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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

10.7.2007 | Von:
Christian Petry

Offener Brief an einen Oberbürgermeister

Ein Schnellkurs über Zivilgesellschaft für Lokalpolitiker

Offensiver Umgang: Am Tag eines Neonaziaufmarschs 2006 ließ die Stadt Rostock im Verbund mit dem DGB ihr Bekenntnis plakatieren: Rostock bleibt bunt. Foto: KulickOffensiver Umgang: Am Tag eines Neonaziaufmarschs 2006 ließ die Stadt Rostock im Verbund mit dem DGB ihr Bekenntnis plakatieren: Rostock bleibt bunt. (© H. Kulick)
4. Bleiben wir noch einen Augenblick bei dem Aspekt Abwehr der Gefährdungen demokratischer Kultur, ehe wir uns dem schwierigen Punkt Umgang mit der Hoffnungslosigkeit zuwenden: Keine unerhebliche Bedeutung z. B. für die Abwehr von Fremdenfeindlichkeit kann die Wirtschaft haben. Als es in den neunziger Jahren im Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzung über die Gestaltung des Asylrechts zu einer Welle von fremdenfeindlicher Gewalt kam, haben z. B. die Unternehmensleitungen von Daimler Benz in Stuttgart und von Freudenberg in Weinheim ihren Belegschaften mitgeteilt, dass entlassen wird, wer sich im Betrieb fremdenfeindlich äußert. Notwendig wurde dies nicht. Die von den Betriebsräten gestützten Drohungen reichten aus. Die Wirkungen beschränkten sich dabei durchaus nicht nur auf die Betriebe, sondern erfassten auch das Umfeld.

Die SAP hat zwei Jahre das Portal "Mut gegen rechte Gewalt" gefördert, mit dessen Hilfe die Amadeu Antonio Stiftung zusammen mit dem stern über rechtsextremistische und antisemitische Vorfälle und interessante Projekte und Initiativen berichtet. Das Verbundnetz GAS AG nutzt den eigenen Namen für ein Projekt gegen die Gefährdungen demokratischer Kultur in ostdeutschen Kommunen und hat ein Verbundnetz für Demokratie und Toleranz gegründet. Kooperationspartner sind neben den Kommunen Kunden befreundeter Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure wie die Gesellschaft Demokratische Kultur. Es ist gewiss richtig, dass die Haltung etlicher mittelständischer Betriebe nicht sehr ermutigend ist für diejenigen, die z. B. Fremdenfeindlichkeit nicht als Element des politischen Klimas akzeptieren wollen. Und oft sind die international orientierten Unternehmen weit weg oder halten sich von Regionen mit dem Ruf der Fremdenfeindlichkeit fern. Aber es scheint mir eine wichtige Strategie zu sein, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft in den Kommunen zu suchen, um sie zur Partnerschaft bei der Gestaltung des demokratischen Klimas zu gewinnen.

In Orla gab es in der Schule eine kleine Freundesclique, die oft unter dem Druck rechtsextremistischer Jugendlicher zu leiden hatte. Auf den zentralen Marktplatz zu gehen, traute sie sich wie andere schon lange nicht mehr, denn dieser wurde von einer rechtsextremistischen gewalttätigen Gruppe mit Beschlag belegt. Die Freunde beschlossen, etwas dagegen zu tun und wollten in einer Veranstaltung auf die Entwicklung aufmerksam machen. Sie baten den Vater eines der Jugendlichen, einen Lehrer, ihnen dabei zu helfen. Er stellte einen Kontakt zur Landeszentrale für politische Bildung und zum Zentrum Demokratische Kultur in Berlin her und sagte ihnen: Von jetzt an müssten sie alles allein organisieren. Das taten sie, informierten sich, beantragten etwas Geld für die Veranstaltung und setzten mit Hilfe der beiden Organisationen, die sie zur Unterstützung gewonnen hatten, durch, dass sie den großen Saal im Rathaus bekamen. Dann erzählten sie den 150 Menschen, die gekommen waren, von den 24 Gewalttaten der Rechten des vergangenen Jahres und zeigten auf den Stadtplan, wo diese geschehen waren. Danach: peinliches Schweigen. Der Bürgermeister äußerte sich nicht und kein Mitglied des Gemeinderats sprach. Dann stand einer der wenigen mittelständischen Unternehmer der Stadt auf und sagte: es sei eine Schande. Er holte 150 Mark aus der Tasche, drückte sie den Jugendlichen in die Hand und versprach, sie auch in Zukunft zu unterstützen. Wegen der Umtriebe der Rechten verliere er immer wieder Auszubildende und Arbeiter aus dem Westen. Ihm lange es jetzt. Das brach das Eis. Bürgermeister, Gemeinderäte und andere versprachen zu helfen, die Jugendlichen organisierten sich und zogen bald andere nach. Es gab Veranstaltungen, Konzerte, Preise, Reisen. "Die sind cool", sagten jüngere Schüler, als sie gefragt wurden, was sie von der Gruppe hielten.

