Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

10.7.2007 | Von:

Bürgerstiftungen als Motor der Zivilgesellschaft

Wie sich Bürger gegenseitig in die Pflicht nehmen können, engagierter für ihre Kommune zu sein.

Die Idee der Bürgerstiftungen für demokratische Kultur beruht auf der Vorstellung einer in neuer Form organisierten Zivilgesellschaft, die in einer entwickelten Demokratie auf kommunaler Ebene Aufgaben übernehmen kann, die der Staat aus unterschiedlichen Gründen nicht zu leisten kann. In dem Selbstverständnis von Bürgerstiftungen aus den USA und Großbritannien gehören "Equality" und "Diversity" zweifellos dazu. Es ist also nicht nur das Fehlen von Geld, auch in Zeiten knapperer Kassen, es ist der Mangel an Innovation und die Unfähigkeit Impulse aus der Gesellschaft aufzunehmen, was bürokratisches und staatliches Handeln charakterisiert. Stiftungen können Einfluss nehmen, in dem sie neue, sinnvolle Strategien entwickeln und die Verwaltung über blockierende Zuständigkeitsgrenzen hinweg in dieses Handeln einbeziehen.

Was können Bürgerstiftungen vor Ort tun?

Um den gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen zu können, ist ein zentrales Umdenken notwendig: Politische und soziale Interventionen müssen sehr viel stärker sozialräumlich gedacht und ausgeführt werden. Wilhelm Heitmeyer schreibt in seinem Buch "Deutsche Zuständen" dazu: "Das große Wort von den gesellschaftlichen Veränderungen muss ‚kleingearbeitet´ werden und zwar vorrangig auf der Ebene der Städte und Gemeinden, also innerhalb eines Rahmens, den die Menschen noch ansatzweise in ihren Zuständen, Wirkungszusammenhängen, wichtigen Akteuren, mobilisierbaren Gruppen etc. überschauen – und wo sie am ehesten noch Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können (Heitmeyer 2005: Deutsche Zustände)."

Maßstab für erfolgreiche Bürgerstiftungen: 'Können Projekte eine Klimaverbesserung im Sinne einer demokratischen Kultur erreichen?''; Autor Timo Reinfrank von der Berliner Amadeu Antonio Stiftung.Maßstab für erfolgreiche Bürgerstiftungen: 'Können Projekte eine Klimaverbesserung im Sinne einer demokratischen Kultur erreichen?''; Autor Timo Reinfrank von der Berliner Amadeu Antonio Stiftung.
Bürgerstiftungen werden vorwiegend über ihre Projekte im Gemeinwesen sichtbar. Dabei fördern Bürgerstiftungen nicht nur Projekte, sondern setzen auch eigene Projekte operativ um. Die Projekte der Bürgerstiftungen sind vielfältig. Sie setzen sich beispielsweise mit der Entwicklung ihrer Stadt auseinander, unterstützen Jugendliche bei der Suche nach Zukunftsperspektiven und bekämpfen demokratiefeindliche Einstellungen. Bisher dominieren bei deutschen Bürgerstiftungen vor allem angebotsorientierte Projekte in den Bereichen Jugend, Bildung, Soziales und Umwelt. Wenige Projekte sind partizipativ und nachfrageorientiert entstanden oder berücksichtigen die städtischen Minderheiten. Teilweise sind sie Resultat von Fundraisingstrategien oder beruhen auf Wünschen der Stifter und Spender der Bürgerstiftungen. Eine Ausnahme ist die Zielgruppe der Senioren, die durch das Agenda Setzung der Bundesregierung auch durch die Bürgerstiftung Aufmerksamkeit erfahren.

Doch sollten Bürgerstiftungen für demokratische Kultur in der Projektarbeit die folgenden Punkte als Checkliste berücksichtigen: Können die Projekte eine Klimaverbesserung im Sinne einer demokratischen Kultur erreichen? Werden "schwache" Gruppen gestärkt und Anerkennung ermöglicht? Werden offene Netzwerke ohne Schranken auf demokratischer Basis geschaffen? Arbeitet das Projekt inklusiv bzw. werden alle Gruppen der Stadt repräsentiert? Werden Gleichwertigkeitserfahrungen ermöglicht? Ermöglicht das Projekt eine Akzeptanz von Gemeinschaften innerhalb der Stadtgesellschaft? Werden Integration, Partizpation und Vielfalt gefördert und erfahrbar gemacht? Werden lokales Wissen, lokales Kapital und lokale Initiative mobilisiert? Je mehr dieser Fragestellungen bejaht werden können, um so hilfreicher sind Bürgerstiftungen für eine Zivilgesellschaft, die ihren Namen verdient.

Literatur
  • Wilhelm Heitmeyer/ Reimund Anhut (Hrsg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen. München 2000; Strobl, Rainer/Würtz, Stefanie/Klemm, Jana: Demokratische Stadtstrukturen als Herausforderung. München 2003

  • Vgl. zum Thema "Bürgerstiftungen für demokratische Kultur" den Aufsatz von Anetta Kahane, In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Handbuch Bürgerstiftungen. Ziele, Gründung, Aufbau, Projekte. Gütersloh 2000

  • Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 4. Frankfurt a. M. 2005