Rechtsextremismus ist oft mit klischeehaften Bildern wie dem des gewalttätigen Neonazis verknüpft. Im allgemeinen Sprachgebrauch hebt Rechtsextremismus außerdem den antidemokratischen und menschenverachtenden Charakter von Einzelpersonen, sozialen Bewegungen, Subkulturen, Parteien, politischen Denkweisen oder Kommunikationsstilen hervor. Der Rechtsextremismusbegriff ist jedoch politisch umkämpft. Da er stark negativ konnotiert ist, verwendet ihn kaum ein politischer Akteur als Selbstbezeichnung. In der Öffentlichkeit und vor Gerichten wird kontrovers diskutiert, wo Rechtsextremismus beginnt und wer legitimerweise als „rechtsextrem“ bezeichnet werden darf. Dieses Konfliktfeld skizziert der Politikwissenschaftler Marc Grimm in einer umfangreichen Studie über die Entstehung des Rechtsextremismus als Konzept wie folgt:
„Die Definition, inhaltliche Ausrichtung und Operationalisierung des Rechtsextremismus sind umstritten, weil er die Grenze zwischen der Illegitimität und Legitimität von Verhalten und Meinungen markiert. Er grenzt die Mitte gegen die Extreme ab. Diesem Akt der Abgrenzung kommt enorme politische Bedeutung zu, weil mit ihm das Feld des politisch Legitimen, des Sagbaren, die politische Mitte abgesteckt wird. Dieser konflikthafte Prozess kann als Ausdruck des Kampfes um politische Hegemonie gelesen werden.“
Rechtsextremismus als hybrides Phänomen
Wer Rechtsextremismus definieren und abgrenzen will, steht vor dem Problem, dass der Begriff sowohl normative als auch analytische Funktionen erfüllt und sehr unterschiedlichen Logiken gerecht werden muss. Es gibt daher keine einheitliche Definition des Rechtsextremismus. Stattdessen gibt es verschiedene Konzepte, die sich teilweise ergänzen, aber auch widersprechen können. In der Praxis konstruieren sowohl Sicherheitsbehörden, Medien und Politik als auch Akteure in Wissenschaft, Bildung und sozialer Arbeit den gesellschaftlichen Blick auf das Phänomen. Während Erstere oft strengere und sehr trennscharfe Definitionen bevorzugen, tendieren Letztere zu breiter gefassten Ansätzen, die auch Graubereiche in den Blick nehmen. Wie der Rechtsextremismusforscher Christoph Schulze festhält, hängen die bestehenden Perspektiven und Erklärungsansätze zudem von den zugrunde liegenden akademischen Disziplinen, dem zeithistorischen Hintergrund sowie der weltanschaulichen und politischen Orientierung der Forschenden ab.
Erschwerend kommt hinzu, dass es sich beim Rechtsextremismus um ein hybrides Phänomen mit unscharfen Grenzen handelt, das sich immer wieder an neue gesellschaftliche Entwicklungen und Medienöffentlichkeiten anpasst.
So empfiehlt der rechtsextreme Publizist Götz Kubitschek die Strategien der „Provokation“ und der „Selbstverharmlosung“.
Begriffsverwendung in Behörden, Medien und Forschung
Behörden
Der hybride Charakter des Rechtsextremismus stellt insbesondere Sicherheitsbehörden und Medien, die eindeutige und rechtssichere Kategorien benötigen, vor besondere Herausforderungen. Im Anwendungskontext von Behörden markiert der Rechtsextremismus die Grenze zwischen demokratiekompatiblem „Radikalismus“ und antidemokratischem „Extremismus“. Dazu stellt die in den 1980er-Jahren entwickelte
Medien
Medien orientieren sich in ihrer Berichterstattung zumeist an den Einstufungen und Begrifflichkeiten der deutschen Sicherheitsbehörden. Wo diese nicht existieren, greifen sie auf Alternativen wie „rechtskonservativ“ oder „rechtspopulistisch“ zurück, die oft näher an den Selbstbezeichnungen der Akteure liegen und juristisch unverfänglich sind.
