Meine Merkliste

Simone Rafael: Wichtig ist, dass Rassismus und Hass nicht unwidersprochen stehen

Rechtsextremismus Was ist Rechtsextremismus? Rassismus Was ist eigentlich Rassismus? Rassen? Gibt's doch gar nicht! Warum ist es so schwer, von Rassismus zu sprechen? Alltagsrassismus Rassentheorien und Rassismus in Asien im 19. und 20. Jahrhundert Infografik Rassismus Verschwörungstheorien Jüdische Weltverschwörung, UFOs und das NSU-Phantom Die Reichsideologie Die Protokolle der Weisen von Zion Debatte: Extremismustheorie Der Extremismusbegriff Kritische Anmerkungen zum Extremismuskonzept Weiterführende Literatur Ideologie Rechtsextreme Einstellungen Zur Entwicklung des Rechtsextremismus in Deutschland Was denkt die NPD? Rechtsextremismus: die internationale Debatte Intellektueller Rechtsextremismus Muslimfeindlichkeit Islamfeindlichkeit, Islamophobie, Islamkritik Interview Hafez Muslimfeindlichkeit als rechtsextremes Einfallstor Virtuelle Kreuzritter Konkurrenz der Leidtragenden Quellentext: Islamfeindlichkeit und Antisemitismus ähneln einander Antisemitismus Antisemitismus im Rechtsextremismus Antisemitismus heute Interview mit Marina Chernivsky Antisemitismuskritische Bildungsarbeit Die AfD und der Antisemitismus Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland Ungezählte Opfer Wie organisieren sich Rechtsextreme? Internationale Netzwerke Die Eurasierbewegung und die Neue Rechte Die APF: Europas rechtsextremer Rand Rechtsextreme US-Szene Wie Russland den rechten Rand in Europa inspiriert Globalisierte Anti-Globalisten Die Identitären Neonazis in Russland Hammerskins Kampfsport, Runen, Rassenhass Rechtsextremistische Parteien in Europa NPD Mehr als 50 Jahre rechtsextrem Das Parteiprogramm der NPD Frauen in der NPD Radikal besorgte Bürger Wer wählt eigentlich rechtsextrem? NPD-Taktiken Das Potenzial der NPD NPD-Verbot und Parteienfinanzierung Autonome Nationalisten Turnschuhe statt Springerstiefel "Dortmund ist unsere Stadt" Aussteigerinterview Webtalk: Autonome Nationalisten Rechtsextreme Parteien in Europa Rechtsextreme Szenen und Medien Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft Interview mit Eberhard Seibel Heimatliebe, Nationalstolz und Rassismus Graue Wölfe Nationalismus und Autoritarismus auf Türkisch Antisemitismus bei Muslimen Russlanddeutsche GMF bei Polnischstämmigen Debatte: "Deutschenfeindlichkeit" Jugendkulturen Runen gestern, heute, morgen Jugendkulturen im Wandel Codes der rechtsextremen Szene Interview mit Christoph Schulze Tipps für Jugendeinrichtungen Burschenschaften Kameradschaften Neonazis hinter weißen Masken Kameradschaften im Visier Einführung Jugendkultur Kampfsport Was liest der rechte Rand? Geschichte der rechtsextremen Presse Gegenöffentlichkeit von rechtsaußen Der rechte Rand: Verlage Der rechte Rand: Publikationen Audio-Slideshow Männer Männliche Überlegenheitsvorstellungen Homosexualität Rechtsextreme Männerbilder Soldatische Männlichkeit Burschenschafter Audio-Slideshow Musik Die neonazistische Musik-Szene Neue Töne von Rechtsaußen Rechtsrock für's Vaterland Rechtsrock: Millionen mit Hass Verklausulierte Volksverhetzung Interview mit David Begrich Elf rechte Bands im Überblick Frauen Auf die sanfte Tour Feminismus von rechts Rechte Aktivistinnen Frauen in der NPD Rechtsradikale Frauen Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen Frauen im rechtsextremen Spektrum Aussteigerinnen Nazis im Netz Roots Germania Neonazis im Netz Das braune Netz Neonazis im Web 2.0 Zocken am rechten Rand Rechtsextremismus und Presse Interview mit Ulrich Wolf Der NSU und die Medienberichterstattung Umgang mit Leserkommentaren Ein kurzer Ratgeber für Journalisten Krimi gegen Rechts Tonangebende rechtsextreme Printmedien Wenn Neonazis Kinder kriegen Die nächste Generation Hass Umgang mit Kindern von Neonazis Eine Mutter und ihre Kinder steigen aus "Mein Kampf" "Wir wollen den Zünder ausbauen" Helfen Gesetze gegen "Mein Kampf"? Gemeinfrei: "Mein Kampf" Hitlers "Mein Kampf" – ein unterschätztes Buch Rechtsextreme Kampagnen-Themen "Gender" und "Genderwahn" Ökologie Grüne Braune Wie grün waren die Nazis? Interview mit Elisabeth Siebert Debatte: Kommunale Flüchtlingspolitik Nach Köln