Muslimfeindlichkeit ist ein zentrales ideologisches Element im Rechtsextremismus. Extrem rechte Akteur:innen schreiben Menschen islamischen Glaubens pauschal negative gruppenbezogene Eigenschaften zu. So verstärken sie Bedrohungswahrnehmungen, schaffen klare Feindbilder, polarisieren und werten zugleich die in der Selbstbeschreibung häufig als „christlich-abendländisch“ bezeichnete Eigengruppe auf. Mögliche Folgen reichen von rassistischer Diskriminierung, Beleidigungen und Anfeindungen bis hin zu Hasskriminalität gegenüber Muslim:innen. Auch bei in extrem rechten Kreisen populären Verschwörungserzählungen wie dem Interner Link: „Großen Austausch“ ist Muslimfeindlichkeit ein zentraler Bestandteil. Darüber hinaus nutzen extrem rechte Akteur:innen in der Bevölkerung weit verbreitete Ressentiments gegenüber Muslim:innen gezielt zur Mobilisierung neuer Anhänger:innen. Muslimfeindlichkeit dient somit als Brückenideologie, die rechtsextreme Organisationen mit anderen – z.B. konservativen, bürgerlichen oder religiösen – Gruppen verbindet und dadurch leicht instrumentalisiert werden kann.
Was ist Muslimfeindlichkeit?
Es gibt unterschiedliche Definitionen für den Begriff der Muslimfeindlichkeit. Eine gängige Definition stammt von Bleich (2011, 1585), der sie als „indiscriminate negative attitudes or emotions directed at Islam or Muslims“ fasst – also in etwa als pauschale negative Einstellungen oder Gefühle gegenüber dem Islam oder Muslim:innen. Mit seinem Fokus auf (individuelle) feindliche Einstellungen ist der Begriff der Muslimfeindlichkeit der Vorurteilsforschung zuzuordnen. Anders ist dies bei einer Annäherung des Phänomens über den Begriff des antimuslimischen Rassismus (Attia 2009; Attia 2013; Shooman 2014), der sich auf die kritische Rassismusforschung und die postkoloniale Theorie bezieht (Diekmann 2023, 73). Rassismus wird dabei nicht als individuelles, sondern als strukturelles Phänomen bzw. als soziales Dominanzverhältnis betrachtet. Von zentraler Bedeutung sind die Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft, die bestimmte Gruppen besserstellen und andere benachteiligen. Diese Machtverhältnisse entstehen demnach, indem Individuen anhand eines Merkmals (in Bezug auf antimuslimischen Rassismus heißt das: anhand ihrer – tatsächlichen oder auch lediglich wahrgenommenen bzw. zugeschriebenen – Zugehörigkeit zur Religion des Islam) als soziale Gruppe konstruiert werden. Diese sozial konstruierte Gruppe wird gleichzeitig als eine natürliche Gruppe angesehen und anderen Gruppen entgegengestellt. Da die Zuordnung zur Gruppe der Muslim:innen anhand (vermeintlich erkennbarer) äußerer Merkmale erfolgt, kann antimuslimischer Rassismus als „pauschalisierende Ablehnungskonstruktion infolge ‚ethnisierender‘ Zuschreibungen“ (Logvinov 2017, 6) verstanden werden, infolge derer Muslim:innen strukturell abgewertet und benachteiligt werden.
Die vom Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit vorgeschlagene Definition umfasst beide Dimensionen und darüber hinaus mögliche Folgen für Betroffene:
Mehr dazuUnabhängiger Expertenkreis Muslimfeindlichkeit
Der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) wurde 2020 vom Innenministerium eingesetzt. Hintergrund war der rassistische Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020. Der Expertenkreis wurde daraufhin mit einer Studie zur Erfassung von Muslimfeindlichkeit und daraus resultierenden Handlungsempfehlungen beauftragt. Die Mitglieder setzten sich aus Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zusammen. 2023 wurde der Abschlussbericht „Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz“ vorgestellt. Die Studie zeigt, dass Muslimfeindlichkeit in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet ist. Demnach stimme etwa jeder Zweite in Deutschland muslimfeindlichen Aussagen zu. Es gab jedoch auch Kritik an dem Bericht: Der „Welt“ zufolge hatten die Forscher auch mit Vertretern einer muslimischen Organisation gesprochen, die unter dem Einfluss des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) stand. Dem IZH wurde laut Bundesverfassungsschutz eine Nähe zum islamistischen Spektrum und dem iranischen Regime attestiert. 2024 wurde das IZH bundesweit verboten. Laut einer der Studienverantwortlichen hatte sich der Bericht nur auf Daten bezogen, die im Voraus vom IZH zusammenstellt worden waren, und nur einen geringen Teil der Studie ausmachten.
