‚Völkisch‘ diente seit dem Ende der 1890er-Jahren als Adjektiv zur Eigenbezeichnung einer sich dynamisch formierenden radikalnationalistischen Bewegung. In den 1920er-Jahren war das Adjektiv bereits in Sprache und Gesellschaft etabliert. Völkisch stand, wie es 1930 in Meyers‘ Konversations-Lexikon hieß, für „politisch […] ‚streng rechts‘ mit stark antisemitische[m] Einschlag“ oder, wie Der Große Brockhaus vier Jahre später präziser ausführte, für einen „auf dem Rassegedanken begründeten und daher entschieden
Die Epoche
Die völkische Bewegung zählt zu den markanten Signaturen des wilhelminischen Kaiserreichs (1888-1918) und mehr noch der Weimarer Republik (1918-1933). Es waren Jahrzehnte des beschleunigten ökonomischen, technologischen, sozialen, gesellschaftlichen und politischen Wandels wie auch vielfältiger Umbrüche, existenzieller Krisen und gravierender Not. Die Zeitgenossinnen und vor allem die Zeitgenossen reagierten darauf mit Verunsicherung, mit Ängsten und nicht zuletzt auch mit Aggression und mit Gewalt. Orientierung versprechende Angebote – wie etwa Gegenwartsdeutungen, nationale Geschichtsverklärungen und Zukunftsutopien – von selbstberufenen Heilsbringern erlebten in diesen nervösen Zeiten eine Hochkonjunktur. Auf diesem Nährboden konnten die Völkischen wirken und ihr vermeintlich verheißungsvolles Sinnstiftungsangebot anbieten. Unterstützung suchten sie weitgehend bei Männern der gebildeten Mittelschicht. So fanden sie ihre Sympathisanten und Parteigänger vornehmlich im gewerblichen Mittelstand, unter den Angestellten und den Vertretern der freien Berufe, in der Lehrerschaft, im universitären Umfeld insbesondere bei den Mitgliedern der Burschenschaften und unter den Professoren sowie auch im Adel, vor allem im niederen Adel. Begleitet von subtilen Agitationsmethoden verfing bei dieser Klientel ihr genuiner Denkstil.
Völkischer Denkstil
Charakteristisch für den völkischen Denkstil ist sein striktes antagonistisches Prinzip, das nur Gut und Böse, Freund und Feind, Eigenes und Fremdes kennt. Die Gegenwart wurde verzeichnet, geprägt von vermeintlich elementaren Bedrohungen und dargestellt in bewusst auf Ängste setzenden dämonischen, mitunter apokalyptischen Feindbildern. Dem gegenübergestellt wurde eine imaginierte gloriose, von Überlegenheit über andere Völker und Kulturen gekennzeichnete und von der eigenen Auserwähltheit beseelte
Voraussetzung für die beschworene völkische Wiedergeburt waren zum einen die Aufgabe der „Ideen von 1789“ (liberté, égalité, fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und der konsequente Bruch mit den Errungenschaften der Aufklärung, mithin die entschiedene Abkehr von Empathie, allgemeinen Menschenrechten, Toleranz, Liberalismus, Demokratie und Kosmopolitismus. Zum anderen waren es die Verpflichtung auf
Instrumente und Strategien völkischer Agitation
Die Produzenten und Multiplikatoren der völkischen Weltanschauung können vor diesem Hintergrund mit gegenwartsaktuellen Attributen als „Polarisierungsunternehmer“ (Steffen Mau), desgleichen als „Angst-Unternehmer“ (Oliver Luksic) wie auch als „versierte Gefühlsingenieure“ (Ute Frevert) charakterisiert werden. Ihr komplexitätsreduzierter antagonistischer Denkstil zielte auf Emotionen wie Angst, indem Sprachbilder und Szenarien wie „Deutschendämmerung“ oder „Fremden-Gefahr“ konstruiert wurden.
