Artikel im

Frauen in der extremen Rechten | Rechtsextremismus | bpb.de

Frauen in der extremen Rechten

Cynthia Möller

/ 10 Minuten zu lesen

Frauen spielen eine zentrale Rolle in der extremen Rechten – online wie offline. Der Beitrag beleuchtet ihre Strategien und ihre Bedeutung für die Verbreitung extrem rechter Ideologien.

Die Rolle der Frauen im Rechtsextremismus hat sich diversifiziert – heute treten sie teils kämpferisch auf. (© picture-alliance, Jochen Tack)

Frauen im Rechtsextremismus werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen oder als Randphänomen eingeordnet (vgl. Lower 2013; Bitzan 2016; Lehnert & Radvan 2016; Lang 2020). Tatsächlich sind sie jedoch seit über hundert Jahren fester Bestandteil extrem rechter Bewegungen im deutschsprachigen Raum – von völkischen Frauenbünden über den Nationalsozialismus bis hin zu heutigen digitalen Netzwerken und politischen Organisationen (vgl. Dubslaff 2022; Rösch 2023).

Dennoch hält sich das Bild der politisch passiven, friedfertigen Frau, das die aktive Beteiligung von Frauen an extrem rechten Ideologien und Strukturen verdeckt. Diese Wahrnehmung ist nicht zufällig, sondern Teil einer strategischen Selbstinszenierung, die gezielt an gesellschaftliche Geschlechterbilder anknüpft. Frauen übernehmen innerhalb extrem rechter Zusammenhänge dabei vielfältige Funktionen: Sie agieren als Aktivistinnen, Organisatorinnen, Ideologinnen, Influencerinnen oder parlamentarische Akteurinnen und sind sowohl in parteipolitischen als auch in subkulturellen, intellektuellen und digitalen Kontexten präsent. Spätestens seit den 1990er-Jahren haben sich die Rollenbilder innerhalb der extremen Rechten zunehmend ausdifferenziert, wodurch Frauen sichtbarer als eigenständige politische Akteurinnen auftreten.

In aktuellen Debatten wird deutlich, dass Frauen innerhalb der extremen Rechten eine zentrale Rolle bei der Verbreitung und Normalisierung entsprechender Ideologien spielen (Dik 2026; Alin 2026). Sie fungieren dabei nicht ausschließlich als Vermittlerinnen zwischen offen extrem rechten Positionen und breiteren gesellschaftlichen Milieus, sondern verfolgen eigenständig politische und ideologische Ziele. Gleichzeitig nutzen sie Themen wie Frauen- und Kinderschutz, Familie oder kulturelle Identität strategisch, um extrem rechte Inhalte gesellschaftlich anschlussfähig zu machen und neue Zielgruppen zu erreichen.

Alle rechtsextrem?

Viele heutige Akteurinnen bewegen sich aktuell im Spektrum der sogenannten Interner Link: „Neuen Rechten“ oder allgemeiner der „extremen Rechten“. Frauen sind dort nicht nur unterstützend tätig, sondern vielfach als eigenständige politische Akteurinnen präsent. In diesem Zusammenhang vermehren sich seit den 2010er-Jahren auch spezifische extrem rechte Frauennetzwerke und Kampagnen, die sich gezielt an weibliche Zielgruppen richten und Themen wie Familie, Mutterschaft, Sicherheit oder Geschlechterpolitik politisieren.

Für das Verständnis der Rolle von Frauen ist entscheidend, dass Geschlecht in diesen Ideologien kein Randaspekt, sondern ein zentrales Ordnungsprinzip darstellt (Goetz 2015, 4). Gesellschaft wird entlang „natürlich“ verstandener Geschlechterrollen organisiert, die eng mit Vorstellungen von Nation, Familie und Reproduktion verknüpft sind. Frauen kommt dabei insbesondere die Aufgabe zu, die nationale Gemeinschaft biologisch und kulturell zu erhalten – etwa durch Mutterschaft, Kindererziehung und die Weitergabe kultureller Werte und Identitätsvorstellungen (Freund-Möller 2023, 51–52).

