sie Michaels Zimmer in der Wohngruppe anschaut. Da hängen sie wieder, die Reichskriegsflagge, das "Deutsche Reich" in den Grenzen vor 1933 und das Plakat zum "Gedenken" an den einstigen Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Ulrike Hopf diskutierte mit Michaels Betreuer darüber. "Wie kann der das durchgehen lassen?", fragt die Mutter. "Mir sagt er nur: Lassen Sie Ihren Sohn." Solange Michael sich an die Regeln der Gemeinschaft halte und nichts Illegales an die Wände hänge, sei Einmischung nicht erlaubt. "Das wird schon", versichere der Betreuer ihr noch, wenn Michael nicht mehr zuhöre. Die Mutter schöpft Hoffnung.

Die ist auch wieder an diesem Sonnabend enttäuscht worden, als ihr Jüngster besonders ungeduldig auf seinen großen Bruder wartete. Als Michael kam, gingen alle drei Brüder in den Wald "zum Spielen". Ulrike Hopf und Andreas Fangmann kam das merkwürdig vor. Einmal mehr sind sie den Jungs gefolgt. "Ich dachte, ich sehe nicht richtig", berichtet Ulrike Hopf. Ihre drei Jungs ballerten mit Softairgewehren in der Gegend rum. "Die haben richtig Krieg gespielt." Ihre Mutter war "stinksauer" und hat die Waffen sofort einkassiert.

"Gewaltspirale" ist für Ulrike Hopf kein abstrakter Begriff. "Du guckst dämlich wie dein Nazi-Bruder", soll einer der jungen Punks, die Michael mit seinen "Kameraden" verprügelte, ihren Jüngsten angepöbelt haben. Wenig später bekam Ulrike Hopf einen Anruf: Thomas, ihr dritter Sohn, soll mit Freunden den Jugendlichen "abgegriffen", ihn bespuckt und ins Gesicht geschlagen haben. Sie wollten vermutlich den kleinen Bruder rächen. Ihr Ältester sei bei dem Angriff gar nicht dabei gewesen.

Michael verbringt immer noch fast jedes Wochenende zu Hause. Er ruft auch häufig mal unter der Woche an. "Dann will der einfach mit mir quatschen", berichtet Ulrike Hopf. "Das hat er früher nie getan. Er erkundigt sich auch, wie es seinen Brüdern und seiner Oma geht." Da ist sie wieder, die Hoffnung. Aber wenn Michael zurück in seiner Heimatstadt ist, gehen auch die anderen Telefonate wieder los. Dann ruft ihr Sohn seine rechten "Kumpels" an, um sich mit ihnen zu verabreden. "Der läuft denen regelrecht hinterher", sagt Ulrike Hopf. "Dabei wollen die Michael gar nicht mehr." Für die Clique sei er allenfalls ein "nützlicher Idiot", wenn er Geld oder eine Flasche Schnaps mitbringe. Ulrike Hopf kann manchmal hilflos sein. "Was soll ich denn tun? Ich kann dem Jungen doch keine neuen Freunde backen."

Was fehlte, war rechtzeitige Hilfe

Ihr Sohn hätte viel früher Hilfe gebraucht. Davon ist die 40-Jährige überzeugt. Hilfe, die eine Mutter nicht geben kann, Hilfe von Profis. "Dann wäre er heute längst raus aus der Szene." Doch Ulrike Hopf und Andreas Fangmann brauchten mehr als zwei Jahre, bis sie eine Einrichtung gefunden hatten. Sicher, sie stehen zu der Entscheidung. Sie wollen nicht zweifeln. Noch besser aber wäre eine Betreuung gewesen, die Fachwissen und Erfahrung im Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen hat. Eine, die Mittel gegen diese "Gehirnwäsche" kennt. Ein anderes Wort fällt der Mutter nicht ein, wenn sie sich fragt, warum Michael die menschenverachtenden Einstellungen der "Dreckskerle" teilt. Sie findet keine Erklärung.

Ulrike Hopf hat eine Odyssee durch Ämter und soziale Einrichtungen hinter sich. Seit drei Jahren lässt sie kaum eine Veranstaltung zu Rechtextremismus in der Region aus, keinen Vortrag, nicht einmal ein Rockkonzert gegen Rechtsextremismus. Immer in der Hoffnung, dazuzulernen, neue Ansprechpartner zu finden, konkrete Hilfe zu bekommen. Auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern will sie organisieren, doch fanden sich noch keine Mitstreiter: "Die Eltern von Michaels ›Kameraden‹ brauchen oder wollen offenbar keine Hilfe." Ulrike Hopf blieben nur örtliche "Antifa-Gruppen" an Schulen, in Jugendeinrichtungen oder Verbänden. "Die sagen jedenfalls Bescheid, wenn sie mitkriegen, dass Michael wieder Scheiße baut." Dann kann die Mutter ihren Jungen immerhin zur Rede stellen.

"Du traust dich was", sagt Michael manchmal. Er meint das nicht anerkennend, er will seine Mutter einschüchtern. Es wäre nicht das erste Mal, dass in dem Städtchen Autos demoliert werden, deren Besitzer sich gegen Rechtsextremismus engagieren. "Mein Auto haben sie auch nicht ausgelassen", vermutet Andreas Fangmann: Kurz nach einem heftigen Streit mit Michael waren die Scheiben des Fahrzeugs kaputt. Bislang lässt sich das Paar nicht unter Druck setzen. "Willst du mir Angst machen?", fragt Ulrike Hopf ihren Jungen. "Schämst du dich für mich vor deinen Kumpels?" Antworten bleibt Michael ihr schuldig.

Sie glaubt nicht, dass ihr Ältester sich je ernsthaft mit Hitlers Ideologie beschäftigt hat. Auch nicht mit der Ideologie der neuen Nazis in NPD oder "Kameradschaften". Er glaube einfach seinen "Kameraden" und übernehme deren dumpfe Parolen. "Wäre Michael in irgendeine andere Clique geraten, hätte er genauso deren Outfit, deren Ziele und deren Ideale angenommen." Davon ist Ulrike Hopf überzeugt. Ihr Sohn sei kein Anführer, er sei ein Mitläufer. "Ich will ihn nicht in Schutz nehmen", beteuert sie. "Zum Anführer hat Michael weder die Intelligenz noch den Charakter."

Vor kurzem ist ihr Ältester 18 geworden. Die Volljährigkeit liegt der Mutter schwer im Magen. "Jetzt habe ich gar keine Rechte mehr", sagt sie. "Wenn der Junge Mist baut, erfahre ich es vielleicht nicht einmal mehr." Sie hat den Kampf unter ihrem eigenen Dach nicht gewonnen, aber aufgeben wird sie nicht. Nicht den Kampf gegen Rechtsextremismus. Und auch nicht ihren Sohn.

* Namen geändert