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Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus | Rechtsextremismus | bpb.de

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Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus Erscheinungsformen und Funktion

Jens-Christian Wagner

/ 7 Minuten zu lesen

Die Verharmlosung oder gar Leugnung der NS-Verbrechen gehört zum ideologischen Kern der extremen Rechten. Wer verbreitet mit welchem Ziel geschichtsrevisionistische Mythen?

Geschichtsmythen können grundsätzlich alle Epochen betreffen, beziehen sich in Deutschland aber meist auf den Nationalsozialismus. (© picture-alliance, Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)

Ein Grundmerkmal rechtsextremer Ideologie ist die Überhöhung der eigenen Nation. Dieser Interner Link: Nationalismus wird unter anderem aus der Geschichte abgeleitet: vor allem aus Erzählungen von einer angeblich ruhmreichen, gegenüber anderen Ländern überlegenen Vergangenheit. Diese Erzählungen thematisieren oft kulturelle, technische oder wirtschaftliche Höchstleistungen, großartige Staatslenker oder Heeresführer (zumeist sind es Männer) sowie heldenhafte Leistungen auf dem Schlachtfeld.

Motive

Da die Geschichte aber nie nur aus Großtaten besteht, müssen Nationalistinnen und Nationalisten sie umschreiben. Belastende Elemente reden sie klein, verschweigen sie ganz oder deuten sie zu Erfolgsgeschichten um. Besonders deutlich lässt sich das in Deutschland beobachten, einem Land, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert auch durch zwei verlorene Interner Link: Weltkriege und die Verbrechen des Nationalsozialismus (NS) geprägt ist. Der Nationalsozialismus war eine Interner Link: rechtsextreme Ideologie. Die NS-Verbrechen sowie die Verheerungen des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieges belasten die deutsche Geschichte und diskreditieren die extrem rechte Ideologie. Wer als extrem Rechter in Deutschland Erfolg haben möchte, muss versuchen, seine Ideologie vom Stigma der NS-Verbrechen zu befreien, den Nationalsozialismus gewissermaßen zu entkriminalisieren. Dazu dient der Geschichtsrevisionismus.

Begriffsklärung

Als Geschichtsrevisionismus lassen sich alle Bestrebungen zusammenfassen, die belastende Elemente der Geschichte insbesondere des Nationalsozialismus kleinreden, tilgen oder die Vergangenheit so umdeuten sollen, dass Täter als Opfer und Opfer als Täter erscheinen (Täter-Opfer-Umkehr).

Kritik am BegriffGeschichtsleugnung, -verharmlosung oder -revisionismus?

Die Revision, also die Überprüfung und Neubewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, ist an sich gängige wissenschaftliche Praxis. Ganz bewusst nannten sich die frühen Geschichtsrevisionisten deshalb selbst so. Mit der Verwendung dieses Begriffs wie auch mit der Imitation wissenschaftlicher Praxis (Nutzung von Quellen, Literaturverweise) wollten sie den Anschein wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit untermauern und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse durch ideologisch geprägte Geschichtsbilder und Mythen ersetzen. Aus diesem Grund ist die bisweilen erhobene Kritik am Begriff des Geschichtsrevisionismus durchaus nachvollziehbar. Tatsächlich wäre es wohl richtiger, von der Leugnung oder – in der abgeschwächten Form – von der Verharmlosung der NS-Verbrechen zu sprechen. Der Begriff des Geschichtsrevisionismus hat sich jedoch in der Geschichts- und Politikwissenschaft wie auch im öffentlichen Diskurs als kritische Haltung gegenüber rechtsextremen Geschichtsbildern durchgesetzt. Deshalb wird der Begriff auch von den Geschichtsrevisionisten selbst schon lange nicht mehr als Selbstbezeichnung genutzt. Aus diesem Grund wird im vorliegenden Beitrag am Begriff des Geschichtsrevisionismus festgehalten.

Grundsätzlich kann Geschichtsrevisionismus alle Epochen betreffen – im Kern bezieht er sich in Deutschland aber auf die Interner Link: NS-Geschichte sowie bisweilen auch auf die Geschichte des Interner Link: Kaiserreiches, des Interner Link: Kolonialismus und des Interner Link: Ersten Weltkriegs wie auch der Interner Link: Weimarer Republik.