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das ambivalente Verhältnis zum Feminismus. Einerseits wird er als Teil einer liberalen oder „woken“ Moderne abgelehnt, andererseits werden einzelne feministische Argumentationsmuster selektiv übernommen und umgedeutet. In der Forschung wurden hierfür Begriffe wie „rechter Feminismus“, „Feminismus von rechts“ oder „Femonationalismus“ diskutiert (vgl. Dik 2026; Goetz 2016; Farris 2021). Besonders der Begriff „Femonationalismus“ beschreibt die strategische Aneignung feministischer Narrative zur Legitimation nationalistischer und ausgrenzender Politik. Im Zentrum steht dabei häufig die Konstruktion eines „kulturfremden“ und misogynen Anderen – insbesondere des muslimischen Mannes –, der als Bedrohung für Frauenrechte dargestellt wird (Farris 2021, 108; Bulla 2021, 4–5). Der Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt sowie die Betonung vermeintlich „westlicher“ Werte wie Gleichberechtigung oder sexueller Selbstbestimmung werden dabei genutzt, um kulturelle Überlegenheit zu behaupten und antimuslimische Ressentiments zu legitimieren (Köppel und Lang 2026).

Diese Verbindung von Geschlecht, Nation und Exklusion bildet die Grundlage für die im Folgenden analysierten Strategien.

Rollen und Funktionen von Frauen im Rechtsextremismus

Historische Kontinuitäten

Frauen sind seit jeher Bestandteil extrem rechter Bewegungen, auch wenn ihre Beteiligung lange marginalisiert oder unsichtbar gemacht wurde. Von völkischen Frauenorganisationen wie dem Bund Königin Luise über die Artamanenbewegung, den Interner Link: Bund Deutscher Mädel und die NS-Frauenschaft (NSF) bis hin zu Frauen in der Interner Link: „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) und den sogenannten Baseballschlägerjahren der 1990er-Jahre lässt sich eine kontinuierliche Präsenz nachzeichnen, die zugleich mit einer zunehmenden Diversifizierung ihrer Rollen einherging (Goetz 2015; Förster 2018; Dubslaff 2022). Diese Kontinuität steht im Kontrast zu ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung: Frauen erscheinen häufig als unpolitisch oder als passive Begleiterinnen männlicher Akteure. Tatsächlich umfassten ihre Rollen jedoch ein breites Spektrum – von organisatorischer Arbeit, Propaganda und Bildungsarbeit über Netzwerkarbeit bis hin zu eigenständiger politischer Mobilisierung in unterschiedlichen Kontexten (Glaser et al. 2024, 36). Diese Sichtweise ist eng mit traditionellen Geschlechterbildern verknüpft, die politisches Handeln primär Männern zuschreiben. Frauen agieren dabei nicht weniger politisch, sondern häufig anders – subtiler, strategischer und stärker auf soziale Räume und Beziehungsarbeit ausgerichtet (Dubslaff 2022, 32).