Flüchtlingsunterkünfte Interview mit Oliver Malchow Was kommunale Flüchtlingspolitik leisten kann – und muss Deutsche Asylpolitik, europäischer Kontext Wer erhält welches Asyl? "Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber …" – Ein Faktencheck Anstoß in der Kreisklasse Handlungsspielraum der Kommunen Meinung: Die Probleme waren schon vor den Flüchtlingen da Meinung: Kommunale Flüchtlingspolitik aus der Sicht des Bundes Meinung: Probleme und Lösungswege in der kommunalen Flüchtlingspolitik Meinung: Flüchtlingsarbeit in den Kommunen – Eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft TwitterChat: Kommunale Flüchtlingspolitik Fußball Judenhass im Fußball Film: Rechtsextremismus und Diskriminierung in deutschen Fußballstadien Interaktiver Webtalk: Über den rechten Flügel – Neonazis und Fußball Fußball und Rechtsextremismus Interaktive Grafik: Rechtsextreme Vorfälle in Fußballstadien Angriff von rechtsaußen Rechtsextreme BVB-Fans Audio-Interview: Martin Endemann über Rassismus im deutschen Fußball Audio: Ronny Blaschke über rechte Fangesänge im Stadion Vereine und Verbände Grauzonen Die "Neue Rechte" Interview mit Maren Brandenburger Der rechte Rand des politischen Systems der Bundesrepublik Die völkische Bewegung Die Junge Freiheit Das Institut für Staatspolitik Völkische Jugendbünde Die "Neue Rechte" in der Bundesrepublik Querdenken und Verschwörungserzählungen in Zeiten der Pandemie Rechtsextreme Gewalt Rechtsextreme Gewalt Angriff auf die Lokalpolitik Rechtsterrorismus Der Einzeltäter im Terrorismus Der Weg zum NSU-Urteil NSU-Verfahren Storify des Chats zu #3JahreNSUprozess Der Anschlag auf Henriette Reker Video: Die migrantische Community und der NSU Der NSU-Untersuchungsausschuss Protokolle NSU-Ausschuss Chat: NSU-Untersuchungsausschuss Interaktive Grafik: Die Taten des NSU Der NSU Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) Die rechtsextreme Szene und der NSU Der Rechtsterrorismus im Verborgenen Chronik des Rechtsterrorismus Rechtsterrorismus in Europa PMK – Methoden und Debatten PMK – Statistiken Opfergruppen und Feindbilder Wo Demokraten gefährlich leben Die Geschichte des Orazio Giamblanco Wohnungslose Menschen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Was ist Sozialdarwinismus? Wer sind die Opfer? Ausstieg Warum und wie aussteigen? Debatte über echten Ausstieg Interview mit Aussteiger Rochow Pädagogische Arbeitsfelder Netzwerke in Norddeutschland Umgang mit Rechtsextremismus Debatte: Soll man mit Neonazis reden? Toralf Staud: Soll man mit Neonazis reden? Cornelius Weiss: Argumentieren auf allen Ebenen Grit Hanneforth: keine Nazis auf Veranstaltungen Stefan Niggemeier: Ablehnung begründen Andreas Hechler: Entscheidend ist der Kontext Klaus-Peter Hufer: Argumente wirken Simone Rafael: Rassismus widersprechen Initiativen und Zivilgesellschaft Debatte: Was tun bei einem rechtsextremen Aufmarsch? Der rechtsextreme "Kampf um die Straße" Wolfgang Thierse: Wir müssen den öffentlichen Raum gegen die Besetzung durch Rechtsextreme verteidigen Hans-Ernst Böttcher: Man muss nur das Recht anwenden … wollen! Anna Spangenberg: Erfolgreich rechtsextreme Aufmärsche verhindern Herbert Trimbach: Versammlungsfreiheit ist ein Menschenrecht Politische Konzepte Wie sag ich Dass Auschwitz sich nie wiederhole... Denkanstöße aus dem Kanzleramt Bildung, Bildung, Bildung NPD trockenlegen? Wie kann Aussteigern geholfen werden? Interview MVP Forderungen von Projekten an die Politik HDJ-Verbot Strategien im Umgang mit der NPD in Parlamenten Noch mehr Vorschläge Schule Hakenkreuze an der Tafel Interview Reinhard Koch Analyse Albert Scherr Aufsatz Scherr / Schäuble Schülerzeitung Martinshorn Neonazis auf SchülerVZ Studie Uni-Seminar Was können Schülerinnen und Schüler tun? Strategien Offener Brief an einen Oberbürgermeister Wie man Hakenkreuze kreativ entschärfen kann Gewalt vermeiden, aber wie? Parolen parieren! Was tun als Opfer rechter Gewalt? Engagement – lohnt das denn? Guter Rat, wenn Nazis stören Rezepte gegen Rechtsextremismus Argumente gegen rechte Vorurteile Vom Hass verabschieden Marke gegen Rechtsextremismus Und Du? Podcasts und Audios Glossar und FAQs Videos und Bilderstrecken Redaktion