Angeblich alliierte Kriegsschuld

Geschichtsrevisionistische Legenden sind in Deutschland nichts Neues. Verbreitet wurden diese schon vor 1945 von den Nationalsozialisten, die die Schuld umkehrten, indem sie von jüdischen Plänen zur Zerstörung Deutschlands sprachen. Auch behaupteten sie, dass entweder die Briten, die Polen oder auch die Sowjetunion für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich seien. Nach dem Krieg griffen ehemalige Nationalsozialisten und neue Rechtsextremisten diese Legenden wieder auf. Zu ihnen gehörten die Geschichtsrevisionisten David L. Hoggan und David Irving. Hoggan veröffentlichte 1961 in einem rechtsextremen Verlag ein Machwerk mit dem Titel „Der erzwungene Krieg“. Er behauptete, den Deutschen sei der Krieg von den Briten und den Polen aufgezwungen worden. Hoggan war promovierter Historiker. Das gab ihm vermeintlich wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, auch wenn seriöse Historiker schnell nachwiesen, dass seine Quellen aus dem Kontext gerissen und sogar gefälscht waren. Hoggan gilt gewissermaßen als Urvater der Geschichtsrevisionisten. Sein Buch wurde bis heute mehrfach neu aufgelegt, und auch in Sozialen Medien werden seine Thesen verbreitet.

Alliierte als angebliche Kriegsverbrecher

Die sogenannten „Kriegsschuldlegenden“ gehören zu den geschichtsrevisionistischen Versuchen, die Alliierten als die eigentlichen Kriegsverbrecher darzustellen – egal ob sie Polen, Großbritannien, die Sowjetunion oder auch „die Juden“ betreffen. Insbesondere der Interner Link: alliierte Luftkrieg gegen deutsche Städte spielt hier eine zentrale Rolle. Gestützt wird die Erzählung über die alliierten Kriegsverbrechen durch die Tatsache, dass tatsächlich Hunderttausende Deutsche Opfer von Luftangriffen wurden, Millionen aus ihrer Heimat in den ehemaligen Ostgebieten vertrieben wurden und dass vor allem sowjetische Soldaten Kriegsverbrechen begangen, etwa durch die Vergewaltigung deutscher Frauen.

Diese Taten werden bisweilen verwendet, um Leid gegen Leid aufzurechnen und deutsche bzw. nationalsozialistische Verbrechen damit zu relativieren. Dezidierte Geschichtsrevisionisten rechnen jedoch nicht nur auf, sondern übertreiben oder erfinden alliierte Kriegsverbrechen. Ein zentrales Schlagwort ist hier Dresden, also der Verweis auf die britischen Luftangriffe im Februar 1945. Rechtsextreme verbreiten zehnfach oder noch weiter überhöhte Opferzahlen und schwadronieren vom „Bombenholocaust“, so etwa der Fraktionschef der rechtsextremen Interner Link: NPD Holger Apfel 2005 im sächsischen Landtag.

Rheinwiesenlager

Eine weitere wichtige Rolle beim Narrativ von den alliierten Kriegsverbrechen spielt die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen. Ein Mythos, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, betrifft die „Rheinwiesenlager“. Diese wurden im Frühjahr 1945 improvisiert entlang des Rheins eingerichtet. Untergebracht wurde hier mindestens eine Million deutsche Soldaten, die innerhalb weniger Wochen in US-amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Die sanitären Bedingungen in den Lagern, die teilweise nur aus umzäunten Wiesen bestanden, waren schlecht bis katastrophal – insbesondere zu Beginn ebenso die Versorgung mit Lebensmitteln. Es starben vermutlich 8.000 bis 10.000, je nach Schätzung sogar bis zu 40.000 Gefangene.

In geschichtsrevisionistischen Kreisen zirkulieren deutlich höhere Todeszahlen. Der Kanadier James Bacque schrieb 1989 von bis zu einer Million Toten. Andere Geschichtsrevisionisten nahmen das zum Anlass und behaupteten, die US-Amerikaner hätten einen Völkermord an den Deutschen begangen. Teilweise publizierten rechtsextreme Autoren sogar, es seien in den Rheinwiesenlagern zwei Millionen oder noch mehr deutsche Soldaten gestorben bzw. „ermordet“ worden. Manche Autoren gingen noch weiter und behaupteten, die in befreiten Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen entstandenen Fotos ausgezehrter Häftlingsleichen zeigten in Wirklichkeit nicht KZ-Häftlinge (die seien nämlich wohlgenährt gewesen), sondern tote Deutsche aus den Rheinwiesenlagern, die von den Amerikanern oder den Briten in KZ-Kleidung gesteckt worden seien, um die „unschuldige“ Schutzstaffel (SS) zu belasten – eine Erzählung, die die Mythen angeblicher alliierter Kriegsverbrechen mit einem anderen zentralen Feld des Geschichtsrevisionismus verbindet: der Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust.