Wie verbreitet ist Muslimfeindlichkeit?
Muslimfeindlichkeit ist in der Bevölkerung weit verbreitet: So stimmten in der Leipziger Autoritarismus- Studie 2024 43 Prozent der Ostdeutschen und 33 Prozent der Westdeutschen der Aussage „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ zu (Decker u. a. 2024, 67). Die als Teil des Forschungsverbunds „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung (MOTRA)“ durchgeführte Studie „Menschen in Deutschland: International“ stellt sogar eine noch weitere Verbreitung muslimfeindlicher Einstellungen fest. Demnach stimmten 2025 40 Prozent der Befragten der Aussage „Muslimen kann man nicht trauen“ zu. Bei der Aussage „Muslime haben in Deutschland zu viel Einfluss“ waren es 55 Prozent. Der Aussage „Es gibt zu viele Muslime in Deutschland“ stimmten mehr als drei Fünftel der Befragten (62,9 Prozent) zu (Richter, Thomas u. a. 2026, 150).
Wie entsteht Muslimfeindlichkeit?
Mit den Ursachen, Ausprägungen und Wirkungen gruppenbezogener Vorurteile beschäftigen sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, z.B. die Soziologie, die Psychologie, die Geschichts-wissenschaft, die Kulturwissenschaften, die Gender Studies, die Religionspädagogik und die Islamwissenschaft. Dabei beziehen sie sich auf zahlreiche Theorien, die Gründe für die Entwicklung von Vorurteilen auf einer individuellen, einer gruppenbezogenen und/oder einer kontextuellen Ebene verorten. Eine universelle und umfassende Theorie zu den Ursachen von Vorurteilen gibt es jedoch nicht, ebenso wenig einen allgemein anwendbaren Ansatz, der die verschiedenen Theorien systematisch zueinander in Beziehung setzen würde (Zick, Küpper und Heitmeyer 2012, 306–307). Aufgrund der hohen Anzahl an Erklärungsansätzen ist es daher erforderlich, sich auf einige Annahmen zu konzentrieren.
Zur Erklärung der Entstehung von Muslimfeindlichkeit sind insbesondere zwei sozialpsychologische Theorien von zentraler Bedeutung: die Social Identity Theory (Tajfel 1982; Tajfel und Turner 1986) und die Integrated Threat Theory (Stephan, Diaz-Loving und Duran 2000; Stephan und Renfro 2016; Stephan und Stephan 1996). Gemäß der Social Identity Theory entstehen Vorurteile infolge von Identifikationsprozessen mit sozialen Gruppen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe (In-Group), die in Abgrenzung zu anderen Gruppen (Out-Groups) definiert wird, bestimmt demnach maßgeblich das Verhalten von Individuen. Die Abwertung einer Out-Group geht mit einer Aufwertung der Eigengruppe und somit mit einer Steigerung des Selbstwerts einher. Damit erfüllt sie ein zentrales Bedürfnis der Mitglieder der In-Group. Durch die Zuschreibung negativer gruppenbezogener Eigenschaften gegenüber der Out-Group können sich in der Folge Ängste und Bedrohungswahrnehmungen herausbilden.
Die Integrated Threat Theory wiederum sieht in Bedrohungswahrnehmungen den Ausgangspunkt für die Ausbildung von Vorurteilen. Hierbei kann es sich um realistische oder um symbolische Bedrohungen handeln. In Bezug auf Muslimfeindlichkeit könnte z.B. ein (vereitelter) islamistischer Anschlag eine realistische Bedrohung darstellen, während ein wahrgenommener Wertekonflikt wie eine befürchtete „Islamisierung des Abendlandes“ als eine symbolische Bedrohung einzuordnen ist. Zusammengenommen erklären diese beiden Theorien, dass einerseits Vorurteile, die infolge von Gruppenidentifikationsprozessen entstehen, Ängste und Bedrohungswahrnehmungen nach sich ziehen können, andererseits aber auch Bedrohungswahrnehmungen zur Bildung von Vorurteilen führen können. Pickel und Yendell (2016, 294) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Verzahnung von Images und Bedrohungswahrnehmungen“ und sehen in dieser Verbindung von gruppenbezogenen Vorurteilen und Bedrohungsgefühlen einen „sozialpsychologischen Mechanismus wechselseitiger Verstärkung“.
