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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

26.5.2002 | Von:
Wilfried Schubarth

Pädagogische Konzepte als Teil der Strategien gegen Rechtsextremismus

III. Schulische Konzepte gegen Rechtsextremismus

Die Debatten um 'Jugend und Rechtsextremismus' in den neunziger Jahren haben die Suche nach pädagogischen Präventions- und Interventionskonzepten spürbar intensiviert[5]. Mit Blick auf die Institution Schule wurde deutlich, dass Lehrerinnen und Lehrer durchaus vielfältige Möglichkeiten besitzen, etwas gegen Rechtsextremismus zu tun, dass diese aber häufig nicht genügend genutzt werden. Die schulischen Möglichkeiten liegen vorrangig im präventiven Bereich, indem dem sozialen, demokratischen und interkulturellen Lernen im Schulalltag gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird. So lassen sich für die schulische Präventionsarbeit vor allem folgende unterrichts- und schulspezifischen Handlungskonzepte erkennen:

- Erfahrungslernen in einer demokratischen Schulkultur: Durch die Einbeziehung der Schüler in die Gestaltung von Schule und Unterricht lernen Kinder und Jugendliche, Verantwortung zu übernehmen, andere Meinungen zu achten, Kompromisse zu schließen und gewaltfreie Konfliktlösungen zu finden. Dazu dienen auch spezielle Programme zum sozialen Lernen oder zur Streitschlichtung.

- Förderung politischer und ethischer Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz: Politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit bleibt weiterhin eine der Hauptaufgaben der Schule. Diese darf sich allerdings nicht in Belehrungen erschöpfen, vielmehr muss Schule selbst zum demokratischen politischen Handeln in der Schule und ihrem Umfeld anregen. Hierzu können die verschiedenen Fächer, aber auch die Projektarbeit, internationale Kontakte und das Schulleben insgesamt viel beitragen. Als fächerübergeifende Aufgabe hat politische Bildung eine wichtige Aufklärungsfunktion, indem sie die Erfahrung vermittelt, dass es in einer komplexen Welt erkennbare Strukturen und Zusammenhänge gibt, die zu beeinflussen sind.

- Immunisierende Einsichten vermitteln: Wirksamer als konkrete Unterrrichtseinheiten zum Thema 'Rechtsextremismus' ist die Vermittlung von Einsichten und Erkenntnisse über Gesellschaft und Politik, die rechtsextremen Denkweisen widersprechen und so immunisierend wirken bzw. bei rechtsorientierten Jugendlichen kognitive Dissonanzen stiften können. Dazu bedarf es bestimmter Grundqualifikationen, z. B. Empathiefähigkeit (Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel), Rollendistanz (kritische Prüfung zugemuteter Anforderungen), Ambiguitätstoleranz (Fähigkeit zum Ausbalancieren uneindeutiger Situationen) und kommunikative Kompetenz, die Schule befördern kann.

- Interkulturelles Lernen fördern: Schule kann viel dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Kulturen gemeinsam miteinander und voneinander lernen. Dies darf sich nicht nur auf gemeinsame Feste beschränken, sie muss vielmehr auf individuelle, auch problematische Erfahrungen in der Gesellschaft reagieren. Die Palette der Projekte gegen Fremdenfeindlichkeit ist vielfältig und reicht von der Beschäftigung mit anderen Ländern im Unterricht bis zur Verleihung des Prädikats 'Schule ohne Rassismus'.

- Mit rechtsorientierten Schülern im Gespräch bleiben, Widerpart sein: Verweigerung von Gesprächsbereitschaft führt zur Verfestigung des rechtsextremen Weltbildes, weil den Schülern erneut das Gefühl vermittelt wird, nicht ernst genommen zu werden. Gesprächsbereitschaft heißt aber nicht Nachgiebigkeit in der Sache. Lehrer müssen vorleben, wie Konfrontation in der Sache mit persönlichem Respekt vereinbar sind.

- Das Sozialklima und die Lernkultur entwickeln: Dadurch werden die Gemeinschaft gefördert und soziale Bindungen hergestellt. Dazu bedarf es der Entwicklung sozialer Kompetenzen sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern. Differenzierte Arrangements für Lernen und Erfahrung können überhöhten Leistungsdruck vermeiden helfen und Ausgrenzungen sowie Schulversagen verhindern.

In diesem Zusammenhang sind auch aktuelle Befunde der schulbezogenen Gewaltforschung von Bedeutung, die nachdrücklich belegen, wie eng der Zusammenhang zwischen dem Schulklima und der schulischen Gewaltbelastung ist[6]. Auch für den Rechtsextremismus kann deshalb angenommen werden, dass eine 'gute Schule' weniger Probleme mit Rechtsextremismus aufweist. In diesem Sinne ist eine erfolgreiche Schulentwicklung zugleich auch wirksame Rechtsextremismusprävention. Die Befunde machen zugleich deutlich, dass Schule angehalten ist, Prozesse der Identitätsbildung der Schüler stärker in den Vordergrund zu rücken. In Zeiten zunehmender Individualisierung bedarf es vor allem ich-starker Jugendlicher, die es gelernt haben, mit Konflikten umzugehen und die es nicht nötig haben, ihre Identität durch Gewalt gegenüber Schwächeren zu behaupten. Da Schule jedoch größere Erziehungsdefizite kaum kompensieren kann, ist sie auf die Kooperation mit anderen Partnern wie Familie, Jugendhilfe, Vereine, Kommune usw. angewiesen.

Fußnoten

5.
Vgl. H. Schneider (Anm. 7), S. 63 ff.; Franz Josef Krafeld, Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit. Konzepte, Erfahrungen, Analysen aus der Arbeit mit rechten Jugendcliquen, Opladen 1996; Kurt Möller, Pädagogische Strategien im Umgang mit rechtsextremistischen Orientierungen, in: Gerd Brenner/Benno Hafeneger, Pädagogik mit Jugendlichen, Weinheim-München 1996, S. 159-171.
6.
Vgl. Forschungsgruppe Schulevaluation, Gewalt als soziales Problem an Schulen, Opladen 1998; Klaus-Jürgen Tillmann u. a., Schülergewalt als Schulproblem, Weinheim-München 1999.