Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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10.7.2007 | Von:
Armin Schubert

Wie Sisyphos rollen wir den Stein

Das Modell Sonnensegel - Kulturarbeit als Stütze von Zivilgesellschaft

Gewalt und Extremismus auf kreative Weise zu bekämpfen - das ist das Ziel der Kinder- und Jugendgalerie Sonnensegel in Brandenburg an der Havel. Für eine vitale Zivilgesellschaft ist solche Kulturarbeit unerlässlich.
Symbol der Kinder- und Jugend-Kunst-Galerie "Sonnensegel" in Brandenburg/Havel.Symbol der Kinder- und Jugend-Kunst-Galerie "Sonnensegel" in Brandenburg/Havel.

Die Stadt Brandenburg sorgte nach der Wende immer wieder Schlagzeilen durch gewalttätige Auseinandersetzung rechtsextrem geprägter Jugendlicher und ihrer Gegner im Jugendmilieu bis hin zu Brandstiftung, um sich gegenseitig die Treffpunkte zu zerstören. Jugendarbeit stand nur sekundär auf der Tagesordnung der Politik. Da halfen Künstler einem geschassten Kunstlehrer aus der DDR, ein Projekt aufzuziehen, das seitdem mehrere hundert Jugendliche in Brandenburg humanistisch geprägt hat. Die Kindergalerie Sonnensegel e.V.

Die Idee für eine solche Kindergalerie als kulturelle Bildungseinrichtung für alle Kinder und Jugendlichen der Stadt Brandenburg wurde 1987 in der DDR geboren und von einer kleinen Bürgerinitiative mit getragen. Zehn Informanten der Stasi in meinem Umfeld, haben regelmäßig über die wachsende Idee an ihre Führungsoffiziere berichtet, die im Kreis befreundeter Künstler und Pädagogen immer wieder erörtert wurde.

Auslöser dafür, eine andere plurale kulturelle Bildung für Kinder anzubieten, waren internationale Schriftstellertreffen zur Friedensförderung in Berlin, deren Protokolle in der DDR nur schwer zu bekommen waren. In der Kirche firmierten viele dieser dort geäußerten Gedanken unter dem Motto: ''Schwerter zu Pflugscharen''. Das Konzept für eine andere kulturelle Bildung wurde von bornierten Funktionären ab 1987 beargwöhnt und verdächtigt und bis zum 13. Dezember 1989 verboten.


Ein ost-west-deutscher Zusammenschluss von Künstlern und Schriftstellern für diese Idee unter der künstlerischen Patenschaft von Barbara Henniger aus Strausberg und Ronald Paris aus Rangsdorf vom Verband der Bildenden Künstler der DDR bewirkte kurz nach dem Mauerfall die Aufhebung des Verbots. Bis dahin hatten sich 150 Künstler durch Kunstschenkungen mit dem Konzept solidarisiert, um das SED-Verbot aufzuheben. Die Berliner Bildhauerein Inge Hunzinger (Jahrgang 1915) kaufte der künstlerischen Bürgerbewegung 1989 sogar ein Haus.

Zu den Unterstützern gehören seit 1987 außerdem die Berliner Altmeister Prof. Arno Mohr, Prof. Fritz Cremer, Prof. Herbert Sandberg, Elizabeth Shaw, die Keramikerin Hedwig Bollhagen und Heidi Manthey, die Schriftsteller Christa und Gerhard Wolf, Günter Grass, Loriot, Marie Marcks, Klaus Staeck, Manfred Butzmann, Nuria Quevedo und 15 weitere Künstler, aber auch Intellektuelle wie der Theologe Friedrich Schorlemmer.

Zum Internationalen Kindertag, am 1. Juni 1990, konnte die Galerie als Einmannbetrieb mit einer ersten Ausstellung eröffnen und mit seiner Kurs- und Projektarbeit anfangen. Die Länder Brandenburg und NRW half mit finanziellen Mitteln beim Um- und Ausbau der Alten Brandenburger Lateinschule nahe des Doms zur Galerie, so dass 1994 und 1997 die Arbeitsräume für die Arbeit zur Verfügung gestellt werden konnten.

Sehr früh begann die Galerie damit, geistig Behinderte in die Arbeit zu integrieren. ''Ein Pferd für Astrid Lindgren" war das erste gemeinsame Kunstprojekt, das Jugendliche einer damals noch Erweiterten Oberschule zusammen mit den Behinderten in der Galerie durchführen konnten.

Das erste große Schulprojekt der Galerie war 1990 programmatisch und hieß ''Eine Arche für alles?" Hier wurde nach der Wende zum ersten Mal die Sinnfrage gestellt und von vielen Kindern und Jugendlichen im Dom zu Brandenburg auf einem riesigen selbstgebauten Schiff als Performance realisiert.