Nach dem Interner Link: Zweiten Weltkrieg wurde die Rolle von Frauen im Nationalsozialismus systematisch entpolitisiert. Sie galten häufig als Opfer des Systems – eine Deutung, die sowohl gesellschaftlicher Selbstentlastung als auch zeitgenössischen Geschlechterbildern entsprach. Die Vorstellung, Frauen könnten überzeugte Nationalsozialistinnen gewesen sein, widersprach dem dominanten Bild der friedfertigen Frau (Freund-Möller 2023; Treber 2015). Selbst in Fällen nachgewiesener Täterschaft – etwa bei den Interner Link: Bergen-Belsen-Prozessen um die KZ-Aufseherin Irma Grese oder im Buchenwald-Hauptprozess gegen die Ehefrau des Lagerkommandanten Ilse Koch – wurden Frauen zunächst als Ausnahmeerscheinungen dargestellt. Ihre Taten wurden individualisiert und mit Zuschreibungen wie „Bestien“, „Furien“ oder „Monster“ versehen, die sie zugleich entmenschlichten und aus der gesellschaftlichen Normalität herauslösten (vgl. Lower 2013; Erpel 2009, 339–340). Während des Interner Link: Majdanek-Prozesses wiederholte sich dieses Muster: Die Aufmerksamkeit richtete sich auf die vermeintliche Abweichung weiblicher Gewalt, während männliche Täter eher als Teil eines Systems wahrgenommen wurden (Speit 2024, 167–169). Auch die Rezeption der Interner Link: Filmemacherin Leni Riefenstahl (1902–2003) zeigt diese Ambivalenz. Ihre Durchsetzungsfähigkeit wurde teilweise anerkannt, während ihre Nähe zum Nationalsozialismus lange relativiert wurde; neuere Forschungen betonen hingegen deutlicher ihre ideologische Einbindung (Speit 2024, 148; Paysen-Petersen 2026). Diese geschlechtsspezifischen Deutungsmuster setzen sich bis in die Gegenwart fort: So wurde Interner Link: Beate Zschäpe im NSU-Komplex lange entweder als passiver Anhang von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dargestellt oder als „abweichend“ markiert, etwa durch die Zuschreibung fehlender weiblicher Attribute. Inzwischen wird sie in der Öffentlichkeit jedoch stärker als gleichwertige Täterin innerhalb des terroristischen Gefüges des NSU verstanden (Ramelsberger 2016). Insgesamt zeigt sich, dass die politische Rolle von Frauen im Rechtsextremismus historisch systematisch unterschätzt, verzerrt oder individualisiert wurde. Diese Formen der Unsichtbarmachung bilden eine zentrale Voraussetzung für die gegenwärtigen Strategien extrem rechter Akteurinnen.

Strategie: Selbstverharmlosung und doppelte Unsichtbarkeit

Die gegenwärtige Rolle von Frauen im Rechtsextremismus lässt sich insbesondere über zwei miteinander verbundene Konzepte erklären: die Strategie der Selbstverharmlosung sowie die sogenannte „doppelte Unsichtbarkeit“. Die von Interner Link: Götz Kubitschek formulierte Strategie der Selbstverharmlosung zielt darauf ab, extrem rechte Inhalte in abgeschwächter und kulturell anschlussfähiger Form zu präsentieren, die sich häufig auch auf die Rhetorik von Meinungsfreiheit und gesellschaftlicher Debattenoffenheit stützt (Kubitschek 2017, 27–28). In Kombination mit der von Lehnert und Radvan (2012, 43) beschriebenen „doppelten Unsichtbarkeit“ – also der gleichzeitigen Wahrnehmung von Frauen als politisch unauffällig und als vermeintlich ungefährliche Akteurinnen – entsteht eine spezifische Form politischer Wirksamkeit. Während Selbstverharmlosung auf die strategische Kommunikation extremistischer Inhalte zielt, beschreibt doppelte Unsichtbarkeit deren gesellschaftliche Wahrnehmungseffekte. Beide greifen ineinander, indem sie es ermöglichen, dass extrem rechte Positionen über weibliche Akteurinnen weniger als radikal erkannt und entsprechend leichter in öffentliche Diskurse eingespeist werden.

Extrem rechte Akteurinnen nutzen diese Wahrnehmung gezielt, um ihre Positionen zu verschleiern und ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit zu erhöhen. Ein Beispiel hierfür sind Social-Media-Inszenierungen, in denen Frauen scheinbar unpolitische Alltagsinhalte – etwa Familienleben, Lifestyle oder Kindererziehung – mit subtilen nationalistischen oder rassistischen Botschaften verbinden und so eine hohe Reichweite in digitalen Öffentlichkeiten erzielen (vgl. Demirci und Reitzer 2025). Die damit verbundene „Unsichtbarkeit“ bedeutet jedoch keine Abwesenheit von Radikalität. Vielmehr verschiebt sich deren Ausdrucksform: An die Stelle offener physischer Gewalt tritt verstärkt ideologische Radikalität in Form demokratiefeindlicher und menschenverachtender Einstellungen (Köppel und Lang 2026).