Simone Rafael: Wichtig ist, dass Rassismus und Hass nicht unwidersprochen stehen

Simone Rafael

/ 6 Minuten zu lesen

Ein ganz klares Nein – mit Neonazis redet Simone Rafael von der Amadeu Antionio Stiftung nicht. Solange die nur pöbeln, bedrohen und niederschreien wollen. Allerdings argumentiert sie gegen ihre Positionen.

Simone Rafael arbeitet für die Amadeu Antonio Stiftung. Ihr neuestes Projekt heißt "no-nazi.net – Für soziale Netzwerke ohne Nazis". (© AKSB e.V.)

Mit Neonazis und Rechtspopulist_innen zu reden macht richtig schlechte Laune. Sie hören nicht zu. Sie wollen nicht diskutieren. Sie wollen keine Argumente abwägen, kein reflektiertes Urteil fällen. Sie wollen provozieren, anpöbeln, bedrohen, niederschreien, ihre Ideologie verbreiten und ihre Aggressionen abladen bei jemandem, den sie als politischen Gegner oder einfach als hassenswerten Untermenschen ansehen. Wenn ihnen zu einem Thema nichts mehr einfällt, machen sie einfach ein nächstes auf, und die Predigt geht von vorne los. Sie wollen Minderheiten und Andersdenkende mundtot machen, ermüden, entmutigen. Immer wieder bringen sie die gleichen Ideologie-Versatzstücke, die sie als "Copy & Paste" bei "Vordenkern" der Szene aufgeschnappt haben. Das ist nicht nur dumm, sondern auch noch langweilig. Nein, ich möchte nicht mit Nazis und Rechtspopulist_innen reden. Wirklich nicht.

Das Dumme ist nur – sie wollen mit mir reden

Ich arbeite bei der Amadeu Antonio Stiftung, die Demokratiearbeit stärkt, Netzwerke der Zivilgesellschaft bildet, Engagierte unterstützt. Nazis sind darüber nicht amüsiert, denn wir arbeiten gegen all ihren Hass, und dabei binden wir sie nicht ein, wir arbeiten parteilich auf der Seite derjenigen, die von Neonazis angegriffen und bedroht werden, die sich für eine Gesellschaft stark machen, in der Vielfalt und Gleichwertigkeit gelebt werden können. Trotzdem kommen Nazis immer wieder zu unseren Veranstaltungen.