Desgleichen waren
Den Völkischen ging es darum, mit einem kalkuliert eskalierenden Denkstil, der auf Ressentiments, Feindbilder und soziokulturelle Katastrophen fixiert war, ihre Zielgruppen zu infizieren. Hierzu bedienten sie sich ebenfalls inhumaner Kampfbegriffe wie auch der Aneignung und ideologiegemäßen Umdeutung von gegenwartsaktuellen Themen und Entwicklungen. Darüber hinaus war es ihr Bestreben, über die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung hinaus die Diskurshegemonie im vorpolitischen Raum zu erlangen und das gesellschaftliche wie politische Klima prägend zu verändern. Diese Strategie wird von neurechten Nachfahren im Anschluss an
Publizistik
Die metapolitische Strategie der Völkischen fußte einerseits auf unzähligen, lose vernetzten Organisationen. Andererseits stützten sie sich auf ein prosperierendes Verlagswesen mit einer jährlich exorbitanten Buch-, Broschüren- und Flugblattproduktion und einer vielfältigen, alle Gesellschaftsbereiche erfassenden Medienlandschaft. Neben Vortragsveranstaltungen und in den 1920er-Jahren auch demonstrativen Auftritten im öffentlichen Raum wie Aufmärschen, fungierten vor allem diese gängigen öffentlichkeitswirksamen, massenhaft produzierten Vermittlungsmedien als verbreitete Propagandainstrumente. Innerhalb der Bewegung trugen sie dazu bei, die Gesinnung zu festigen. Sie vermittelten den Anhängern die Überzeugung, dass die in sich geschlossene Weltanschauung richtig sei und festigten nicht zuletzt das Denkkollektiv sowie dessen elitäres Selbstverständnis und ausgeprägtes Sendungsbewusstsein.
Parallel wurden die etablierten Medien als
Wissenschaftlichkeit
Die Akteure der völkischen Bewegung gaukelten Wissenschaftlichkeit und wissenschaftliche Reputation vor, um somit glaubwürdig zu erscheinen und überzeugend zu wirken. Immer wieder suchten sie die weltanschaulichen Absichten zu kaschieren – mithilfe von wissenschaftlichen Praktiken wie Referenzverweisen auf anerkannte Autoritäten, selbstreferentielle Fußnoten und Literaturverzeichnisse mit Beiträgen aus der eigenen Weltanschauungsproduktion. Noch bevor die, den Paradigmen der Weltanschauung verpflichteten, völkischen Wissenschaften 1933 zur nationalsozialistischen Staatsräson wurden, begannen selbsternannte völkische Experten sie als – durchaus erfolgreich in die Öffentlichkeit wirkende – Alternativen zu den etablierten Wissenschaftsdisziplinen zu inszenieren. Die kritische Wissenschaft wurde mit denselben Methoden wie die Presse gezielt diffamiert und delegitimiert. Sie verkannten ihrerseits die Gefahren, die vom pseudowissenschaftlichen Gebaren der Völkischen ausgingen.
Feindbildkonstruktion
Fester Bestandteil im Repertoire der völkischen Agitation waren mit Verleumdungen und Falschbehauptungen verbundene publizistische und verbale Angriffe auf weltanschauliche Gegner (Liberale, Sozialdemokraten, Kommunisten, politischer Katholizismus). Ferner zählten dazu insbesondere und in Analogie zum integralen antisemitischen Feindnarrativ Juden, Jüdinnen und generell das Judentum, dessen Religion, Kultur und Geschichte. Des Weiteren richteten sich die Angriffe, eingebettet in den manifesten
Aus diesen publizistischen Angriffen resultierten wiederholt Prozesse, in denen die Angeklagten aus der völkischen Bewegung den Gerichtssaal als Agitationsbühne nutzten. Mit ihren skandalheischenden Auftritten und Verunglimpfungen, Schmähungen sowie Beleidigungen suchten sie mediale Aufmerksamkeit, um im Nachgang Gerichte und Gesetzgebung als gleichermaßen voreingenommen, willfährig und völkischen Rechtsvorstellungen widersprechend zu diskreditieren. Das provokant-respektlose, Geschäftsordnung und parlamentarischen Gepflogenheiten missachtende, Auftreten völkischer Abgeordneter im Reichstag und in den Länderparlamenten während der Weimarer Epoche folgt demselben Muster. Es ist zugleich Ausdruck der manifesten Demokratiefeindlichkeit und antiparlamentarischen Gesinnung. Erklärtes völkisches Ziel war es, das parlamentarische System von innen heraus anzugreifen, zu destabilisieren und die verhasste Republik zu zerstören.
Völkische Symbolik
Neben dem diskurshegemonialen Sprachhandeln sind für metapolitisches Agieren Symbole kennzeichnend. Sie signalisieren untereinander wie nach außen die Zugehörigkeit zur völkischen Gesinnungsgemeinschaft. Konsensual in der heterogenen völkischen Bewegung von ihrer Entstehung im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an waren der – allerdings nicht wie später im Nationalsozialismus führerpersonalisierte – Heil-Gruß und die Swastika („Hakenkreuz“). Dasselbe gilt, wiewohl weniger auffällig, auch für die Frakturschrift, die für Druckerzeugnisse als die den Deutschen wesensgemäße Schrift obligatorisch verwendet wurde.
Über die
Das gilt auch für die wiederum nur in einzelnen Organisationen gebräuchlichen ‚altdeutschen‘ Monatsnamen
Ausblick
Das Verhältnis von der völkischen Bewegung und dem Nationalsozialismus, allen voran