Ein engagierter Vater berichtete mir einmal, dass sein Sohn wachsenden Gefallen an rechtsextremistischen Schriften fände. Alle seine beschwörenden Reden seien auf taube Ohren gestoßen. Nur ein Argument habe deutlich Eindruck gemacht: "Mit den Ansichten, die in den von dir bewunderten Broschüren stecken, wirst du keine Chance haben, in einer der großen Firmen, für die du dich interessierst, genommen zu werden." Aber dieses Argument macht natürlich nur dann Eindruck, wenn es zumindest eine geringe Hoffnung gibt, einmal dorthin kommen zu können.

5. Ich weiß, Herr Oberbürgermeister, dass Sie die Probleme der beruflichen und sozialen Integration der Jugendlichen besonders bedrücken. Wir haben es hier mit einem Dilemma zu tun: Es gibt zu wenig Angebote zur beruflichen Qualifizierung und die, die es gibt, sind schwieriger zu erreichen. Um den mühsamer werdenden Weg in das Arbeits- und Berufsleben finden zu können, müssen die Jugendlichen aber in der Schule gut vorbereitet worden sein. Sie müssen in der Lage sein, eigene Initiativen zu entfalten, sich nicht leicht entmutigen zu lassen, Mühen auf sich zu nehmen, aber auch bereit und imstande sein, sich auf Neues einzustellen und verlässlich zu arbeiten. Sie müssen darüber hinaus gut kommunizieren können und fähig sein, sich auf offene Aushandlungsprozesse einzulassen. Das alles hat eine wachsende Zahl von Jugendlichen in Familie, Kindergarten, Schule und in der Jugendarbeit nicht lernen können. Was müsste geschehen, was geschieht schon hier und da und was könnten Sie, Herr Oberbürgermeister tun?

Eine Schlüsselrolle hat die Schule. In einer guten Schule können Kinder viel von dem lernen und erfahren, was sie brauchen, um sich danach zurechtzufinden und den Ansprüchen gewachsen zu sein, die auf sie zukommen. In einer schlechten Schule überwiegen am Ende die Erfahrungen, dass sie nichts können und nichts wert sind. 1999 haben Wolfgang Frindte und Jörg Neumann in einer Schulstudie herausgefunden, dass Jugendliche, die nach eigener Auskunft Partizipationschancen in der Schule haben, keine rechtsextremistischen Haltungen zeigen und Gewalt ablehnen. Umgekehrt ist aus einer Untersuchung in Brandenburg (Sturzbecher 2001) zu schließen, dass rechtsextremistische Einstellungen dort besonders stark geäußert werden, wo Schüler nicht erwarten, dass Lehrer sich für sie einsetzen, dass Schule ihnen für die Zukunft nützt und wo sie vor allem Erfolglosigkeit und Abwertung erlebt haben. In Schulklassen, in denen die Lehrerprofessionalität hoch ist, das Klassengefüge intakt, Partizipationschancen groß und die Schülerbefindlichkeit positiv ist, da ist die Gewaltorientierung gering. Das haben Wolfgang Melzer u. a. in mehreren Studien zur Wirkung des Schulklimas seit 1993 herausgefunden. Schule kann also Teil des Problems und Teil der Lösung sein: Sie kann Jugendliche intensiv fördern, auf die berufliche Zukunft vorbereiten und sich darum intensiv kümmern. Sie kann Demokratie und gegenseitigen Respekt erfahrbar machen und das Selbstgefühl stärken oder sie kann zum Gegenteil beitragen und helfen, die Türen für Gewaltorientierung und extremistische Versuchungen weit zu öffnen.