„Auschwitz-Lüge“

Als Hauptagitationsfeld der Geschichtsrevisionisten rückte ab den 1970er-Jahren die Leugnung des Mordes an den europäischen Juden in den Vordergrund. Insbesondere Auschwitz-Birkenau, das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, spielte hier eine zentrale Rolle. Seit dem Interner Link: Frankfurter Auschwitz-Prozesses Mitte der 1960er-Jahre sowie durch die US-amerikanischen Interner Link: TV-Serie „Holocaust“ von 1979 rückte Auschwitz als Symbol für die Gesamtheit der NS-Verbrechen immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Der Begriff Interner Link: „Auschwitz-Lüge“ erschien erstmals 1973 als Titel einer Broschüre des ehemaligen SS-Angehörigen Thies Christophersen. Einer der bekanntesten Holocaust-Leugner war der Jurist Wilhelm Stäglich, sein Buch „Der Auschwitz-Mythos“ erschien 1979. Knapp zehn Jahre später verfasste der US-Amerikaner Fred Leuchter den sogenannten Leuchter-Report, der vermeintlich naturwissenschaftlich nachweist, dass es die Morde in den Gaskammern der Vernichtungslager nicht gegeben haben könne. Das Pamphlet wurde von tatsächlichen Naturwissenschaftlern verrissen, kursiert aber nach wie vor in rechtsextremen Kreisen. Ganz ähnlich wie Leuchter argumentierte Anfang der 1990er-Jahre der Holocaust-Leugner Germar Rudolf. Sein „Rudolf-Report“ ist bis heute eines der meistverbreiteten holocaustleugnenden Pamphlete. Rudolf agierte unter dem Namen Germar Scheerer zudem als Chefredakteur der 2007 eingestellten geschichtsrevisionistischen Zeitschrift „Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung“. Andere bekannte Holocaust-Leugner waren David Irving oder auch Arthur R. Butz, die von Neonazis wie Ernst Zündel, Gary Lex Lauck oder dem Heß-Anwalt Manfred Roeder rezipiert wurden.

„Schuldkult“

Ein grundlegender Mythos des rechtsextremen Geschichtsrevisionismus ist die Behauptung, der Verweis auf den Interner Link: Holocaust diene fremden Mächten dazu, Deutschland zu unterdrücken. In diese Richtung argumentierten in den 1950er- und 1960er-Jahren bereits der Vordenker der Interner Link: Neuen Rechten Armin Mohler und sein Mitstreiter Caspar von Schrenck-Notzing, die vom „Nationalmasochismus“ schrieben, der Deutschland kleinhalte. Heute verbreiten extrem Rechte diesen Mythos häufig unter dem Begriff des „Schuldkults“. Ein Beispiel ist die Behauptung des Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland der Alternative für Deutschland (AfD), die Interner Link: nationalsozialistische Herrschaft sei ein „Vogelschiss“ in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte gewesen. Ende 2016 schrieb der Landesverband Niedersachsen der AfD: „Es wird Zeit, das Ruder herumzureißen, dem deutschen Volk wieder Schutz zu geben und endlich diesen irren Schuldkult aus Deutschland zu verbannen.“

Seit einigen Jahren wird der Begriff zudem in verschwörungsideologische Legenden integriert. So schrieb etwa der rechtsextreme Publizist Manfred Kleine-Hartlage 2018 in der „Jungen Freiheit“, der „Schuldkult“ werde von der Regierung genutzt, um „die Widerstände gegen muslimische Masseneinwanderung neutralisieren“ zu können. Damit spielte er auf das Verschwörungsnarrativ des Interner Link: „Großen Austauschs“ an, das in der extrem rechten Szene mittlerweile große Verbreitung gefunden hat.