Ein zentrales Element dieser Strategien ist die Umdeutung liberaler und emanzipatorischer Begriffe. Narrative des Frauen- und Kinderschutzes werden aufgegriffen und in nationalistische sowie exkludierende Argumentationen überführt. Frauen übernehmen dabei eine strategisch bedeutsame Rolle, indem sie diese Inhalte in alltagsnahe Rollenbilder einbetten und als vermeintlich „unpolitische“ Positionen normalisieren. Zugleich zeigen sich innerhalb des Spektrums auch deutlich abweichende Selbstbilder: Neben der Inszenierung als „Mütter“ oder „besorgte Bürgerinnen“ treten ebenso Selbstentwürfe als aktive „Kämpferinnen“, Organisatorinnen von Demonstrationen oder eigenständige politische Akteurinnen auf, die sich bewusst von klassischen Geschlechterstereotypen lösen und eigene Handlungsmacht betonen. Antifeministische Positionen erscheinen so in unterschiedlichen Kontexten als vermeintlich „eigentlich feministisch“ (Lehnert & Radvan 2012, 43), insbesondere dann, wenn Gleichberechtigung selektiv auf kulturelle Abgrenzung reduziert wird und so Anschlussfähigkeit über ideologische Grenzen hinweg gewinnt.

Besonders sichtbar wurde die Mobilisierung geschlechterbezogener Deutungen im Anschluss an die Interner Link: Kölner Silvesterereignisse 2015/2016, die europaweit als Bezugspunkt für entsprechende Diskurse dienten (Farris 2021, 111–112). Dabei handelt es sich jedoch weniger um ein spezifisches Handlungsfeld rechtsextremer Frauen als vielmehr um ein zentrales Mobilisierungsthema der extremen Rechten insgesamt, das von weiblichen Akteurinnen in unterschiedlichen Rollen aufgegriffen und kommunikativ verstärkt wird. Der Schutz von Frauen wird dabei nicht als Teil einer strukturellen Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Gewalt verstanden, sondern zur Legitimation migrationsfeindlicher Politiken genutzt. Die Aneignung dieser Narrative geht häufig mit einer Externalisierung von Gewaltursachen einher, bei der sexualisierte Gewalt primär außerhalb der eigenen sozialen Ordnung verortet wird, während ihre strukturelle und gesellschaftliche Verbreitung ausgeblendet bleibt.

Schutz- und Beschützerinnennarrative

Im Folgenden wird der Fokus auf die konkreten Inhalte und Erscheinungsformen entlang des Aktivismus rechtsextremer Frauengruppen gelegt – insbesondere auf die Art und Weise, wie sie ihre politischen Botschaften in digitalen und analogen Räumen vermitteln.

„120 Dezibel“

In den vergangenen Jahren ist eine zunehmende Sichtbarkeit von Frauen in extrem rechten Bewegungen zu beobachten, insbesondere in aktivistischen Kontexten. Ein zentrales Beispiel ist die Interner Link: Identitäre Bewegung, in deren Umfeld Frauen gezielt als eigenständige Akteurinnen auftreten (Kinskofer 2023, 96). Aus diesem Kontext heraus entstand 2018 die Frauengruppe „120 Dezibel“. Der Name verweist auf die Lautstärke eines Taschenalarms und greift symbolisch das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum auf (Lauer 2018). Die Initiative knüpfte an die Interner Link: #MeToo-Bewegung an, verschob jedoch deren Fokus: Sexualisierte Gewalt wurde nicht als strukturelles Problem verstanden, sondern ethnisiert und rassifiziert. Sie erschien als rein „importiertes“ Phänomen, das von muslimisch gelesenen Männern ausgehe und sich gegen weiße deutsche Frauen richte (Spicker 2021, 31–32). In diesem Zusammenhang wird auch auf rechtsextreme Verschwörungserzählungen des Interner Link: „Großen Austauschs“ Bezug genommen, der eine angebliche „Ersetzung“ der weißen, christlichen Bevölkerung in Europa behauptet (Kinskofer 2023, 74).