In den vergangenen Jahren hat es an vielen Orten in Ost- und Westdeutschland interessante Modellversuche gegeben, durch die man zeigen kann, wie Schulqualität sich verbessern lässt. Ich nenne u. a. die Entwicklung von "Selbstwirksamen Schulen". Diese haben sich zum Ziel gesetzt, das Selbstwertgefühl und die Eigeninitiative ihrer Schülerinnen und Schüler dadurch zu stärken, dass sie ihnen viele Möglichkeiten bieten, das Schulleben und ihr Lernen selbst zu gestalten. Viele Anregungen bietet das Modellprogramm der Bund-Länd-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) "Demokratie lernen und leben". Über 150 Schulen beteiligen sich daran. Das Problem solcher Modellversuche ist, dass sich ihre Ergebnisse so schwer verbreiten lassen. Sie bleiben in ihren Wirkungen meist beschränkt auf die unmittelbar beteiligten Schulen.

Die Frage ist, wie sich Anregungen und Erfahrungen, die es in großer Zahl gibt, zur Schulentwicklung an anderen Orten nutzen lassen? Nun liegt die innere Gestaltung der Schule im Verantwortungsbereich der Kultusministerien. Die Kommunen sind als Schulträger nur zuständig für die Pflege des Gebäudes, die Ausstattung mit Lehrmitteln und das nicht pädagogische Personal. Ganz ohne Einfluss ist die Kommune trotzdem nicht. Sie kann sich an Schulversuchen des Landes beteiligen, Kooperation suchen, Unterstützungs- und Beratungseinrichtungen für Schulen wie die RAA fördern (Regionale Arbeitsstellen für Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien bzw. für Jugendarbeit und Schule). Es gibt Städte wie Dortmund, die sehr viele solcher Möglichkeiten nutzen und deswegen eine wichtige Rolle für die Entwicklung wenigstens eines Teils ihrer Schulen bekommen haben. Es lohnt sich, diesen Weg eines aktiv gestaltenden Schulträgers zu gehen. Es ist gewiss ein mühsamer Weg, aber es besteht gute Aussicht, dass man schon unterwegs die drückenden Probleme erheblich reduzieren kann. Das klingt kühn, aber es ist nicht übertrieben. Manchmal reicht ein beherzter Schulleiter aus, um spürbare Veränderungen zu bewirken.

Im Landkreis Oder-Spree gibt es das Oberstufenzentrum Palmnicken mit über 3000 Auszubildenden. Unter ihnen befand sich eine große Anzahl von Jugendlichen mit einer ausgeprägten rechtsextremen Orientierung wie oft in beruflichen Schulen. Diese gewannen mehr und mehr Einfluss auf das Klima in der Schule. Die Entwicklung kulminierte in einer Gewalttat, über die auch in den überregionalen Medien berichtet wurde: Ein Jugendlicher aus einer jemenitischen Familie wurde so zusammengeschlagen, dass eine dauerhafte Behinderung geblieben ist. Der Schulleiter, Dr. Volker Kanitz, nahm den Kampf um die kulturelle Hegemonie auf. Er organisierte Beratung und Fortbildung für sich und das Kollegium und antwortete mit der Entwicklung eines demokratischen Schulprogramms. Wichtige Elemente dabei waren Projekte, mit deren Hilfe die Schule ein internationales Profil bekam, Kooperation mit Bildungsträgern in anderen europäischen Ländern, Jugendaustausch und Jugendbegegnungen. Auf diese Weise wurde den völkisch nationalen Ideologien langsam das Wasser abgegraben. Es wurden Projekttage zu Rechtsextremismus und Antisemitismus angeboten, die Interessenten fanden. Auch gab es Projekte zu geschichtlichen Themen mit dem Ziel, Wege zu alternativen Geschichtsbildern zu bahnen. Zur Identität rechtsextremistischer Gruppen gehört ein Verständnis von Heimat und Geschichte, das bestimmt ist durch Begriffe wie Familie, Stamm, Volk und Nation. Man sieht sich in einer Tradition von Blut und Boden, die es gegen Fremde zu verteidigen gilt. Hier wie in anderen Orten gelang es mit Hilfe von Geschichtswerkstätten ein Bild der lokalen Vergangenheit zu erzeugen, das Identifikation ermöglicht und doch den Wert von Demokratie, Freiheit und Menschrechte verdeutlichen kann. Natürlich besuchen rechtsextrem orientierte Jugendliche weiterhin das Oberstufenzentrum Palmnicken. Das Schulklima aber bestimmen sie nicht mehr. Pluralismus und Weltoffenheit erscheinen der Mehrheit als Werte, die es zu schützen lohnt.

