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Instrumente völkischer Metapolitik Denkstil, Agitation, Symbole

Uwe Puschner

/ 7 Minuten zu lesen

‚Völkisch‘ ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde. Der Text blickt zurück auf die Anfänge der Völkischen Bewegung und gibt einen Überblick zu Geschichte, Weltanschauung sowie den Agitationsmethoden.

„Heimland“ war eine lebensreformerisch geprägte völkische Genossenschaftssiedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts für mehr als ein Jahrzehnt in Brandenburg bestand.

‚Völkisch‘ diente seit dem Ende der 1890er-Jahren als Adjektiv zur Eigenbezeichnung einer sich dynamisch formierenden radikalnationalistischen Bewegung. In den 1920er-Jahren war das Adjektiv bereits in Sprache und Gesellschaft etabliert. Völkisch stand, wie es 1930 in Meyers‘ Konversations-Lexikon hieß, für „politisch […] ‚streng rechts‘ mit stark antisemitische[m] Einschlag“ oder, wie Der Große Brockhaus vier Jahre später präziser ausführte, für einen „auf dem Rassegedanken begründeten und daher entschieden Interner Link: antisemitischen Nationalismus“. Damit ist nicht nur die Interner Link: völkische Bewegung mit ihren verschiedenen Flügeln und zahlreichen Organisationen ideologisch zutreffend verortet, sondern zugleich der Wesenskern der völkischen Weltanschauung pointiert beschrieben.

Die Epoche

Die völkische Bewegung zählt zu den markanten Signaturen des wilhelminischen Kaiserreichs (1888-1918) und mehr noch der Weimarer Republik (1918-1933). Es waren Jahrzehnte des beschleunigten ökonomischen, technologischen, sozialen, gesellschaftlichen und politischen Wandels wie auch vielfältiger Umbrüche, existenzieller Krisen und gravierender Not. Die Zeitgenossinnen und vor allem die Zeitgenossen reagierten darauf mit Verunsicherung, mit Ängsten und nicht zuletzt auch mit Aggression und mit Gewalt. Orientierung versprechende Angebote – wie etwa Gegenwartsdeutungen, nationale Geschichtsverklärungen und Zukunftsutopien – von selbstberufenen Heilsbringern erlebten in diesen nervösen Zeiten eine Hochkonjunktur. Auf diesem Nährboden konnten die Völkischen wirken und ihr vermeintlich verheißungsvolles Sinnstiftungsangebot anbieten. Unterstützung suchten sie weitgehend bei Männern der gebildeten Mittelschicht. So fanden sie ihre Sympathisanten und Parteigänger vornehmlich im gewerblichen Mittelstand, unter den Angestellten und den Vertretern der freien Berufe, in der Lehrerschaft, im universitären Umfeld insbesondere bei den Mitgliedern der Burschenschaften und unter den Professoren sowie auch im Adel, vor allem im niederen Adel. Begleitet von subtilen Agitationsmethoden verfing bei dieser Klientel ihr genuiner Denkstil.

Völkischer Denkstil

Charakteristisch für den völkischen Denkstil ist sein striktes antagonistisches Prinzip, das nur Gut und Böse, Freund und Feind, Eigenes und Fremdes kennt. Die Gegenwart wurde verzeichnet, geprägt von vermeintlich elementaren Bedrohungen und dargestellt in bewusst auf Ängste setzenden dämonischen, mitunter apokalyptischen Feindbildern. Dem gegenübergestellt wurde eine imaginierte gloriose, von Überlegenheit über andere Völker und Kulturen gekennzeichnete und von der eigenen Auserwähltheit beseelte Interner Link: germanisch-deutsche Vergangenheit. Damit verbunden wurde die Prophezeiung einer daran potenziell wieder anknüpfenden Zukunft.

Voraussetzung für die beschworene völkische Wiedergeburt waren zum einen die Aufgabe der „Ideen von 1789“ (liberté, égalité, fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und der konsequente Bruch mit den Errungenschaften der Aufklärung, mithin die entschiedene Abkehr von Empathie, allgemeinen Menschenrechten, Toleranz, Liberalismus, Demokratie und Kosmopolitismus. Zum anderen waren es die Verpflichtung auf Interner Link: rassistische, Interner Link: sozialdarwinistische, antihumanistische, illiberale wie u.a. auch Interner Link: antifeministische Grundsätze. Zusammen bildeten beide Grundsätze die dualistische Richtschnur für das allumfassende Regenerationsprogramm für Volk, Gesellschaft und Staat. Völkische Siedlungen auf dem Land sollten den Bewegungsstrategen zufolge Keimzellen für die Umsetzung der Programmatik, für die rassisch-kulturelle Reconquista des Deutschen Reiches und für die Verwirklichung des Projekts eines völkischen Staates sein.

