Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

4.2.2008 | Von:
Albert Scherr

"Kommunikationsfähigkeit ist gefragt"

Forderungen aus der Wissenschaft.

Grenzen der Bildungsarbeit

Gesehen auf einem Schulhof in Berlin 2007.Gesehen auf einem Schulhof in Berlin 2007. (© H.Kulick)

Eine als dialogische Auseinandersetzung angelegte politische Bildungsarbeit stößt dort an ihre Grenzen, wo Jugendliche und Erwachsene ihre persönliche und soziale Identität aus der Zugehörigkeit zu rechten Szenen, Cliquen, Gruppierungen und Organisationen gewinnen, sich als Angehörige einer Sub- und Gegenkultur bewusst und absichtsvoll gegen die demokratische Mehrheitsgesellschaft und ihre Repräsentanten abgrenzen.

Aber auch für die Arbeit mit rechten Jugendcliquen und rechten Gewalttätern sind pädagogische Interventionskonzepte verfügbar. Für diese gilt aber – dies unterscheidet sie jedoch nicht von rechtlichen Sanktionsdrohungen und Maßnahmen des Strafvollzugs –, dass sie immer nur letzte Versuche ohne Erfolgsgarantie sein können, bereits verfestigte Überzeugungen aufzubrechen. Zu nennen sind diesbezüglich

- die für die gewaltfreie Bearbeitung von Konflikten zwischen Jugendgruppen entwickelten und vor allem im Kontext von Schulen erprobten Konflikt- und Streitschlichterprogramme (s. Kurt Faller/ Wilfried Kerntke/ Maria Wackmann: Konflikte selber lösen. Mediation für Schule und Jugendarbeit, Düsseldorf 1996). Diese sind darauf ausgerichtet, Jugendliche und PädagogInnen für eine Vermittlung zwischen streitenden Gruppen zu qualifizieren. Sie sind dann – und nur dann – einsetzbar, wenn die Konfliktparteien dem Versuch einer solchen Konfliktschlichtung durch neutrale Dritte zustimmen.

- die oben bereits erwähnten Formen der akzeptierenden und aufsuchenden Jugendarbeit, die darum bemüht sind, zunächst einmal überhaupt pädagogische Beziehungen zu rechten Szenen und Cliquen als Basis dafür aufzubauen, dass SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen als Personen anerkannt werden, deren Äußerungen und Stellungnahmen nicht von vornherein abgewehrt werden (s. Krafeld 1996). Akzeptierende und aufsuchende Arbeit in rechten Szenen stellen außergewöhnlich hohe Anforderung an die Qualifikation und die Persönlichkeit der PädagogInnen. Sie haben – wie die diesbezüglich vergleichbare Arbeit mit Hooligans oder in der Drogenszene – eine gezielte Aus- und Fortbildung, gefestigte politische und moralische Orientierungen der Fachkräfte sowie eine laufende Supervision zur unverzichtbaren Bedingung. Akzeptierende Jugendarbeit darf auch nicht als Sonderleistung und damit als indirekte Belohnung für rechte Szenen aufgebaut werden, sondern ist nur im Kontext einer ausgewogenen lokalen Förderung aller Jugendkulturen vertretbar. Vorliegende Erfahrungen deuten darauf hin, dass die Chance akzeptierender und aufsuchender Jugendarbeit nicht zuletzt darin liegt, auf diejenigen individuell einzuwirken, bei denen sich – sei es aus persönlichen Gründen oder aufgrund der Furcht vor polizeilichen Sanktionen – Motive des Ausstiegs aus der Szene oder Clique entwickeln. In solchen Fällen steht akzeptierende Arbeit vor der Aufgabe, Ausstiegshilfen bereit zu stellen.

- bezogen auf bereits als rechte Straf- und Gewalttäter auffällig gewordene Jugendliche, die rechtlichen Sanktionen unterliegen, wurde das im Übergangsbereich von Sozialpädagogik und Therapie angesiedelte Anti-Aggressivitäts-Training entwickelt (Jens Weidner/ Rainer Kilb/ Dieter Kreft: Gewalt im Griff, Weinheim und Basel 1997). Dieses zielt auf das Aufbrechen von Mechanismen der Neutralisierung, der Schuldverleugnung und –verdrängung sowie das Aufbrechen von Empathieblockaden im Rahmen eines konfrontativen therapeutischen Settings sowie auf die Einübung von Selbstdisziplin und Selbstkontrolle im Umgang mit eigenen aggressiven Impulsen. Bedingung der Anwendung ist eine spezialisierte Ausbildung der Fachkräfte, wie sie vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik angeboten wird. Das Konzept umfasst tiefgehende Eingriffe in die Persönlichkeitsstruktur und ist deshalb nur als therapeutisches Angebot auf der Basis freiwilliger Teilnahme oder aber Alternative zu bzw. Ergänzung von strafrechtlichen Sanktionen legitimierbar, d.h. nur dann, wenn diese in einem rechtsstaatlichen Rahmen begründet sind.

Pädagogische Maßnahmen allein genügen nicht

Pädagogische Maßnahmen allein genügen nicht. Die Entwicklung einer politischen Kultur, in der Einwanderer, Flüchtlinge und Minderheiten als Mitmenschen respektiert und in der ihre Grund- und Menschenrechte anerkennt werden, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Schüler demonstrieren gegen RechtsSchüler demonstrieren gegen Rechts
Aufgefordert, hierzu einen Beitrag zu leisten, sind diesbezüglich nicht nur überregionale Politik und Massenmedien, sondern auch die lokalen politischen Akteure sowie letztlich alle BürgerInnen. Jede Strategie gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus muss auch arbeitsmarkt- und sozialpolitische Maßnahmen umfassen, die dazu geeignet sind, den tatsächlichen und realen Verlierern der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse Chancen der Integration in das Bildungssystem und die Arbeitsmärkte zu eröffnen, also die Paradoxie vermeiden, denjenigen gegenüber an die Werte einer demokratischen Gesellschaft zu appellieren, die Gründe dafür haben, ihre eigenen Interessen in diesen nicht aufgehoben zu sehen.

Unverzichtbar sind weiter klare Sanktionen gegen neonazistische Propaganda, fremdenfeindliche Diskriminierung und rechte Gewalt. All dies kann jedoch eine Pädagogik nicht ersetzen, die Jugendlichen und Erwachsenen Chancen bietet, sich mit alten und neuen Vorurteilen, Feindbildern und Bedrohungsszenarien sowie den realen Schwierigkeiten und Konflikten der Einwanderungsgesellschaft rational auseinander zu setzen. Dazu ist es geboten, dass die schulische und außerschulische Pädagogik lernt, sich dieser Herausforderung anzunehmen und die Lern- und Bildungsproblematik anerkennt, die der sich vollziehende weitreichende gesellschaftliche Umbruch enthält. Ein notwendiger Schritt in diese Richtung ist die Bereitschaft von LehrerInnen, SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, sich für die Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen und rechtsextremen Tendenzen auch unter "ganz normalen" Jugendlichen und Erwachsenen selbst zu sensibilisieren und zu qualifizieren und nicht allein auf Wirkungen politischer Entscheidungen oder spezialisierter Programme und Projekte zu vertrauen.

Den vollständigen Text gibt es als Download unter home.ph-freiburg.de