6. Nichts wäre in der Lage, in der die Jugendlichen sich befinden, wichtiger als gute Jugendarbeit: wo es möglich ist, in der Gruppe von Gleichaltrigen gemeinsame Interessen zu finden, seine Kräfte zu erproben, Eigeninitiative zu entwickeln, frei von dem Lerndruck der Schule soziale Erfahrungen zu machen. In der Jugendgruppe kann man viele Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen - nur anders: selbstbestimmt, entdeckend und daher nachhaltig. Theoretisch können in der Jugendarbeit die positiven Impulse der Schule verstärkt und die negativen kompensiert werden. Das wäre schön, nur leider ist es selten so. Die offene Jugendarbeit ist in der Krise. Nur 10 % der Jugendlichen nehmen die Angebote der freien Träger und der Kommunen an und besuchen die Jugendzentren und Jugendtreffs. Und hier ist es oft das Problem, dass die Gewaltbereiten diejenigen, die jeweils als stark gelten, den Ton angeben: z. B. eine Gang türkischer Jugendlicher oder eine extremistisch orientierte Gruppe.

Einer der Mechanismen der Ausbreitung rechtsextremistischer Alltagskultur ist, dass Jugendliche, den Rechtsextremismus oft als einzige Alternative in ihren Gruppen erfahren und sich dem Druck anpassen, der von ihm ausgeht. Wie ist dann Jugendarbeit möglich? Man findet viele Möglichkeiten dort, wo Schule und Jugendarbeit eng zusammengehen: in den Schülerclubs z. B. und beim Training von Peerleaders, die sich in demokratischer Bildung und interkultureller Kompetenz bei der RAA ausbilden lassen und dann in die Schulen und Schülerclubs zurückwirken. Oder an Orten wie bei der Pfarrerin Bea Spreng. Begonnen hatte sie vor einigen Jahren damit, Jugendliche um sich zu sammeln, die von den rechtsextremistischen Kameradschaften bedrängt wurden. Sie fand Kontakt zur Berliner Musikszene und es gelang ihr, mit der Gruppe ein gemeinsames Ziel zu entwickeln und ein Programm zu erarbeiten. Sie wollten Musik machen und Konzerte veranstalten. Der Aufbau der Gruppe war nicht leicht, weil die Rechtsextremisten sie unter Druck setzten, gelegentlich kam es zu Überfällen. Bea Spreng wollte keine geschlossene Gruppe haben, aber auch keine offene Jugendarbeit. Sie wollte alle integrieren, die an dem Thema interessiert sind, auch die Nazis. Voraussetzung, dass dies gelingt, ist nach ihren Erfahrungen: Es muss erstens immer eine feste Gruppe geben, in die hinein man integrieren kann. Zweitens muss es ein verbindendes Thema geben, das einen Sog hervorruft und Jugendliche provoziert, aus sich herauszugehen. Die Arbeit an dem gemeinsamen Thema muss so stark sein, dass sie die bisherigen politischen Zuordnungen außer Kraft setzt. Es darf dann nicht mehr um Fragen des Outfits und dessen Bewertung gehen, sondern um etwas ganz anderes: um Rhythmus, Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit zum Beispiel. Drittens muss dies kontinuierlich geschehen und viertens muss es dabei Höhepunkte geben, auf die man zusteuern und zuleben kann: der gemeinsame Auftritt oder die gemeinsame Reise nach Kroatien. Unter diesen Bedingungen kann man Verhaltensstandards verlangen wie: hier wird nicht gemobbt und hier werden keine Nazilieder gesungen. Auch solche Arbeit bleibt gefährdet. Es braucht die Unterstützung durch die Stadtgesellschaft und den Bürgermeister. Und notwendig ist die Unterstützung durch eine Polizei, die sich darauf konzentriert, diese Art demokratisch orientierter integrativer Jugendarbeit zu schützen. Es gibt sie nicht oft diese aufmerksam, die Zivilgesellschaft schützende Polizei. Denn die Polizei ist häufig Teil des Problems. Bea Spreng geht es relativ gut in Barnim-Uckermark. Als ihre Gruppe neulich eine Tanzveranstaltung organisierte, standen plötzlich 30 als rechtsextrem erkennbare junge Männer auf der Tanzfläche. Den fünf Polizisten, die anwesend waren, gelang es, sie behutsam herauszudrängen, ohne dass es zu einer Schlägerei gekommen wäre.