Instrumente und Strategien völkischer Agitation

Die Produzenten und Multiplikatoren der völkischen Weltanschauung können vor diesem Hintergrund mit gegenwartsaktuellen Attributen als „Polarisierungsunternehmer“ (Steffen Mau), desgleichen als „Angst-Unternehmer“ (Oliver Luksic) wie auch als „versierte Gefühlsingenieure“ (Ute Frevert) charakterisiert werden. Ihr komplexitätsreduzierter antagonistischer Denkstil zielte auf Emotionen wie Angst, indem Sprachbilder und Szenarien wie „Deutschendämmerung“ oder „Fremden-Gefahr“ konstruiert wurden.

Desgleichen waren Interner Link: Verschwörungserzählungen Bestandteil der völkischen Weltanschauung, etwa die von den „überstaatlichen Mächten“ oder von den „jüdischen Weltherrschaftsplänen“. Sie wurden völkischer Überzeugung zufolge in erster Linie für die grell verzeichnete Gegenwart verantwortlich gemacht und würden ohne konsequente Gegenmaßnahmen eine bleibende Bedrohung darstellen. Diese irrealen, pathologischen Bedrohungsnarrative fanden ihren Ausdruck in einer vorwiegend verbalen Aggressivität, in einer mit Worten, Begriffen und Parolen enthemmenden Sprache der Hetze und des Hasses, der Vorstufe zu physischer Gewalt.

Den Völkischen ging es darum, mit einem kalkuliert eskalierenden Denkstil, der auf Ressentiments, Feindbilder und soziokulturelle Katastrophen fixiert war, ihre Zielgruppen zu infizieren. Hierzu bedienten sie sich ebenfalls inhumaner Kampfbegriffe wie auch der Aneignung und ideologiegemäßen Umdeutung von gegenwartsaktuellen Themen und Entwicklungen. Darüber hinaus war es ihr Bestreben, über die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung hinaus die Diskurshegemonie im vorpolitischen Raum zu erlangen und das gesellschaftliche wie politische Klima prägend zu verändern. Diese Strategie wird von neurechten Nachfahren im Anschluss an Interner Link: Alain de Benoist als Metapolitik bezeichnet und praktiziert.

Publizistik

Die metapolitische Strategie der Völkischen fußte einerseits auf unzähligen, lose vernetzten Organisationen. Andererseits stützten sie sich auf ein prosperierendes Verlagswesen mit einer jährlich exorbitanten Buch-, Broschüren- und Flugblattproduktion und einer vielfältigen, alle Gesellschaftsbereiche erfassenden Medienlandschaft. Neben Vortragsveranstaltungen und in den 1920er-Jahren auch demonstrativen Auftritten im öffentlichen Raum wie Aufmärschen, fungierten vor allem diese gängigen öffentlichkeitswirksamen, massenhaft produzierten Vermittlungsmedien als verbreitete Propagandainstrumente. Innerhalb der Bewegung trugen sie dazu bei, die Gesinnung zu festigen. Sie vermittelten den Anhängern die Überzeugung, dass die in sich geschlossene Weltanschauung richtig sei und festigten nicht zuletzt das Denkkollektiv sowie dessen elitäres Selbstverständnis und ausgeprägtes Sendungsbewusstsein.

Parallel wurden die etablierten Medien als Interner Link: „Lügenpresse“ bzw. während der vehement abgelehnten und bekämpften Interner Link: Weimarer Republik als „Systempresse“ oder – dazu in synonymer Verwendung und in Personalisierung des elementaren antisemitischen Feindbildes – als Interner Link: „Judenpresse“ denunziert. Dies geschah in der Absicht, ihr Ansehen als verlässliche und vertrauenswürdige Institutionen von gesicherten Informationen zu delegitimieren. Für völkische Publizisten war es gleichwohl kein Hinderungsgrund, vielmehr im Gegenteil Kalkül, Beiträge in angefeindeten Presseorganen und in renommierten Verlagen zu veröffentlichen. Auf diese Weise sollte der Bewegung und dem völkischen Gedankengut der Anschein von Seriosität verliehen und dem bewegungsfernen Publikum wiederum die vermeintliche Plausibilität der völkischen Agenda suggeriert werden.

Wissenschaftlichkeit

Die Akteure der völkischen Bewegung gaukelten Wissenschaftlichkeit und wissenschaftliche Reputation vor, um somit glaubwürdig zu erscheinen und überzeugend zu wirken. Immer wieder suchten sie die weltanschaulichen Absichten zu kaschieren – mithilfe von wissenschaftlichen Praktiken wie Referenzverweisen auf anerkannte Autoritäten, selbstreferentielle Fußnoten und Literaturverzeichnisse mit Beiträgen aus der eigenen Weltanschauungsproduktion. Noch bevor die, den Paradigmen der Weltanschauung verpflichteten, völkischen Wissenschaften 1933 zur nationalsozialistischen Staatsräson wurden, begannen selbsternannte völkische Experten sie als – durchaus erfolgreich in die Öffentlichkeit wirkende – Alternativen zu den etablierten Wissenschaftsdisziplinen zu inszenieren. Die kritische Wissenschaft wurde mit denselben Methoden wie die Presse gezielt diffamiert und delegitimiert. Sie verkannten ihrerseits die Gefahren, die vom pseudowissenschaftlichen Gebaren der Völkischen ausgingen.