In Mecklenburg-Vorpommern moderierte ich eine Veranstaltung, bei der die lokalen Neonazis demonstrativ vor der Tür des Veranstaltungsraums herumlungerten. Allerdings nicht, weil sie mitreden wollten. Sie wollten Menschen abschrecken, die Veranstaltung zu besuchen. Zum Glück sind die Engagierten in Mecklenburg-Vorpommern ziemlich taff und haben wenige Ängste, weil ihre Namen eh bekannt sind, genau wie die der Neonazis. Als ich die Neonazis ansprach, lokal bekannte NPD-Kader, wurden sie laut, kamen mir nah, brüllten von ihren Rechten in der Demokratie, und meinten doch nur Gewalt und Bedrohung. Wir konnten die NPD-Aktivisten dann mit Hilfe freundlicher Sicherheitskräfte zumindest auf der anderen Straßenseite positionieren. Mit solchen Neonazis reden, ihnen gar bei einer öffentlichen Veranstaltung ein Podium bieten? Nein. Sie machen die lösungsorientierten Gespräche der gesprächsbereiten Menschen kaputt. Sie halten sich nicht an demokratische Spielregeln und stellen sich selbst außerhalb des demokratischen Konsenses. Sie wollen nicht reden, sie wollen nur bedrohen. Oder sie versuchen, das Klima eines Ortes zu bestimmen, wenn man sie lässt. Wer gekippten öffentlichen Diskussionsrunden um die Unterbringung von Geflüchteten zusieht, weiß: Wenige, geschickt positionierte Neonazis und Rassist_innen, die sich viel zu Wort melden, reichen völlig aus, um die Stimmung einer ganzen Veranstaltung zu bestimmen. Vor allem, wenn sie unvorbereitete Moderator*innen gewähren lassen. Also: Neonazis raus aus Veranstaltungen, auf denen sie nur stören wollen – denn das ist ja ihre Strategie, verbreitet schon seit den 1990er Jahren: Die Wortergreifungsstrategie.

Noch mehr Kontakt in der virtuellen Welt

Hauptsächlich arbeite ich aber in der virtuellen Welt. Ich betreibe dort eine Internetseite mit angeschlossenen Social-Media-Seiten bei Facebook, Twitter, Jappy, Tumblr, Google+ und Instagram. Meiner Meinung nach heißt unsere journalistische Internetplattform "Netz gegen Nazis", aber wenn ich mir manchmal die Kommentare in sozialen Netzwerken angucke oder meine persönlichen Nachrichten oder mein Email-Postfach, dann heißt unsere Seite für Neonazis offenbar "Netz für Nazis, die mal mit Andersdenkenden diskutieren wollen" oder "Netz für 'Ich bin kein Rassist, aber'-Rassist_innen, die mal gucken wollen, wie viel Rassismus wir durchgehen lassen". Kurzum: Als wir 2009 unsere allererste Social-Media-Seite, damals noch auf Schüler-VZ, aufmachten, waren gleich die ersten zwei Einträge auf der Pinnwand von offenen Rechtsextremen: "Sieg Heil, Ihr Opfer! 88!"

Solche offen rechtsextremen Postings werden bei uns gelöscht. Wenn sie nachts geschehen und sich unsere Community schon an ihnen abgearbeitet hat, lasse ich die Diskussion manchmal zu Anschauungszwecken stehen. Wenn mich Jungneonazis antwittern, während ich gerade online bin, habe ich manchmal Lust, argumentativ mit ihnen zu spielen, aber das ist dann mehr ein Kräftemessen. Mit Neonazis diskutieren bringt auch online nichts, denn sie hören auch dort nicht zu, sie lassen keine Belege gelten, gehen selten auf Argumente ein. In anderen Communities, in denen Neonazi-Beiträge nicht gelöscht werden, weil man es als Teil des redaktionellen Auftrags versteht, alle Kommentare zuzulassen, empfehle ich: Sich nicht von den Neonazis im eigentlichen Gespräch stören lassen. Statt mit ihnen in der Argumentation Lebenszeit zu verlieren, sich gegen ihre hasserfüllte, rassistische, menschenfeindliche Aussage positionieren, sie benennen, gegebenenfalls widerlegen – und dann weitermachen mit den lösungsorientierten, sinnvollen Gesprächen.