Forschung
Die Extremismustheorie wurde in erster Linie für die behördliche Praxis entwickelt und eignet sich nur bedingt für sozialwissenschaftliche Forschung. Aus diesem Grund wurde 2001 die sogenannte Konsensdefinition des Rechtsextremismus auf einer interdisziplinären Konferenz verabschiedet. Sie wird bis heute genutzt, um Items für empirische Forschungsprojekte zu entwickeln. Rechtsextremismus wurde dabei so definiert, dass sich daraus verschiedene Dimensionen ableiten lassen, die jeweils empirisch geprüft werden können. Die Konsensdefinition lautet wie folgt:
„Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.“
HerausforderungEinstellungsstudien zu Rechtsextremismus
Einstellungsstudien, also Umfragen zu politischen Ansichten in der Bevölkerung, stehen vor der Herausforderung, Definitionen und Messinstrumente nicht bei jeder Erhebung beliebig anpassen und aktualisieren zu können. Eine Vergleichbarkeit im zeitlichen Verlauf ist nur dann gewährleistet, wenn sich verschiedene Studien auf dieselben Definitionen und Items beziehen. Das hat zur Folge, dass Veränderungen in der Funktionsweise des Rechtsextremismus in Einstellungsstudien kaum oder nur verzögert abgebildet werden können. Großangelegte Langzeiterhebungen wie die Bielefelder „Mitte-Studie“ oder die Leipziger „Autoritarismus-Studie“ reagieren auf diese Herausforderungen, indem sie neben einem gleichbleibenden Rechtsextremismus-Fragebogen regelmäßig auch neue Items zu demokratiegefährdenden Einstellungen abfragen und gesondert ausweisen. Eine aktuelle Debatte betrifft das Konzept des „libertären Autoritarismus“, das am Beispiel der Anti-Corona-Proteste entwickelt wurde.
Fußnoten
-
Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2022): Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Berlin: Suhrkamp.
-
Nickel, Amelie/Groß, Eva/Kammigan, Ilka (2025): Libertär-autoritäre Versuchungen der Gegenwart – eine Brücke in den Rechtsextremismus? In: Zick, Andreas/Küpper, Beate/Mokros, Nico/Eden, Marco/Schröter, Franziska (Hrsg.): Die angespannte Mitte: rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25. Bonn: J. H. W. Dietz Nachf., S. 214–225.
Rechtspopulismus als politische Agitationstechnik
Der Rechtspopulismusbegriff ist medial besonders beliebt, um Graubereiche zu bezeichnen, da er im Gegensatz zum Rechtsextremismusbegriff keine verfassungsrechtliche Dimension hat. Einige Rechtsextremismusforschende kritisieren jedoch, dass der Begriff eine verharmlosende Wirkung habe. Wichtig ist, dass der Rechtspopulismus streng genommen keine politischen Einstellungen von Personen beschreibt, wenngleich eine unscharfe Begriffsverwendung in den Medien und zum Teil auch in einigen Forschungsprojekten dergleichen manchmal nahelegt. Vielmehr nimmt der Begriff einen „politischen Stil“
Dabei beziehen sich viele Rechtspopulist:innen affirmativ auf die Demokratie als Herrschaft der Mehrheit, weisen aber den Liberalismus, die Gewaltenteilung sowie institutionalisierte Minderheitenrechte zurück. In der Forschung wird oft Cas Muddes Charakterisierung des Populismus als „dünne Ideologie“ herangezogen und die Gegenüberstellung von „wahrem Volk“ und „korrupten Eliten“ als sein Kernmerkmal bestimmt.
Als politische und kommunikative Technik verstärkt der Rechtspopulismus gezielt politische Unzufriedenheit, lenkt sie auf Feindbilder und kanalisiert die Empörung in einer politischen Bewegung, die einen Neubeginn verspricht. Die typische Dramaturgie des Populismus weist viele Gemeinsamkeiten mit faschistischen Agitationsreden auf, die Leo Löwenthal aus dem Kreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in den 1940er-Jahren im US-amerikanischen Exil untersucht hat.