„Lukreta“

Mit „Lukreta“ gründete sich 2019 eine weitere Frauengruppe mit personellen Überschneidungen zur Identitären Bewegung (Hansen 2022). Sie inszeniert sich als Frauenrechtsbewegung, grenzt sich jedoch explizit vom modernen Feminismus ab (Haas 2023). Im Zentrum steht ein ethnisch und kulturell exklusives Verständnis von Frauenrechten, das sich auf weiße, christlich geprägte europäische Frauen beschränkt (Lukreta 2026). Als zentraler Bezugspunkt fungiert auch hier die Kölner Silvesternacht 2015/2016 (Dietze 2016; Weiß et al. 2021; Werthschulte 2019). Sie wird als Ausgangspunkt einer Ethnisierung von Gewalt gegen Frauen interpretiert und dient bis heute als wiederkehrendes Mobilisierungsnarrativ. Sexualisierte Gewalt wird ausschließlich migrantischen Gruppen zugeschrieben.

„Collectif Némésis” und „Women’s Safety Initiative“

Diese Deutung wirkt transnational: So verweist etwa Alice Cordier, Gründerin des neurechten französischen Frauenkollektivs „Collectif Némésis“ (CN), auf die „Vergewaltigungen von Köln“ als prägend für ihren politischen Werdegang (Royer 2024) und greift dies im Manifest des CN auf (Collectif Némésis 2026). Die „Women’s Safety Initiative“ in Großbritannien spielt ebenfalls auf die Nacht in Köln an und nutzt die Verbindung zu Lukreta und dem CN, um sexualisierte Gewalt und Gewalt gegen Frauen als ausschließlich „importiert“ darzustellen (Women’s Safety Initiative 2026). Die daraus abgeleitete Forderung nach „Remigration“ wird sowohl offline als auch online verbreitet, häufig in Form niedrigschwelliger Inhalte wie Memes (Möbius und Nestler 2025, 238–239). Auf diese Weise verbreiten sich rassistische Narrative über nationale Grenzen hinweg.

Transnationale Vernetzung

Zwischen den Frauengruppen bestehen enge personelle und organisatorische Verbindungen in internationalen Netzwerken. So unterstützt etwa Jess Gill (Women’s Safety Initiative) die im rechtspopulistischen Spektrum verortete britische Partei „Reform UK“ (Gill 2024). Alice Cordier (CN) ist wiederum mit dem Institut de Formation Politique vernetzt, einer französischen politischen Nachwuchs- und Schulungsorganisation. Diese Organisation unterhält Verbindungen zur extremen Rechten, etwa indem sie gezielt rechte und rechtsextreme politische Aktivisten ausbildet. Im deutschsprachigen Raum zeigt sich diese Verschränkung exemplarisch an Lukreta. Die Gründerin Reinhild Boßdorf verweist auf eine familiäre Verankerung „in dritter Generation rechts“ (Boßdorf 2024) und ist eng mit parteipolitischen Strukturen der „Alternative für Deutschland“ (AfD) verbunden (Jungbluth 2026). Auch Julia Gehrckens, die in der neu gegründeten Jugendorganisation der AfD als Vorständin fungiert, verbindet digitale Selbstdarstellung mit politischer Mobilisierung, etwa durch die Kombination von ästhetisierten Alltagsbildern und Forderungen nach „Remigration“ (Gehrckens 2025; Generation Deutschland 2026).