An Jugendarbeit wird oft gespart, Herr Oberbürgermeister, oder kurzfristiges Geld für langfristige Aufgaben verwendet. Die Krise, in der die Jugendarbeit sich befindet, darf kein Argument sein, sie finanziell auszutrocknen. Sie ist eines der wichtigsten Instrumente, die die Kommune zur Förderung von Jugendlichen hat.

7. Auf Initiative von Kap Anamur wurde in der Mitte der neunziger Jahre mit Stiftungs- und Lottomitteln in Storkow ein Friedensdorf gebaut. Die Idee war, Jugendlichen aus der rechtsextremistischen Szene die Möglichkeit zu geben, gemeinsam mit bosnischen Flüchtlingen und vietnamesischen Arbeitern Häuser zu bauen, in denen sie dann später auch einziehen durften. Es war auch Wohnraum für wohnungssuchende ältere Menschen vorgesehen. Das Projekt wurde ein großer Erfolg. Die Jugendlichen fanden das Angebot attraktiv und lernten viel beim Bauen. Die bosnischen Kollegen begannen sie zu schätzen, nachdem sie sie kennen gelernt hatten. Das Eis brach, als diese von ihren Gewalterlebnissen zu erzählen begonnen hatten. Im Trägerverein engagierte sich die Spitze der Gesellschaft in Storkow. Es gab eine hohe Identifizierung mit dem Ort. Manchmal half die Bundeswehr in der Nachbarschaft mit schwerem Gerät. Als die Jugendlichen aus ihrer ehemaligen Szene hörten, dass ein Angriff geplant sei, patrouillierten sie in der Nacht um das Gelände. Sie wollten sich diese Chance nicht nehmen lassen. Die große Integrationskraft, die der Bau des Friedensdorfs hatte, konnte natürlich nicht aufrecht erhalten werden, als die heroischen Zeiten vorbei waren, als die Häuser gebaut und die bosnischen Flüchtlinge zurückgeschickt wurden. Aber mir ist die Überzeugung geblieben, Herr Oberbürgermeister, dass es möglich ist, Jugendliche zurückzugewinnen, wenn man ihnen etwas Sinnvolles und für sie Attraktives anbietet, das wie ein Hoffnungszeichen wirkt. Dieses wird die demokratische Kultur stärken, wenn man die Angebote mit klaren Wertestandards verbindet und zur Bedingung der Teilnahme macht und wenn man diejenigen stützt, die die Werte täglich durchsetzen müssen. Das Wichtigste ist, dass es in den Orten, die von Desintegration bedroht sind, Hoffnungspunkte gibt. Dass Möglichkeiten sichtbar werden und dass die Autoritäten, an der Spitze der Bürgermeister, zeigen, dass sie sich kümmern. Und dass sie die Suche nach solchen Hoffnungspunkten zu einem Teil ihrer Verantwortung zählen.

In Hoyerswerda z. B. hat sich Ihr Kollege entschlossen, für die berufliche Qualifizierung der Jugendlichen eine Verantwortungsgemeinschaft zu gründen und damit Anregungen von Weinheim, Offenbach, Dortmund und anderen Städten zu folgen. Er will mit seiner Verwaltung und der RAA z. B. helfen, Jugendlichen, die in Hoyerswerda keine Betriebspraxis kennen lernen können, die Möglichkeit dazu in Betrieben westdeutscher Städte zu verschaffen. Er hat dabei natürlich die Hoffnung, dass diese so qualifizierten Jugendlichen nach Hoyerswerda zurückkommen. Wenn dies aber nicht möglich sein sollte, dann will er die Abwanderung mitgestalten, damit diese nicht nur negativ wirkt, sondern Teil einer Kultur des sich Kümmerns wird. Es muss Hoffnung geben und Solidarität, sagt er. Und wenn das in seiner Stadt erfahren werden kann, dann, glaube ich, entsteht auch die Identifikation, die Voraussetzung für das Entstehen demokratischer Kultur ist.