Für das Konzept einer kulturellen Jugend- und Bildungsarbeit und für den Mut, sich das Verbot nicht gefallen zu lassen, erhielt die Galerie 1991 den ersten gesamtdeutschen Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Seither hat sich das Projekt ''Sonnensegel'' mit seinem bildungspolitischen Ansatz und dem Bemühen, Kunst zu demokratisieren und für alle verfügbar zu machen, in diesen nunmehr 15 Jahren in der Bundesrepublik etabliert und gegen verschiedene Anfeindungen und andauernde finanzielle Notstände behauptet. Mit nachhaltigem Erfolg - messbar an seinen Nutzern und Besuchern. Viele inzwischen älter geworden Jugendliche, die hier als Kinder mitgewirkt haben, schauen auch heute gelegentlich dankbar vorbei, weil sie nicht nur kreative Impulse von hier mitgenommen haben, sondern auch Denkstoff, der ein Leben lang hält.
"Wer sich nicht bewegt, hat schon verloren" ist ein Ausspruch der unvergessenen Regine Hildebrandt, der Kulturpädagogen sehr vertraut ist. In einschlägigen Akten der DDR über das Projekt hieß es: ''Schubert zeigt immer wieder ein Ausweich- verhalten". Gerade dieses hat die Arbeit aber auch erst ermöglicht und hält sie am Leben. Sich bewegen aus dem Wissen, dass Aufklärung Not tut. Darin hatten wir neben der Ermutigung durch Künstler auch einigen Zuspruch aus der Politik. Manfred Stolpe, Regine Hildebrandt, Steffen Reiche, Hildegrad Hamm-Brücher, Johannes Rau gehören dazu.

Internationale Kooperationen haben inzwischen Brücken aus dem kleinen Brandenburg wachsen lassen, sei es bis nach Frankreich; Finnland, Taiwan, Indien oder die USA. Höhepunkte in den vergangenen Jahren waren dabei unter vielen z.B. das Projekt ''Engel der Geschichte – ein Jugendengel", in dem u. a. rechtsextrem geprägte Jugendliche eine Hommage für den berühmten schwäbischen Holzschneider HAP Grieshaber künstlerisch gestalteten. Die Ausstellung zum Engel-Projekt wird 2005 den 21. Ort in Deutschland erreichen. Unter den Städten sind Essen, Weimar, Schwetzingen, Potsdam, Nürnberg, Suhl, Berlin, Mannheim Lübbenau u.a.

Die Galerie hat 2005 zum ersten Mal an Jugendliche sogenannte ''Kompetenznachweise'' vergeben; dieser bescheinigen Jugendlichen, was sie durch kultururelle Bildung an Persönlichkeitsqualitäten dazu erworben haben. Dies gilt im Land Brandenburg als besonderes Modell.

Im Schillerjahr sei wenigstens auf seine Briefe ''Über die ästhetische Erziehung des Menschen" verwiesen. Günter Grass zitiert in einem Aufsatz über die Aufklärung zu Recht Goyas berühmtes Bild: "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer". Er verweist darauf, dass, wenn die Vernunft schläft, sich Ungeheuer breit machen. Wir fragen mit Schiller: "Es muss doch in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit im Wege steht?"

Jugendarbeit steht mit der Aufklärung immer wieder am Anfang. Wie Sisyphos rollen wir den Stein. Da reichen bei allen Untaten auch nicht die Deutungen eines brandenburgischen Innenministers, der alles Fehlverhalten an der Proletarisierung und der mangelnden moralischen Erziehung in der ehemaligen DDR festmachen wollte.

Ein weiterer Höhepunkt war auch der erste Spielfilm der Galerie, ''Platzangst'' 2002, der rechte und linke Cliquen zum Thema hat. Bei der Einladung zum Internationalen Filmfestival nach New Delhi kam es nach Aufführungen des Films zu Kontakten mit Gandhis Enkeltochter Tara Gandhi und ihrem Umkreis. Wir organisierten eine Gandhi-Ausstellung und vier Inderinnen um Tara Gandhi arbeiteten 2003 zehn Tage lang mit Jugendlichen in der Galerie unter dem Motto: ''Dialog der Kulturen''. Damit ist die Arbeit der Galerie über die gesamtdeutschen Kontakte hinaus dabei, sich global zu vernetzen und die Jugend über den Dialog der Kulturen zu lehren, dass es nur die ''Eine Welt'' gibt.