Als zentrales Forum dieser Vernetzung gilt der „Internationale Frauenkongress“, in dem parteipolitische Akteurinnen sowie Vertreterinnen des extrem rechten Spektrums zusammengeführt werden. Organisiert wird dieser Frauenkongress durch die Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“ (ESN), ein Zusammenschluss rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien im EU-Parlament. Trotz politischer Umbrüche und personeller Wechsel bestehen diese Formate fort und verweisen auf die Stabilität transnationaler Netzwerke (Schmidt 2024). Durch gemeinsame Auftritte und Kampagnen werden Narrative, Strategien und Selbstbilder europaweit verbreitet (vgl. Cofflet 2025; Lukreta & WSI 2025; WSI & Lukreta 2025). Der zuletzt dokumentierte Frauenkongress vom 22. März 2026 wurde von Irmhild Boßdorf (AfD) und ESN-nahen Strukturen organisiert. Ziel dieser Vernetzungen ist die Stärkung einer ethnisch definierten europäischen Gemeinschaft, in der Familie und Reproduktion als zentrale Ordnungselemente einer homogenen (völkisch verstandenen) Gesellschaft gelten (Wildt 2017, 70-72, 112 und 120-122; Kessler 2026).

Geschlechterrollen im Internet

Neben diesen expliziten Schutznarrativen gewinnen ästhetisierte Darstellungsformen an Bedeutung, die traditionelle Geschlechterrollen popularisieren. Besonders sichtbar wird dies in Trends wie „Tradwives“ oder „Stay-at-home girlfriends“, aber auch dem Gegenentwurf der „Ostmullen“, um ein möglichst vielfältiges Feld an Frauen im Internet anzusprechen (vgl. Rösch 2023; Rösch 2025; Leidig 2023).

Tradwives

Diese Darstellungen vermitteln ein idealisiertes Bild weiblicher Häuslichkeit und Fürsorge als Gegenentwurf zu emanzipatorischen Lebensrealitäten. Gleichzeitig handelt es sich um eine kuratierte Scheinwelt: Viele Influencerinnen agieren selbst als Unternehmerinnen und monetarisieren ihre Inhalte (Rösch 2023, 28). Die propagierten Rollenbilder sind damit häufig an spezifische ökonomische und mediale Voraussetzungen gebunden. Eine Differenzierung ist hier zentral: Traditionelle Lebensentwürfe sind nicht per se extrem rechts. Die Möglichkeit, sich frei für ein bestimmtes Lebensmodell zu entscheiden, ist eine zentrale feministische Errungenschaft (Rösch 2025, 60). Problematisch wird es jedoch dort, wo diese Modelle normativ überhöht und mit Ungleichwertigkeitsvorstellungen verknüpft werden – etwa wenn hierarchische Geschlechterordnungen als „natürlich“ dargestellt werden und männliche Autorität gegenüber weiblicher Unterordnung als gesellschaftlich wünschenswert erscheint. Völkische Bezüge zeigen sich dabei vor allem in der Vorstellung einer ethnisch und kulturell homogenen „Volksgemeinschaft“, deren Erhalt an traditionelle Familienmodelle, Reproduktion und Weiblichkeitsnormen gekoppelt wird (Leidig 2023, 96–98, 100; Freund-Möller 2023, 52).