Was ich Ihnen hier insgesamt vorschlage, Herr Oberbürgermeister, ist nichts Geringes. Ich verlange ja nicht weniger, als dass Sie Verantwortung für die Entwicklung einer lokalen Bildungs- und Berufsbildungspolitik übernehmen, die Jugendpolitik neu gestalten und Gemeinschaftsaktionen mit der Zivilgesellschaft unterstützen. Ich schlage vor, dass Sie dort, wo Minderheiten nichtdeutscher Muttersprache leben, Integrationspolitik zu Ihrer Aufgabe machen und dies alles mit Demokratiepolitik verbinden und das alles neben Ihren sonstigen Pflichten wie die Wirtschaftsansiedlung zu verbessern und für eine ausreichende Infrastruktur zu sorgen usw. Und das alles bei schwindenden Mitteln und einer Tendenz, mehr und mehr Aufgaben weit weg von der lokalen Basis zu organisieren, wie das bei der Reform der Arbeitsverwaltung wieder deutlich geworden ist. Ich weiß nicht, ob all dies zu tun möglich sein wird, ich bin mir aber sicher, dass es an anderer Stelle sich als gänzlich unmöglich herausstellen wird. Nur am Ort, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt haben, wird man neue Ressourcen durch die Bereitschaft zu privatem Engagement finden können. Und nur auf der lokalen Ebene wird es möglich sein, neue Ressourcen durch die Reform der Verwaltung zu erschließen. Ich nenne das Stichwort "Neue Steuerung". Sie werden selbstverständlich zeitlich ganz und gar überfordert sein, wenn man von Ihnen oder Sie von sich verlangen würden, die hier skizzierten Aufgaben allein oder mit einem bescheidenen Stab anzupacken. Die notwendigen Ressourcen stecken in Ihrer durch Zuständigkeiten und Hierarchien geordneten Bürokratie. Zu beschreiben, was es für eine bessere politische Steuerung braucht, ist einfach. Notwendig ist eine bessere vertikale Kommunikation, d. h. bessere Kenntnisse und engere Interaktionen zwischen den Bedürfnissen, Wünschen und der Handlungsbereitschaft der Menschen, die die Probleme haben und der Hierarchie, die sich über ihnen bis zum Oberbürgermeister erhebt. Und es braucht eine bessere horizontale Kommunikation, über die oft eifersüchtig bewachten Grenzen der Zuständigkeiten hinweg: zwischen Schulamt und Jugendamt, Sozialamt, Wirtschaftsamt, Ordnungsamt usw. Nicht als Selbstzweck, sondern damit die Verwaltung auf die meist komplexen Probleme auch angemessen antworten kann. Ich glaube nicht, dass es eine schwerere Aufgabe gibt, eine solche Verwaltungsreform einzuleiten. Es gibt Kolleginnen und Kollegen von Ihnen, die wie Sie daran arbeiten: um der Lösung von Aufgaben willen, die ich hier eher angedeutet als ausgeführt habe. Vielleicht haben Sie Interesse, an einem Erfahrungsaustausch teilzunehmen und an der gemeinsamen Konzipierung einer Politik mitzuwirken, die die kommunale Verantwortungsübernahme neu begründet und die notwendige öffentliche und private Unterstützung dafür mobilisiert. Wichtig dabei wäre es, die ersten kleinen Schritte zu identifizieren, die man gehen kann, ohne bei allen Beteiligten das Gefühl von Vergeblichkeit zu erzeugen. An einem solchen Versuch würden wir uns gerne beteiligen.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Petry

Anmerkung:

Für ihre Unterstützung danke ich der Seehausener Gruppe Dierk Borstel, Anetta Kahane, Lars Rensmann, Bernd Wagner und Sascha Wenzel

Literaturhinweise:

Roland Eckert/Wolfgang Edelstein/Wolfgang Frindte/Hajo Funke/Jan Hofmann/Lothar Krappmann/Wolfgang Melzer/Jörg Neumann/Bernd Wagner. Demokratie lernen und leben – Eine Initiative gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Band I. Probleme – Voraussetzungen – Möglichkeiten. Weinheim 2001

Anne Sliwka: Demokratie lernen und leben - Eine Initiative gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. Band II. Das anglo-amerikanische Beispiel. Weinheim 2001.

Peter Kalb/Christian Petry/Karin Sitte (Hrsg.): Rechtsextremistische Jugendliche – was tun? 5. Weinheimer Gespräch. Weinheim/Basel 1999

Berichte des BLK-Projekts "Demokratie lernen und leben", www.blk-demokratie.de

RAA Berlin/Bundesarbeitsgemeinschaft der RAA: Interkulturelle Beiträge Jugend & Schule No. 7. Peer Leadership Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie. Berlin 2004.


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