Verbreitung durch digitale Medien

Digitale Massenmedien tragen maßgeblich dazu bei, dass Legenden wie die Auschwitz-Lüge geglaubt werden. Geschichtsrevisionismus wird heute nicht mehr nur in Publikationen von rechtsextremen Verlagen verbreitet, sondern ist für jede und jeden weltweit mit wenigen Klicks abrufbar.

Eine tragende Rolle spielen dabei rechtsextreme oder neurechte Medien wie etwa das Compact-Magazin des Rechtsextremen Jürgen Elsässer oder auch die Zeitschriften und Blogs aus dem Milieu der Neuen Rechten, etwa aus den Verlagen von Götz Kubitschek und seinem Thinktank in Schnellroda, der über enge Verbindungen zur AfD verfügt.

Gegenstrategien

Die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Mythen hat in den vergangenen Jahren als Begleiterscheinung der globalen digitalen Desinformation und des Rechtsrucks in der Gesellschaft deutlich zugenommen. Insbesondere Funktionäre der in Teilen als rechtsextrem eingestuften AfD wie auch anderer extrem rechter Parteien oder Organisationen, etwa der Interner Link: „Heimat“ oder auch der Interner Link: „Freien Sachsen“, verbreiten über ihre digitalen Kanäle immer wieder geschichtsrevisionistische Positionen.

Historische-politische Bildung und die Wissenschaft können dem wirksam begegnen. Es gilt, dem Geschichtsrevisionismus wissenschaftlich seriöse, quellengestützte Information entgegenzusetzen, insbesondere dort, wo sich der Geschichtsrevisionismus besonders stark verbreitet: im Internet und in Sozialen Medien.

Quellen / Literatur

James Bacque (1989), Der geplante Tod. Deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen und französischen Lagern, 1945-1946, Frankfurt am Main: Ullstein.

Wolfgang Benz/Peter Reif-Spirek (Hrsg.) (2003), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, Berlin: Metropol.

Wolfgang Benz (2026), Die Funktion von Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus für die rechte Bewegung, in: Stefan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.), Strategien der extrem Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten, 2. Auflage, Wiesbaden: Springer, S. 211-228.

Ders. (1998): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte, München: dtv.

Gideon Botsch (2011), Die historisch-fiktionale Gegenerzählung des radikalen Nationalismus. Über den rechtsextremen Zugriff auf die deutsche Geschichte, in: Jahrbuch für Politik und Geschichte 2, S. 27-40.

Nicolai Busch/Torsten Hoffmann/Kevin Kempke (2024), Neurechte Literaturpolitik, in: Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 98, H. 4, S. 467-477.

David L. Hoggan (1961), Der erzwungene Krieg. Die Ursachen und Urheber des 2. Weltkrieges, Tübingen: Verlag der der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung.

Hans-Peter Killguss/Martin Langebach (Hrsg.) (2016), „Opa war in Ordnung!“ Erinnerungspolitik der extremen Rechten, Köln: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.

Martin Langebach/Michael Sturm (Hrsg.) (2015), Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden: Springer.

Michael Ley/Martin Lichtmesz u.a. (2018), Nationalmasochismus, Schnellroda: Antaios.

Deborah E. Lipstadt (1994), Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich: Rio Verlag

Armin Mohler, Was die Deutschen fürchten (1965), Stuttgart: Seewald.

Jens-Christian Wagner/Sybille Steinbacher (Hrsg.) (2025), Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte; 22), Göttingen: Wallstein.

Volker Weiß (2025), Das Deutsche Demokratische Reich: Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört, Stuttgart: Klett-Cotta.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. etwa Hermann Graml, David L. Hoggan und die Dokumente, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 8 (1963), S. 492-514.

  2. Pressemitteilung der AfD Niedersachen, 23. Dezember 2016 auf der Website der AfD Niedersachsen. Der Beitrag ist mittlerweile gelöscht. Ein Screenshot des Textes von der Website der AfD Weserbergland vom 11.6.2020 ist im Besitz des Verfassers.

  3. Zit. nach Michael Sturm, Schicksal – Heldentum – Opfergang. Der Gebrauch von Geschichte durch die extreme Rechte, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.), Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 17–60, hier S. 25

  4. Zahlreiche aktuelle Beispiele sind zu finden im Blog „Geschichte statt Mythen“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena: Externer Link: https://www.geschichte-statt-mythen.de/Blog/aktuelles

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Prof. Dr. Jens-Christian Wagner ist Historiker und Romanist. Er leitet die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und ist Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Universität Jena.