Wie mobilisiert die Extreme Rechte?
Extrem rechte Akteur:innen machen sich sowohl die Verbreitung muslimfeindlicher Einstellungen als auch die soeben beschriebenen sozialpsychologischen Mechanismen zunutze: Sie schreiben Muslim:innen negative gruppenbezogene Eigenschaften zu, um die eigene Gruppe aufzuwerten, und greifen in der Bevölkerung möglicherweise bereits vorhandene Bedrohungswahrnehmungen gegenüber dem Islam und Muslim:innen auf, um diese gezielt zu verstärken. Dabei stellen sie den Islam als grundsätzliches Sicherheitsrisiko dar, das sich etwa in islamistischen Anschlägen oder auch in der Bedrohung von weißen Frauen äußere. Sie differenzieren bewusst nicht zwischen dem Externer Link: geringen Anteil islamismusaffiner und fundamentalistischer Muslim:innen und der überwiegenden Mehrheit, die mit Islamismus verbundene frauen-, queer- oder demokratiefeindliche Einstellungen nicht teilen. Sie instrumentalisieren Muslimfeindlichkeit als Brückenideologie, um damit gezielt auch Personen anzusprechen, die sich politisch eher im bürgerlichen Spektrum oder in der „Mitte der Gesellschaft“ verorten würden bzw. einer christlich-konservativen Gruppe zugehörig fühlen.
Darüber hinaus propagieren viele extrem rechte Akteur:innen zur Mobilisierung Verschwörungstheorien wie diejenige des „Great Replacement“ (Kutscher 2023) – im Deutschen „Großer (Bevölkerungs-)Austausch“ oder „Umvolkung“ genannt. Dahinter steht die rassistische Vorstellung, dass westliche Eliten planen, eine imaginierte weiße, homogene und als „deutsch“ verstandene Bevölkerung nach und nach durch (als gefügiger und leichter ausbeutbar angesehene) muslimische Migrant:innen zu ersetzen (Havertz 2021, 104). Dies geschieht zum einen durch (angeblich von den „Eliten“ gesteuerte) Einwanderungsbewegungen aus mehrheitlich muslimischen Ländern, zum anderen durch die Wahrnehmung, dass muslimische Migrantinnen im Durchschnitt mehr Kinder zur Welt bringen (die Geburtenrate muslimischer Frauen war älteren Studien zufolge tatsächlich höher als die nicht-muslimischer Frauen, aber nicht so hoch, wie die Erzählung vom „Großen Austausch“ glauben machen will). Die „Eliten“ werden dabei oft als jüdisch imaginiert. Zudem wird der Feminismus als Ursache dafür angesehen, dass weiße europäische bzw. westliche Frauen weniger Kinder bekommen (möchten). Insofern verbindet der Mythos des Großen Austauschs mit Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antifeminismus unterschiedliche Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Welche Folgen hat Muslimfeindlichkeit?
Muslimfeindliche Ressentiments haben für Betroffene weitreichende Folgen, die von Diskriminierungen, Bedrohungen und Anfeindungen bis hin zu Gewalterfahrungen in Form von Hasskriminalität reichen können. Des Weiteren kam der Externer Link: Projektverbund „Radikaler Islam vs. radikaler Anti-Islam“ (RIRA) zu dem Ergebnis, dass Menschen, denen die Zugehörigkeit zur Eigengruppe der Muslim:innen besonders wichtig ist, sich wahrscheinlicher religiös-fundamentalistischen Auslegungen des Islam zuwenden, antisemitische und systemfeindliche Einstellungen entwickeln und sich letztlich radikalisieren (Öztürk und Pickel 2024; Pickel 2025). Dies wiederum kann Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft anheizen – eine Abwertungs- und Radikalisierungsspirale setzt sich in Gang.