Ein Grundmerkmal rechtsextremer Ideologie ist die Überhöhung der eigenen Nation. Dieser
Motive
Da die Geschichte aber nie nur aus Großtaten besteht, müssen Nationalistinnen und Nationalisten sie umschreiben. Belastende Elemente reden sie klein, verschweigen sie ganz oder deuten sie zu Erfolgsgeschichten um. Besonders deutlich lässt sich das in Deutschland beobachten, einem Land, dessen Geschichte im 20. Jahrhundert auch durch zwei verlorene
Begriffsklärung
Als Geschichtsrevisionismus lassen sich alle Bestrebungen zusammenfassen, die belastende Elemente der Geschichte insbesondere des Nationalsozialismus kleinreden, tilgen oder die Vergangenheit so umdeuten sollen, dass Täter als Opfer und Opfer als Täter erscheinen (Täter-Opfer-Umkehr).
Kritik am BegriffGeschichtsleugnung, -verharmlosung oder -revisionismus?
Die Revision, also die Überprüfung und Neubewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, ist an sich gängige wissenschaftliche Praxis. Ganz bewusst nannten sich die frühen Geschichtsrevisionisten deshalb selbst so. Mit der Verwendung dieses Begriffs wie auch mit der Imitation wissenschaftlicher Praxis (Nutzung von Quellen, Literaturverweise) wollten sie den Anschein wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit untermauern und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse durch ideologisch geprägte Geschichtsbilder und Mythen ersetzen. Aus diesem Grund ist die bisweilen erhobene Kritik am Begriff des Geschichtsrevisionismus durchaus nachvollziehbar. Tatsächlich wäre es wohl richtiger, von der Leugnung oder – in der abgeschwächten Form – von der Verharmlosung der NS-Verbrechen zu sprechen. Der Begriff des Geschichtsrevisionismus hat sich jedoch in der Geschichts- und Politikwissenschaft wie auch im öffentlichen Diskurs als kritische Haltung gegenüber rechtsextremen Geschichtsbildern durchgesetzt. Deshalb wird der Begriff auch von den Geschichtsrevisionisten selbst schon lange nicht mehr als Selbstbezeichnung genutzt. Aus diesem Grund wird im vorliegenden Beitrag am Begriff des Geschichtsrevisionismus festgehalten.
Grundsätzlich kann Geschichtsrevisionismus alle Epochen betreffen – im Kern bezieht er sich in Deutschland aber auf die
Angeblich alliierte Kriegsschuld
Geschichtsrevisionistische Legenden sind in Deutschland nichts Neues. Verbreitet wurden diese schon vor 1945 von den Nationalsozialisten, die die Schuld umkehrten, indem sie von jüdischen Plänen zur Zerstörung Deutschlands sprachen. Auch behaupteten sie, dass entweder die Briten, die Polen oder auch die Sowjetunion für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich seien. Nach dem Krieg griffen ehemalige Nationalsozialisten und neue Rechtsextremisten diese Legenden wieder auf. Zu ihnen gehörten die Geschichtsrevisionisten David L. Hoggan und David Irving. Hoggan veröffentlichte 1961 in einem rechtsextremen Verlag ein Machwerk mit dem Titel „Der erzwungene Krieg“. Er behauptete, den Deutschen sei der Krieg von den Briten und den Polen aufgezwungen worden. Hoggan war promovierter Historiker. Das gab ihm vermeintlich wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, auch wenn seriöse Historiker schnell nachwiesen, dass seine Quellen aus dem Kontext gerissen und sogar gefälscht waren.