Feindbildkonstruktion

Fester Bestandteil im Repertoire der völkischen Agitation waren mit Verleumdungen und Falschbehauptungen verbundene publizistische und verbale Angriffe auf weltanschauliche Gegner (Liberale, Sozialdemokraten, Kommunisten, politischer Katholizismus). Ferner zählten dazu insbesondere und in Analogie zum integralen antisemitischen Feindnarrativ Juden, Jüdinnen und generell das Judentum, dessen Religion, Kultur und Geschichte. Des Weiteren richteten sich die Angriffe, eingebettet in den manifesten Interner Link: Antislawismus, gegen die polnische Minderheit im Deutschen Reich. Nach dem Interner Link: Ersten Weltkrieg galten zudem die in das Verschwörungsnarrativ integrierten Interner Link: Freimaurer als Zielscheibe.

Aus diesen publizistischen Angriffen resultierten wiederholt Prozesse, in denen die Angeklagten aus der völkischen Bewegung den Gerichtssaal als Agitationsbühne nutzten. Mit ihren skandalheischenden Auftritten und Verunglimpfungen, Schmähungen sowie Beleidigungen suchten sie mediale Aufmerksamkeit, um im Nachgang Gerichte und Gesetzgebung als gleichermaßen voreingenommen, willfährig und völkischen Rechtsvorstellungen widersprechend zu diskreditieren. Das provokant-respektlose, Geschäftsordnung und parlamentarischen Gepflogenheiten missachtende, Auftreten völkischer Abgeordneter im Reichstag und in den Länderparlamenten während der Weimarer Epoche folgt demselben Muster. Es ist zugleich Ausdruck der manifesten Demokratiefeindlichkeit und antiparlamentarischen Gesinnung. Erklärtes völkisches Ziel war es, das parlamentarische System von innen heraus anzugreifen, zu destabilisieren und die verhasste Republik zu zerstören.

Völkische Symbolik

Neben dem diskurshegemonialen Sprachhandeln sind für metapolitisches Agieren Symbole kennzeichnend. Sie signalisieren untereinander wie nach außen die Zugehörigkeit zur völkischen Gesinnungsgemeinschaft. Konsensual in der heterogenen völkischen Bewegung von ihrer Entstehung im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an waren der – allerdings nicht wie später im Nationalsozialismus führerpersonalisierte – Heil-Gruß und die Swastika („Hakenkreuz“). Dasselbe gilt, wiewohl weniger auffällig, auch für die Frakturschrift, die für Druckerzeugnisse als die den Deutschen wesensgemäße Schrift obligatorisch verwendet wurde.

Über die Interner Link: Germanenideologie und deren Integration Nordeuropas in den völkischen Geschichts- und Abstammungskosmos erfolgte neben den isländischen und norwegischen Mythen die Aneignung der Runen. Sie wurden einerseits über das grafische und malerische Werk völkischer Künstler verbreitet und andererseits waren sie Bestandteil des völkischen Marketings, etwa in Gestalt von Runenschmuck. Im Interner Link: neopaganen (neuheidnischen) germanengläubigen Segment der völkisch-religiösen Teilbewegung sowie in Interner Link: esoterisch orientierten Gemeinschaften wurden Runen als mit den germanischen Ahnen kommunikativ-verbindende Überlieferungsträger und Heilszeichen angesehen und kamen z.B. im Runen-Yoga zur Anwendung. Wie das Hakenkreuz zählten in der zeitgenössischen öffentlichen Wahrnehmung Runen – und insbesondere in Österreich zudem die Kornblume – zum Pool der völkischen Symbole.

Das gilt auch für die wiederum nur in einzelnen Organisationen gebräuchlichen ‚altdeutschen‘ Monatsnamen und die Bestrebungen, die christliche Zeitrechnung durch Einführung eines germanophilen Datierungssystems zu ersetzen. Hier konkurrierten drei Anschauungen miteinander: die Zeitrechnung, die mit dem nicht-germanischen Stonehenge (n.St.), die mit der historisch unbedeutenden Schlacht zwischen Römern und Kimbern bei dem nicht lokalisierten Noreia (n.N.) oder die mit der nebulös im Teutoburger Wald verorteten Varusschlacht (n.T.) einsetzen sollte, d.h. 1800 v.Chr., 113 v.Chr. oder 9 n.Chr.

Ausblick

Das Verhältnis von der völkischen Bewegung und dem Nationalsozialismus, allen voran Interner Link: Adolf Hitler, war während der gesamten Weimarer Epoche von Gegensätzen und Konflikten geprägt. Dabei stehen Hitler und der Nationalsozialismus nicht nur weltanschaulich auf völkischem Fundament. Das gilt vielmehr auch für die Mehrzahl der Instrumente völkischer Metapolitik. Deren Langlebigkeit kann über 1945 hinaus bis ins neovölkische Umfeld des 21. Jahrhunderts beobachtet werden.

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