Gespräche im Internet sind aber oft sehr uneindeutig. So mancher rassistisch, demokratiefeindlich oder beleidigend klingende Post ist nur eine ungeschickte Formulierung, ein verunglücktes Dampf-Ablassen, dessen Rassismen oder Beschimpfungen sich auch korrigieren lassen. Wenn man dann in die Auseinandersetzung geht, kann ein Gespräch zum Beispiel folgendermaßen aussehen: "Ihr Gutmenschen-Idioten, wie soll man sich denn schützen gegen kriminelle Flüchtlinge?" "Wir sind keine Gutmenschen-Idioten, sondern arbeiten für eine demokratische Alltagskultur, die allen eine Teilhabe ermöglicht. Flüchtlinge sind auch generell eher nicht kriminell. Haben Sie eine Frage?" "Oh, Sie antworten mir? Ja dann, Entschuldigung. Können Sie mir denn sagen, wie ich mich hier vor Ort über Pläne für das neue Flüchtlingsheim informieren kann? Ich kenne nur die Gerüchte aus den Supermarkt-Gesprächen hier. Aber ich mache mir schon Sorgen." "Vielleicht engagieren Sie sich ja in der Flüchtlingshilfe, dann können Sie sich selbst ein Bild machen über die Menschen, die in ihren Ort kommen." "Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht haben Sie Recht?" Da es also auch so ablaufen kann, antworte ich deshalb auf Pöbeleien gern erst einmal mit Fragen. Oft verrät schon die erste Antwort, ob es ein sinnvolles Gespräch werden kann – oder eben nicht. Denn wenn geäußert wird, dass man ja als Frau das Haus nicht mehr verlassen könne, wenn im Ort ein Flüchtlingsheim eröffnet würde, gilt es immer abzuwägen – ist das noch eine real gefühlte Angst, die ich mit Argumenten entkräften kann, oder ein pures Nachplappern rassistischer Ressentiments aus dem Internet? Für die Unentschlossenen, die Suchenden wollen wir ja ansprechbar sein.

Außerdem gibt es auf Blogs, in Kommentarspalten und in den sozialen Netzwerken noch einen weiteren Grund, auf Rassismus, Politiker_innen-Schelte und Demokratiefeindlichkeit einzugehen, statt darüber hinweg zu lesen: Es gibt dort stets nicht nur den postenden Aggressor, sondern auch eine große, schweigende, mitlesende Öffentlichkeit. Dieser gegenüber ist es sinnvoll, zu argumentieren oder sich zumindest zu positionieren, Rassismus zu benennen, sich gegen Vorurteile und Hass auszusprechen, an Netiquette, Diskussionsregel oder gegebenenfalls Strafgesetze zu erinnern. Bestenfalls lassen sich sogar Teile dieser schweigenden Mitleserschaft aktivieren, wenn man sie anspricht ("Sehen das hier alle so?"). Doch selbst wenn nicht: Wichtig ist, dass Rassismus, Huldigungen des Nationalsozialismus oder Hass nicht unwidersprochen stehen. Denn wer schon einmal versucht hat, Rechtsextreme einfach machen zu lassen und zu hoffen, dass sie dann aufhören, der wird festgestellt haben: Stattdessen freuen die sich über den vermeintlichen Raumgewinn für ihre Ideologie und nutzen die Situation, um immer mehr und immer krassere Dinge zu posten, ihre Ideologie zu feiern. Es ist wie bei rechtsextremen Demos: Einige Gemeinden haben versucht, sie in menschenleeren Straßen laufen zu lassen und Gegenproteste zu unterbinden – in der Hoffnung, die mangelnde Aufmerksamkeit würde die Neonazis entmutigen. Stattdessen folgte Anmeldung auf Anmeldung, denn in Städten mit Gegenprotest oder gar Blockaden sind Nazi-Demos viel unbequemer und frustrierender.

In der Publizistik gibt es die Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann: Wer glaubt, dass die Mehrheit der Menschen andere Dinge denkt als man selbst, traut sich oft nicht mehr, die eigene Meinung zu äußern. Deshalb sollten wir, auch wenn es bisweilen anstrengend ist, gemeinsam aktiv und argumentativ daran arbeiten, dass es weder auf Veranstaltungen noch in sozialen Netzwerken so wirkt, als wären plötzlich so viele Menschen rassistisch, antisemitisch oder islamfeindlich, dass sich die vernünftigen Menschen nicht mehr trauen, sich am Gespräch zu beteiligen. Der Einsatz lohnt sich für die Unentschlossenen, für die Minderheiten, die angegriffen werden, und für das Klima in den sozialen Netzwerken und in der Gesellschaft.

Simone Rafael arbeitet als freie Journalistin. Sie schreibt u.a. für die Amadeu Antonio Stiftung in Berlin. Die Absolventin der Henri-Nannen-Schule in Hamburg konzipierte 2003 die Website www.mut-gegen-rechte-gewalt.de.