Disziplinäre Perspektiven der Rechtsextremismusforschung
Aufgrund des dynamischen und hybriden Charakters des Rechtsextremismus gibt es keine einheitliche Rechtsextremismusforschung. In den letzten Jahren sind mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen, dem Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung (Wi-REX), dem Zeithistorischen Arbeitskreis Extreme Rechte (ZAER) und der Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung (ZRex) aber neue Forschungsinfrastrukturen entstanden, die verschiedene disziplinäre Zugänge zum Rechtsextremismus zusammenbringen. Viele Erklärungsansätze rücken dabei Teilaspekte oder einzelne Erscheinungsformen des Rechtsextremismus in den Fokus und ergänzen sich gegenseitig.
Politikwissenschaft
Die Politikwissenschaft kategorisiert und vergleicht soziale Bewegungen und Parteien der Gegenwart.
Geschichtswissenschaft
Die Geschichtswissenschaft rekonstruiert historische Prozesse anhand von Quellen und Biografien. Dabei sortiert sie Akteure, identifiziert geschichtlich relevante Strömungen und nimmt Kontinuitäten sowie Wandlungsprozesse in den Blick. Die extreme Rechte wird in der historischen Forschung unter anderem als Ausprägung des radikalen oder
Soziologie, Erziehungswissenschaft und Sozialpsychologie
In sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie Soziologie, Erziehungswissenschaft und Sozialpsychologie wird Rechtsextremismus vor allem im Kontext von sozioökonomischen Strukturen, sozialen Milieus und Sozialisationsprozessen untersucht, die zur Entwicklung von politischen Identitäten und Einstellungsmustern beitragen. Lange Zeit dominant war die Desintegrationstheorie, die Rechtsextremismus als Folge von Individualisierungsprozessen und Deprivationserfahrungen erklärt und ihn als Problem sogenannter „Modernisierungsverlierer“ deutet.
Mit dem Konzept der „relativen Deprivation“
Medien- und Kulturwissenschaften
In den Medien- und Kulturwissenschaften wird seit einigen Jahren intensiv über Faschisierung diskutiert. Der Prozessbegriff der Faschisierung fragt danach, wie Demokratieskepsis entsteht und Zustimmung zu autoritären Regierungsformen kulturell erzeugt wird.
Eine pragmatische Definition des Rechtsextremismus
Die Vorstellung, dass sich Rechtsextremismus eindeutig definieren und erklären lässt, ohne gesellschaftliche und politische Kontroversen auszulösen, ist eine Illusion. Wissenschaftliche Konzepte von politischen Phänomenen können nicht unter Laborbedingungen entwickelt werden, sondern sind selbst Teil eines gesellschaftlichen Prozesses. Ein Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik zeigt, dass politische Bezeichnungen immer auch politische Aushandlungsprozesse spiegeln und sich ihr Bedeutungsgehalt verändert.
So waren Begriffe wie „rechts“ und „konservativ“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit sehr stark negativ konnotiert und haben erst im Laufe der Zeit wieder Eingang in politische Selbstbezeichnungen gefunden. Dazu hat auch die Entwicklung von Rechtsextremismus-Definitionen ab den 1970er-Jahren beigetragen. Indem der Rechtsextremismus als demokratiefeindliche Abweichung charakterisiert wurde, rückten rechte und konservative Einstellungen qua Definition in den Bereich des politisch Legitimen.
Gesteigerte Auseinandersetzungen über politische Begriffe und Bezeichnungen in der Gegenwart sind ein Indiz dafür, dass sich die politische Kultur – und womöglich auch das politische System – im Umbruch befinden und verschiedene gesellschaftliche Gruppen um Definitionshoheit kämpfen. In diesen Auseinandersetzungen ist es fast unvermeidlich, dass die normativen und die analytischen Dimensionen des Rechtsextremismusbegriffs unscharf werden. Wichtiger als Rechtsextremismus einheitlich zu definieren, ist daher die Kompetenz, verschiedene Begriffsverwendungen zu erkennen und in ihrer Eigenlogik nachvollziehen zu können.