Zum Jahr der Familie 1994 hatten wir eine erste Hilfe und Kontakte zur Sozialministerin Regine Hildebrandt. Sie besuchte die Ausstellungen, sah eine Theaterinszenierung und förderte das Familienprojekt insgesamt. 1999 diskutierte sie mit Jugendlichen über das Engelprojekt im Dom zu Brandenburg zusammen mit der Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer gegen eine Null-Bock-Stimmung und gegen Aggressionen und ermunterte die jungen Leute, mit ihren Arbeiten im Engelprojekt weiter zu engagieren.

Angst vor geförderter Zivilcourage?

Schüler-Druck aus der Sonnensegel-Produktion. Foto: KulickSchüler-Druck aus der Sonnensegel-Produktion. (© H. Kulick)
Seit drei Jahren betreibt der gemeinnützige "Sonnensegel" e.V. als Träger der Kunstschularbeit in der Galerie eine historische Gutenberg Buch-Druckerei. Dieses Projekt "Gutenberg Druck-Laden" mit seinem Motto: "Lasset die Geister aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet stille" ist in letzter Zeit öfter auch beargwöhnt worden. Weil man sich in der Programmatik mit dieser Druckerei z.B. an der Zivilcourage der Studenten der "Weißen Rose" oder auch neuer an Klaus Staeck orientiert und selber Flugblätter druckt und zu politischem Engagement gegen Gewalt und für Demokratie aufruft, wurde ein "linkes Gedankengut" festgestellt und als störend empfunden.

Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg, Anneliese Knoop-Graf, die Schwester eines Mitglieds der Widerstandsgruppe gegen Hitler, Staeck aus Heidelberg und Butzmann aus Pankow oder Margarete von Trotta, Hanna-Renate Laurin, Michael Verhoeven u.v.a. sind Paten für diese engagierten Bildungsarbeit bisher gewesen, eine Arbeit, die auch von Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen und Filmaufführungen begleitet wurde. Der Filmregisseur Michael Verhoeven hat bei uns das vierte Flugblatt gegen Fremdenfeindlichkeit gedruckt. Massive Geldnot zwingt aber seit 2005 zu einschneidenden Maßnahmen, zwei Mitarbeiter, der Drucker und die Setzerin, mussten 2005 entlassen werden. Und nur mit großem politischen Druck konnten wir diese einmalige Einrichtung für Kinder bisher halten.

Das Einmalige in der Kunstschularbeit der Galerie Sonnensegel ist, dass Jugendliche eine Selbstbildung durch kulturelle Lernprozesse erfahren können und so auch über die angeleitete Freizeit das Lernen als lebenslange Aufgabe lustvoll und handlungsorientiert an gesellschaftlich relevanten Themen der Menschheit erproben können. Sicher ist das nicht immer bequem, auch nicht für Vertreter der Gesellschaft. Kulturelle Bildung in diesem Sinne qualifiziert aber den Einzelnen, fördert die soziale Handlungskompetenz und erzieht zur sozialen und politischen Mündigkeit. Kulturelle Bildung ist deshalb ebenso vielfältig und pluralistisch wie die Gesellschaft auch.

Es ist die feste Überzeugung der Kulturpädagogen der Galerie, dass die in Kultur und Kunst mögliche ästhetische Wahrnehmung und die mögliche Veränderung von gesellschaftlichen und persönlichen Situationen und die darin liegenden Produktivkräfte einer sich ausbreitenden Gewaltbereitschaft entgegen wirken und zu einer Sinnfindung im Sinne der Aufklärung Wesentliches beitragen.

Darum ist nur umso nachdringlicher zu fordern, dass die kommunale Kulturförderung an eine gezielte Kinder- und Jugendförderung zu binden ist, die Zugänge zu Bildung und Kultur für alle Kinder gleichermaßen schafft, die Türen öffnet und ein lebenslanges Lernen lustvoll organisiert! Die Förderung von Jugendkulturarbeit hat nichts mit Subventionen zu tun. Sie ist eine Investition in Gegenwart und für die Zukunft eines demokratisch verfassten Gemeinwesens. Als Grundlage für eine lebendigen Zivilgesellschaft.

Jede Investition in kulturelle Bildung ist primäre Prävention und vermindert die Ausgaben im Bereich der inneren Sicherheit. Gern zitieren wir Schorlemmer: " ... Ich vertraue dem, der Kinder erhöht, Grenzen missachtet und den eisenbeschlagenen Himmel öffnet." Aus: "Woran du dein Herz hängst". In diesem Sinne soll die Kulturarbeit dieser Galerie verstanden werden. Und soll ein Vorbild für viele "Sonnensegel" sein.
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