Ostmullen

Eine deutlich politisiertere und stärker digital geprägte Form zeigt sich im sogenannten „Ostmullen“-Trend, der 2025 verstärkt Aufmerksamkeit erhielt. Dabei handelt es sich zunächst um eine Online-Ästhetik, in deren Rahmen junge ostdeutsche Frauen in sozialen Medien ostdeutsche Identität, ostalgische Bezüge und regionale Selbstinszenierungen miteinander verbinden. Sie treten dabei häufig jünger und selbstbewusster auf als etwa Tradwives. Diese Form der Selbstrepräsentation ist für sich genommen nicht als rechtsextrem einzuordnen. An dieser Stelle sei nochmals betont, dass ostdeutsche Identitäten vielfältig und heterogen sind. Weder das Vorhandensein noch das Fehlen rechtsextremer Einstellungen eignet sich als definierendes Merkmal ostdeutscher Identität (Vogel und Leser 2020, 195). Eine rechtsextreme Einordnung ist vielmehr dort angezeigt, wo ostdeutsche Identität mit ethnonationalistischen oder völkischen Zugehörigkeitsvorstellungen, antipluralistischen beziehungsweise demokratiefeindlichen Narrativen verknüpft wird oder entsprechende Codes, Symboliken und Akteursbezüge erkennbar werden (Vogel und Leser 2020, 172). Die aktive Orchestrierung und Verstärkung solcher Inhalte erfolgt häufig durch männliche rechtsextreme Influencer und Netzwerke, die entsprechende Ästhetiken aufgreifen, ideologisch aufladen und strategisch verbreiten (Fuchs und Duarte 2025; Sellner 2025). Charakteristisch sind codierte Kommunikationsformen wie „Leetspeak“ sowie die Nutzung rechter Symbole und Anspielungen zur Umgehung von Plattformregeln (Holly 2025; Böttcher und Chen 2025).

Rechtsextreme Inhalte werden dabei häufig ironisiert, memetisch verarbeitet oder verschlüsselt vermittelt. Digitale Inhalte werden zudem in den analogen Raum übertragen, etwa durch KI-generierte Bilder, die als Sticker oder Aufkleber im öffentlichen Raum zirkulieren und so digitale Codes in physische Sichtbarkeit übersetzen (vgl. Deutschlandfunk 2024). Dabei lässt sich weniger eine einheitliche Szene als vielmehr ein hybrides digitales Milieu beobachten, in dem unterschiedliche Akteursgruppen – von Einzelpersonen bis hin zu organisierten Strukturen der Neuen Rechten – Inhalte aufgreifen, verstärken und weiterverbreiten (Kaiser 2025; Kositza 2025). Dadurch entstehen neue, jugendkulturell anschlussfähige Formen der Verbreitung extrem rechter Inhalte.

Mobilisierungspotenziale und Ausblick

Die Mobilisierung durch extrem rechte Frauen erfolgt vor allem über Themen mit hoher gesellschaftlicher Sensibilität. Dazu zählen insbesondere der Schutz von Frauen und Kindern, Fragen von Migration sowie Debatten um Geschlecht und Sexualität. Die Mobilisierung erfolgt weniger über offene Ideologie als über emotional aufgeladene Narrative. Angst, Empörung und moralische Entrüstung spielen dabei eine zentrale Rolle. Feministische Anliegen wie Gleichberechtigung oder Schutz vor Gewalt werden aufgegriffen, jedoch in exkludierende, biologistische und nationalistische Argumentationen überführt. Zugleich zeichnen sich diese Strategien durch eine hohe Anschlussfähigkeit an Alltagsdiskurse aus. Politische Inhalte werden in scheinbar unpolitische Kontexte eingebettet und über persönliche Erfahrungen, Familienbilder oder die Sorge um Kinder vermittelt. So gelingt es extrem rechten Akteurinnen, ihre Positionen über ideologische Grenzen hinweg zu verbreiten und neue Zielgruppen zu erreichen. Ihre Ansprache erreicht auch Milieus außerhalb klassisch rechtsextremer Kontexte und leistet einen wichtigen Beitrag zur Normalisierung entsprechender Positionen. Die Wirkung wird dabei durch geschlechtsspezifische Zuschreibungen verstärkt: Frauen gelten als moderat und unpolitisch, wodurch ihre Botschaften weniger kritisch hinterfragt werden. Frauen sind damit kein Randphänomen, sondern ein integraler Bestandteil extrem rechter Bewegungen.

Weitere Inhalte