Alliierte als angebliche Kriegsverbrecher
Die sogenannten „Kriegsschuldlegenden“ gehören zu den geschichtsrevisionistischen Versuchen, die Alliierten als die eigentlichen Kriegsverbrecher darzustellen – egal ob sie Polen, Großbritannien, die Sowjetunion oder auch „die Juden“ betreffen. Insbesondere der
Diese Taten werden bisweilen verwendet, um Leid gegen Leid aufzurechnen und deutsche bzw. nationalsozialistische Verbrechen damit zu relativieren. Dezidierte Geschichtsrevisionisten rechnen jedoch nicht nur auf, sondern übertreiben oder erfinden alliierte Kriegsverbrechen. Ein zentrales Schlagwort ist hier Dresden, also der Verweis auf die britischen Luftangriffe im Februar 1945. Rechtsextreme verbreiten zehnfach oder noch weiter überhöhte Opferzahlen und schwadronieren vom „Bombenholocaust“, so etwa der Fraktionschef der rechtsextremen
Rheinwiesenlager
Eine weitere wichtige Rolle beim Narrativ von den alliierten Kriegsverbrechen spielt die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen. Ein Mythos, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, betrifft die „Rheinwiesenlager“. Diese wurden im Frühjahr 1945 improvisiert entlang des Rheins eingerichtet. Untergebracht wurde hier mindestens eine Million deutsche Soldaten, die innerhalb weniger Wochen in US-amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Die sanitären Bedingungen in den Lagern, die teilweise nur aus umzäunten Wiesen bestanden, waren schlecht bis katastrophal – insbesondere zu Beginn ebenso die Versorgung mit Lebensmitteln. Es starben vermutlich 8.000 bis 10.000, je nach Schätzung sogar bis zu 40.000 Gefangene.
In geschichtsrevisionistischen Kreisen zirkulieren deutlich höhere Todeszahlen. Der Kanadier James Bacque schrieb 1989 von bis zu einer Million Toten. Andere Geschichtsrevisionisten nahmen das zum Anlass und behaupteten, die US-Amerikaner hätten einen Völkermord an den Deutschen begangen. Teilweise publizierten rechtsextreme Autoren sogar, es seien in den Rheinwiesenlagern zwei Millionen oder noch mehr deutsche Soldaten gestorben bzw. „ermordet“ worden. Manche Autoren gingen noch weiter und behaupteten, die in befreiten Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen entstandenen Fotos ausgezehrter Häftlingsleichen zeigten in Wirklichkeit nicht KZ-Häftlinge (die seien nämlich wohlgenährt gewesen), sondern tote Deutsche aus den Rheinwiesenlagern, die von den Amerikanern oder den Briten in KZ-Kleidung gesteckt worden seien, um die „unschuldige“ Schutzstaffel (SS) zu belasten – eine Erzählung, die die Mythen angeblicher alliierter Kriegsverbrechen mit einem anderen zentralen Feld des Geschichtsrevisionismus verbindet: der Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust.
„Auschwitz-Lüge“
Als Hauptagitationsfeld der Geschichtsrevisionisten rückte ab den 1970er-Jahren die Leugnung des Mordes an den europäischen Juden in den Vordergrund. Insbesondere Auschwitz-Birkenau, das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, spielte hier eine zentrale Rolle. Seit dem
„Schuldkult“
Ein grundlegender Mythos des rechtsextremen Geschichtsrevisionismus ist die Behauptung, der Verweis auf den
Seit einigen Jahren wird der Begriff zudem in verschwörungsideologische Legenden integriert. So schrieb etwa der rechtsextreme Publizist Manfred Kleine-Hartlage 2018 in der „Jungen Freiheit“, der „Schuldkult“ werde von der Regierung genutzt, um „die Widerstände gegen muslimische Masseneinwanderung neutralisieren“ zu können.
Verbreitung durch digitale Medien
Digitale Massenmedien tragen maßgeblich dazu bei, dass Legenden wie die Auschwitz-Lüge geglaubt werden. Geschichtsrevisionismus wird heute nicht mehr nur in Publikationen von rechtsextremen Verlagen verbreitet, sondern ist für jede und jeden weltweit mit wenigen Klicks abrufbar.
Eine tragende Rolle spielen dabei rechtsextreme oder neurechte Medien wie etwa das Compact-Magazin des Rechtsextremen Jürgen Elsässer oder auch die Zeitschriften und Blogs aus dem Milieu der Neuen Rechten, etwa aus den Verlagen von Götz Kubitschek und seinem Thinktank in Schnellroda, der über enge Verbindungen zur AfD verfügt.
Gegenstrategien
Die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Mythen hat in den vergangenen Jahren als Begleiterscheinung der globalen digitalen Desinformation und des Rechtsrucks in der Gesellschaft deutlich zugenommen. Insbesondere Funktionäre der in Teilen als rechtsextrem eingestuften AfD wie auch anderer extrem rechter Parteien oder Organisationen, etwa der
Historische-politische Bildung und die Wissenschaft können dem wirksam begegnen. Es gilt, dem Geschichtsrevisionismus wissenschaftlich seriöse, quellengestützte Information entgegenzusetzen, insbesondere dort, wo sich der Geschichtsrevisionismus besonders stark verbreitet: im Internet und in Sozialen Medien.