Soziale Medien, also Onlineplattformen, auf denen sich Nutzerinnen und Nutzer miteinander vernetzen und Inhalte jeglicher Art privat oder öffentlich teilen können, stehen seit einiger Zeit deutlich in der Kritik. Insbesondere in Bezug auf Minderjährige, die spätestens mit ihrem ersten Smartphone häufig auch eigenständigen Zugang zu Social Media-Angeboten haben, rücken die problematischen Seiten dieser Medien deutlicher in den Blick, darunter: die Verbreitung von Desinformation und problematischem Content, die suchtfördernden Algorithmen sowie die Entstehung von Filterblasen und verschärfte Dynamiken sozialer Polarisierung und Ausgrenzung. Vor diesem Hintergrund werden in Deutschland wie auch in weiteren Ländern derzeit unterschiedliche Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum diskutiert – allen voran das sogenannte „Social Media-Verbot“, also die Frage, ob Kindern und Jugendlichen der Zugang zu sozialen Medien ganz oder gestaffelt nach Alter verwehrt werden sollte. Während die einen mit einem unmittelbar notwendigen präventiven Schutz von Heranwachsenden für ein – abgestuftes – Zugangsverbot argumentieren, sehen andere genau darin ein Problem, Kinder und Jugendliche von einem längst etablierten digitalen Sozialisations- und Beziehungsraum per se auszuschließen. Viele Stimmen plädieren dafür, vor allem die privatwirtschaftlichen Anbieter sozialer Plattformen stärker zu regulieren, Eltern in ihrer Medienerziehung zu stärken und die flächendeckende Vermittlung von Medienkompetenzen an Schulen voranzutreiben (siehe Beitrag: Interner Link: Social Media und Jugendliche. Warum ein Verbot zu kurz greift.)
Wie stehen Erwachsene in Deutschland zu einem Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche? Bis zu welchem Alter halten sie ein solches für sinnvoll? Und welche alternativen Maßnahmen jenseits eines Verbots erachten sie als vielversprechend? Diese Fragen stellten Forschende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW), des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) sowie der Universität Münster insgesamt 2.685 Personen im Rahmen einer repräsentativen Online-Befragung auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Das SOEP ist eine seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 unter Einbezug Ostdeutschlands jährlich durchgeführte Befragung von rund 20.000 privaten Haushalten in Deutschland.
Wie in der Grafik zu sehen ist, hält mit Blick auf ein nach Alter gestaffeltes Nutzungsverbot sozialer Medien eine deutliche Mehrheit der Erwachsenen ein generelles Verbot für Kinder bis 12 Jahre für geeignet, um sie vor etwaigen Gefahren zu schützen (71 Prozent "eher" und "voll und ganz"). Dabei ist etwas mehr als ein Drittel der Befragten voll und ganz von dieser Maßnahme überzeugt (34,2 Prozent), ein etwas größerer Anteil findet sie „eher“ sinnvoll (36,8 Prozent). Demgegenüber sieht jede fünfte befragte Person ein solches Verbot skeptisch oder lehnt es ganz ab (20,2 Prozent), wobei der Anteil jener, die „eher nicht" zustimmen überwiegt (15,8 Prozent). Ein generelles Nutzungsverbot bis 16 Jahre lehnt eine knappe Mehrheit der Erwachsenen hingegen ab (50,4 Prozent), wobei unter ihnen jene Stimmen überwiegen, die dies „eher nicht" befürworten (34,4 Prozent). Lediglich ein Drittel aller Erwachsenen spricht sich für ein generelles Nutzungsverbot für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre aus (33,4 Prozent "eher" und "voll und ganz"), wobei die meisten unter ihnen „eher" zustimmen (23,4 Prozent). Die Gruppen unentschiedener Personen ist hier unter allen abgefragten Maßnahmen am größten (16,4 Prozent). Ein generelles Nutzungsverbot sozialer Medien im Schulalltag wäre einer Mehrheit der Befragten zufolge eine sinnvolle Maßnahme zum Schutz von Kindern und Jugendlichen (59,1 Prozent "eher" und "voll und ganz"); mehr als jede vierte Person stimmt dieser Maßnahme „voll und ganz“ zu (27,1 Prozent), gut ein Drittel von ihnen „eher“ (32,0 Prozent). Deutlich weniger Erwachsene lehnen ein generelles Social Media-Verbot an Schulen eher (20,8 Prozent) oder sogar ganz ab (7,9 Prozent).
Nach alternativen Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche gefragt, die bei Anbietern von Social Media-Plattformen, der Rolle der Eltern oder der Förderung von Medienkompetenzen ansetzen, zeigt sich ein weit weniger gespaltenes Bild. Mit 94,9 Prozent Zustimmung („eher“ und „voll und ganz“) sehen Erwachsenen am meisten die Eltern in der Verantwortung, stärker darauf zu achten, wie ihre Kinder soziale Medien nutzen. Ein ebenso unabdingbarer Schutzfaktor ist für fast alle Befragten eine bessere Schulung der Medienkompetenzen von Kindern und Jugendlichen (93,8 Prozent). Dass Anbieter sozialer Medien stärker in die Pflicht zu nehmen sind, beleidigende Inhalte zu löschen (94 Prozent) und problematischen Content zu entfernen (93,2 Prozent) befürworten etwa ebenso viele Befragte insgesamt, wobei diesen Maßnahmen von allen abgefragten Optionen die mit Abstand meisten Personen „voll und ganz“ zustimmen (Löschung beleidigender Inhalte: 81 Prozent; Löschung von problematischem Content: 77,7 Prozent). Deutliche Mehrheiten der Befragten unterstützen zudem weitere Maßnahmen aufseiten der Anbieter, etwa die Einrichtung von Basisaccounts mit reduziertem Funktionsumfang für Heranwachsende (88,1 Prozent „eher“ und „voll und ganz“) oder die Pflicht, dass Plattformen gegensteuern, sobald Kinder und Jugendliche wiederholt extremistische oder körperidealisierende Inhalte konsumieren (87,9 Prozent „eher“ und „voll und ganz“).